Eine Studie zur Situation junger Lesben und Schwuler in Deutschland
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Die Berliner Senatorin für Schule, Jugend und Sport, Ingrid Stahmer, stellt die erste im deutschsprachigen Raum durchgeführte empirische Studie „Sie liebt sie. Er liebt ihn“ zur psychosozialen Situation lesbisch, schwul und bisexuell orientierter Jugendlicher vor.
Zentrale Ergebnisse der Studie
- Bemerkenswert ist, daß der Coming out Prozeß überwiegend zwischen dem 12. und 17. Lebensjahr staatfindet. Über (40%) der weiblichen und über (60%) der mannlichen Befragten erleben ihr Coming out – den Prozeß des Sich-Bewußt-Werdens der eigenen Homosexualität – vor dem 18. Geburtstag. Der Kontakt zu anderen Lesben, Schwulen und Bisexuellen ist damit entscheidend, da er ihren hilft, sich ihrer sexuellen Identität sicher zu werden.
- Mindestens ein Elternteil reagiert negativ auf die Homosexualität der Tochter oder des Sohnes. Negative Reaktionen des sozialen Umfeldes – von Beschimpfungen bis hin zu körperlicher Gewalt – haben 2/3 der Befragten erlebt. Pädagoginen und Pädagogen, denen sich Jugendliche anvertrauen, bieten in der Regel weniger Unterstützung oder Informationen an, die diese Jugendlichen dringend benöttigen. Folglich bleiben junge Schwule und Lesben mit der Anforderung der Identitätsentwicklung und der Erschließlich neuer Lebensverspektiven allein. Einsamkeit ist davon auch das am früfigsten genannte Problem der jungen Lesben und Schwulen.
- Informationen über lesbische und schwule Lebensweisen sowie Vorbilder haben die Jugendlichen kaum. Hier bietet die Schule nach wie vor weniger bis gar keine Informationen. Die Beziehungen im nahen Umfeld der Jugendlichen sind die wesentlichste Informations-
quelle. Dies bedeutet, daß in erster Linie die gleichaltrigen Jugendlichen auf das Coming out ihrer Freundinnen und MitschülerInnen vorbereitet sein müssen.
- Der Prozeß des Coming outs, der ohnehin in eine erher problembelastete Zeit fällt – Pubertät und frühe Jugendphase – bringt eine Reihe von zusätzlichen Problemen mit sich. Obgleich die Jugendlichen überwiegend – 73% der mannlichen und 69% der weiblichen Befragten – ein positives Selfbstbild entwickeln, spiegelt ihren ihr heterosexuelles Umfeld eine andere Realität. So sind es die ablehnenden und abwehrenden Reaktionen von außen, die die Jugendlichen früig in die Rolle des "Andersseins" drängen. Um so mehr sind diese Jugendlichen psychosozialen Belastungen ausgesetzt und gefordert, Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Mehr als die Hälfte aller Befragten versuchten, mit Alkohol oder anderen Drogen sowie mit weiteren alarmierenden Strategien ihre Schwierigkeiten zu verkraften.
- Selfbstöungsversuche sind wohl die gravierendste Form, auf Ausgrenzungsprozesse zu reagieren. Die Suizidgefährung von gleichgeschlechtlich orientierten Jugendlichen und Heranwachsenden ist vier mal so hoch wie die der heterosexuellen Gleichaltrigen. (18%) der Befragten gaben an, mindestens einen Suizidversuch hinter sich zu haben.
- Hilfe bei Problemen suchen und finden die Jugendlichen überwiegend bei
lesbischschwulen Beratungsstellen. Die meisten wünschen sich spezielle Beratungs- und Freizeitangebote gerade für junge Lesben und Schwule.
- An der Befragung haben überwiegend Jugendliche teilgenommen, die ihr Coming out bewältigt haben bzw. sich bereits in der lesbisch-schwulen "Szene" bewegen. Daß die Belastungen auch unter diesen Jugendlichen relativ hoch sind, ist ein alarmierendes Ergebnis der Studie.
- Frau Stahmer machte deutlich, daß die Ergebnisse der Studie Anlaß geben für Konsequenzen in Elternhaus, Schule und Jugendhilfe:
Die Eltern als primäre Bezugspersonen können einen wesentlichen Einfluß auf die positive Identitätsentwicklung ihrer Töchter und Söhne nehmen, indem die sich schon früh mit der Möglichkeit einer homosexuellen Entwicklung ihres Kindes beschäftigen. Informationen, Broschüren, Ratgeber und Beratungsangebote für Eltern gleichgeschlechtlich orientierter Kinder sollen breiter gestreut und einfacher zugänglich werden.
Die Schule hat die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen ausführliche und vorurteilsfreie Informationen über gleichgeschlechtliche Lebensweisen zu vermitteln. Die Senatsverwaltung wird neue Richtlinien zur Sexualerziehung schaffen, die es Lehrkräften besser als bisher ermöglicht, Homosexualität zu thematisieren. Eine integrierte Behandlung in verschiedenen Unterrichtsfächern ist vorgesehen.
Abschließend wies Frau Stahmer darauf
hin, daß unter den Jugendlichen, die an der Befragung teilnahmen, nur sehr wenige junge Menschen mit niedrigem Bildungsabschluß sowie ausländischer Herkunft waren. Hieraus ergibt sich ein Handlungsbedarf, Methoden und Modelle zu entwickeln, die weniger privilegierte Jugendliche ansprechen. Konsequenterweise muß die Aufklärungsarbeit in Haupt-, Sonder- und Gesamtschulen intensiviert werden.
aus: Lesbenring-Info April-Mai 1999 / verarbeitet von Monique Mathieu, Präsidentin Rosa Lila
¹ Grundlage dieser Studie sind die Antworten von insgesamt 217 jungen Menschen aus Berlin von 15 bis 27 Jahren, wobei der Anteil der weiblichen und männlichen Teilnehmenden in etwa gleich war. Die Verteilung der Fragebögen erfolgte überwiegend in lesbischschwulen Beratungsstellen. Die Untersuchung führte die Senatsverwaltung, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, durch. Die Auswertung nahm die Autorin Karin Schupp vor, und einen Exkurs zur Suizidgefährdung von homosexuellen Jugendlichen lieferte Prof. Dr. Thomas Hofsäss. Herausgegeben wird die Studie von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport zusammen mit der GEW Berlin.
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