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Die Würde des Menschen ist unantastbar (Allgemeine Menschenrechtserklärung). Aber nichts wird häufiger angetastet als die Würde des Menschen.
Was ist sexueller Mißbrauch?
Sexueller Mißbrauch beinhaltet alles, was ein Erwachsener mit einem Kind macht zu seiner eigenen sexuellen Befriedigung. Unter dem Vorwand der Kinderliebe (Pädophilie) nutzen diese Menschen das Kind als Sexualobjekt. Was zählt, ist nicht seine Person, noch sein Wohlbefinden, sondern ihre eigene Befriedigung, respektive die Geschäfte, die sie damit erzielen können.
Weltweit hat es den sexuellen Mißbrauch von Kindern schon immer gegeben. Lange Zeit wurde ein Schleier des Schweigens darüber gelegt. Dies ist auch heute noch sehr oft der Fall. Das war so einfach, weil die Opfer die Schuld bei sich suchten, sich schämten und Angst hatten, daß Ihnen nicht geglaubt werde. Der Täter hatte sie ganz wirksam unter Druck gesetzt: "Wenn du jemandem davon erzählst, werde ich dich umbringen, oder: deine Mutter töten, oder: du wirst in ein Heim kommen, und: niemand
wird dir glauben, denn du hast es ja gewollt, dir hat es doch Spaß gemacht!"
Kurzum, das Schweigen schützt die Täter und hält die Opfer gefangen. Ist das heute anders?
Die Sexualität bei Männern bedeutet Leistungsdruck und ist extrem penisfixiert. Er muß es einfach bringen. Und wenn das nicht mehr so klappt, wie er es wünscht, dann müssen eben Surrogate her.
Die sogenannte sexuelle Befreiung, von der wir Frauen bis dato noch wenig gespürt haben, hat die Sexualität in all ihren Formen enttabuisiert, unter dem Motto "es ist verboten zu verbieten". So wurden alle Praktiken, auch die ausgefallenen, banalisiert und gleichzeitig wurde ein großes Geschäft daraus. Ich denke dabei an die weltweite Kinderprostitution, den Sextourismus, die Pornographie, nicht nur auf Pornokassetten, sondern auch in tagtäglichen Fernsehprogrammen, nicht zu erwähnen die
innensen Möglichkeiten des Internet. Nicht zu vergessen die Werbung, die Frauen und Kinder als verfügbare Objekte darstellt. Ja, sogar die Modeschöpfer machen mit immer jüngeren Models Mode und präsentieren Kleider, die eine erwachsene Frau niemals tragen könnte, aber Männerwünsche auf halbwüchsige Jugendliche befriedigt.
Die weibliche Sexualität sieht so aus, als ob Frauen noch immer nicht gemerkt hätten, daß sie eine eigene Sexualität haben, einen eigenen Willen, respektive ihre Wünsche auch ausdrücken und durchsetzen können.
Die Sexualität bei Männern bedeutet Leistungsdruck und ist extrem penisfixiert. Er muß es einfach bringen. Und wenn das nicht mehr so klappt, wie er es wünscht, dann müssen eben Surrogate her: Prostituierte, ausgefallene Praktiken mit Kindern oder Tieren, so wie es im Hardcore gezeigt wird. Er ist nicht mehr Herr seiner Triebe, sondern fühlt sich ihnen hilflos ausgeliefert, nur um endlich doch als ganzer Kerl da zu stehen.
Aus der einstigen Verklemmung ist eine Vermarktung geworden, die die Sexualität fast vollständig aus ihren menschlichen Dimensionen herausgelöst hat und
sie als instrumentale Ware verkauft. Das heißt in anderen Worten: Sexualität ist noch immer so verklemmt wie sie einmal war, aber die Menschen merken es nicht mehr. Sie sind äußerst manipulierbar geworden.
Weltweit wird geschätzt, daß ein Mädchen von vier und ein Junge von acht Opfer sexueller Ausbeutung werden, und dies vor dem Alter von 16 Jahren.
In 8 Fällen von 10 werden Kinder wiederholt vom selben Täter mißbraucht, manchmal über Jahre hindurch.
Fallbeispiel 1
Ich bin bei meinem Onkel, meiner Tante und meinem Vetter aufgewachsen. Sie waren meine Familie und ich nannte sie auch Vater, Mutter und Bruder. Ich war ungefähr 6 Jahre alt als mein Bruder mich zum Lustobjekt benutzte. Es begann mit den berühmten Doktorspielen. Nach und nach mußte ich seine Geschlechtsorgane streicheln und er fummelte an mir herum. Bis es schlimmer wurde und ich sagte, ich würde es der Mutter sagen. Da hat er mich ausgelacht und gesagt: Dir glaubt ja keiner. Außerdem kommst du in ein Erziehungsheim und wirst deine Mutter nie wiedersehen. Und Vater würde ihn darin unterstützen. Im Heim wäre ich dann Freiwild für jedermann. Er würde schon dafür sorgen, daß ich für jeden Kerl verfügbar sein müßte. Es wurde jedes Jahr schlimmer. Jedesmal wenn er zum Orgasmus kam, mußte ich es schlucken. Als ich mich immer wehrte, sagte er, wenn ich etwas sagen würde, würde er seine Freunde anstiften, das gleiche mit mir zu tun.
Das ging so bis zu meinem 12. Lebensjahr. Dann, es kam mir vor wie ein Geschenk des Himmels, wurden wir von unseren Eltern entdeckt. Wir wurden angeschrieben. Mein Bruder flog raus. Am Tag danach kam es noch schlimmer. Denn da hat mein Vater mit mir angefangen. Mein Seelentod begann. Er sagte, ich solle mich nicht so anstellen, bei meinem Bruder habe es ja auch geklappt.
Er steckte mir sein Ding in den Mund und ich mußte schlucken, wieder! Er drückte meinen Kopf so fest runter, daß mir das Ding fast in die Kehle rutschte und ich würgte. Er
Alarmsignale beim sexuell mißbrauchten Kind
Auch wenn mißbrauchte Kinder schweigen, können sie doch nicht verhindern, daß ihr Körper und ihre Seele reagieren und Signale senden, die auf ein traumatisches Erlebnis schließen lassen.
Es besteht ein Unterschied zwischen Aggression durch einen fremden Täter oder Mißbrauch in der eigenen Familie. Nach dem Angriff eines Fremdtäters wird das
sagte ich soll das lassen, denn ich sei das ja gewöhnt als Nutte. Ich mußte also weiter schlucken. Dann kam er mit Todesdrohungen. Ich lachte und sagte, das sei wohl das beste was mir passieren könnte. Aber dann drohte er meine Mutter umzubringen. Damit hatte er mich endgültig in seiner Gewalt, denn ich wollte nicht, daß er meiner Mutter etwas antun sollte. Also hielt ich durch bis ich ungefähr 17 Jahre alt war. Da hörte er auf, weil ich sagte, ich ginge zur Polizei und was dann passieren würde, wäre mir egal. Ich wollte lieber heute als morgen sterben. Mehrmals habe ich versucht mich umzubringen. Aber es gelang mir leider nicht. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck und eine Nutte. Das alles hat mein Leben zerstört. Und wie ich jetzt damit fertig werden soll, weiß ich nicht.
Ihre Psychotherapie ist schwierig, aber nicht hoffnungslos.
Fallbeispiel 2
Eine Dreizehnjährige kommt zu uns in die Sprechstunde, begleitet von ihrer Mutter. Sie redet stockend, sieht elend aus. Sie wurde vom Freund ihrer Mutter seit dem Alter von 7 Jahren sexuell mißbraucht. Als sie 9 Jahre alt war, ging er zum erzwungenen Analverkehr über. Es passierte immer in der Küche. Wenn er fertig war, hat er sie mit einem Küchtentuch abgewischt. Mit 13 Jahren faßte sie den Mut, ihrer Mutter alles zu erzählen. Die Mutter reagierte sehr schnell. Sie ergriff die Partei ihres Kindes, warf den Freund raus und erstattete Anzeige. Sie hat echte Chancen zu überleben und das Geschehene zu verarbeiten. Ihre Mutter hilft ihr sehr viel dabei.
Kind eher in der Lage sein, seiner Familie oder vertrauten Personen darüber zu berichten und Hilfe zu holen.
Ganz anders ist die Situation, wenn der Mißbrauch in der eigenen Familie erfolgt, an einem Ort, wo das Kind sich sicher fühlt und Nähe und Vertrautheit gewohnt ist. Schon ein einzelner Mißbrauch hinterläßt tiefe Spuren. Doch häufiger dauert die Mißbrauchsituation während Jahren an.
* Kurz- und mittelfristige Signale:
Auf der Ebene der Gefühlswelt: Ängste, Scham und Schuldgefühle, Mißtrauen, Verlust des Selbstvertrauens und vor allem des Selbstwertgefühls. Allein bleiben wollen, passiv und apathisch, Interesseverlust an altersbezogenen Aktivitäten und Spielen. Konzentrationsschwierigkeiten.
In der Hoffnung vom Täter nicht mehr beachtet zu werden, wenn es häßlich wird, kann es zu Bulimie (Eßsucht) oder Anorexie (Nahrungsverweigerung) kommen. Körperhaß: Vernachlässigung der Hygiene, Angst vor Nacktsein, Scham, keine Kleider mehr wechseln, nicht mehr waschen oder aber kompulsiver Waschzwang.
Regression: Flucht in frühkindliches Verhalten insbesondere durch Enuresie (Bettnissen) oder Kopronesie (Einkoten). Alpträume, Angst allein zu sein, Angst bei anderen zu sein, die etwas merken könnten! Schlafstörungen, ständig auf der Hut vor anormalen Geräuschen in der vertrauten Umgebung. Weigerung an bestimmte Orte zu gehen, z.B. Badezimmer, Schlafzimmer. Plötzliche Weigerung, sich bestimmten Personen zu nähern oder sie zu besuchen. Beispiel: ein 4 jähriges Mädchen weigerte sich urplötzlich den Großvater zu besuchen, obschon sie liebend gern mit ihm reiten ging. Eine kurze Nachforschung der Eltern ergab, daß der Großvater das Kind sexuell mißbraucht hatte.
Schulstörungen:
Plötzlich abfallende Leistungen. Das Kind fällt auf, weil es oft geistig abwesend ist, sich isoliert, weint, Kontakte mit Freunden/innen abbricht.
Auffälligkeiten im sozialen Verhalten: Ausreissen, sich abkapseln oder ganz im Gegenteil sich an andere hängen (Freundin, Lehrerin, Bekannte) möglichst lange herumschwänzen, aus Angst nach Hause zu gehen.
Sexualverhalten:
Dem Alter nicht entsprechendes Interesse für Sexualität; ordinäres Reden, obszöne Gesten, sexuelle Aggressionen gegen andere, meist kleinere Kinder. Sexuelle Promiskuität. Das Kind treibt sich herum. Es hat jegliche Selbstachtung verloren. Es biedert sich jedem an, entblößt seine Genitalien in der Hoffnung auf diese Weise Liebe zu erhalten.
Aus der einstigen Verklemmung ist eine Vermarktung geworden, die die Sexualität fast vollständig aus ihren menschlichen Dimensionen herausgelöst hat und sie als instrumentale Ware verkauft.
- Kurzfristige Folgen:
Verletzungen im Genitalbereich, Bißspuren, typisch im Brust und Bauchbereich sowie an den Innenseiten der Oberschenkel. Sexuell übertragene Krankheiten, Aids. Unklare Bauchbeschwerden, die chronifizieren und therapieresistent sind, ohne objektiven ärztlichen Befund. Übelkeit, Erbrechen, Schwangerschaft. Diarrhoe und/oder Konstipation. Allergische Reaktion der Haut und/oder Atemwege: Hautkrankheiten, Asthma-Anfälle. Schwindelgefühle bis hin zu Ohnmachtsanfällen. Persönlichkeitsstörungen wie teilnahmslos sein, willenlos, passiv (läßt alles mit sich machen). Verzweiflung, Selbstentwertung, Selbstverstümmelungen, Selbstzerstörung, Suizidversuche, Äußerstes Mißtrauen, Mutismus (Verstimmung) Persönlichkeitsspaltung (das bin nicht ich, das ist jemand anderem passiert; innerlich weit weg, mit dem Versuch sich in eine imaginäre, heile Welt zu flüchten).
- Spätfolgen:
Identitätsprobleme, lehnt Geschlechterrolle ab, will nicht mehr Frau/Mann werden. Beziehungsschwierigkeiten, Ekel und Abscheu vor Körperkontakten, Sexualprobleme, Partnerschaftsprobleme.
Depressive Phasen. Tendenz zu Abhängigkeiten, sowohl vom Partner (ich bin ja sowieso nichts wert) als auch von Suchtmitteln (Flucht vor der Realität).
Mehr oder weniger häufige psychiatrische Behandlungen, wobei das Thema Mißbrauch eher selten zur Sprache kommt.
- Sehr wichtig:
Viele dieser Störungen können durch andere Konflikte ausgelöst werden, z.B. durch Spannungen in der Familie, Ehekrisen der Eltern, Scheidung, Tod eines geliebten Verwandten, Schulschwierigkeiten.
Es muß nicht immer Mißbrauch sein. Doch es kann auch Mißbrauch dahinter stecken. Deshalb ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen und dem Kind aufmerksam zuzuhören, wenn es Andeutungen macht und sprechen will. Kinder lügen nicht, noch erfinden sie Dinge, die sie noch gar nicht kennen können. Es fällt ihnen schon schwer genug darüber zu sprechen. Deswegen ist es besonders wichtig, das Kind ernst zu nehmen, ihm zu glauben, sich Zeit zu lassen, ohne zu dramatisieren. Versuchen ihm Scham und Schuldgefühle abzunehmen.
Viele Kinder haben das Gefühl, daß sie allein sind mit ihrem Problem, daß das nur ihnen passiert, und suchen, was schlecht an ihnen ist oder falsch an ihrem Verhalten. Auch hier sind klärende und unterstützende Worte notwendig. Schließlich sollten Lösungsversuche mit und nicht gegen oder ohne sie getroffen
Von wegen
„lieb und artig sein“,
wenn ich nicht will,
dann sag ich Nein.
in: kein Küßchen auf Kommando
Fallbeispiel 3
Eine Dreizehnjährige kommt mit einer Krankenschwester in unsere Sprechstunde. Sie erzählt mir, daß das Kind nach dem 4. Suizidversuch bei einer erneuten Hospitalisation von Vergewaltigung gesprochen habe.
Das Kind sieht aus wie jemand, der jahrelang im KZ war. Die Augen sind leblos. Sie schaut vor sich hin. Stockend und tonlos beginnt sie zu erzählen. Dabei scheint sie über jemand anderen zu berichten, als ginge es sie gar nichts mehr an. Der Freund ihrer Mutter habe sie während einem Jahr oral vergewaltigt und sie mußte es jedesmal schlucken. Nachher erbrach sie sich. Sie leidet an Angst- und Verlassenheitsgefühle, an Schlafstörungen, Eßstörungen und schweren Depressionen. Sie sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben und hofft, daß es bald zu Ende gehen wird.
Die Mutter hat jedesmal, wenn er sie vergewaltigte, dabei gestanden und so furchtbar gelacht. Sie habe ihn auch dazu angestachelt, ihre Tochter mal richtig zu nehmen. Das sei ihm aber nicht gelungen. Ein Geschlechtsverkehr fand nicht statt. Stattdessen kam es zum Mundverkehr. Sie sei von ihrer Mutter gehaßt und wie der letzte Dreck behandelt worden.
Dieses Kind ist am Boden zerstört. Es hat seinen ganzen Glauben in die Menschheit verloren und sieht keinen anderen Ausweg als den Tod. Sie wird wohl noch einige Zeit in stationärer Behandlung bleiben müssen. Was danach kommt, ist ungewiß. Von der wichtigsten Bezugsperson verleugnet und zum Sexualobjekt des Freundes ihrer Mutter degradiert zu werden, hat sie gebrochen. Dieses Kind zeigt keine Anzeichen mehr von Hoffnung oder Überlebensglauben.
werden. Altersgerechte Erklärungen, in die das Kind mit einbezogen wird, helfen ihm, sich als Person zu erleben und Achtung zu erfahren.
Diese ganz neue Erfahrung kann Anstoß werden zu einem ersten Heilungsprozeß.
Überlegungen zur Strafverfolgung
Wenn ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet wird, muß Anzeige erstattet werden. Wenn wie in unseren Fallbeispielen keine anatomischen oder bakteriologischen Beweise gefunden werden, bleibt nur die Aussage des Kindes. Dann sieht diese Aussage gegen die des Täters, der in den allermeisten Fällen alles leugnet, respektive behauptet, das Kind sei schuld, es habe es gewollt, seinen Spaß daran gehabt usw. Zeugen gibt es selten, es sei denn, um für den Täter auszusagen. Im Fall, wo das Gericht zur Überzeugung kommt, daß das Kind die Wahrheit gesagt hat und Beweise dafür festgestellt wurden, wird der Täter zu einer mehr oder weniger langen Haftstrafe verurteilt. Sind die Beweise jedoch ungenü-
gend, das Kind nicht glaubwürdig genug, bestehen also Zweifel, muß der Angeklagte freigesprochen werden. In dubio pro reo. Ist er frei, oder nach Verbüßung seiner Strafe, muß das Kind wieder fürchten, daß alles von vorne beginnt und der ganze Mißbrauch weitergeht. Der Schutz des Kindes hat also Vorrang. Wenn niemand in der Familie das Kind effektif schützen kann, muß es zur Obhut in ein Heim. Auch wenn die Heimplazierung nicht dem entspricht, was das Kind befürchtet hatte, lernt es doch, daß das, was der Täter ihm prophezeit hatte, nun Realität geworden ist. Es fühlt sich bestraft, von seiner Familie getrennt und wird erst langsam lernen, daß das Heim keine Strafe ist, sondern es ihm Schutz und Hilfe bei der Bewältigung seines Leidens leisten kann.
Und die Mütter?
Mütter haben es sehr schwer, das Geschehen zu glauben. Der Täter hat ja alles so im Detail geregelt, daß die Mutter nichts merken darf. Und das Kind wird nicht reden! Es kann allerdings veränderte Verhaltensweisen aufweisen, die Mütter
ter einen Hinweis darauf geben könnten, was geschehen ist. Die Situation dieser Mütter ist nicht einfach. Wenn das Kind sich ihnen anvertraut hat, sind sie zutiefst bestürzt. Das ist so ungeheuerlich, das kann doch nicht sein. Es ist so, daß Mütter solche Aussagen ihres Kindes nicht etwa nicht glauben wollen, sondern einfach nicht glauben können: Doch nicht sie, in ihrer Familie, das kann nicht sein. Ist der erste Schock überwunden, sieht sich die Frau in einem tiefen Loyalitätskonflikt. Sie ist hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihrer Tochter und der Liebe zu ihrem Partner. Hinzu kommt oft die emotionale wie finanzielle Abhängigkeit vom Partner. Was wird aus ihr und den Kindern, wenn sie Anzeige erstattet und zum Schutz der Kinder weg von zu Hause muß. Wohin? Wovon soll sie leben? Wie soll sie Arbeit finden? Wie geht es weiter? Hinzu kommen auch persönliche Kränkungen. Wie demütigend für sie auf diese Art und Weise von ihrem eigenen Mann betrogen worden zu sein. Wie kann sie glaubhaft machen, daß sie nichts gemerkt hat, die Notsignale des Kindes nicht wahrgenommen hat? Wie viele Schuldgefühle lasten jetzt auch auf ihr?
Roger Feltner
Auch Mütter brauchen Hilfe. Hilfe um sich selbst wieder aufzubauen, dem Kind wirksame Unterstützung zu geben, trotz aller Selbstzweifel. Doch das Kind selbst wird ihr helfen, auf diesem schwierigen Weg wieder zueinander zu finden und Vertrauen aufzubauen.
In seltenen Fällen ist die Mutter Komplizin ihres Mannes. Dies ist für das Kind die traumatischste aller Erfahrungen, denn es hat ja die letzte Bezugsperson verloren und keine Orientierung mehr. Wenn die eigene Mutter es im Stich läßt, scheint tatsächlich alles verloren.
Und die Täter?
In seltenen Fällen fühlt der Täter sich schuldig. Dann hat er auch ein Unrechtsgefühl und ist zugänglich für therapeutische Hilfe.
In den meisten Fällen hat der Täter hingegen keine Schuldgefühle. Im Gegenteil, er fühlt sich im Recht. Das eigentliche Opfer aber ist er. Er versteht überhaupt nicht, was man ihm vorwirft.
Ein Täter schilderte mir das einmal so:
forum Nr. 132 (Dez. 1991), S. 23-49
Dossier: Sexueller Mißbrauch an Kindern
Preis: 100F
In der Redaktion (Tel. 424488) noch verfügbar
"Ich bin eigentlich ein Mensch der Schwierigkeiten hat, Kontakte zu erwachsenen Frauen aufzunehmen. Sie könnten mich ja zurückstoßen, ja mich vielleicht sogar schlagen. Aber das Kind, das ist ja noch klein. Es ist zu Hause. Es gehört mir. Als sein Vater kann ich über es verfügen wie ich will. Gehorchen wird es sowieso. Und reden würde es auf keinen Fall. Also, was riskiere ich denn dabei? Es bleibt alles schön in der Familie und niemand merkt etwas davon. Am allerwenigsten die Mutter. Also kann ich ruhig sein. Mir kann nichts passieren."
Bis es dann eines Tages doch passierte…! Als die Mutter Anzeige gegen ihn erstattete, war er zutiefst schockiert darüber, was sie ihm angetan hatte…!
Strafverfahren müssen angeregt werden. Denn das Kind braucht die Bestätigung des Gerichts, daß nicht es selber, sondern der Täter schuldig ist. Nur so kann seine Ehre rehabilitiert werden und es zu seiner persönlichen und bürgerlichen Integrität zurückfinden. Doch Strafe allein genügt nicht. Das Gefängnis heilt nicht. Darum ist eine Behandlung der Täter von größter Bedeutung. Bedingung dafür ist allerdings, daß der Verurteilte sich bewußt wird, daß er Unrecht getan hat, Schuld auf sich geladen hat und Hilfe braucht. Und dies ist wohl der erste Schritt auf dem Weg der Heilung. Die Behandlung ist langwierig, doch absolut notwendig. Denn ohne Behandlung werden Täter fast immer rückfällig. Doch nach einer Behandlung, so Experten, werden höchstens noch 30% der Täter rezidivieren. So stehen die Chancen für die Mehrzahl von ihnen doch wesentlich besser als ohne Therapie.
Prävention
Was können wir tun, damit es überhaupt nicht zu solchen Übergriffen kommt? Zunächst müssen wir uns mit der Tatsache abfinden, daß sexueller Mißbrauch überall vorkommen kann. Auch wenn man den Teufel nicht an die Wand malen und in jeder Liebkosung zwischen Eltern und Kindern Mißbrauch wittern sollte. Es gibt immerhin noch weit mehr Eltern, die ihre Kinder herzlich lieben und ihre Integrität respektieren. Also keine hysterischen Reaktionen.
Sexualerziehung begreift von Geburt an das vertrauensvolle Verhältnis zwischen
Eltern und Kindern. In der Geborgenheit seiner Familie wird das Kind lernen, daß sein Körper gut ist mit all seinen Organen und Funktionen. Nichts ist schmutzig daran oder schlecht. Es soll auch alles seinen Namen haben, insbesondere die Geschlechtsorgane. Es soll sich lieb haben dürfen, stolz auf sich sein und mit seinen Geschlechtsorganen spielen dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Es darf nein sagen, wenn jemand es gegen seinen Willen anfällt und es ein schlechtes Gefühl dabei hat.
Strafe allein genügt nicht. Darum ist eine Behandlung der Täter von größter Bedeutung. Bedingung dafür ist allerdings, daß der Verurteilte sich bewußt wird, daß er Unrecht getan hat und Hilfe braucht. Und dies ist wohl der erste Schritt auf dem Weg der Heilung. Die Behandlung ist langwierig, doch absolut notwendig. Denn ohne Behandlung werden Täter fast immer rückfällig.
Eine wirksame Prävention bedeutet: Erziehung zur Selbstbestimmung, körperlich und auch sexuell. Entwicklung des Selbstwertgefühls. Eine Erziehung, die nicht Angst vermittelt, sondern Stärke. Eine Erziehung, in der das Kind ernst genommen wird und Achtung erfährt. Eine solche Erziehung muß integriert werden in der Familie, im Kindergarten und in den Schulen.
«Die wichtigsten Punkte dieser Erziehungsarbeit enthalten folgende Themenbereiche:
- Dein Körper gehört dir.
Der eigene Körper ist wertvoll, jedes Kind hat das Recht ihn zu schützen. Jedes Kind hat das Recht zu bestimmen, wer es wann, wie und an welchen Stellen anfassen darf.
- Vertraue deinem eigenen Gefühl.
Mädchen und Jungen lernen auf ihre Gefühle zu achten und diese als Maßstab für ihr Handeln anzusehen.
- Es gibt verschiedene Berührungen.
Kinder lernen zwischen "guten" und "schlechten" sowie merkwürdigen Berührungen zu unterscheiden und letztere selbstbewußt abzuweisen.
- Nein sagen ist erlaubt.
Kinder dürfen und müssen in bestimmten Situationen Grenzen ziehen und nein zu den Anforderungen Erwachsener sagen. Sie haben die Erlaubnis, nicht zu gehorchen und sich zu wehren, wenn die Erwachsenen sie auf eine Art berühren, die ihnen nicht behagt.
- Gute und schlechte Geheimnisse.
Kinder lernen, adäquate Geheimnisse, wie zum Beispiel Überraschungen, von schlechten zu unterscheiden. Wenn Heimlichkeiten unheimlich werden, ist es besser, sich Freunden und/oder Erwachsenen anzuvertrauen.
- Erzähle, teile dich mit und suche Hilfe.
Kinder sollen lernen, wenn sie ein "schlechtes" Geheimnis drückt, sich mitzuteilen und Hilfe zu holen.
Diese Erziehung zu Selbstständigkeit und Selbstbewußtsein ist ganz gewiß auch eine Herausforderung für uns Erwachsene, die doch selbst nicht immer gerade stolz sind auf ihren Körper, ihre eigenen Gefühle nicht immer ernst nehmen, andere nicht respektieren, Angst haben nein zu sagen und vieles mehr.
Präventive Erziehung bedeutet von daher stets auch Selbsterziehung von uns Erwachsenen.» (Andrea Lehnart, Psychotherapeutin im Planning Familial)
Wenn wir es wirklich ernst meinen mit der Würde des Menschen, auch und besonders mit der Würde der Kinder, müssen wir lernen Augen und Ohren offen zu halten, Zeit zu haben hinzuhören und konsequent für ihre Rechte einzustehen.
Dabei ist Prävention der wichtigste Faktor. Damit die Kinder lernen nein zu sagen, müssen wir bereit sein zum zwischenmenschlichen Dialog und das Kind von klein auf ernst nehmen.
Totschweigen war einmal. Jeder ist gefordert da, wo er lebt, einen konkreten Einsatz zu leisten. Nicht wegschauen, sondern hinhören.
Dr. M.-P. Molitor – Peffer
Planning Familial
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