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"Es muß klargestellt werden, daß das vorliegende Werk keine historische Darstellung ist, sondern eine Sammlung von verschiedenartigen Dokumenten von unterschiedlichem historischen Wert. Der interessierte und sicherlich kritische Leser wird nicht mit einer fertigen Analyse konfrontiert, sondern nur mit den Rohmaterialien des Historikers." Diese vom Historiker und Zweiter-Weltkrieg-Spezialisten Paul Dostert in der Einleitung zum jüngst erschienenen Buch
Die Luxemburger Kirche im 2. Weltkrieg. Dokumente, Zeugnisse, Lebensbilder, gesammelt und geschildert von René Fisch mit Beiträgen von E. Molitor, F. Schwab, P. Spang u.a., Luxemburg, Editions Saint-Paul, 1991, 733 Seiten
geschriebenen Sätze, fassen eigentlich alles zusammen, was über dieses Werk zu sagen ist.
Im ersten Teil (S. 13-126) werden echte Dokumente veröffentlicht: Am interessantesten sind ohne Zweifel die bislang unveröffentlichten Berichte des damaligen Bischofs von Luxemburg über die Lage der Kirche in seinem Sprengel, ergänzt durch den Bericht (von abbé Nicolas Majerus?) an den päpstlichen Nuntius in Vichy. Leider werden aber weder Adressat (Papst) noch Archiv angegeben; Erklärungen eines Historikers in Form von Fußnoten wären auch nicht unnütz gewesen. Eine Neuveröffentlichung erfahren desweiteren der SD-Bericht eines deutschen Priesters und Vertrauensmanns der Gestapo und zwei Texte des Trierer Bischofs, in denen die Luxemburger Kirche Erwähnung findet. (Die Angaben zur Erstveröffentlichung sind nur der Einleitung von P. Dostert zu entnehmen.)
Im zweiten Teil (S. 127-193) schreibt René Fisch die Biographien von Bischof Joseph Philippe und seines Sekretärs Louis Hartmann, und er schildert das Schicksal des Priesterseminars bzw. seiner Lehrer und Studenten. Über den Bischof und seinen Verbindungsmann zu den Nazi-Behörden sind aber kaum Einzelheiten zu erfahren, welche die Berichte aus Teil I ergänzen würden. Der umfangreiche dritte und vierte Teil (S. 195-588), ebenfalls zum größten Teil aus der Feder von René Fisch, z. T. aber auch in Form von Eigenberichten, enthält die Einzelschicksale von 133 Priestern und Seminaristen während der vier
Kriegsjahre (wenn ich mich nicht verzählt habe, denn es fehlt bedauerlicherweise jedes Inhaltsverzeichnis in diesem Buch). Der fünfte Teil (S. 589-682) stellt den Wiederabdruck einer von Franz Schwab zusammengestellten Dokumentation über die Klöster und Ordensgemeinschaften während des Krieges dar (ohne daß man erfährt, wo der Text schon einmal veröffentlicht worden war). Und im sechsten Teil (S. 683-711) skizziert Paul Spang fünf Priestergestalten, die zu den braunen Schafen im Luxemburger Klerus gehörten; ob es weitere gab, läßt das Buch nicht erkennen.
Diese anekdotenreiche Schilderung von Einzelschicksalen wird ohne Zweifel das größte Interesse beim historisch weniger gebildeten Publikum bekommen. Das begrüßenswerte, ausführliche Personenverzeichnis kommt dieser individualistischen Herangehensweise an die leidvolle Zeit zudem sehr entgegen. Doch gerade in bezug auf diese Teile des Buches ist die Warnung von Paul Dostert sehr ernst zu nehmen: "Die Aussagen sind, wie nicht anders zu erwarten, subjektiv gefärbt. Es wird nicht analysiert, es wird erzählt, es wird festgehalten, so wie sich das Gedächtnis nach oft fast fünfzig Jahren noch erinnert."
Das bedeutet nicht, daß solche Berichte wertlos seien. Die Argumente, die René Fisch z. B. beibringt, um die Haltung des Bischofs zu würdigen, dem offenbar schon damals sein Schweigen zum Vorwurf gemacht wurde, sind ernstzunehmen.
Trotzdem trägt das Buch den falschen Titel. Es handelt sich nicht um eine Darstellung der Kirche im 2. Weltkrieg, sondern höchstens um ein paar Dokumente und Zeugnisse und zahlreiche Lebensbilder von Priestergestalten. Weder kommt das Kirchenvolk darin vor – von dem man z. B. nebenbei erfährt, daß es trotz offiziellem Verbot zur Oktave pilgerte -, noch werden alle Fragen betreffend die Haltung des Klerus beantwortet, wie Paul Dostert schon einleitend festhält. Es fehlt immer noch eine Darstellung der Rolle der Kirche in bezug auf die Judenverfolgungen. Auch die katholische Presse, die katholischen Vereinigungen, die katholischen Politiker werden nicht erwähnt. (Zu ihrer Rolle in der Zwischenkriegszeit kann auf die Arbeiten von Carole
"Die Aussagen sind, wie nicht anders zu erwarten, subjektiv gefärbt. Es wird nicht analysiert, es wird erzählt, es wird festgehalten, so wie sich das Gedächtnis nach oft fast fünfzig Jahren noch erinnert."
Mersch und Lucien Blau verwiesen werden.) Vor allem in bezug auf die "braunen Schafe", deren Kurzbiographie immerhin ein ausgebildeter Historiker geschrieben hat, bleiben viele Fragen offen: Bei Nicolas Didier und Nicolas Goetzinger gerät die Darstellung zur Apologie (neben ausschweifenden Bemerkungen über ein Rentengesuch oder die eigenen testamentarischen Verfügungen zugunsten des Nationalarchivs …), während die Gründe, warum sie
"wegen ihrer politischen Haltung umstrittene Geistliche" waren, nicht zu erkennen sind. Es ist gar von einem "Leidensweg" die Rede, ohne daß die Leiden genannt werden. Ärgerlich.
Erfreulich zu vermerken ist, daß "forum" erstmals ein Buch aus dem St. Paulus-Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde.
m.p.
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