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"Ech hu näischt géint Auslänner. Mä wann ech an engem Butték vun engem portugiesche Gréidel ugegranzt gin: ‚Parlez français!‘, da geet och mir den Hut héich." Die in dieser keineswegs nur einmal gehörten Anekdote zum Ausdruck kommende Haltung so mancher Mittelschicht-Luxemburger läßt sich auch statistisch nachweisen: Bei einer vom Erziehungsministerium in Auftrag gegebenen Umfrage zur Ausländerfeindlichkeit (1) antworteten 80% der Luxemburger, ausländische Schüler müßten unbedingt die luxemburgische Sprache lernen, um hierzulande ein Berufszeugnis erwerben zu dürfen; 79% verlangten das Erlernen der französischen Sprache, 68% der deutschen Sprache als Zugangsbedingung zum Arbeitsmarkt. Nur 13% waren der Meinung, deutsch oder französisch würden genügen, um sich auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt durchzusetzen.
Anekdote und Umfrageergebnis enthalten gleich zwei Vorurteile: Die jungen Portugiesen wollen kein Luxemburgisch lernen. Dabei sind aber jene Verkäufer(innen), die in der Tat kein luxemburgisch sprechen, keine Portugies(inn)en, sondern in der großen Mehrzahl französische und belgische Grenzgänger(innen). Ihre massive Präsenz im Luxemburger Einzelhandel beweist, daß man auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt in der Tat ohne Luxemburgisch-
Kenntnisse auskommen kann. Junge Portugies(inn)en, die in der Regel die luxemburgische Schule besucht haben – Ersteinwanderer sind sehr selten geworden -, sprechen hingegen luxemburgisch!
Die Konkurrenz der Grenzgänger auf dem Arbeitsmarkt verstärkt wiederum die Ressentiments der jungen portugiesischen (und italienischen …) Schüler, die sich mit Deutsch herumplagen müssen und in diesem Fach eine erhebliche Durchfallquote aufweisen (2): Im klassischen Sekundarunterricht (ohne die Abiturklassen), in dem 1992/93 ohnedies nur 309 portugiesische Schüler eingeschrieben waren, hatten 31,4% dieser Schüler eine ungenügende Note in Deutsch; bei den italienischen Schülern lag diese Quote bei 20,9%, bei den Luxemburgern bei 5,6%. Im technischen Sekundarunterricht (EST) hatten 1991/92 47,4% der portugiesischen Schüler, 33,7% der italienischen und 14,7% der luxemburgischen Schüler der untersten Klasse eine ungenügende Note im Deutschunterricht. Deutsch ist in allen Fällen auch auf den anderen Klassen bei den Portugiesen das Fach mit dem höchsten Selektionswert. Nicht zu vergessen ist schließlich, daß viele andere Fächer in den unteren Klassen, durch die jeder hindurch muß, auf deutsch unterrichtet werden, so daß auch hier oft
die deutsche Sprache eher denn mangelnde Fachkenntnisse zum Mißerfolg beitragen. (Trotzdem schaffen – nicht zuletzt dank der neuen Kompensationsmöglichkeiten – 83% der 1226 portugiesischen Schüler einen Abschluß der drei unteren Klassen des EST, gegenüber nur 80,3% der Luxemburger und 79,8% der Italiener (2a).) Auf dem Luxemburger Arbeitsmarkt stehen diese Schulversager aber in Konkurrenz mit ausländischen Alterskollegen aus dem nahen Grenzgebiet, die ihre Schule erfolgreich abgeschlossen haben, also bevorzugt eingestellt werden, ohne je deutsch gelernt zu haben …
Die eingangs geschilderten Vorurteile sagen natürlich vor allem etwas aus über die Luxemburger, die sie äußern. Einerseits spiegelt sich darin ihr Überlegenheitsgefühl, daß ihre Beherrschung von zwei (wenn nicht drei) Fremdsprachen ihre soziale Besserstellung rechtfertigt. Dieses Gefühl ist umso wichtiger, als sie längst nicht mehr die obersten Stufen der sozialen Hierarchie beherrschen, auf denen andere Ausländer sich breit gemacht haben: Auch die Manager-Posten in Banken und Industrie sind bekanntlich mehrheitlich in ausländischer Hand (3), von privilegierten EU- und anderen Beamten in internationalen Institutionen nicht zu reden. Andererseits drückt der Unmut über frankophone Verkäufer(innen) auch das Unbehagen vieler Luxemburger aus, für die die französische Sprache stets viel schwieriger zu erlernen war als die deutsche: Aus den oben zitierten Statistiken über den Schulerfolg geht auch hervor, daß im klassischen Sekundarunterricht 14% der Luxemburger Schüler 1992/93 eine Ungenügende in Französisch hatten; 1991/92 waren es 42% der Luxemburger Schüler auf Septima im EST. Gerade diese letzte Zahl ist sehr aussagekräftig, weil die EST-Schüler mehrheitlich aus den sozialen Mittel- und Unterschichten kommen, Französisch aber stets, schon vor der Unabhängigkeit des Luxemburger Staates, die Sprache der Verwaltung und des gehobenen Bürgertums gewesen und geblieben ist (4). Insofern ist und bleibt die Dreisprachigkeit der Luxemburger ein Mythos. Viele Luxemburger erfahren französisch als Ausgrenzungsinstrument, wie die Portugiesen das Deutsche.
Genau diese negative Erfahrung wird aber durch die Zunahme der aktiven Bevölkerung, die täglich aus dem nahen Grenzgebiet anreist, verstärkt. Und eine Integration dieser Pendler durch allmähliches Erlernen der luxemburgischen Sprache ist – außer in Handelsketten, deren Personalabteilung die Bedeutung der sprachlichen Kommunikation zwischen Kunden und Verkäufer(innen) und Kassierer(innen) für den Umsatz erkannt hat und deshalb Luxemburgisch-Kurse für ihr Grenzgänger-Personal organisiert – nicht zu erwarten. Grenzgänger unterscheiden sich von den Immigranten ja gerade dadurch, daß sie nicht unter Integrationszwang stehen, daß sie nicht ihren Wohnsitz in das Land ihrer Arbeitsstätte verlegen (müssen) und also auch nicht am soziokulturellen Leben teilnehmen usw. Daß Lothringer, auch dort ansässige Portugiesen, heute dort wohnen bleiben und täglich ins Großherzogtum fahren, kann man ihnen angesichts eines Schulsystems, das ihre Kinder benachteiligt und der Preise auf dem Luxemburger Wohnungsmarkt auch nicht verdenken. Im Unter-
schied zu den Immigranten werden sie aber nie die Sprache lernen, nicht einmal in zweiter Generation.
Hier staut sich also möglicherweise ein sozialer Konfliktstoff auf, dessen Zündkraft die Politiker noch gar nicht erkannt haben. Auf die Erfolge der nationalistischen Propaganda rechtsextremer Kreise in vom sozialen Abstieg gefährdeten Schichten ist in "forum" schon öfters hingewiesen worden (5). Trotz dieser Gefahr gab Wirtschaftsminister Robert Goebbels (LSAP) bei Gelegenheit eines Rundtischgesprächs des "Mouvement écologique" über die wirtschaftliche Zukunft Luxemburgs unumwunden zu, es sei Politik der Regierung, die Immigration zu bremsen und die Einstellung von Grenzgängern zu fördern. Dadurch spare Luxemburg Kosten im Wohnungsbau, in der schulischen und beruflichen Bildung, bei den Arbeitslosenentschädigungen undsoweiter! Das haben natürlich auch die politischen Verantwortlichen in den benachbarten Grenzregionen erkannt. Vor allem in Lothringen wächst mittlerweile der Unmut über diese Schmarotzerpolitik Luxemburgs derart, daß er selbst in nationalen (und internationalen) Zeitungen wie "Le Monde" zum Ausdruck kommt: "Haro sur le Luxembourg! Avec un tel cri de ralliement, un démagogue pourrait se tailler un franc succès en Lorraine. Au nord de la Moselle et de la Meurthe-et-Moselle surtout, où on ne peut pas rencontrer un responsable sans qu’il évoque le cas des travailleurs frontaliers et parle de la ‚concurrence déloyale‘ que livre le petit Etat aux commerçants français. … Pour instruire leur procès, ils notent que le grand-duché ne dispose pas d’un système scolaire correspondant à ses besoins, et
Hömberg
in: Publik-Forum
*Verdammt, ich schaff‘ das nie mit der Integration!
encore moins d’université ou de grande école. ‚C’est bien simple, disent les dirigeants patronaux de Moselle, plus on forme nos salariés, plus on vient nous les piquer.‘ Cette fuite s’explique par des conditions salariales et fiscales que les employeurs français limitrophes ne sont pas loin de considérer comme scandaleuses" (6). Und der Präsident des Wirtschafts- und Sozialrats von Lothringen war noch präziser: "faiblesse des impôts indirects et des droits d’accises pour capter les achats frontaliers, secret bancaire et fiscalité nulle pour capter les capitaux flottants …, charges sociales insignifiantes pour attirer la main-d’oeuvre coûteusement formée par les voisins, … Sans contrepartie: le Luxembourg est le seul Etat jouxtant la France qui prélève l’impôt sur le revenu au lieu de travail, sans reversement à l’Etat de résidence, qui assume les charges (scolarité et formation, chômage …)" (7).
Zum potentiellen sozialen Konflikt kommt derart noch ein potentieller Grenzkrieg. Der Appell des Präsidenten des Wirtschafts- und Sozialrats von Lothringen an die Pariser Behörden, den regionalen Instanzen für Wirtschaftspolitik in Lothringen mehr Eigenständigkeit, auch auf fiskaler Ebene, zuzugestehen, um dem Luxemburger Sog entgegenzuwirken, dürfte nämlich angesichts der jakobinisch-zentralistischen Tradition in Frankreich kaum Gehör finden.
Mit diesen vielleicht alarmistisch klingenden Zeilen soll nun nicht zur Hatz auf die Grenzgänger geblasen werden. In anderen Beiträgen in dieser Nummer wird die Unumkehrbarkeit der Entwicklung in Richtung
grenzübergreifenden Arbeitsmarkt dargestellt. Doch es gilt, auch die sozialpolitischen Kehrseiten dieser Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen und gegebenfalls Begleitmaßnahmen zu der wirtschaftlich irreversiblen Entwicklung vorzusehen. Darüberhinaus stellt sich prinzipiell die Frage, ob Luxemburg nicht besser täte, die Einwanderung und dauerhafte Integration von Ausländern zu fördern – durch gezielte Fördermaßnahmen im Schulbereich (8) und Bereitstellung von erschwinglichen Mietwohnungen -, statt den täglichen Pendlerverkehr von 50 000 Arbeitnehmern hinzunehmen. m.p.
(1) Fernand Fehlen, 83% des Luxembourgeois sont xénophiles, in: "forum" n° 122/oct. 1990, p. 3-10.
(2) Vgl. Fernand Fehlen, Die portugiesischen Schüler. Eine statistische Beschreibung ihre Chancen im Sekundarunterricht, in: "forum" Nr. 156/Dez. 1994, S. 19-27.
(2a) Jérôme Levy, L’enseignement secondaire technique (1991/1992). Aperçu global & analyse de la promotion des élèves, Luxembourg (MEN/SCRIPT), 1994
(3) Michel Pauly, L’immigration dans la longue durée. Esquisse introductive, in: Lëtzebuerg de Lëtzebuerger? Le Luxembourg face à l’immigration, sous la coordination de Michel Pauly, Luxembourg [1985], p. 7-21, 7s.
(4) Gilbert Trausch, La situation du français au Luxembourg: une prééminence précaire dans un pays d’expression trilingue, in: Le français, langue des sciences et des techniques, édité par Alfred Lamesch et Jean-Louis Funck-Brentano, Luxembourg 1987, p. 93-118.
(5) Vgl. u. a. ds & ff, Ausländerfeindlichkeit und Deklassierung. Thesen zu den sozialen Ursachen eines Phänomens, in: "forum" Nr. 112/Juni 1989, S. 3-7.
(6) Alain Lebaube, La Lorraine banlieue du Luxembourg, in: Le Monde, 21/1/1992.
(7) Pierre Dap, Le Luxembourg, ce voisin capital, in: Le Monde, 15/1/1992.
(8) Siehe "forum"-Dossier Nr. 156/Dez. 1994: Les élèves dans l’enseignement secondaire.
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