Kulturdebatte 1995: Fehlanzeige!

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"Ech mengen, mer wiren de kommende Generationen et schelleg, eist Land op dei kulturell Europa-Kaart ze brengen. Mir kennen eis de Rang net vu Saarbrécken, Tréier oder Metz oflafe loossen." Originalton Jean-Claude Juncker in seiner Rede zur Lage der Nation am vergangenen 3. Mai vor den Abgeordneten.

Der Satz ist ein herrliches Zeugnis für das unterentwickelte Kulturverständnis unseres Premiermini-

sters und wohl seiner gesamten Regierung. Wenn in Kultur(bauten) investiert werden soll – darauf ist zurückzukommen -, dann aus Prestigegründen, aus Angst vor der Konkurrenz im nahen Ausland. Kultur als Eigenwert, Kultur als Bedürfnis der hier und heute lebenden Menschen, Luxemburger wie Ausländer, Kultur als Ausdruck der Geistesfreiheit, kommt in den Köpfen der Politiker nicht vor. Wenn drei Sätze vorher von ‚immateriellen Werten‘ die Rede war, die es zu wahren gelte, dann entlarvt die zitierte Schluß-

folgerung diese Absicht als hohle Phrase. "Luxemburg – Stadt mit hohlem Zahn, aber ohne Biß", sprach Roger Manderscheid bei den Mondorfer Dichtertagen. Sein Beitrag gibt die Stimmung an für das vorliegende "forum"-Dossier im Kulturjahr 1995.

Es kann nicht Aufgabe von "forum" sein, die zahlreichen kulturellen Manifestationen vorzustellen oder zu kommentieren, die immer noch zahllosen Unzulänglichkeiten der Organisation zu beanstanden, über die abstruse Programmverdichtung im Monat Mai und die Leere im Monat August zu lamentieren, die nicht-realisierten Projekte zu bedauern. Das müssen wir der Tagespresse überlassen, die dieser Aufgabe allerdings mit der lobenswerten Ausnahme des ‚tageblatt‘ (Mittwoch-Beilage ‚Kulturissimo‘ u.a.) kaum gerecht wird. Das LW hat sich – anscheinend weil kein Norbert-Weber-Stück aufgeführt wird oder etwa weil die zahlreichen Dorftheateraufführungen nicht ins Programmheft aufgenommen wurden? – in den Schmollwinkel zurückgezogen und redet einem pseudo-demokratischen, de facto eher demagogischen Kulturverständnis das Wort. Eine Debatte, die über das Tagesgeschehen hinausginge, findet in der Luxemburger Presse nicht statt. Auch vom Programm des Kulturjahres selbst wurde eine in dieser Hinsicht geplante Diskussionsveranstaltung über den Stellenwert von Kultur in unserer Gesellschaft, die mal für Ende des Jahres geplant war, wie so manches Kritische, gestrichen.

Die "forum"-Redaktion versucht also mit ihren bescheidenen Mitteln zu der fehlenden Kulturdebatte beizutragen. Ein erstes diesbezügliches Dossier ist schon in Nr. 157 erschienen. Damals lag der Schwerpunkt bei Ansichten von außen auf das Luxemburger Kulturgeschehen. Dieser Blickwinkel wird auch in dieser Nummer noch mit einem Beitrag über das hiesige Theaterleben aus einer deutschen Fachzeitschrift beibehalten. Ergänzt wird er aber durch drei Interviews von Ina Notrott mit Theaterdirektor Marc Olinger, Regisseur Frank Hoffmann und Schauspieler Conny Scheel. Nathalie de Goede beleuchtet das Projekt der Escher Kulturfabrik, die sich durch originelle Theaterinszenierungen seit Anfang der 80er Jahre einen Namen gemacht hat. Der Schwerpunkt des Beitrags liegt aber auf der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Bedeutung dieses kulturellen Projekts in einer krisengeschüttelten Region.

Auch dieser Aspekt von Kultur fehlt völlig in der elitären Kulturauffassung unserer Regierungspolitiker. Es wird also niemanden wundern, wenn die Armen sich vom Kulturjahrgeschehen ausgeschlossen fühlen. "forum" gibt auch ihnen das Wort. In diesem Zusammenhang darf man auf die von der Kommission "Justia et Pax" angekündigte Studie über "Kultur und Gerechtigkeit" gespannt sein.

In noch geballterer Form kam das provinzielle Kunstverständnis so mancher Zeitgenossen einerseits in einer viel kommentierten Rede des Escher ‚Kultur’schöffen Ady Jung – sein Kulturverständnis und Menschenbild ähneln erschreckend dem verschiedener Nazi-Kunstverbrenner -, andererseits in einem Protestbrief des Erzbischofs wegen einer Kabarettssendung des ach so braven ‚Hei elei‘ zum Aus-

druck. Guy Rewenig setzt sich ausführlicher mit ihnen auseinander. Unweigerlich fühlt man sich an Umberto Ecos Rosenzimmer erinnert: Lachen ist subversiv, meint offensichtlich nicht nur Pater Jorge von Burgos. Die Frage nach der schöpferischen Freiheit des Künstlers – die Skulpturen der Niki de Saint-Phalle dürften nach Erscheinen dieser Nummer ein weiterer Anlaß dazu sein -, die Frage nach den Grenzen dieser Freiheit gehören ohne Zweifel in die notwendige Kulturdebatte. Doch wo wird sie geführt?

Eines der wenigen Kunstwerke von Weltrang, das in Luxemburg zu sehen ist, ist zweifellos die Ausstellung ‚Family of man‘ von Edward Steichen. Raymond Klein weist nach, wie sie seit den 50er Jahren von den einen hochgejubelt, von den anderen mit nicht weniger ideologiebefrachteten Argumenten abgelehnt wird. Doch eine regelrechte Debatte zwischen beiden Seiten hat auch in diesem Fall nie richtig stattgefunden. Gerade die Bilder von Edward Steichen führten allerdings zum ersten handfesten Skandal im Kulturjahr 1995, als Steichens Witwe mit einem Prozeß drohen mußte, um zu verhindern, daß Fotos, die kleinformatig gedacht und aufgenommen wurden, auf Riesenpostern zu Werbezwecken (schon wieder!) mißbraucht würden. Für Luxemburg ist Kultur halt nur interessant, wenn sie sich vermünzen läßt.

Dazu lieferte die Eröffnung der Zellstadt einen anderen Beweis. Kulturministerin und Stadtbürgermeisterin hielten Fünf-Minuten-Reden. Mehr hatten sie ohnedies nicht zu sagen. Zwanzig Minuten redete dann der Direktor des ‚Institut monétaire luxembourgeois‘ und er zeigte noch einen Film, über Münzen versteht sich. "Luxemburg – Stadt aller Währungen", schreibt Roger Manderscheid.

Alte Zöpfe

Womit wir wieder bei der Lage der Nation wären, zumindest bei der Sicht des Premierministers über diese Lage. Es sei sofort gesagt, daß die 42 Zeilen über Kultur in Junckers Rede einem einzigen Abgeordneten, dem Grünen Robert Garcia, einen Redebeitrag wert waren. Ansonsten hieß es auch im Kulturjahr bei den Abgeordneten in Sachen Kulturdebatte: Fehlanzeige.

Juncker zog hingegen alte Zöpfe aus der Wundertüte. Das Projekt des sinoamerikanischen Weltstars Ieoh Ming Pei soll wieder aktiviert werden. Die Absicht verwundert umso stärker als der von den Grünen im Januar eingebrachte Gesetzesvorschlag, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst in den alten Rundschuppen beim Bahnhof unterzubringen, auf ein erstaunlich positives Echo und breiten gesellschaftlichen Konsens gestoßen ist. Das war 1991, als der Unterzeichnete den Standortvorschlag erstmals in die öffentliche Diskussion brachte, noch nicht der Fall. Und es besteht Grund zur Annahme, daß die nun von Robert Garcia vorgeschlagene Erweiterung des Projekts auf einen Konzertsaal und eine öffentliche Bibliothek in den derzeitigen Reparturwerkstätten der Eisenbahn durchaus realisierbar ist, auch in finanzieller Hinsicht. Wenn der Premierminister ein Projekt wieder

aus der Schublade zieht, das schon vor drei Jahren in der öffentlichen Meinung durchgefallen ist, dann wohl weil er den 250 Millionen nachtrauert, die Pei schon für sein Modell erhalten hat. Die Regierung will diesmal allerdings "säi Coät vun Ufank un no uuwen plafonnéieren". Finanzielle Kriterien sollen den Ausschlag geben, nicht etwa Bedürfnisse. Im Gegenteil, eine Motion der Grünen, die die Regierung aufforderte, zuerst mal eine Bestandsaufnahme der kulturellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten, dann der Angebote zu machen, wurde von der Kulturministerin abgeschmettert mit dem Argument, das geschehe schon. Im geheimen? Kulturpolitik unter Ausschluß der Öffentlichkeit!

Dabei wäre eine genaue Analyse der kulturellen Bedürfnisse in der Tat höchst notwendig, denn die Junckersche Idee der Integration eines Museums für zeitgenössische Kunst, eines Konzertsaals für 1500 Personen und "enger Plaz fir d’Buch" in das Pei-Projekt dürfte nicht nur dieses Projekt zumindest am ursprünglich geplanten Standort völlig überfordern, sondern auch an wesentlichen Bedürfnissen vorbeigehen: Die Nationalbibliothek braucht Speicherkapazitäten, rund 80 Regalkilometer. Das ex-RTL-Symphonieorchester braucht Probesäle. Weder das eine noch das andere ist im Rahmen des Pei-Projekts zu haben. Und wie steht es mit Künstlerateliers? und mit Probesälen für Rockgruppen? Und wo werden die Bibliotheken des "Institut grand-ducal" untergebracht? Aber vielleicht will Juncker auch noch 250 Millionen Franken ausgeben, um sich wie sein illustrer Vorgänger bestätigen zu lassen, daß Peis Pläne in Luxemburg nicht realisierbar sind.

Interessant ist immerhin, daß zumindest eine Kulturdebatte über notwendige Kulturorte entstanden ist. ‚Man‘ scheint sich einig darüber, daß ein Ort für zeitgenössische Kunst, ein Ort für eine wissenschaftliche Bibliothek mit genügender Magazinkapazität, ein Ort für klassische Konzerte mit 1500 Sitzplätzen, ein Ort für Rockkonzerte und Jugendveranstaltungen gebraucht werden. (Zu letzterem Thema war auch ein Beitrag für dieses "forum"-Dossier geplant, doch es stellte sich heraus, daß die Luxemburger Rock-Szene ein eigenes Dossier verdient, das wir für Anfang Juli planen!)

Und man scheint sich einig darüber, daß alte Bausubstanz nicht erhaltenswürdig ist, weder auf Drei Eicheln, noch in der Altstadt. Die drei großen Fraktionen haben Ende März/Anfang April dem Kammerpräsidenten schriftlich bestätigt, daß sie den neuen Plenarsaal in die ehrwürdigen Patrizierhäuser Printz und Richard hineinpflanzen wollen. Und der Bautenminister hat denn auch – gegen seine eigene Überzeugung – ein entsprechendes Gesetzesprojekt vorgelegt. Nur die Grünen sind strikt dagegen, zum Leidwesen der Sozialisten, die deswegen weitere Wählerverluste befürchten. Und die DP weiß mal wieder heute nicht was sie gestern gesagt hat: Die Stadtbürgermeisterin meinte jedenfalls bei einem Rundtischgespräch von "Jeunes et Patrimoine" am 23. März 1995, sie sehe sehr wohl ein, daß aus urbanistischer Sicht der Vorschlag des "Fonds pour la rénovation de la vieille ville" mehr Vorteile bringe. Er bietet nämlich nicht nur einen neuen Plenarsaal mitten in der Hauptstadt, sondern ermöglicht auch die Wiedergewinnung zahlreicher Abgeordnetenbüros

Frans de Boer
in: Eine Feine Gesellschaft

Carlo Schmitz

für Wohnzwecke in der vor allem nachts fast ausgestorbenen Altstadt. Da der Unterzeichnete aber schon öfters in "forum" über Altstadtrenovierung und die historische Dimension der Kultur in dem so um seine Identität besorgten, kleinen Luxemburg geschrieben hat und demnächst auch ein Essay im ‚Lëtzeburger Land‘ dazu erscheinen wird, soll das Thema hier ausgeklammert werden. Ein Armutszeugnis für das Kulturverständnis der Abgeordneten in Majorität und Opposition ist das Festhalten am Neubau in der Wassergasse allemal.

Vielen Kulturgattungen ist mit Prestigebauten gar nicht gedient. Von ihnen ist daher im offiziellen Diskurs kaum die Rede. Sie unterstützen ist nicht medienwirksam genug. In einem weiteren Dossier-Beitrag beziffert der LSV eine systematische Unterstützung der Luxemburger Schriftsteller auf 3 Millionen Franken jährlich. Junckers Rede enthielt keine diesbezügliche Ankündigung.

In "forum" Nr. 158 bestätigte Museumsdirektor Paul Reiles, daß sein Anschaffungsetat um keinen Fran-

ken erhöht worden ist, obschon die nicht-existente Sammlung als ein Hauptgrund für das Scheitern des 1990 geplanten "Centre d’art contemporain" gelten muß. Man darf gespannt sein, ob Staat oder/und Stadt Mut und Geld aufbringen, um eine der Skulpturen von Niki de Saint-Phalle aufzukaufen. Jene am Busbahnhof Aldringen trägt sicher zur Erheiterung der tristen Stadtlandschaft bei und dürfte für eine Belebung der Kunstdebatte sorgen.

Immerhin will der Staat nun selbst das RTL-Symphonieorchester finanzieren: eine lobenswerte, in der Not geborene Idee. Zurecht weist Conny Scheel unten im Interview darauf hin, daß der der Staat nun endlich mal erfährt, was Kulturproduktionen kosten.

Ansonsten blieb der Staatsminister bei einer Erweiterung des Angebots für mehr Kulturkonsum. Kulturdebatten, Gespräche mit den Betroffenen – und das sind wir letztlich alle – über Prioritäten bei Kulturinvestitionen, konstruktiver Streit – den er sich in Sonntagsreden so gerne herbeivünscht – über Inhalte des kulturellen Schaffens, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden verschiedenster Sparten (nicht nur in räumlicher Hinsicht) stehen nicht auf seinem Programm. Die Kulturministerin antwortete nicht einmal auf die Bitte der "forum"-Redaktion um ein Interview über ihr kulturpolitisches Programm, das in der vorliegenden "forum"-Nummer erscheinen sollte. Ein (internationaler) Wettbewerb für Architekten zur Planung des angekündigten multifunktionellen Kulturzentrums für Kunst, Musik und Literatur, den die Grünen in einer Motion forderten, wurde von ihr als zu umständlich abgelehnt. Stararchitekt Pei läßt weiter grüßen (1): Da weiß man schließlich, daß man sich nachher mit Paris messen kann, daß ein Pei-Tempel sich leicht verkaufen läßt, im Tourismusgeschäft. Kulturpolitik ist ja kein Selbstzweck, die eigene Kultur, die eigene Vergangenheit hat sie nicht im Visier. Auf die Verpackung kommt es an, meint Ina Notrott in bezug auf die Zukunft des Theaters: Das eingeflogene Musical ‚Phantom of the Opera‘, nicht ‚Europa‘ in der Inszenierung von Marc Olinger läßt sich dank entsprechendem Werbectat erfolgreich verkaufen und ist daher "gefragt".

"D’Kulturjoer wat am gaang as, as ee grousse Succès: et gêt hei zu Lëtzebuerg en onverkennbare Wël-len zu méi Kultur. Dorop muss d’Politik réagéieren." Jean-Claude Juncker scheint auch erkannt zu haben, daß Kultur zur Lage der Nation gehört. Doch selbst wenn man ihm zugute hält, daß seine Rede nicht der Ort war, detaillierte kulturpolitische Innovationen anzukündigen – obschon das im Kulturjahr 1995 so abwegig wohl doch nicht gewesen wäre -, läßt sie leider erwarten, daß auch nach 1995 weiterhin Provinzialität angesagt ist: Größenwahnsinn bei der Verpackung und Mickrigkeit bei den Inhalten.

m.p.

(1) "When I came to Luxembourg, I was introduced to the Prime Minister, to Mr Steichen, to Mr Goebbels, … and they are very, very democratic … At other places people frequently say: Yes we know you … but we will also include maybe three or four other architects, and then we will ask each of you to make a proposition and then we make a selection. I always say no, automatically, when that happens." (Interview in Musée-info n° 3/octobre 1991).

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