Die Nationalbibliothek trägt Trauerflor

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Die Passanten, die sich am Nationalfeiertag zum Te Deum in die Kathedrale begaben, hatten kaum bemerkt, daß bei der benachbarten Nationalbibliothek die Fahne auf Halbmast gesetzt war. Nur der "Républicain Lorrain" fand heraus, daß Direktor Jul Christophory selbst dieses Trauerzeichen angeordnet hatte: Weder in den Parteiprogrammen zur Wahl am 12. Juni, noch bei den laufenden Koalitionsverhandlungen war die Rede von strukturellen Verbesserungen zugunsten der aus allen Nähten platzenden Bibliothek. Inzwischen ließ die Regierung ein Disziplinarverfahren gegen den humorvollen Direktor in die Wege leiten, wegen Mißbrauchs der Nationalfarben, doch von einer zukunftsorientierten Bibliothekspolitik steht auch in der inzwischen abgegebenen Regierungserklärung nichts zu lesen. In der Tat ist die Lage in der Nationalbibliothek (NB) viel zu ernst, als daß man sie mit einem Witz abtun könnte.

Der Personalmangel

Welcher Forscher hat sich noch nicht über die viel zu kurzen Besuchszeiten geärgert: Die Bibliothek öffnet erst morgens um halb elf und schließt abends um

halb sieben. Doch Bücher aus dem Magazin – direkt sind nur etwa 20 000 Bücher zugänglich – werden außer um halb zwölf nur nachmittags ab zwei ausgegeben. Montags ist ganz geschlossen, samstags ist nur von neun bis zwölf geöffnet. Ursache: Personal-

Ein Leser darf auch immer nur je vier Bücher gleichzeitig mit nach Hause entleihen.

mangel. Die wenigen Magazinarbeiter brauchen die übrige Zeit, um zurückgebrachte Bücher bzw. Neuerwerbungen in die Regale zu stellen. Das Kompaktussystem, das zwar sehr platzsparend ist, weil die Regale elektrisch zusammengeschoben werden, verhindert, daß zwei Leute gleichzeitig im selben Magazin arbeiten können. Doch die Leute fehlen auch. Zur Zeit gibt es ca. 35 Stellen an der Nationalbibliothek. Die seit wenigen Monaten geöffnete Mediathek mit ihren 1600 Video-Kassetten und Tonaufnahmen von allen Luxemburger Komponisten ist gar nur an zwei Nachmittagen in der Woche zugänglich.

Ein Leser darf auch immer nur je vier Bücher gleichzeitig mit nach Hause entleihen: für Forscher eine unerträgliche Beschränkung ihres Arbeitseifers, da häufig ein Problem aus mehreren Büchern gleichzeitig betrachtet werden muß. Trotzdem erhält man nicht selten eine Bestellkarte zurück mit dem Vermerk: Fehlt an seinem Platz, oder seit X Jahren ausgeliehen. Systematische Versuche, solche Bücher zurückzufordern, werden aber nicht unternommen. An einer genauen Buchführung über die Entleihungen – wie etwa in Trier, wo automatisch nach Ablauf der Leihfrist Mahnungskarten verschickt und Säumnisgebühren eingefordert werden – scheint es wohl auch wegen Personalmangel in Luxemburg zu hapern.

Seit 1985 werden die Neuzugänge auf Microfiche bzw. im SIBIL-Computerkatalog erfaßt. Bis Mitte 1994 sind das 180 000 Eintragungen; dazu gehören aber auch jene der anderen an SIBIL angeschlossenen Bibliotheken. Insgesamt besitzt die Bibliothek aber 600 000 Bände und 6 000 Zeitschriftentitel. Das derzeitige Personal schafft die Neuaufnahme in SIBIL von jährlich 25 000 Titel. Die älteren Bestände sind daher immer noch nur auf Papierkärtchen an Ort und Stelle zu konsultieren. Außerdem stehen im Katalograum der NB nur fünf SIBIL-Terminals zur Verfügung, so daß sich häufig Warteschlangen bilden.

Trotz ihres Umfangs weist die NB eindeutige Mängel in gewissen Fachbereichen auf. Naturwissenschaften sind z.B. mangelhaft vertreten. Auch in Soziologie, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, fehlt es an vielem, was über die klassischen Handbücher hinausgeht. Geschichte und Kunstgeschichte hingegen sind eher gut bestückt. Doch die Kaufpolitik hängt weitgehend an einzelnen Bibliothekaren bzw. an Kaufvorschlägen von Lesern; eine systematische Durchsicht der Fachkataloge nach relevanten Neuerscheinungen geschieht hingegen kaum oder unzureichend. Der Verweis auf andere Bibliotheken, wie jene des Centre universitaire, für in der NB unterbestückte Fachbereiche ist zwar dank SIBIL nicht mehr rhetorisch, doch die Bücher im Centre universitaire z.B. können nicht nach Hause entleihen werden. Im übrigen ist auch die Kaufpolitik an anderen Bibliotheken nicht unbedingt komplementär zur Nationalbibliothek.

Ein weiterer Nachteil der NB ist ihre Lage mitten im Stadtkern, ohne eigene Parkplätze. Wer für längere Zeit dort zu tun hat, weil seine Bücher alle im Lesesaal stehen, kann problemlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hin. Doch wer nur ein paar Bücher ausleihen will, beschwert sich, für zwanzig Minuten Wartezeit am Leihschalter eine Anreise mit dem Bus

auf sich zu nehmen. Sonderplätze für Kurzzeitparker sind aber nicht vorgesehen.

Allerdings hat man den Eindruck, die Bibliothekare täten alles, um immer mehr Leser zum Verweilen in den Lesesälen zu zwingen, indem sie immer mehr Bücher von der Heimausleihe ausschließen. Neuerdings dürfen z.B. auch Luxemburger Zeitschriften nicht mehr mit nach Hause genommen werden, obschon von denen allein schon wegen der kostenlosen vier Pflichtexemplaren des "Dépôt légal" mehrere Exemplare vorhanden sind. Eine solche Politik steht in krassem Gegensatz zu den Aussagen des NB-Direktors Jul Christophory, der jüngst einem "Letzeburger Land"-Journalisten gegenüber meinte, auch in Luxemburg habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, "daß die Nationalbibliothek weniger eine Museum sein sollte, in dem wertvolle Bücher gehört werden, als vielmehr ein moderner Dienstleistungsbetrieb, der in Konkurrenz zu privaten Anbietern den raschen Zugriff auf wichtige Informationen und Daten ermöglichen müsse" (LL, 5.8.1994). Der Unterzeichnete empfindet es jedenfalls nicht als normal, daß er nach Trier fahren muß, um ältere Jahrgänge der "Hémecht" oder der PSH aus der dortigen Universitätsbibliothek zu entleihen, weil in Luxemburg keine Bibliothek solche Bände mit nach Hause gibt. Genügt es nicht, daß die "Réserve précieuse" als Museum gilt, in das nur ausgesonderte Gäste zugelassen werden?

Die Beschränkungen bei der Heimausleihe gelten auch für neuere Bände ausländischer Zeitschriften, weil sie immer häufiger ungebunden im Regal stehen. Es gibt trotzdem nur einen einzigen Photokopierer, der dem Publikum zugänglich ist. Daß immer seltener Zeitschriftenbände gebunden werden, ist nicht direkt die Schuld der NB, sondern des immer schwerfälliger Submissionswesens beim Staat. Nur wenn ein genügend großes Quantum Bücher zu binden ist, dürfen Preisofferten von Buchbindern angefordert werden. Dann verlassen schlagartig eine ganze Menge Bände die NB und verweilen oft bis zu sechs Monaten in einer Buchbinderei. Während solche Abwesenheiten bei den luxemburgischen Zeitschriften noch zu vertreten sind, weil Doubletten vorhanden sind, ist das bei ausländischen Zeitschriften, die in der Regel nur in einem Exemplar da sind, nicht zu verantworten. Daher wird auf die Buchbinderei verzichtet, mit dem Ergebnis, daß die ungebundenen Jahrgänge nicht mehr nach Hause entleihen werden können. Auch in dieser Sache drängt sich im Interesse der Dienstleistung am Benutzer eine flexiblere Gestaltung des staatlichen Auftragswesens an private Lieferanten auf.

Mangelhafte Informatik

Für die Parkplatznot bei der NB bietet das SIBIL-Netz, an das zehn andere Luxemburger Bibliotheken angeschlossen sind (1), eine ganz andere Lösung an: Da hier auch autogünstiger gelegene Bibliotheken erfaßt sind, etwa die Bibliothek des Centre Universitaire auf Limpertsberg oder die Seminarsbibliothek auf Weimershof, müßte es doch möglich sein, dort die Bücher per ‚Fern’leihe zu bestellen und sie am nächsten Tag dort abzuholen, sozusagen an einem Aussenschalter der NB. Warum nicht eine Navette orga-

nisieren, die alle an SIBIL angeschlossenen Bibliotheken miteinander verbindet?

Die Terminals (2), die in diesen Bibliotheken stehen, erlauben zwar die Konsultation der Kataloge aller angeschlossenen Bibliotheken, doch das System ist nicht interaktiv. Vorbestellungen, die den Aufsicht bei der NB im Stadtzentrum auf zwei Minuten verkürzen könnten, können über SIBIL nicht getätigt werden. Wünschenswert wäre auch eine Einspeisung des SIBIL-Katalogs in öffentliche Datennetze wie RESTENA, damit die Kataloge noch von anderen Stellen aus konsultiert werden könnten. Als vor Jahren die RESTENA-Betreiber im Erziehungsministerium die Aufnahme des NB-Katalogs in ihr Netz in Vorschlag brachten – nicht zuletzt um ihrem Datennetz zu einer Rechtfertigung zu verhelfen – war die NB dagegen.

Das Informatiksystem von SIBIL ist allerdings auch nicht mehr das modernste. Allein schon die Tastatur entspricht nicht den heute üblichen Standards und verführt computergeübte Benutzer zu zahllosen Fehleingaben. Hier wäre unbedingt ein Window-gestütztes, benutzerfreundliches, interaktives System einzuführen. SIBIL ist nur konsultierbar nach den von der NB vorgegebenen Suchwegen; Benutzerfragen sind nicht vorgesehen. Um z.B. herauszufinden, welche Bände einer Buchreihe verfügbar sind, muß man das Betriebsersonal um Hilfe bitten. Bibliographische Recherchen etwa aufgrund von im Titel oder in Inhaltsangaben enthaltenen Begriffen sind für Außenstehende nicht möglich. Die Abhängigkeit der SIBIL-Betreiber vom für seine Innovationsträgheit bekannten Centre Informatique de l’Etat gibt kaum Hoffnung auf Besserung. Wenn das dortige Netz zusammenbricht, was vor allem samstags gerne vorkommt, fällt auch SIBIL aus. Ein hausinterner Informatiker könnte der NB allerdings schon große Dienste leisten; der ist aber selbst dann nicht vorgesehen, wenn in absehbarer Zeit der Ausleihdienst informatisiert werden soll.

Im Ausland gibt es Bibliotheken, wo man schon auf dem Bildschirm erkennt, ob ein Buch derzeit ausgeliehen ist oder nicht. Um die Ausleihe zu automatisieren, müssen aber zunächst alle Luxemburgs, die bislang ohne Nummer nur in alphabetischer Ordnung im Magazin stehen, rekatologisiert werden. Außerdem müssen alle 600 000 Bücher mit einem elektronisch ablesbaren Strichkode versehen werden. Die Arbeiten haben anscheinend begonnen. Für 1995 sollen die 150 000 Luxemburgs mit einer Nummer versehen und in SIBIL erfaßt sein. Den Auftrag dazu soll eine ausländische Firma erhalten haben, die mittels Scanner die alten Karteikärtchen in die elektronische Datei einlesen will. Fachleute stellen die Frage, ob es nicht billiger und vor allem zuverlässiger wäre, ein halbes Dutzend Student anzustellen, um die bibliographischen Angaben nach heutigen Regeln in den Computer einzuspeisen.

Unverständlich ist auch, wieso die Nationalbibliographie, die von der NB herausgegeben wird, angesichts der computerefaßten Grunddaten mit so grossem zeitlichem Rückstand erscheint und noch grobe Lücken enthält.

Am schlechten Willen der NB-Verantwortlichen fehlt es sicher nicht. Für 1995 hatten sie daran ge-

gedacht, die Bibliothekskataloge auf CD-Rom zu veröffentlichen, als Beitrag der NB zum Kulturjahr, wie Direktor Jul Christophory am 28.6.1994 in einem RTL-92,5-Rundtischgespräch mitteilte. Es wäre das ein echter Beitrag gewesen, um Luxemburger Kulturbestände auch im Ausland bekannt und dauerhaft verfügbar zu machen, vielleicht die einzige Initiative im Kulturjahr mit echt europäischer Dimension und von dauerhafter Wirkung. Forschungsinstitute, Bibliotheken, sogar private Forscher in In- und Ausland hätten mit Sicherheit zu den Kunden gehört, da so die mühsame Suche nach Literatur zu einem bestimmten Thema zuhause auf dem PC möglich würde, vor allem wenn jährlich eine Aktualisierungsdiskette folgen würde. Die Methode wäre zweifellos billiger als On-Line-Schaltungen mit Zugriff auf SIBIL. Der Austausch von Bibliothekskatalogen auf elektronischen Datenträgern gehört zweifellos zu den viel gepriesenen Informationsautobahnen der Zukunft. Doch der Kulturminister, der sich gleichzeitig damit brüstet eine Initiative gestartet zu haben, um Luxemburg an diesen ‚Informationsautobahnen‘ teilhaben zu lassen, die neben ASTRA zum großartigen Informationsangebot der Zukunft gehören sollen, weigert sich, diesen CD-Rom oder auch nur Disketten, sozusagen den Feldweg, mit dem auch Luxemburg bis zur Autobahn fahren könnte, zu bezahlen: es fehlen 15 Millionen Franken.

Würde Luxemburg einen derartigen Dienst anbieten, würde es vielleicht auch möglich, im Austausch die Kataloge der wissenschaftlichen Bibliotheken im nahen Ausland (Trier, Metz, Nancy, …) in Luxemburg

Romain Hoffmann

Zum Vergleich

In der Universitätsbibliothek in Trier stehen 950.000 Bücherbände und 230.000 Zeitschriftenbände zur Verfügung. Zur Zeit sind 6.000 in- und ausländische Fachzeitschriften abonniert und etwa 60 in- und ausländische Tages- und Wochenzeitungen. Die Leihfrist beträgt drei Monate, es sei denn ein anderer Leser wünscht dasselbe Buch: dann kann es nach einem Monat zurückgefordert werden. Die Anzahl der entliehenen Bücher ist unbeschränkt. Die Bibliothek ist geöffnet von 8-21 Uhr, an Samstagen von 9-17 Uhr. Auch Präsenzbände können über Nacht (19-10 Uhr) und übers Wochenende ausgeliehen werden. Etwa zwei Drittel des Buchbestands sind direkt zugänglich, der Rest steht im Magazin und muß per Ausleihschein bestellt werden. (Die Öffnungszeit der Magazinausleihe: 10-16 Uhr, Bestellung vor 11 Uhr, ist allerdings auf Studierende und Wissenschaftler vor Ort zugeschnitten.) Bücher aus der Trierer Stadtbibliothek und aus der Bibliothek des Priesterseminars können von der Universitätsbibliothek aus bestellt und dort abgeholt werden. Auswärtige bibliographische Datenbanken sind mittels CD-ROM in der Bibliothek abfragbar. Desgleichen können Online-Literaturscherchen gemacht werden. Personalmäßig ist die Trierer Unibibliothek mit 100 Stellen bestückt.

einzusehen. Mancher Benutzer würde es vorziehen, etwa nach Trier zu fahren, wenn er sicher ist, ein bestimmtes Buch dort zu finden, statt auf die zeitaufwendigen – und für die NB teuren und arbeitsintensiven – Prozeduren der internationalen Fernleihe zurückzugreifen.

Der Platzmangel

Die große Sorge des Direktors ist neben dem Personal- der Platzmangel. 1972 war die Bibliothek in das alte Jesuitenkolleg neben der Kathedrale eingezogen. Heute sind alle Platzreserven aufgebraucht. Jährlich kommen rund 10 000 Neuzugänge hinzu. 1985 wäre es fast schon zur Katastrophe gekommen. Als der Turm der Kathedrale Feuer gefangen hatte, drohten brennende Balken auf das Dach der Bibliothek zu fallen: Die im Speicher, entgegen aller sicherheitstechnischen Vorsichtsregeln gelagerten Bestände wären verloren gewesen. Und wer weiß, ob der Brand auf dieses Stockwerk zu begrenzen gewesen wäre. Weitere Depôts besitzt die NB auf Kirchberg und in einem Gebäude in der Nähe des Stadtparks.

An Plänen für einen Ausbau der NB fehlt es nicht. Am leichtesten und schnellsten wäre die Glasüberdeckung des Binnenhofes zwischen Bibliothek und Kathedrale zu bewerkstelligen. Als Vorbild könnte das Staatsarchiv in ’s-Hertogenbosch (NL) dienen, das in einem alten Fort untergebracht ist und dessen Lesesaal auch in einem überdeckten Binnenhof liegt. Trotz positiver Haltung des Denkmalschutzamtes können das Bautenministerium und der von Ex-Premier- und Kulturminister Pierre Werner präsidierte Kirchenrat der Kathedrale sich aber anscheinend nicht zu einer Entscheidung durchringen. Dabei hätte auch die Kathedrale etwas zu gewinnen: Der ihr gehörende, als NB-Zeitschriftenlesesaal umgenutzte Pilgersaal rechts neben dem Eingang der Kathedrale in der ‚Enneschtgaass‘ würde ihr zurückerstattet, die Bibliothek müßte ihn nicht mehr jährlich zur Oktave ausräumen.

Der Platzgewinn wäre bei einer einfachen Überdeckung allerdings nicht ganz groß. Am besten würde man dann wohl hier den Lesesaal und die direkt zugänglichen Regale aufstellen, so daß die alten Lesesäle für Magazine zur Verfügung ständen. Besser

wäre allerdings eine Unterkellerung des Binnenhofes: der so gewonnene Raum wäre zweifellos ein ideales Magazin, … wenn die Grundmauern der anstoßenden Gebäude aus dem 17. Jahrhundert solche Arbeiten aushalten.

Es ist auch schon an ein unterirdisches Buchsilo auf dem Parvis der Kathedrale gedacht worden. Ausländische Experten haben die Machbarkeit studiert, doch das Bautenministerium legte ihre Berichte ungelesen zur Seite.

Der "Fonds du Kirchberg" sieht auch eine neue Bibliothek auf seiner Maquette zur Neuamenagierung dieses Stadtviertels vor, gleich in der Nähe des geplatzten Museums für zeitgenössische Kunst.

Doch bis solche Zukunftsmusik Wirklichkeit wird, ist die NB am Boulevard Roosevelt betriebsunfähig geworden. Direktor Jul Christophory meinte im schon zitierten Artikel im "Letzeburger Land", die NB könne keine Werbung für ihre Leistungen machen "aus Angst, daß man einen weiteren Publikumszuwachs nicht verkraften könne".

Fehlende Bibliothekspolitik

Leider darf man nicht optimistisch sein, daß bald eine Lösung gefunden wird. 1995 wird alles Kulturgeld in schnellebigere Projekte investiert, die spektakulärer sind als Investitionen in die intellektuelle Zukunft Luxemburgs. Und daß der Luxemburger Staat wertvollste Bibliotheken vergammeln läßt, ist nicht neu. Seit Jahren machen die Verantwortlichen der Historischen Sektion des Großherzoglichen Instituts das Kulturministerium auf die desolaten Zustände ihrer einzigartigen Bibliothek aufmerksam (vgl. "forum" Nr. 132/Dez. 1991, S. 55): Ihre zum großen Teil ins 19. Jahrhundert reichenden Bestände, die viele Unika enthalten, vermodern in den feuchten Kellern bzw. im überhitzten Speicher des ’neuen‘ Athenäums in Merl. Bücher, für die teure Fernleihkosten zu bezahlen sind (die allerdings die NB zum meisten selbst übernimmt), lagern hier ungenutzt, unzugänglich, selbst für die Mitglieder des Großherzoglichen Instituts, und gehen ganz einfach kaputt. Die großmäuligen Versprechen des derzeitigen Direktors des Kulturministeriums haben sich alle als leer erwiesen. Von einer gemeinsamen Unterkunft aller Sektionen des Großherzoglichen Instituts in der Neumünsterabtei im Grund ist nicht einmal mehr auf dem geduldigen Papier die Rede. Allerdings darf man auch die Historische Sektion fragen, warum sie nicht einer bestehenden Bibliothek ihre Bestände zur Verfügung stellt, so wie sie vor hundert Jahren dem Nationalmuseum ihre archäologischen Sammlungen als Dauerleihgabe übermachte.

Auch die Bibliothek des Centre Universitaire erweist sich als zu klein und den Bedürfnissen der Studierenden nicht angepaßt. Auch hier sind die Öffnungszeiten zu kurz, von Ausleihe ist keine Rede. Nun hat das Bautenministerium vor, die Kantine des benachbarten technischen Lyzeums – ohne dessen Zustimmung und entgegen allen pädagogischen Überlegungen – für Bibliothekszwecke umzubauen. Das kann aber weder die Verantwortlichen des Centre Universitaire noch jene der benachbarten Schule zufriedenstellen. Auch hier sind radikalere Neubaupläne nötig, wie sie

Die Luxemburger Regierung, aber auch alle Parteien, wissen offensichtlich nicht, was die Bedeutung einer wissenschaftlichen Bibliothek ist.

schon bei den Diskussionen um den Neubau für den jetzt fertiggestellten Flügel für Naturwissenschaften gefordert wurden, aber leider seither in der Schublade liegen blieben.

Angesichts dieser Unzulänglichkeiten im Luxemburger Bibliothekswesen stellt sich die Frage, ob nicht radikaler über Synergien zwischen allen wissenschaftlichen Bibliotheken nachgedacht werden müßte. Warum nicht eine gemeinsame Einkaufspolitik vereinbaren? Warum nicht thematische Schwerpunkte setzen? Warum nicht alle betroffenen Bibliotheken unter eine gemeinsame Direktion stellen? Vielleicht wird es dann auch eines Tages einen gemeinsamen Neubau geben.

Die Luxemburger Regierung, aber auch alle Parteien, die am 12. Juni 1994 zur Wahl antraten, wissen offensichtlich nicht, was die Bedeutung einer wissenschaftlichen Bibliothek ist. Hier geht es nicht um die Zur-Verfügung-Stellung von Ferienlektüre – dazu sind kommunale und Vereinsbibliotheken da, eventuell auch der Bibliobus -, sondern um das Handwerkzeug, die geistige Infrastruktur, die ermöglicht, daß Luxemburg nicht zur Kulturwüste wird, daß ein

Land ohne Bodenschätze wenigstens seine graue Masse ausbilden und arbeiten lassen kann.

Angesichts all dieser Mißstände und Unzulänglichkeiten, wundert man sich nur manchmal, daß die Nationalbibliothek überhaupt noch geöffnet ist und daß das Personal im allgemeinen die Besucher recht freundlich empfängt. Chapeau! m.p.

(1) Centre Universitaire, Athenäum, Lycée Michel-Rodange, Priesterseminar, Nationalmuseum, Musikkonservatorium der Stadt Luxemburg, Musikkonservatorium der Stadt Esch, Stadtbibliothek Luxemburg, Infothek des Familienministeriums, Lycée Hubert-Clement in Esch. Ihr Interesse angemeldet haben z. Z. Die Staatsanwaltschaft Luxemburg und das Centre Alexandre Wiltheim.

(2) Weitere Terminals, an denen der SIBIL-Katalog konsultiert werden kann, stehen im Staatsarchiv, in der Bibliothek der Europäischen Kommission auf Kirchberg, in der Europaschule und im STATEC. Obschon theoretisch jede Staatsverwaltung einen Anschluß an SIBIL beim Centre informatique de l’Etat beantragen kann, ist das z.B. nur in den beiden in Fußnote 1 genannten Lyzeen der Fall, die auch ihre eigene Bibliothek in den Katalog einspeisen. Solche Terminals würden aber vielen NB-Benutzern ermöglichen, die Literaturrecherchen im voraus zu erledigen und in der NB nur die fertig ausgefüllten Bestellzettel abzugeben. Angesichts der Parkplatznot kein geringer Vorteil!

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