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Obschon die Berichte der Hernando Cortés, Bernal
Diaz und anderer voller Bewunderung von den Lei-
stungen der indigenen Zivilisationen sprechen (vgl.
MAT 1) und ihre Vergleiche mit Spanien fast immer
zugunsten Mexikos oder Perus ausfielen, zögerten
die spanischen Eroberer keinen Augenblick, die Bau-
werke der Azteken oder der Inkas zu zerstören, ihren
Staatsapparat zu vernichten, Tausende von Frauen zu
vergewaltigen, Millionen von Indios zu töten. Mit

bestialischer Brutalität gingen sie gegen Menschen
vor, die ihnen meistens keine ernsthafte Gegenwehr
leisten konnten (MAT 14).

Das Resultat kann nur verglichen werden mit der von
den Nazis angestrebten Judenvernichtung im 20.
Jahrhundert: Von einer Urbevölkerung, die heute von
ernstzunehmenden Wissenschaftlern auf 80 Millio-
nen um 1500 geschätzt wird, blieben um die Mitte
des 16. Jahrhunderts ganze 10 Millionen übrig (MAT
15). Ein Unterschied zum zielstrebig geplanten Völ-
kermord der Nazis liegt allerdings bei der differen-
ziert zu berurteilenden Verantwortung. Ohne die
Spanier von jeder Mitschuld freisprechen zu wollen,
spielten doch beim Massaker an der indigenen Be-
völkerung Amerikas mehrere Ursachenstränge eine
Rolle, bei denen die Mitschuld der Europäer unter-
schiedlich groß war, doch gegeben war sie bei allen:

Theodor de Bry, 1593

  1. Eine Reihe Indios sind das Opfer direkter Gewalt
    im Eroberungskrieg; ihre Anzahl ist nicht sehr hoch,
    doch die direkte Verantwortung der Spanier ist ein-
    deutig. Eine direkte Folge der Eroberungen ist auch
    die Tötung der indianischen Führerschaft und die
    dadurch bedingte Zerstörung des bei Völkern wie
    den Azteken/Mexica und Inkas hochentwickelten
    Staatsapparates, der wesentlich zur kollektiv organi-
    sierten Überlebenssicherung beitrug (vgl. etwa die
    hervorragend organisierte Alten- und Krankenver-
    sorgung der Inkas). Diese "geköpfte Kultur" kann

MAT 14a

Bericht von Dominikanern an M. de

Chièvres, Minister Karls V. (1516)

"Einige Christen sahen unterwegs eine Indianer-
rin, die ein Kind in den Armen hielt und es gerade
stillte, und weil einer der Hunde, die sie gerade
mitführten, Hunger hatte, nahmen sie der Mutter
das Kind aus den Armen und warfen es lebend
dem Hund vor, der es dann vor den Augen der
Mutter in Stücke riß. (…) Wenn unter ihren Ge-
fangenen Frauen waren, die gerade entbunden
hatten, so ergriffen sie die Kinder, sobald sie nur
weinten, an den Beinen und schmetterten sie an
die Felsen oder warfen sie ins Gestrüpp, damit
sie dort sterben sollten."

Todorov, Die Eroberung Amerikas, S. 170

MAT 14b

Bartolomé de Las Casas, Historia de las

Indias

"An dem Tag, als die Spanier bei diesem Dorf
ankamen, machten sie des Morgens in einem
ausgetrockneten Fluß halt um dort ihr Mittags-

mahl einzunehmen. Im Flußbett gab es noch ein
paar Wasserpfützen, und es war voller Schleif-
steine, und so kamen sie auf den Gedanken, ihre
Schwerter daran zu schärfen." Als die Spanier
nach dem Mahl ins Dorf gelangten, wollten sie
ausprobieren, ob ihre Schwerter auch tatsäch-
lich scharf waren. "Plötzlich zieht einer der
Spanier, der offenbar vom Teufel besessen war,
sein Schwert, und die hundert anderen tun es ihm
gleich nach und machen sich daran, jene Schafe
und Lämmer, Frauen und Männer, Kinder und
Alte, die ahnungslos da saßen und starr vor
Staunen die Pferde und die Spanier betrachteten,
niederzustechen, ihnen die Bäuche aufzuschlit-
zen und sie umzubringen, so daß im Handumdre-
hen von allen, die sich dort befanden, keiner mehr
am Leben war."

Todorov, Die Eroberung Amerikas, S. 170f.

MAT 15

Entwicklung der Indiobevölkerung

Hispaniola (Haiti): 1492: 1 Mio.
1520: 16 000

Mexiko 1519: 25,0 Mio.
1532: 16,3 Mio.
1568: 2,6 Mio.
1595: 1,3 Mio.

MAT 16

Bartolomé de Las Casas, Historia de las

Indias:

Die Spanier schleppten die verheirateten Männer
10, 20, 30, 40 oder 80 Leguas zum Goldgraben
fort, und die Frauen blieben in den Häusern und
Farmen zurück, um dort Feldarbeit zu verrichten.
Dabei hatten sie aber zum Umgraben keine
Hacken oder gar ochsenbespannte Pflüge,
sondern sie mußten die Erde im Schweiße ihres
Angesichtes mit Pfählen, die im Feuer gehärtet
waren, aufbrechen. Sie mußten Arbeiten verrich-
ten, die bei weitem nicht mit den schwersten
Feldarbeiten unserer Landarbeiter in Kastilien
vergleichbar sind…

So kam es, daß die Männer und ihre Frauen kaum
mehr zusammenkamen, sich acht oder zehn
Monate oder ein Jahr lang nicht sahen, und wenn
sie nach Verlauf dieser Zeit wieder zusammen-

daher als direkte, von den Spaniern verschuldete Todesursache bezeichnet werden.

  1. Viel mehr Indios sterben an den Folgen unmenschlicher Behandlung und veränderter Lebensbedingungen nach der Besitzergreifung durch die spanischen Siedler. Einerseits ist es ihnen nicht mehr möglich, ihre Gärten, Felder und Fischweiber zu unterhalten und auf die Jagd zu gehen, während die aus Europa eingeführten Tiere, insbesondere die Schweine, verheerende Schäden anrichten. Andererseits ist der Arbeitsrhythmus in den Gold- und Silberbergwerken und auf den Plantagen einfach tödlich, und die Steuern sind so hoch, daß viele Indios ihre Kinder verkaufen müssen, um sie bezahlen zu können. Die Versklavung läßt die Indios nicht nur an Erschöpfung durch Überarbeitung sterben, sondern auch indem sie sich durch Flucht der Sklaverei zu entziehen versuchen. Der Zwang, für die weißen Herren zu arbeiten und auf deren Feldern Produkte für den Export anzubauen, ist ein weiterer Grund für die Vernachlässigung der eigenen Ernährungsgrundlage und somit von Hungersnot und Krankheiten. Schließlich sind die neuen Lebensbedingungen Schuld an einem dramatischen Absinken der Geburtenrate, die schon Las Casas erkannt hat (MAT 16).

  2. Damit sind die Voraussetzungen für die dritte, quantitativ wichtigste Ursache des Aussterbens ganzer Völker geschaffen: den sog. Mikrobenschock. Sicher haben die Spanier den Indios nicht wissentlich Krankheitserreger eingepflegt, doch Unterernährung und Überarbeitung hatten ihre Körper so geschwächt, daß sie nicht imstande waren, gegen unbekannte Bazillen aus Europa (Pocken, Grippe, Masern, Tuberkulose, …) Abwehrstoffe zu entwickeln. Schon 1582 wies der Mestize Juan Bautista Pomar auch auf eine psychosomatische Ursache dieser Epidemien hin: Schuld an den Krankheiten haben auch "ihre Trübsal und ihre seelische Erschöpfung, die daher rührt, daß sie die Freiheit verloren haben, die ihnen Gott geschenkt hatte".

Theodor de Bry, 1593

Als Grund für diese Grausamkeit der Spanier nannten schon zeitgenössische Autoren die Habgier (MAT 17). Tzvetan Todorov stellt aber zu Recht heraus, daß die ökonomische Erklärung allein zweifellos zu kurz greift. Die Bestialität läßt sich nur mit einem Verfall der moralischen Prinzipien erklären, der mit der Entfernung von den heimischen Sozialstrukturen zusammenhängt: "Je ferner und fremder die Opfer der Massaker sind, desto besser: Man rotet sie ohne Gewissensbisse aus, wobei man sie mehr oder weniger Tieren gleichsetzt. Die individuelle Identität des Getöteten ist dabei irrelevant (denn sonst würde es sich um einen Mord handeln). … Fern der Zentralmacht, fern dem königlichen Gesetz, fallen alle Schranken, das bereits gelockerte Sozialband zerreißt, und es offenbart sich nicht eine primitive Natur, die in jedem von uns schlummernd Bestie, sondern ein modernes und sogar zukunftsvolles Wesen, das keine Moral mehr kennt und tötet,

kamen, dann waren sie durch Hunger und Strapazen so erschöpft und ausgemergelt, so elend und entkräftet, und die Frauen nicht weniger als die Männer, daß es kaum noch zu einer ehelichen Gemeinschaft kam und die Geburten fast aufhörten. Die neugeborenen Kinder konnten sich nicht entwickeln, weil die Mütter, von Anstrengungen und Hunger erschöpft, keine Nahrung für sie hatten. Aus diesem Grunde starben z.B. auf der Insel Kuba, als ich dort war, 7000 Kinder im Lauf von drei Monaten; einige Mütter erdrosselten vor Verzweiflung ihre Kinder, andere aßen, als sie sich schwanger fühlten, bestimmte Kräuter, um eine Fühgeburt herbeizuführen, und brachten tote Kinder zur Welt. So starben die Männer in den Goldminen, die Frauen auf den Farmen vor Erschöpfung, und die neugeborenen Kinder, weil sie keine Muttermilch bekamen. Die Geburten hörten auf, und das allgemeine Sterben hatte notwendigerweise zur Folge, daß sich diese große, reichsgeeignete, fruchtbare und trotzdem so unglückliche Insel rasch entvölkerte… 1 Legua = ca. 6 km.

Geschichte in Quellen, Bd. 3, hr. v. Fritz Dickmann, 1966, S. 70.

MAT 17

F. Motolinia (Franziskaner), Historia de los Indios de la Nueva España

"Wenn einer fragt, welches der Grund für all diese Übel ist, so würde ich sagen die Habgier, der Wunsch, für ich weiß nicht wen ein paar Goldbarren in der Schatulle zu haben. (…) Denn durch das Geld erreichen die Menschen alles, was sie an Zeitlichen benötigen oder begehren, wie zum Beispiel Ehre, Adel, Stand, Familie, Prunk, prächtige Kleider, feine Speisen, die Wonnen des Lasters, die Möglichkeit, sich an ihren Feinden zu rächen, hohes Aussehen für ihre Person."

Todorov, Die Eroberung Amerikas, S. 172f.

MAT 18

Brief des Dominikaners Tomás Ortiz an den Indianerrat

"Auf dem Festland essen sie Menschenfleisch. Sie sind mehr als irgendein anderes Volk unzüchtig. Gerechtigkeit gibt es bei ihnen nicht. Sie gehen ganz nackt, haben keine Achtung vor

wahrer Liebe und Jungfräulichkeit und sind dumm und leichtfertig. Wahrheitsliebe kennen sie nicht, außer wenn sie ihnen selbst nützt. Sie sind unbeständig, glauben nicht an die Vorsehung (Gott), sind undankbar und umstürzlerisch. (…) Sie sind gewalttätig und verschlimmern dadurch noch die ihnen angeborenen Fehler. Bei ihnen gibt es keinen Gehorsam, keine Zuvorkommenheit der Jungen gegenüber den Alten, der Söhne gegenüber den Vätern. (…) Zu ihren Speisen gehören Läuse, Spinnen und Würmer, die sie ungekocht essen, wo sie sie nur finden. Wenn man sie die Geheimnisse der wahren Religion lehrt, erklären sie, diese Dinge paßen für die Spanier, aber für sie bedeuteten sie nichts, und sie seien nicht bereit, ihre Gewohnheiten zu ändern. Einen Bart tragen sie nicht, und wenn ihnen Barthare wachsen, reißen oder rupfen sie sie aus. (…) Ein je höheres Alter diese Menschen erreichen, desto besser werden sie. (…) Ich kann bezeugen, daß Gott kein Volk je erschaffen hat, das mehr mit scheußlichen Lastern behaftet ist als dieses, ohne irgendeine Beigsbe von Güte und Gesittung. (…) Die Indianer sind dünnner als die Esel und wollen sich in keiner Weise bessern."

Todorov, Die Eroberung Amerikas, S. 182f.

weil und wann es ihm Spaß macht" (Todorov, S. 175). Etwaige Gewissensbisse können zudem leicht verscheucht werden mit dem Hinweis auf Gottes gerechte Strafe für die kannibalischen Götzenopfer (MAT 18).

m.p.

Der obige Beitag beruht hauptsächlich auf den in der Gesamtbibliographie genannten Werken von Bartolomé de LAS CASAS, Carmen BERNARD et Serge GRUZINSKI, Eduardo GALEANO, Tzvetan TODOROV.

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