Suche nach der Wahrheit einer musikalischen Aussage

Gespräch mit dem Klavierduo Iglika Marinova - Marco Kraus

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Marie-Josée Hengesch führte für ‚forum‘ ein Gespräch mit dem bekannten luxemburgischen Klavierduo Iglika Marinova – Marco Kraus. Anlaß war das Erscheinen ihres ersten CD mit Werken von Schubert, Dvorák und Kraus.

Neben ihrer Lehrtätigkeit am hauptstädtischen Musikkonservatorium haben die beiden in Luxemburg, Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Bulgarien und in der UdSSR Konzerte gegeben sowie Rundfunk- und Fernsehaufnahmen gemacht.

Wie lange spielen Sie schon zusammen? Welche Vor- oder Nachteile entstehen durch die Zusammenarbeit als Ehepartner, z. B. Zusammenwachsen durch gemeinsames Musizieren oder Konfliktmöglichkeiten?

Iglika: Eigentlich feiern wir dieses Jahr das 15. Geburtsjahr unseres Duos. Unser erstes Konzert spielten wir am 19. Dezember 1976 im Escher Theater. Seither gehen wir, ich möchte fast sagen: ‚Hand in Hand‘ unsern Weg. Es gab selbstverständlich Kon-

Konfliktsituationen, doch lagen diese nicht im Bereich künstlerischer Zusammenarbeit, sondern wurden eher von der Organisation des Lebens ausgelöst, insofern sie diese Zusammenarbeit erschwerte oder zeitweise verhinderte. Wir sind uns aber mit der Zeit bewußt geworden, daß es falsch ist, äußere Zwänge in zwischenmenschliche Konflikte zu verwandeln, weil wir uns damit letzten Endes zu Komplizen jener Zwänge machen würden, die uns bedrücken.

Also jetzt nur Vorteile?

Marco: Wenn man die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens so gelöst hat, daß keiner der beiden Partner den andern ausbeutet, dann unbedingt: ja! Man teilt ja ein wunderbares Erlebnis, wenn man zusammen die Hieroglyphen einer Mozartpartitur entziffert. Ohne daß wir es merken, arbeiten wir damit an unserm eigenen gegenseitigen Verhältnis, und diese Vertiefung der Partnerschaft macht uns sicher zu einem besseren Duo.

Welche Faktoren bestimmen eigentlich, wer beim vierhändigen Spiel das obere, und wer das untere Register übernimmt?

Marco: Wir empfanden es von Anfang an als ’natürlich‘, daß Iglika den Primopart spielt, und ich den Secondo. Da wir von der Gesanglichkeit der musikalischen Phrasen ausgehen – im Sinne des ‚Neveu de Rameau‘: ‚accentus seminarium musicae‘ – mag es sein, daß diese Empfindung mit der Vorstellung von Frauen- und Männerstimme zu tun hat.

Manche Duos spielen aber in umgekehrter Verteilung.

Marco: Ja, und manche wechseln sich ab. Ich glaube nicht, daß es da eine verbindliche Regel geben könnte. Dem harmonietragenden Secondopart wird normalerweise die Pedalisierung zugeschrieben, aber auch diese Regel sollte man in Frage stellen können, wenn es dem musikalischen Ausdruck zugute kommt.

Was ist bei der Vorbereitung von Konzerten wichtiger: das individuelle Üben oder das Zusammenspielen?

Iglika: Die individuelle Arbeit und die Zusammenarbeit sind ungefähr gleich groß.

Vierhändiges Klavierspiel ist orchestraler als Klaviersolo, ergibt das Vorteile? Welches sind die Nachteile von vierhändigem Spiel gegenüber zweihändigem?

Iglika: Es gibt einen typischen schlechten Klang des vierhändigen Dilettantismus, das was unser Lehrer Aloys Kontarsky als ‚mezzofortissimo‘ bezeichnete. Dieser Klang ist das Resultat einer schlechten Balance der in den Kompositionen oft chargierten Mittelstimme, also der linken Hand des Primo und besonders der rechten Hand des Secondospielers. Es ist nicht so leicht, diese Balance zu finden, da sie einer vom 2händigen Spiel vollkommen verschiedenen Gewichtsverteilung entspricht. Nach dieser Skylla, die Charybdis: das sind die Gefahren eines Synchronismus auf Kosten der Freiheit. Da von der Synchronisierung her das 4händige Spiel auf Grund des spezifischen Einschwingungsprozesses des Klavierklanges das schwierigste kammermusikalische Genre darstellt, ist diese Gefahr sehr groß. Manche Duos versuchen ihr durch übermäßige ‚rubati‘ zu entgehen.

Sie sind keine Freunde eines lockeren Umgangs mit den Tempi!

Iglika: Wir sind Freunde wirklicher Freiheit. Mit strukturell ungerechtfertigten ‚rubati‘ schafft man

in: Le Monde

einen Schein von Freiheit. Doch künstlerische Freiheit ist etwas viel Tieferes und kann nicht darin bestehen, die Strukturen eines Werkes willkürlich zu verzerren.

Marco: Das sind eben spezifische Schwierigkeiten des 4händigen Spiels. Es gibt noch andere. Aber ich glaube, man kann in diesem Zusammenhang nicht von Vor- oder Nachteilen reden. Große Komponisten wie Dvorák, haben den mehr orchestralen Klang des 4händigen Klavierspiels dazu benutzt, Dinge zu sagen, die sie so nicht zweihändig hätten ausdrücken können. Das versteht man gleich, wenn man ‚Aus dem Böhmerwalde‘ hört.

Folgen Sie in Ihrer Arbeit einer bestimmten Ästhetik? Wenn ja, wie könnte man sie definieren?

Marco: Das ist ein weites Feld, man könnte sich stundenlang darüber unterhalten! Ihre erste Frage könnte ich mit ‚ja‘ beantworten. Aber diese Ästhetik ist nicht apriorisch. Es wäre eher eine Ästhetik der Methode. Man kann auch sagen: eine Ästhetik von unten, im Gegensatz zu einem System von Vorstellungen, das den Werken ‚von oben‘ aufgestülpt würde. Wenn wir eine Partitur erarbeiten, sehen wir unsere Aufgabe in der Entzifferung ihres spezifischen musikalischen Sinnes. Es geht uns also nicht darum, die Noten und Vortragszeichen einer Partitur, wie genau auch immer, wie stilgerecht auch immer, mit einem meistens ähnlich funktionierenden musikalischen Gefühl zum Klingen zu bringen. Es geht uns auch nicht um eine Zurschaustellung virtuoser Fähigkeiten. Sondern wir versuchen, zu verstehen, warum der Komponist im Kontext eines bestimmten Werkes gerade so und nicht anders geschrieben hat; warum etwa ein crescendo bis zu diesem Ton andauert, und nicht, wie die harmonische Entwicklung es nahelegt, seinen Höhepunkt schon früher erreicht.

Da stellt sich aber dann auch das Problem der Edition.

Marco: Ja ganz sicher! Das gründliche Studium der Urtexte ist unerläßlich… Es ist aber unmöglich, die unzähligen Zeichen einer Partitur überzeugend, mit dem angemessenen Ausdruck, auszuführen, wenn man die aussagebedingten Gründe ihrer Notierung nicht versteht, wenn man die Gründe der Widersprüche in dieser Notierung nicht versteht. Groß ist daher oft die Versuchung, interpretatorische Überzeugungskraft durch Veränderungen in der Partitur zu erkaufen, so, als ob der Komponist dümmer gewesen wäre, als wir Interpreten. Wir sehen daher im Grunde

Wir sind uns aber mit der Zeit bewußt geworden, daß es falsch ist, äußere Zwänge in zwischenmenschliche Konflikte zu verwandeln.

genommen unsere Arbeit als eine geduldige, oft Monate dauernde, und doch nicht immer erfolgreiche Suche nach der Wahrheit einer musikalischen Aussage. Nur auf diesem Weg glauben wir, dem Satz Stendhals gerecht werden zu können: "La beauté est une promesse de bonheur." Denn die Idee des menschlichen Glücks, der wir auch in der Musik die Treue halten möchten, verträgt weder Unwahrheit noch Prätentionen.

Sie sind beide Klavierlehrer, hat das CD auch eine pädagogische Absicht?

Iglika: Eine solche Absicht war nicht dabei. Doch es mag interessant sein, durch dieses CD bedeutende Werke kennenzulernen, die selten gespielt werden. Nach unseren Informationen gibt es von Schuberts Ouvertüre D 675 gar keine andere Aufnahme.

Ist das Künstlerleben befriedigend in Luxemburg, welche Mängel beklagen Sie, welche Vorteile bietet ein kleines Land?

Marco: Ach, das Künstlerleben muß in sich selbst befriedigend sein, ob in Luxemburg oder anderswo!

Das Titelbild "Réunis par le rouge" ist von Joseph Probst. Haben Sie dieses Bild selbst ausgesucht? Welche Verbindungen bestehen zur Musik auf dem CD oder zu Ihnen persönlich?

Iglika: Ja, wir haben das Titelbild selbst ausgesucht. Wir dachten von Anfang an dabei an ein Werk luxemburgischer Malereikunst. Doch es war uns ziemlich früh klar, daß dieses Bild abstrakt sein müßte, um nicht einem Teil des Programms zuviel Gewicht zu verleihen. Wir gingen also ins Museum, schauten uns die modernen Bilder an, und auf einmal sprach ein Gemälde mit einer solchen Sympathie zu uns, daß uns klar war: "Das ist es!" Doch was war es eigentlich? Wir lasen den Titel … "aber das ist ja auch die Idee unserer Programmgestaltung!" Ganz verschiedene Werke, verschiedene Charaktere, verschiedene Epochen, durch eine harmonische Farbe, durch eine rhythmische Zelle miteinander zu einer musikalischen Einheit verbunden. "Réuni par le rouge!" Wir waren glücklich über dieses wunderbare Zusammentreffen, und wir sind Herrn Probst und Direktor Thill dankbar für die Erlaubnis, das Werk als Titelbild zu benutzen.

Bevorzugt Marco Kraus als Pianist das Komponieren für Klavier? Können Sie noch einige Erläuterungen zu "Drei kleine Stücke" geben?

Marco: Ich würde nicht sagen, daß ich es vorziehe, für Klavier zu schreiben. Aber ich bin selbstverständ-

lich vom Klavier sehr geprägt. Das Schreiben für dieses Instrument ermöglicht mir, auch selbst meine Musik zu spielen. Die "Drei kleinen Stücke" gehören zu den ersten von mir komponierten Stücke, die ich noch heute öffentlich spiele. Obwohl ich später ganz anders geschrieben habe, liebe ich diese kleinen Stückchen noch immer. Vielleicht wegen ihrer Spontaneität, vielleicht wegen ihrer Zartheit, ihrem jugendlichen Hauch, vielleicht, weil ich empfinde, daß sie keiner Erläuterung bedürfen? Als ich vor 16 Jahren zum ersten Mal mit dem Orient-Expreß nach Bulgarien fuhr, hatte ich sie in meinem Gepäck…

Weshalb machten Sie die CD-Aufnahme in Sofia?

Iglika: Es gibt, bei solchen Projekten, immer verschiedene Komponenten, die oft schwer im voraus zu kennen sind: der Saal z. B., die Akustik, das Instrument selbst, aber auch die Menschen, mit denen man arbeiten wird, die Techniker, der Toningenieur. Wer weiß, wie empfindlich die Seele eines Musikers ist, wenn er Aufnahmen macht, wenn er während Stunden konzentrierter Arbeit alle inneren Ressourcen einsetzt, der weiß auch, wie wichtig das Arbeitsklima für das Zustandekommen einer guten Aufnahme ist. Nun, wir hatten schon mit mehreren bulgarischen Teams gearbeitet, wir kannten die beiden möglichen Räume, wir kannten die Instrumente. Wir hatten also die Wahl unserer Bedingungen. Obwohl z. B. das Instrument im Rundfunk besser war als im großen Konzertsaal, wählten wir die außergewöhnliche Akustik des in den Vorkriegsjahren erbauten "Bulgarien"-Konzertsales, in der der Steinway mit einer viel größeren Generosität sich natürlich ausschwingen konnte. Auch wußten wir, daß keinerlei Probleme bestehen würden, die Produktion integral digital zu machen.

Sie sind Brahms-Wettbewerb-Preisträger. Was hat Ihnen dieser Wettbewerb auf musikalischem Plan eingebracht?

Iglika: Als wir vom Brahms-Wettbewerb lasen, stellten wir fest, daß wir schon alle Werke des 1. Durchganges im Repertoire hatten. Als die Brahms-Gesellschaft 3 Monate vor dem Wettbewerb Meisterkurse organisierte, konnten wir nicht teilnehmen, da wir noch nicht mit Üben angefangen hatten. Ein Glück, daß der Wettbewerb im September stattfand. Da konnten wir uns während der großen Ferien in 2monatiger konzentrierter Arbeit vorbereiten. Daß wir schließlich zusammen mit dem Duo Stenzel den Wettbewerb gewinnen würden, hatten wir nicht erwartet, doch es stellte für uns eine ungeheure Ermutigung dar, weil wir damit ja eine internationale Bestätigung unserer Arbeitsweise erhielten. Wunderbar war auch die Gelegenheit, quasi sämtliche Werke von Brahms, einem Komponisten, den wir beide so sehr lieben, einzustudieren.

Welches sind Ihre nächsten Projekte (nach der Integralaufführung von Mozart)?

Marco: Ein weiteres Projekt sind die Goldberg-Variationen von J.S. Bach in der Bearbeitung für 2 Klaviere von Joseph Rheinberger, die wir 1992 auch in Luxemburg aufführen werden. Ein experimentelles Kompositions- und Interpretationsprojekt ist das Stück "STRAND" für eine Theakine-Pantomime im Escher Theater. Eine erneute Aufführung meiner 8-

Musik war für mich immer ein "Beitrag zur geistigen Bewältigung der Welt".

händigen Komposition STABAT MATER mit dem Duo Mrongovius in München, ein Auftrag eines ausländischen Verlages für die Klavierversion eines Orchesterwerkes … Der Erfolg unserer Schallplatte ermuntert uns natürlich auch, an die Produktion eines zweiten CD zu denken. Wir haben ja in kurzer Zeit Firmen für die Verteilung unserer Aufnahme in Belgien, in der Schweiz, und neuerdings auch in den Vereinigten Staaten interessieren können.

Und wie sehen Sie die allgemein menschliche Zukunft?

Marco: Ich möchte Ihnen etwas anvertrauen: Musik war für mich immer ein ‚Beitrag zur geistigen Bewältigung der Welt‘, wie R. Musil es ausdrückte, ein Korrektiv der Wirklichkeit, ein kritisches Instrument, nicht nur Wahrheit finden, sondern Wahrheit

schaffen zu helfen. Nicht die Betrübten zu trösten, sondern ‚hâter la culture des esprits et des moeurs‘, nach den Worten von Felix Thyes: das war mir der gesellschaftliche Sinn künstlerischer Arbeit. Seit einiger Zeit aber frage ich mich, mit einer gewissen Angst, und mit einer gewissen Scham: wird nicht Musik eines Tages auch für dich zu einem Trost werden?

Lesen Sie Forum?

Iglika: Wir sind seit 1978 auf ‚forum‘ abonniert, und lesen jede Nummer aufmerksam. Ein Forum im eigentlichen Sinne des Wortes, ein Platz der Begegnung und Diskussion aller ist diese Zeitschrift, und dennoch hat sie ein Gesicht, und noch dazu ein sehr sympathisches!

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