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Carlo Schmitz

Weltbestseller ohne Leser?

400 000 Exemplare sollen in den ersten drei Wochen nach seinem Erscheinen über den Ladentisch gegangen sein. Die Druckauflage soll mittlerweile bei einer Million liegen. In Frankreich war der im Dezember 1992 erschienene neue Weltkatechismus der katholischen Kirche zweifellos ein Verkaufserfolg. Und vertraulichen Informationen aus dem Luxemburger Buchhandel zufolge war er es hierzulande auch, obschon er in französisch geschrieben war. Im vorliegenden ‚forum‘-Dossier fehlt leider eine soziologische Studie, die das Phänomen Weltkatechismus als Bestseller analysierte. Selbst der Erzbischof von Luxemburg hält in seiner am 22. Mai 1993 (nur) im LW veröffentlichten Verlautbarung zum Weltkatechismus fest, er sei ‚als Bestseller viel gekauft, viel weniger wohl gelesen‘ worden. Bei der deutschen Ausgabe, die erst Mitte Mai 1993 erschien, scheint der Erfolg schon nicht mehr derselbe zu sein: ‚Publik-Forum‘ (Nr. 10/21.5.1993, S. 47) zufolge sind nach Schätzungen von Branchenkennern erst 80 000 Stück der 450 000 gedruckten Exemplare vom Buchhandel bestellt worden.

Angesichts des kommerziellen Erfolgs, an dem vor allem auch der Vatikan selbst gut mitverdient, da er sich die finanziellen Autorenrechte für alle Landesausgaben gesichert hat, kam die ‚forum‘-Redaktion

zum Schluß, daß dieses Thema auch unsere Leser interessieren dürfte, und sie beschloß, ein paar Lesehilfen anzubieten, die das ‚blaue Buch‘ auch in den Kontext der aktuellen vatikanischen Restaurationspolitik stellen.

Seminar-Professor Georges Hellinghausen erklärt eingangs, was Sinn und Zweck des Weltkatechismus ist, wobei der Leser durchaus schlußfolgern darf, daß er eigentlich nicht für das große Publikum gedacht ist, das ihn nun kauft. Der Tübinger Pastoraltheologe Prof. Dr. Norbert Greinacher geht vor allem auf den einseitigen, monologischen Produktionsprozeß des Katechismus ein, der den heutigen Anforderungen der Glaubensvermittlung nicht entspreche.

Dann befassen sich mehrere Autoren mit einzelnen inhaltlichen Aspekten des Katechismus. Diese Beiträge stellen an sich aber auch Reflexionen aus heutiger theologischer Sicht über zentrale Aspekte des christlichen Glaubens dar, die auch unabhängig von der in ihnen enthaltenen Katechismus-Kritik sicher von Interesse sind. Seminar-Professor Thomas P. Osborne untersucht, inwieweit die Autoren exegetisch sauber gearbeitet haben. Religionslehrer Metti Flammang setzt sich mit der Schöpfungs- und Erbsündelehre auseinander, die im Weltkatechismus

aufgewärmt wird. Jupp Wagner geht den in Bibel und/oder Katechismus für katholische Amtsträger gebrauchten Begriffen nach und bemängelt das vorkonziliare Kirchenverständnis des letzteren. Paul Kremer drückt sein Unbehagen aus gegenüber dem Wahrheitsanspruch des Katechismus, mit dem ein von der modernen Wissenschaftsphilosophie her denkender Mensch einfach nichts mehr anzufangen wisse.

Mit den moraltheologischen Aussagen des Weltkatechismus befaßt sich Prof. Dr. Dietmar Mieth (Tübingen) in einem Interview, das er uns zur Verfügung stellte, während Gaylord sich mit den Vorstellungen des Katechismus in Sachen Sexualmoral auseinandersetzt. Die ACAT veröffentlichte schon vor Monaten eine Pressemitteilung, in der sie ihre Bestürzung über die Katechismus-Aussage zur Todesstrafe zum Ausdruck brachte. Abschließend analysiert Jupp Wagner die beiden Paragraphen 1 und 2298 und das sich darin spiegelnde Gottesverständnis und kommt zum Schluß, die Kirche brauche keinen Weltkatechismus, wenn sie überleben und ihren Glauben weitergeben wolle, sondern lebendige Gemeinden.

Die meisten ‚forum‘-Beiträge setzen sich also kritisch mit dem kiloschweren Buch auseinander, zeigen Widersprüche auf, im Text selbst und zwischen Katechismus und Bibel, bedauern die mangelnde theologische und historische Wissenschaftlichkeit und den dilettantischen Umgang mit Zitaten. Der Einwand, Glaube sei keine Wissenschaft, kann

dagegen nicht geltend gemacht werden, da Glaube sich auch in einer rational durchgestalteten Welt verantworten können muß. Mit den Methoden des Weltkatechismus kann das Ziel, das ihm der Erzbischof von Luxemburg in seiner schon zitierten Verlautbarung zuweist (‚Zum Glauben hinführen bzw. den Glauben vertiefen, ist sein letztes Ziel.‘) nicht erreicht werden. Das scheint der Bischof selbst gespürt zu haben, denn am Schluß bleibt ihm nur noch ein Argument: ‚Der dreimal heilige Gott ist und bleibt ein Geheimnis‘. Wie wenig heutige Menschen damit etwa anzufangen wissen, wie sinnlos also ein teures Unterfangen wie der Weltkatechismus ist, hat Paul Kremer in seinem Beitrag aufgezeigt. Kann man Glaube oder Liebe – für beides gab es im Latein ein Wort: fides – rational vermitteln? Sind beides nicht nur im gelebten Zeugnis, im gemeinschaftlichen Leben erfahrbar? Versperrt aber der Katechismus nicht gerade den Weg zu dieser Einsicht des Evangeliums?

m.p.

Nicht-Abonnenten seien darauf hingewiesen, daß Jupp Wagner zum Thema Weltkatechismus schon mehrere Beiträge in ‚forum‘ veröffentlicht hat: über das Bestseller-Phänomen und die vatikanischen Uniformisierungsabsichten (Nr. 141), über das Kirchenverständnis des Katechismus und die apostolische Sukzession der Bischöfe (Nr. 143), über das Bußsakrament und die Unfehlbarkeit (Nr. 145). Alle Nummern können noch bei der Redaktion bestellt werden.

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