Als grüner Christ im Gemeinderat

Ein Gespräch mit Dr. Martin Probst, Erstgewählter in der Gemeinde Junglinster

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Ein Gespräch mit Dr. Martin Probst, Erstgewählter in der Gemeinde Junglinster

Der Wahlerfolg der Grünen GLEI/GAP hat dem Junglinster Bürgermeister Denis Dimmer (CSV), der zudem vom grünen Spitzenkandidaten Martin Probst geschlagen wurde, wohl eine unangenehme Überraschung bereitet. Obschon die Grünen mit 24,2% der Stimmen ihr Resultat von 1987 fast verdoppeln konnten und nun der CSV (28,6%, d.h. -5,2%-Punkte im Vergleich zu 1987) dicht auf den Fersen sind, weigerte sich der Wahlverlierer vorerst mit den Grünen über eine von ihnen angebotene Koalition zu verhandeln. "forum" sprach mit dem Erstgewählten der Gemeinde Junglinster über seinen persönlichen Werdegang und seine ersten Schritte auf dem parteipolitischen Parkett.

"forum": Martin, ich kenne Dich seit unserer gemeinsamen katholischen Vergangenheit in der "Jugendpor" und verwandten Kreisen. Wie kamst Du von Deinem damaligen, christlichen Engagement zur Kandidatur auf einer grünen Liste?

Martin Probst: Sicher hat meine christliche Überzeugung eine Rolle gespielt. Mein politisches Engagement habe ich in der JEC gelernt. Vielleicht gingen mir schon ein bisschen vorher die Augen auf. Die Ereignisse von Mai 1968 haben sicherlich auf mich abgefärbt. Ich war damals auf Sexta. Einer meiner Klassenkameraden war der Sohn eines sozialistischen Abgeordneten. Ich erinnere mich, daß wir damals schon über solche Ereignisse diskutierten. Mein eigentliches Interesse für Politik kam auf Tertia, z. T. durch die JEC, aber auch durch die Ereignisse 1971 in Luxemburg, als die Schüler hier ihr ‚Mai 1968‘ nachholten. Ich war damals auch Mitglied eines Schülerkomitees. Geprägt hat mich sicher auch Pater Paul Daman sj.

Aber es ist schwer zu sagen, ob das spezifisch Christliche mich grün gemacht hat. Das Grüne kommt sicher auch von meinem Vater. Er liebt es, Vögel zu beobachten. Schon als Kind lernte ich, mich für die Natur zu interessieren. Schon Ende der 60er Jahre entwickelte ich echte Ängste, jedes Mal wenn ein neues Haus gebaut oder eine neue Straße angelegt wurde. Die Zubetonierung der Landschaft gehört noch heute zu meinen ersten Sorgen.

"forum": Bist Du denn schon seit längerem Mitglied einer grünen Partei?

Martin Probst: Nein. Ich begann 1987 einen Mitgliedsbeitrag an die GLEI zu zahlen, als die Liste mich nach den Gemeindewahlen, bei denen sie in Junglinster einen Sitz errungen hatte, bat, in ihrem Namen Mitglied der Umweltkommission zu werden. Ich sympathisierte sicher seit ihrer Gründung, 1984, mit den Grünen und freute mich auch damals über ihren Wahlerfolg. Ich beobachtete sie aber auch schon zu jenem Zeitpunkt mit der notwendigen Distanz. Und diese Skepsis, die ich in der JEC gelernt habe, hege ich gegenüber allen Parteien. Von

Maurice Bellet habe ich gelernt, mich immer wieder in Frage zu stellen, also das Gegenteil eines Konservativen zu sein. Das ist mir sehr wichtig.

Eine grüne Partei muß sich m.E. noch mehr als andere Parteien immer wieder selbst in Frage stellen, in allen Hinsichten. Eine grüne Partei enthält nichts spezifisch Christliches. Das soll sie auch nicht, denn sonst würde sie weder ihrer politischen Mission noch dem christlichen Glauben gerecht. Beide Bereiche sind m.E. zu trennen.

"forum": Bei den Gemeindewahlen sind die zwei Parteien GLEI und GAP mit gemeinsamen Listen aufgetreten. Wie war die Liste in Junglinster zusammengesetzt?

Romain Hoffmann

Martin Probst: Ich habe mich das auch gefragt. Bisher waren ja zwei GLEI-Vertreter im Gemeinderat: Rob Brimer, der allerdings nach vier Jahren frustriert das Handtuch warf, und Jos Greischer, der ihn dann ersetzte. Jup Weber und ich sind auch in der GLEI gewesen. Eine Kandidatin, Irène Schmitt, ist wohl eher der GAP zuzuzählen. Von den anderen weiß ich nicht, ob sie Mitglied einer Partei waren oder nicht.

"forum": In Junglinster hat die GLEI/GAP bei weitem den größten Erfolg zu verzeichnen. Worauf ist das zurückzuführen? Ich sehe mögliche Ursachen auf verschiedenen Ebenen. Auf der Ebene der Partei: ein geschickt geführter Wahlkampf oder besondere Schwächen der etablierten Parteien: die Grünen brachten es fertig, lokale Probleme überzeugend aufzugreifen und glaubwürdige Lösungen vorzuschlagen; dann sicher auch die personell sehr starke Liste, deren Erfolg ich schon auf der Oeko-Foire vorausgesagt hatte. Andererseits sehe ich auch eine Reihe privater Ursachen für den Wahlerfolg, die dann wieder mit der starken Liste zusammenhängen: In Junglinster waren mehr als in anderen Ortschaften Kandidaten auf der GLEI/GAP-Liste, die lokal gut verankert sind, die echte lokale Persönlichkeiten mit einem unbestreitbaren Bekanntheitsgrad darstellen.

Martin Probst: In der Tat kandidierten bei uns zwei gewesene Gemeinderäte, ein Abgeordneter, meine Wenigkeit. Auch die anderen Kandidaten wohnen seit langem in einem Dorf der Gemeinde, ohne vielleicht den Bekanntheitsgrad der ersteren zu besitzen. Fünf von ihnen sind Mitglieder der lokalen Bürgerinitiative.

"forum": Das spiegelt sich ja auch in den Ergebnissen: Du gingst als erster aus den Wahlen hervor. Du stammst aus einer alteingesessenen Linster Familie. Vielleicht war Dein Vater schon mal Gemeinderat …

Martin Probst: Das zwar nicht, aber er wohnt mit einer kurzen Unterbrechung seit über 50 Jahren hier.

"forum": Und Du bist Arzt.

Martin Probst: Und ich war Mitbegründer der lokalen Vogelschutzsektion und während fünf Jahren deren Präsident.

"forum": Solche Persönlichkeiten konnten die Grünen weder in der Hauptstadt noch in Esch als Kandidaten gewinnen. Auch in Differdingen konnte ein Arzt auf einer grünen Liste sich durchsetzen und wurde mit einem der dortigen Lehrer in den Gemeinderat gewählt. Mir scheint Deine Kandidatur für die grüne Bewegung sehr wichtig, weil sie Signalwirkung haben kann. Erstmals kandidierte einer, den man im 19. Jahrhundert als Notabeln bezeichnet hätte, auf einer grünen Liste. Bisher standen solche Personen in Luxemburg grünen Parteien eher skeptisch und zurückhaltend gegenüber.

Martin Probst: Ich wäre natürlich froh, wenn diese Signalwirkung eintreten würde. So wie es mich gefreut hat, daß Berufskollegen, die anderen Parteien nahestehen, mir anriefen, um mir zu gratulieren. Das hatte ich nicht erwartet.

"forum": Deine Präsenz hat ohne Zweifel zum Gesamterfolg der GLEI/GAP in Junglinster wesentlich beigetragen, sie erklärt möglicherweise den Stimmenvorsprung der Liste im Vergleich zu den Stimmenanteilen der GLEI/GAP in anderen Ortschaften, aber sie erklärt nicht alles.

Martin Probst: Sicher nicht. Ich denke, die Propaganda, die wir gemacht haben, war auch sehr klug und wirksam. Selbst ältere Leute sprachen mich an und meinten: Ihr habt gute Fragen, oder gute Forderungen!

Carlo Schmitz

"forum": Was waren die wichtigsten "grünen" Forderungen in Junglinster?

Martin Probst: Zunächst mal die Beruhigung des Verkehrs auf der Echternacher Straße. Dann die Verbesserung der Trinkwasserqualität, die Demokratisierung der Gemeindeführung, die Verstärkung der Müllproblematik neben der schon bestehenden getrennten Mülleinsammlung. Wir forderten auch, endlich praktische Konsequenzen aus der Biotop-Kartierung von 1988 zu ziehen. Im Vergleich zum Propagandamaterial der anderen Parteien war das unsriges sicher konkreter, übersichtlicher und billiger. Beim "Lënster Maart" am letzten Wochenende im September veranstalteten wir einen Quiz, an dem sich über 100 Personen beteiligten, von denen etwa 20 alle Fragen richtig beantworteten, etwa über den Nitrat-Richtwert im Wasser.

"forum": Der Nitratwert ist in der Gemeinde Junglinster bekanntermaßen sehr hoch. Ist das auch eine Erklärung für die stärkere Sensibilität der Einwohner für grüne Themen?

Martin Probst: Wahrscheinlich. Es gibt wohl seit 1988 ein Quellenschutzreglement, aber das genügt nicht. Wir werfen der Gemeindeführung vor allem vor, mit der Mischung von SEBES-Wasser mit unserem Quellenwasser die Sorge um eine Verbesserung des eigenen Wassers hintanzustellen. Umstritten ist auch ein Lotissement in Gonderingen in einer Quellenschutzzone II, wo nur mit Sondergenehmigung gebaut werden darf. Dieser Paragraph ist allerdings dehnbar. Der Geologe aus dem Umweltministerium hat in diesem Fall das geforderte Gutachten abgegeben, und es fiel eindeutig negativ aus. Trotzdem erteilte der Innenminister seine Genehmigung. Dagegen haben zwei Kandidaten der grünen Liste im persönlichen Namen vor Gericht Beschwerde geführt. Das ist sicher einer der größten Gegensätze, die uns von den anderen Parteien trennen …

"forum": … und der nun eine Koalition der GLEI/GAP mit der CSV verhindert.

Martin Probst: Es sieht so aus.

"forum": Das läßt aber auf ein komisches Demokratieverständnis schließen. Habt ihr deswegen die Demokratisierung auch zum Wahlkampfthema gemacht?

Martin Probst: Tja …

"forum": Wie hast Du persönlich denn den Wahlkampf erlebt? Das geht doch auch an die Nerven, oder?

Martin Probst: Also ich muß sagen, er war überhaupt nicht hitzig in unserer Gemeinde, alles lief sehr sachlich ab. Zu der einzigen Wahlversammlung, die wir veranstaltet hatten, waren rund 30 Zuhörer gekommen, was durchaus als Erfolg gewertet werden muß. Und es gab interessante Diskussionen, auch mit politischen Gegnern. Es hat auch die ganze Zeit über keine Pi. e. ein gegeben. Die scheinen erst jetzt nach unserm Erfolg zu kommen.

"forum": Und wie geht es für Dich weiter? Siehst Du keine Inkompatibilitäten zwischen Deinem Beruf als Arzt und Deinem Mandat als Gemeinderat?

Martin Probst: Schwierigkeiten sehe ich wohl, aber keine, die nicht überwindbar wären. Einerseits heißt es, strikt zwischen Medizin und Politik zu trennen. Ich habe kein Problem, weiterhin Patienten zu behandeln, die nun zu meinen politischen Gegnern zählen werden. Für mich sind das zwei verschiedene Sachen. Andererseits stellt sich die Frage nach der zeitlichen Kompatibilität. Auf die kann ich allerdings noch nicht recht antworten, weil ich nicht weiß, wieviel Zeit die Arbeit für die Gemeinde in Anspruch nehmen wird.

"forum": Das wird in der Opposition einfacher sein denn als Bürgermeister …

Martin Probst: Sicher, aber ich möchte auch in der Opposition seriöse Arbeit leisten. Allein die Einarbeitung in die Gesetzgebung und Reglemente kostet schon Zeit. Ich habe daher auch verschiedene Aktivitäten in Vereinigungen (Natur- und Vogelschutz, Kinderkrippe "Päiperléck") aufgegeben.

"forum": Welche Schlußfolgerung würdest Du abschließend festhalten?

Martin Probst: Zunächst mal, daß die Sache mir viel Spaß macht. Aber sicher nicht aus Machtgelüsten oder Karrieredenken. Ich will nicht leugnen, daß mein gutes Resultat bei den Wahlen mir viel Freude bereitet hat. Eine solche Anerkennung tut immer gut. Ich bin ein Linster Einwohner. Ich hänge daran. Umso schmerzlicher erlebe ich, was alles hier passiert. Das Dorf wächst und wächst, einfach ohne Konzept. Daher fand ich es schon spannend, auf das Angebot zu kandidieren, einzugehen, um Einfluß auf eine geordnetere Dorfentwicklung zu nehmen. Ich habe eine ganze Menge von kleineren Projekten im Kopf …

Mein Problem ist, daß ich nicht streiten kann. Ich habe ein sehr großes Konsensbedürfnis. Daher laufe ich immer Gefahr, eigene Positionen vorschnell aufzugeben.

Ein heikles Thema ist die Zusammenarbeit mit dem Beamtenapparat. Ein Beispiel: Das Feldwegeteerprogramm, laut dem der Belag alle fünf Jahre erneuert wird, egal ob er abgenutzt ist oder nicht. So gehen alle fünf Jahre soviel Geld, soviel Teer, soviel Umwelt drauf. Wie kann man die Beamten, ohne sie vor den Kopf zu stoßen, dazu bewegen, diesen Plan differenzierter auszuführen?

"forum": Camille Gira hat als "grüner" Bürgermeister in Beckerich die Erfahrung gemacht, daß es durchaus möglich ist, Gemeindebeamten und -arbeiter vom Nutzen ökologischen Denkens zu überzeugen, bis hin zur Putzfrau, die von sich aus zuerst nachfragt, ob ein bestimmtes Putzmittel verantwortbar ist.

Martin Probst: Meiner Meinung nach sollten wir mit ihm Kontakt aufnehmen. Allerdings gibt es auch einen Unterschied zwischen einer Gemeinde von 1700 Einwohnern und einer solchen von über 5000 wie Junglinster.

"forum": Martin, ich danke Dir für das Gespräch.

Das Gespräch wurde am 18.10.1993 von michel pauly aufgezeichnet.

Diese Skepsis, die ich in der JEC gelernt habe, hege ich gegenüber allen Parteien. Von Maurice Bellet habe ich gelernt, mich immer wieder in Frage zu stellen, also das Gegenteil eines Konservativen zu sein.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code