Luxemburger Kirchengeschichte

Eine vernachläßigte Gattung

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1989-90 war und ist für Luxemburg bekanntlich ein Jahr der historischen Jubiläen. 150 Jahre staatliche Selbständigkeit, 25 Jahre Thronbesteigung von Großherzog Jean, 70 Jahre allgemeines Wahlrecht, 175 Jahre staatliche Existenz, 100 Jahre Dynastie. Die Politiker haben im Wahljahr keine Gelegenheit verpaßt zu feiern, lokal und national, ausländische Gäste zu empfangen, bei Staatsbanketts zu schmausen, sich in der Presse ablichten zu lassen, usw. Über den Sinn dieses Feierns haben sich eigentlich nur zwei Personen geäußert: der zum Regierungshistoriker avancierte Gilbert Trausch, dessen Rede beim Festakt am 19. April 1989 ohne Zweifel Maßstäbe setzte und dann auch von den Politikern eifrig nachgeplappert wurde, und der Erzbischof von Luxemburg, Mgr. Jean Hengen, dessen Hirtenbrief gar nicht dasselbe Echo gefunden hat.

Gilbert Trausch sah den Sinn der Unabhängigkeitsfeiern in der Affirmation der nationalen Identität. Ein Volk brauche die Erinnerung an historische Daten, um sich seiner Geschichte und damit seiner selbst bewußt zu werden oder zu bleiben. Die Gefahr einer

nationalistischen Ausschlachtung dieses Gedankens war natürlich groß. Gilbert Trausch hatte insofern vorgebaut, als er auch den Beitrag der fremden Einflüsse und der sukzessiven Einwandererwellen zur Bildung der nationalen Identität betonte. Und das Volk scheint sich auch mit der Vergewisserung der eigenen Identität in Form einer großen historischen Ausstellung zufrieden gegeben zu haben, so als habe dieses Eintauchen in die Geschichte ihm den nötigen Rückhalt gegeben, selbstbewußt aber ohne nationalistische Überheblichkeit den hunderttausend Ausländern in seiner Mitte zu begegnen. Die rechten Gruppierungen gingen bei den Wahlen kläglich unter.

Die Begegnung mit den ausländischen Mitmenschen war aber auch eine der Herausforderungen, die der Erzbischof in seinem Hirtenbrief als Aufgabe der Zukunft darstellte. "Der Vergangenheit treu – der Zukunft verpflichtet" lautete der Titel seines Wortes zum 150. Gedenkjahr der Luxemburger Unabhängigkeit. Ein Wort Papst Johannes XXIII. aufgreifend nannte er die Geschichte "die große Lehrmeisterin

Von der äußeren Gestaltung her ist diese Kirchengeschichte Luxemburgs als durchaus gelungen zu bezeichnen.

Irgendwie
wird man den
Eindruck
nicht los, daß
die jeweils
heikleren
Aspekte des
Kirchenle-
bens durch
die Wahl der
Darstellungsperspektive
ausgeklammert wurden.

des Lebens"; die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei steril, wenn sie nicht zur Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft fruchtbar gemacht werde.

Dieser Hirtenbrief war nicht selbstverständlich. Als Frankreich sich 1989 anschickte den 200. Jahrestag der Revolution zu feiern, der – im Gegensatz zum Londoner Vertrag von 1839 in Luxemburg – tatsächlich populär geblieben ist, verweigerte die französische Bischofskonferenz ihre Teilnahme. Die Einschaltung der Luxemburger Kirche in staatliche Jubeljahre ist an sich aber typisch für ihre eigene Geschichte: Im 19. Jahrhundert im Gegensatz zum Staat entstanden, aber schon damals fest in der werdenden Nation verwurzelt, entwickelte sie sich zu einer staatstragenden Institution ersten Ranges. Ihre diesbezügliche Rolle hatte der Historiker Gilbert Trausch in seiner zitierten Festrede komischerweise vergessen.

Der Hirtenbrief war aber auch deswegen bemerkenswert, weil er sich mit der Geschichte des Staates und den Herausforderungen der Luxemburger Gesellschaft auseinandersetzte, und den Beitrag der Kirche bei deren Lösung betonte, nicht aber die historischen Jubiläen der Kirche hervorstrich, die ebenfalls im Jahr 1989-90 anstanden und leicht zu einer kirchenzentrierten Nabelschau hätten verleiten können: 1250. Todestag des heiligen Willibrord, 150 Jahre kirchenrechtliche Eigenständigkeit, 120 Jahre Bistum Luxemburg.

Die Religions- und Kirchengeschichte Luxemburgs wird indessen in einem doppelbändigen Werk dargestellt, das, mit Ausnahme eines Kapitels, von Seminarpräses Michel Schmitt verfaßt wurde:

Michel SCHMITT, Christenum und Kirche in Luxemburg, Bd. 1: Christliches Land seit 15 Jahrhunderten, Bd. 2: Kirche im Werden und Wachsen eines Volkes, Editions du Signe, Lingolsheim (Straßburg), 1989/90.

Wer auf zweimal knapp 50 Seiten die 1500jährige Geschichte einer Landeskirche darstellen soll, muß Optionen treffen. Vollständigkeit kann nicht angestrebt werden und es wäre unfair von Seiten des Kritikers dem Autor deswegen Vorwürfe zu machen. Doch die Optionen unterliegen der Kritik.

Michel Schmitt entschied sich im ersten Band für eine kulturgeschichtliche Darstellung des Christentums in unserer Gegend. Die erste (römisch-städtische) und zweite (willibrordanische) Christianisierung sowie vor allem der christliche Lebensvollzug in den Klöstern und in Form von Wallfahrten und Heiligenverehrung stehen im Mittelpunkt des Interesses. Dargestellt wird also eher die Religion in ihren Ausdrucksformen und in ihrer lebensweltlichen Bedeutung für die Menschen als die konkrete Entwicklung der kirchlichen Organisation auf Luxemburger Gebiet. Diese Option entspricht durchaus modernen Tendenzen der historischen Forschung, unterschlägt aber leider wesentliche Aspekte der Kirchengeschichte, so insbesondere die Kirche als Machtapparat im Mittelalter. In der Person eines Erzbischofs

Balduin von Trier hätte aber auch Luxemburg ein durchaus aussagekräftiges Beispiel für diese aus heutiger Sicht vielleicht weniger positive Rolle der Kirche im Mittelalter abgegeben. Und trotz der breiten Darstellung des Klosterlebens fehlt auch eine Analyse der Kirche als wirtschaftlicher Faktor.

Im zweiten Band wechselt nun überraschenderweise die Perspektive. Nach 1789 steht die politisch-kirchliche Ereignisgeschichte im Vordergrund: Acht Seiten sind allein den Leiden der Kirche in der Zeit der französischen Revolution und Napoleons reserviert, ohne daß die Ursachen des Antiklerikalismus sachgemäß erläutert würden. Es folgt der Aufbau einer eigenständigen Nationalkirche (aus der Feder von Georges Hellinghausen) und ein Ausblick auf die heutige Rolle der Kirche, der sich auch vornehmlich mit ihrem Verhältnis zum Staat beschäftigt. Für die beiden letzten Jahrhunderte wird also der kultur- und mentalitätsgeschichtliche Ansatz ausgeblendet. Etwa weil in diesem Fall statt von populärer Heiligenverehrung von der Ausgliederung der Arbeiterschaft aus der christlichen Gesellschaft und der zunehmenden Säkularisierung hätte geschrieben werden müssen? Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, daß die jeweils heikleren Aspekte des Kirchenlebens durch die Wahl der Darstellungsperspektive ausgeklammert wurden.

Von der äußeren Gestaltung her ist diese für das "große Publikum" gedachte Kirchengeschichte Luxemburgs als durchaus gelungen zu bezeichnen. Auch in dieser Hinsicht kam eher der Kunsthistoriker als der Historiker zum Zuge. Ein paar sachliche Schnitzer (1) fallen nur dem Fachhistoriker auf. Hingegen kann keiner dem farbigen Layout und der reichen Bebilderung seine Bewunderung versagen. Farbe und Bilder haben allerdings ihren Preis. Auch der (außer den Kommaregeln) fast druckfehlerfreie deutsche Text ist für einen französischen Verlag als Leistung zu würdigen.

Die Frage muß aber über diese Veröffentlichung hinaus gestellt werden, wieso nur Kirchenleute daran beteiligt waren. Profane Historiker, in concreto auch kirchenferne, scheinen sich in Luxemburg wenig mit der Kirchengeschichte auseinanderzusetzen. Die Folge sind absolut unverdauliche und unverdaufe, pseudohistorische Sammlungen von Vorurteilen à la Gaston Vogel.

Ein Anfang zur breiteren Beteiligung an der historiographischen Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit Luxemburgs scheint mittlerweile aber gemacht: Für diesen Herbst ist eine Konferenzreihe angekündigt, die interessante Diskussionen verspricht: Ab 24. September 1990 findet jeden Montag von 20 bis 22 Uhr im Mansfeldsaal der Nationalbibliothek ein Doppelvertrag statt über einzelne Aspekte der Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Anschließend soll die Möglichkeit zur Diskussion gegeben sein. Hier das genaue Programm:

24.9.90: Gestaltwerdung der Ortskirche (Valentin Wagner, Georges Hellinghausen) 1.10.90: Die Kirche innerhalb der Luxemburger Gesellschaft (Gilbert Trausch, Jean Malget) 8.10.90: Entstehung

und Entwicklung eines Luxemburger Katholizismus (Paul Margue, Victor Conzemius) 15.10.90: Innerkirchliche Ausdrucksformen des Luxemburger Katholizismus (Alex Langini, Michel Schmitt) 22.10.90: Der Luxemburger Katholizismus in einer säkularisierten Umwelt (Paul Dostert, André Heiderscheid). m.p.

(1) Trier war nicht die Zentralsiedlung der Treverer (I, S. 9). Luxemburg wurde nicht erst 1714 der habsburgischen Monarchie unterstellt (II, S. 11). Direkt negativ zu bewerten sind nur die absolut unzulänglichen Karten (I, S. 35; II, S. 19), die beide nicht darstellen, was sie zu zeigen angeben. Welche Ortschaften nach welchem Kriterium auf der zweiten Karte eingetragen sind, konnte ich nicht herausfinden; es fehlt auch die Grenze zwischen dem Namürer und dem Lütticher Bistum.

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