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Der Mansfeldsaal der Nationalbibliothek war gerammelt voll. Das Publikum drängte sich bis in den Gang; vorn, zwischen den Vitrinen, seitlich neben den Stuhlreihen, hatten einige noch Stehplätze gefunden. In der ersten Reihe zwischen dem damaligen Bischof und dem Generalvikar, der Ehrenstaatsminister Werner. Das Gros der Anwesenden waren ältere Herren, dunkelgraue Anzüge, dezente Kravatte, viele durch ein kleines Kreuz am Revers als Kleriker zu erkennen. Wenige Frauen, davon die meisten Nonnen. Man kannte sich, man grüßte sich. Die wenigen jüngeren Teilnehmer hatten das Auftreten von Priesteramtskandidaten. Ein bekannter DP-Politiker nahm auch in der ersten Reihe Platz, gleich neben LW-Direktor Heiderscheid, einem der beiden Referenten des Abends.

"Am fünften und letzten Konferenzabend des Zyklus ("Der Luxemburger Katholizismus innerhalb der letzten 150 Jahre") hatte das starke Publikumsinteresse nicht nachgelassen", schreibt das "Luxemburger Wort" (26.10.1990), doch dieses Interesse ist ein sehr relatives. Die "forces vives de la nation", die Abbé Heiderscheid in seinem Vortrag beschwört, sind nicht zugegen und die Zuhörerschaft scheint nur so zahlreich, weil die Veranstaltung in einem kleinen Saal stattfindet. Auch das Interesse der veröffentlichten Meinung ist eher gering. Außer den obligaten Zusammenfassungen im LW keine Resonanz. Zum Abschluß der Reihe gibt das "Lëtzeburger Land" einem der Mitorganisatoren, G. Hellinghausen, die Gelegenheit, eine Zusammenfassung des Zyklus zu veröffentlichen. Zu einer eigenen, kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema bzw. der Veranstaltung hat es nicht gereicht. Auch dies ein Zeichen für die Indifferenz der Gesellschaft gegenüber der Kirche.

Aber Auseinandersetzung oder kritische Distanz waren bei dieser Veranstaltung nicht gefragt. Unter den zehn Referenten war nur ein einziger, der die Kirche Luxemburgs kritisch beleuchtete. Der Kirchenhistoriker Victor Conzemius, der als prominenter Exil-Luxemburger eingeladen war, hatte die notwendige Distanz. Kirchenferne Beobachter oder kircheninterne Kritiker waren nicht eingeladen worden. Nicht nüchterne Bestandsaufnahme, sondern Selbstdarstellung bzw. Selbstbeweihräucherung war angesagt. Deshalb wurde die Gelegenheit auch nicht genutzt, um empirisches Material über den Impakt der Kirche in der heutigen Welt, zum Beispiel durch eine Repräsentativumfrage, zu beschaffen, so daß der letzte Vortrag unter dem Titel "L’Eglise dans la société moderne sécularisée" auf dem Niveau einer Sonntagspredigt blieb und dessen veröffentlichte Fassung höchstens als Besinnungsaufsatz auf einer Unterprima Bestand hat. Der promovierte Religionssoziologe Abbé Heiderscheid hat die Ehrlichkeit, eine Literaturliste beizufügen, deren jüngster soziologischer Titel aus dem Jahr 1967 stammt, und belegt

damit, daß Unternehmensleiter keine Zeit für theoretische Lektüre haben.

Der Autor dieser Zeilen war selber an der innerkirchlichen Aufbruchsbewegung Anfang der 70er Jahre beteiligt, von der P. Margue schreibt: "Generationskonflikte, wie etwa die jugendpfarreichliche Umbruchsbegeisterung nach 1968, führen wohl eher zu Nörgelei, Verbitterung und Resignation". Er fühlt sich von dieser Charakterisierung aber nicht getroffen, weil diese "Umbruchsbegeisterung" ein wichtiger Schritt auf seinem Lebensweg war und er inzwischen aus dieser Erfahrung heraus, wie wohl die meisten der damals an der sogenannten "Jugendpfarrei" beteiligten, der Kirche ohne Nörgelei, ohne Verbitterung und ohne Resignation ganz einfach den Rücken gekehrt hat. Weil er aber, und damit ist er sicher nicht typisch für seine damaligen Mitstreiter, noch immer ein kritisches Interesse an der Kirche hat, hatte er sich zu dem letzten Abend des Konferenzzyklus eingefunden.

Auf den Inhalt der beiden Vorträge des Abends ist mp an anderer Stelle eingegangen, deshalb will ich hier nur über meinen Versuch, in die Diskussion einzugreifen, berichten.

Nachdem diese sehr schleppend angelaufen war, habe ich mir erlaubt, Abbé Heiderscheid zu fragen, weshalb das "Luxemburger Wort" kritische Katholiken systematisch nicht zu Wort kommen läßt, und ob dieses Handeln nicht im Widerspruch stehe zu den

in: Publik-Forum

dossier

hehren Aussagen seines Vortrages. Nach dieser sicher provozierenden, aber in einem höflichen Ton vorgetragenen Frage, explodierte der angesprochene Referent, und seine Tirade gipfelte in der Aussage, er rede nicht mit Leuten, die ihm die Fensterscheiben einschlugen. Meine Beteuerung, daß ich noch niemandem eine Fensterscheibe eingeschlagen habe, und die Nachfrage, wer überhaupt gemeint sei und ob die Anschuldigung im übertragenen oder wörtlichen Sinne zu verstehen sei, rief nur den Gesprächsleiter auf den Plan, der mir das Wort entzog und weitere Fragen verbot. Kein Raunen, keine Proteste im Saal, keine Empörung über dieses intolerante Vorgehen, der nächste Zuhörer stellte seine Frage, so als ob nichts geschehen wäre, der Referent, der seine Ruhe wiedergefunden hatte, antwortete wie auf alle bisherigen Fragen: herablassend belehrend. Das

Ritual nahm wieder seinen Lauf, und nach zwei, drei weiteren Wortmeldungen ging der Diskussionsleiter zu allgemeinen Danksagungen über und entließ das Publikum kurz nach zehn. Beim Herausdrängen aus dem Saal wurden mir einige wenige freundliche, zustimmende Blicke zuteil.

Im "Luxemburger Wort" konnte man folgendes über das Ende dieses Abends lesen: "Nach einer nun folgenden Diskussion zu den besprochenen Themenkreisen richtete zum Ausklang des Abends Seminarpräses Michel Schmitt ein herzliches Wort des Dankes an die Adresse des zahlreich erschienenen Auditoriums" (LW 26.10.1991).

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