Hochschulpolitik im Dienst der Wirtschaft?

Zur aktuellen Diskussion über das Luxemburger Hochschulwesen (1)

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Seit forum im Oktober 1999 in Nr. 195 ein Interview mit der neuen Hochschulministerin Erna Hennicot-Schoepges veröffentlichte, hat sich etliches auf politischer Ebene getan in Sachen Universität Luxemburg, auch wenn in der alltäglichen Praxis die Probleme die alten geblieben sind. Das Hochschulministerium veröffentlichte Anfang Mai 2000 ein Weißbuch zum Thema Hochschulen in Luxemburg, gleichzeitig lud der GréngeSpoun zu einem Streitgespräch ein, am 29. Juni 2000 interpellierte der LSAP-Abgeordnete Ben Fayot die Regierung in dieser Sache und Die Zeit veröffentlichte am selben Tag einen Beitrag, in dem Premierminister Jean-Claude Juncker Luxemburg als zukünftigen Sitz einer European University Foundation anbot.

Im heutigen Beitrag geht es um prinzipielle Fragen der Notwendigkeit einer Universität und wissenschaftlicher Forschung in Luxemburg bzw. um ihre Grundausrichtung: Freiheit der Wissenschaft oder Wissenschaft im Dienst der Wirtschaft, in Forschung und Lehre? Im nächsten Heft werden wir uns konkreteren Fragen (Personalpolitik, Verwaltungsstrukturen, Infrastrukturen,…) des aktuellen Hochschulbetriebs in Luxemburg zuwenden.

Beim GréngeSpoun-Rundtischgespräch vom 11. Mai 2000 meinte Jean-Paul Lehners, Vizepräsident des CUnLux, für ihn gehörten vier Dinge zu einer Universität: der Unterricht, die Forschung, die Weiterbildung und ihre Rolle als kritische Instanz in der Gesellschaft. Die Ministerin war mit den drei ersten Aufgaben völlig einverstanden, meinte aber die letztere entspreche noch der 68er-Mentalität, die es zu überwinden gelte. Dagegen plädierte sie für eine enge Kooperation der Universität mit der Wirtschaft. Diese Zusammenarbeit müsse daher auch im zukünftigen Standort des Campus zum Ausdruck kommen. Inzwischen ist bekannt, dass die Regierung diesen Campus auf der Industriebrache Esch-Belval installieren will, wo Forschungslaboratorien und Betriebe nebeneinander aus dem (verseuchten) Boden schießen sollen. Im Weißbuch liest das sich so: "La notion de zone d’activité universitaire … se compose d’un ensemble d’éléments et de fonctions, à savoir: la fonction enseignement, la fonction recherche, la fonction vie étudiante (accueil et logement) et la fonction pépi-

nière d’entreprises". Die Universität Luxemburg soll also völlig im Dienst der Luxemburger Wirtschaft stehen. Mehr noch: laut Weißbuch ist die Universität selbst ein kommerzielles Unternehmen: "À la suite de cette mondialisation, l’enseignement supérieur devient une activité commerciale et il se crée un marché de l’enseignement supérieur sujet aux mêmes règles de la concurrence que le marché des services."

Diese Sichtweise wurde bislang vornehmlich von Dei Lénk in Frage gestellt. Bei Gelegenheit der parlamentarischen Interpellation von Ben Fayot meinte ihr Abgeordneter Änder Hoffmann: "Aus den Asche vun der vénérabler Universitas steigt den Homo economicus op, en eendimensionale Mensch, d’Ae fixiert op säi Laptop, säi léifsten a permanente Partner: Dat war esou e bessen déi zwar karikatur, mä awer net ganz falsch Virstellung, wéi ech de Livre blanc iwwert d’Héichschoulwiesen hei zu Lëtzebuerg gelies hunn. (…) Wann dat d’Konzeptioun vu Bildung a Forschung gewiescht wär, dann hätt de Freud seng Psychanalys net entwéckelt, den Ein-

"À la suite de cette mondialisation, l’enseignement supérieur devient une activité commerciale et il se crée un marché de l’enseignement supérieur sujet aux mêmes règles de la concurrence que le marché des services."

Aus dem Weißbuch der Luxemburger Regierung zur Hochschulpolitik

Dass die Anbiederung der wissenschaftlichen Forschung an die Wirtschaft keine Zukunftsmusik ist, bestätigen die jährlichen Aktivitätsberichte der öffentlichen Forschungszentren (CRP).

stein net seng Relativitätstheorie, an emol den Adam Smith net seng Grondleeung vun der klassescher liberaler Ekonomie, well dat alles net gepasst hätt an déi enk ekonomistesch Konzeptioun vu Bildung a Forschung, wéi se an deem Wäissbuch hei zum Ausdrock kënnt, a nët nëmmen do (…) (vgl. auch den Gastkommentar von David Wagner (Déi Lénk) im Lëtzbuerger Land, 28.7.2000).

Die Hochschulministerin ließ trotz dieser Einwände nicht locker und versuchte gar, das gesamte Parlament für ihre ökonomische Auffassung vom Hochschulwesen zu vereinnahmen: „Iwwert dee grondsätzlech Prinzip misste mer eis eigentlech eens sin, nämlech de Grondsaz, dass Wëssenschaft a Fuerschung un d’Ekonomie vun eisem Land sollen ugepasst ginn. Dat ass d’Richtung, déi de Législateur uginn huet, souwuel fir d’Gesetz vun den CRPen [Centres de recherche publics], wéi fir d’Gesetz vun dem Enseignement supérieur, a sou-guer och d’Gesetz iwwert de Fong [de Recherche] huet ëmmer déi doten Notioun a sech.“ In der Tat brauchte die Ministerin sich mit keiner parlamentarischen Motion einer Oppositionspartei auseinanderzusetzen, die in dieser Hinsicht andere Akzente gesetzt hätte. Im Gegenteil, sie konnte alle eingebrachten Motionen annehmen!

Öffentliche Forschungszentren im Dienst privater Wirtschaft

Dass die Anbiederung der wissenschaftlichen Forschung an die Wirtschaft keine Zukunftsmusik ist, bestätigen die jährlichen Aktivitätsberichte der öffentlichen Forschungszentren (CRP): Hier steht eindeutig die ‚recherche appliquée‘ im Vordergrund, während von ‚recherche fondamentale‘, von Grundlagenforschung kaum die Rede ist. Beim CRP-Henri Tudor könnte man das noch als verständlich hinnehmen, da das Mutterhaus ‚Institut Supérieur de Technologie‘ stets auf die Privatindustrie hin orientiert war und auch auf industrielle Berufe vorbereitet – der DP-Abgeordnete Alexander Krieps sprach bei der parlamentarischen Debatte offen von einer ‚aide aux entreprises‘. Doch derselbe Vorrang für industrieorientierte Projekte gilt bei dem am Centre Universitaire angesiedelten CRP-Gabriel Lippmann (dessen Projekte übrigens inhaltlich in der Mehrheit genauso gut vom CRP-HT betreut werden könnten, oder wo liegt der Unterschied etwa beim Laboratoire d’Analyse des Matériaux‘ oder bei der ‚Cellule de Recherche, d’Étude et de Développement en Informatique‘?). Im ‚exposé des motifs‘ des großherzoglichen Reglements zur

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Umbenennung des CRP-GL heißt es denn auch ohne Umschweife "Lors de la mise en place de ses activités de recherche appliquée (!) le CRP – Centre Universitaire a veillé dès 1988 à respecter deux grands principes: la qualité scientifique et l’utilité économique de ses actions."

Dieses Primat der Wirtschaft bei der Projektauswahl ergibt sich schon aus der Funktionsweise der CRP. Ein Projekt hat nur dann eine Chance, vom CRP angenommen und gefördert zu werden, wenn es eine Kofinanzierung aus der Privatwirtschaft, eventuell auch eines anderen Ministeriums einbringt. Geistes- und Sozialwissenschaften haben unter diesen Bedingungen kaum eine Chance, wie u. a. die Mittelalterhistoriker vom CLUDEM schon Anfang der 90er Jahre erfahren mussten, als ihre Aufnahmegesuche in das CRP-Centre Universitaire, heute CRP-Gabriel Lippmann, nicht einmal einer Antwort würdig waren. Heute ist das CLUDEM trotzdem im Bereich der historischen Wissenschaft das aktivste Forschungsinstitut in Luxemburg, das in zehn Jahren nicht weniger als 15 z. T. umfangreiche Bücher veröffentlicht hat, die allesamt von der internationalen Fachwelt gewürdigt wurden. Im CRP-GL gibt es zur Zeit im Bereich der Geschichte nur zwei Alibi-Projekte: zur Geschichte der europäischen Vereinigung, in Zusammenarbeit mit dem vom Staatsministerium finanzierten Centre d’Études et de Recherches Européennes Robert Schuman, sowie zur Geschichte der Luxemburger Stahlindustrie, in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium und der Fondation Bassin Minier (deren Hauptgeldgeber die ARBED ist). Beiden Projekten widmet der Jahresbericht 1999 des CRP-GL je eine knappe Seite, ohne nähere Angaben zu Resultaten und Veröffentlichungen. (Im Fall des Stahlindustrie-Projekts hängt der schleppende Fortgang der Arbeiten allerdings auch an der Berufung der Projektleiterin zur Direktorin ff. der Nationalbibliothek.)

Und es wird weiter so gehen. Bislang hat die Regierung ein Lehrangebot im Bereich des 3. Zyklus (postgraduate) genehmigt, nämlich ein ‚3e cycle‘ im Bereich des ‚contentieux communautaire‘, weil man von der Anwesenheit zahlreicher Juristen, die in EU-Recht spezialisiert sind, profitieren möchte. Vorgesehen sind laut Regierungserklärung von 1999 desweiteren ein Aufbaustudium in Finanzwissenschaft: In Zusammenarbeit mit der ABBL, der Vereinigung der in Luxemburg angesiedelten Banken, soll eine ‚Luxembourg School of Finance‘ aufgebaut werden, und ein solches in Media Management, mit der Begründung, dass in diesen Bereichen Luxemburg über die nötige Kompetenz verfüge. Die Liste wurde seither öfters wiederholt, doch nie um ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Projekt

ergänzt, obschon auch solche Projekte auf dem Tisch liegen.

Im geheimen hatte der Fonds national de la Recherche Anfang 2000 ein ‚appel aux projets‘ an nicht auszumachende Adressaten geschickt. Nach Aussagen der Hochschulministerin wurden 40 Projekte eingereicht für ein Gesamtvolumen von 4 Milliarden Franken. Vier Forschungsgebiete wurden zurückbehalten, teilte die Ministerin am 29.6.2000 der Abgeordnetenkammer mit: 1. die Informationsgesellschaft mit Schwerpunkt Kommunikationssicherheit, 2. neue Materialien und Nanotechnologien, 3. Wasserwirtschaft, 4. Biotechnologien und Gesundheit. Alles zukunftsweisende Forschungsbereiche, in denen der kommerzielle Einsatz und entsprechend das Interesse der Privatwirtschaft groß sind. Die sollen also nun noch zusätzlich vom Staat gefördert werden, denn für die Regierung ist mittlerweile Forschungspolitik ein Mittel der Standortpolitik geworden.

Kein Interesse an Geistes- und Sozialwissenschaften

Zurecht fragte Josée Hansen am 12.5.2000 im Lëtzebuerger Land: "Même si les troisièmes cycles de pointe sont une réelle chance de développement pour le Luxembourg, même si, enfin, le Grand-Duché peut aussi devenir un exportateur de savoir, il restera toujours un regret amer. Celui d’une approche utilitariste de la formation et, partant, du sous-développement persistant des sciences humaines."

Dabei fehlt uns in diesen Bereichen keineswegs die Kompetenz. Die Anerkennung für Forschungsleistungen auf den Gebieten der Literaturwissenschaft oder der Linguistik, der Geschichtswissenschaft oder der Archäologie ist längst gegeben. Promovierte Luxemburger Wissenschaftler mit hohem Spezialisierungsgrad sind an geisteswissenschaftlichen Fakultäten in Brüssel oder Trier tätig, werden zu wissenschaftlichen Tagungen in ganz Europa eingeladen, können problemlos in den angesehensten internationalen Fachzeitschriften publizieren, werden in internationale Fachgremien kooptiert, … Doch ihre wissenschaftliche Tätigkeit in Luxemburg bleibt mehr als prekär. (Inwieweit das auch mit dem Personalstatut am CUnLux zusammenhängt, wird in der nächsten forum-Ausgabe erörtert werden.)

Denn wer fördert schon die Forschung im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften? Welcher Wirtschaftszweig hat daran Interesse? Wie meinte da der grüne Abgeordnete Robert Garcia: "Ech hunn näischt géint d’Pépinière d’entreprises, mä et gëtt allerdings och ëmmer Fillièren, wou keng Pépinière d’entreprise kann hannendru kommen."

Wer fördert die Forschung im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften? Welcher Wirtschaftszweig hat daran Interesse?

Zwei Projekte zur Schaffung von Lehr- und Forschungsinstituten liegen seit geraumer Zeit den zuständigen Instanzen fertig formuliert vor (vgl. Kästen): Das eine sieht die Schaffung eines "Institut de recherche et de formation européennes en histoire médiévale" (IRFEHM) vor, in der Geschichtsstudenten einen Doktortitel erwerben können, die sich mit einem Thema der mittelalterlichen Geschichte des lotharingischen Raums beschäftigen (eine eindeutige Forschungslücke, die zu besetzen namhafte ausländische Historiker ihre Luxemburger Kollegen ermutigt haben). Und andererseits ist ein "Centre interdisciplinaire d’études sur le Luxembourg" (CIEL) geplant, das Fachwissenschaftler aus allen Bereichen (Linguisten, Literaturwissenschaftler, Historiker, Geographen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen) zusammenführen soll, die sich mit Fragen der Gegenwart und Vergangenheit der Luxemburger Gesellschaft beschäftigen. Keine ausländische Universität wird Luxemburg diese Forschungen abnehmen, doch ob man den Entscheidungsträgern es verständlich machen kann, dass solche Arbeiten auch für die Zukunft des Landes ihre Wichtigkeit haben, steht auf einem anderen Blatt. Beide Projekte waren dem Ministerium jedenfalls bislang nicht einmal eine Eingangsbestätigung wert.

Im Herbst 1999 meinte Hochschulministerin Erna Hennicot-Schoepges gegenüber forum: "Für nächsten Herbst ist die Eröffnung eines Instituts zur Luxemburger Sprache fest geplant, um unsere Sprache mal wissenschaftlich zu erforschen und zu lehren, um Diplome in luxemburgischer Sprachkompetenz auszustellen. Das ist ein erster Schritt. Der nächste soll erst danach kommen." (forum Nr. 195, S. 7). In ihrer Antwort auf die Interpellation von Ben Fayot meinte die Ministerin: "Et entstet awer och doraus en neie Besoin no Interdisziplinariteit am Studium selwer, well eng globalisieret Universiteits-a Fuerschungslandschaft ka sech net en vase clos entweckelen, mä si muss au contraire Virdenker si fir d’Problemer vu muer. Mä déi Problemer vu muer si ganz sécher iwwergräifend, fächeriwergräifend a grenzeniewerschredend, mat zwëschemenschleche Beziunge vun enger méi breeder Qualitéit wéi nëmmen der Spezialisation an engem Fach. An ech mengen, do läit d’Erausfuerderung, an do läit wahrscheinlech och d’Chance vun enger neier Form vun Universitéit hei zu Lëtzebuerg."

Das haben die Initiatoren des Projekts CIEL schon seit Jahren erkannt. Ihr Vorhaben erfüllt alle genannten Kriterien. Die Zusammenarbeit mit benachbarten Universitäten in der Großregion ist sichergestellt. Luxemburger Fachleute mit Doktorat und z. T. Habilitation in allen betroffenen Disziplinen stehen bereit. Doch wenn es darum geht, die großen Worte in die Praxis umzusetzen, fehlt es der Ministerin bzw. den Verantwortli-

chen des CUnLux an Entschlusskraft. Man liebäugelt lieber mit Chimären à la European University Foundation, zu der Luxemburg außer Steuervorteilen und Standortnamen zur Zeit nichts beizutragen hätte.

Als Jean-Claude Juncker beim forum-Rundtischgespräch am 16.6.2000 auf die Notwendigkeit einer Universität zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses angesprochen wurde – im Interesse einer nachhaltigen Entwicklung des Standorts Luxemburg, meinte der Premierminister, er sei für den gezielten Ausbau bestimmter zukunftsträchtiger Forschungszweige, aber nicht der klassischen Lehrfächer. "Ich bin gegen eine sogenannte Volluniversität in Luxemburg. Es gibt genügend Universitäten in Europa, wo man mittelalterliche Poesie in all ihren Feinheiten studieren kann, das müssen wir nicht auch in Luxemburg anbieten." Das stimmt schon deswegen nicht, weil alle guten Universitäten überfüllt sind und an Geldmangel leiden. Ein zusätzliches Lehr- und Forschungsangebot in der Region wäre also durchaus willkommen und würde als positive Konkurrenz empfunden. Der Staatsminister zeigte mit dieser Aussage sein völliges Desinteresse an übergreifender Bildung und offenbarte die wahren Gründe der stiefmütterlichen Behandlung der Geistes- und Sozialwissenschaften im Luxemburger Hochschulwesen. Die Luxemburger Politiker sind derart vom Virus des utilitaristischen Denkens im Sinne des Wirtschaftsstandortes infiziert, dass jedes Denken über den reinen Nutzen hinaus ihren geistigen Horizont übersteigt. Deshalb muss auch ein Museum für moderne Kunst oder eine Konzerthalle für klassische Musik immer damit begründet werden, dass Luxemburg diese Bauten braucht, um im Wettbewerb mit der Großregion mithalten zu können. Nie aber wurde Kunst oder Musik als Selbstzweck anerkannt.

Bedarf an schönen Büchern – nicht an historischer Forschung

In der Regierungserklärung von 1999 wurde die Ausarbeitung eines Handbuchs der Luxemburger Geschichte angekündigt. Auf Nachfrage hin erklärte uns die Kulturministerin, gemeint sei ein schön aufgemachtes Buch, das im Schnelldurchgang die Geschichte Luxemburgs darstellt, "da wir über kein entsprechendes Buch verfügen, das wir unseren Staatsgästen schenken können". Dass es abgesehen von dem veralteten Schulbuch von Thill/Margue/Trausch auch kein wissenschaftlichen Kriterien genügt, dass das die Zeitschrift Hemecht auf Privatinitiative beruht und der aktuelle Herausgeberkreis sich Sorgen um die Weiterführungs dieser erfolgreichen Publika-

Die Luxemburger Politiker sind derart vom Virus des utilitaristischen Denkens im Sinne des Wirtschaftsstandortes infiziert, dass jedes Denken über den reinen Nutzen hinaus ihren geistigen Horizont übersteigt.

tion macht, … diese Defizite lassen die Regierung unbekümmert. Sie sind wirtschaftlich irrelevant und interessieren eh nur Geschichtsfreunde.

Die Zeiten, da ein Camille Wampach ein zehnbändiges Quellenbuch veröffentlichen konnte, um das Luxemburger Historiker noch heute im Ausland beneidet werden, sind vorbei. Für die heutige Situation ist die folgende Anekdote bezeichnender: 1992 hatte das CLUDEM der Regierung einen Plan zu einer prestigeträchtigen Ausstellung über Johann den Blinden vorgelegt, die in Zusammenarbeit mit tschechischen Institutionen 1996 an den 650. Todestag des Luxemburger Grafen und böhmischen Königs erinnern sollte. Daraus wurde nichts. Als aber 1997 Luxemburg den Vorsitz in der EU inne hatte, fehlte der Regierung ein gehaltvolles kulturelles Beiprogramm, das auf Luxemburger Mist gewachsen wäre. Daraufhin erinnerte sie sich an das Ausstellungsprojekt und beauftragte CLUDEM, ohne tschechische Partner und ausgestattet mit einer lächerlichen Summe eine bescheidene Ausstellung über den europäischsten der Luxemburger Grafen auf die Beine zu stellen.

Alle die genannten Beispiele zeigen, dass Kultur, Wissenschaft, Hochschullehre kein Selbstwert zuerkannt wird, sondern nur unter der Bedingung wirtschaftlicher oder politischer Nützlichkeit eine Existenzberechtigung haben. Wer so denkt, versteht natürlich nicht, dass Menschen sich zehn Minuten oder ein Leben lang mit den Gedichten von Guillaume Machaut oder der Entstehung des Luxemburger Städtetetzes beschäftigen, und dann auch noch verlangen, dass der Staat für Grundlagenforschung in diesen Bereichen Gelder zur Verfügung stellt. Das aber ist Aufgabe einer öffentlichen Universität. Wenn diese sich darüber hinaus durch angewandte Forschung im Dienst der Privatwirtschaft zusätzliche Finanzquellen erschließt, umso besser. Doch Grundlagenforschung, vor allem im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften wird auch im Ausland nur von staatlicher Seite oder höchstens von gemeinnützigen Stiftungen finanziert.

In Luxemburg sollen diese Gelder vom Nationalen Forschungsfonds verwaltet werden. Wie der Fonds die Gelder verteilen will, hat sich jedoch noch nicht in Erfahrung bringen lassen. Die oben erwähnte Festlegung von vier Schwerpunkten, ausschließlich in der angewandten Forschung, läßt allerdings nichts Gutes erwarten. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft fließen alle Gelder hingegen in einen Topf und werden dann nach einem bestimmten Schlüssel von den Vertretern der Wissenschaften auf die einzelnen Fachbereiche verteilt. So kommt es, dass z. B. an der Universität Trier ein interdisziplinärer Sonderforschungsbereich während 15 Jahren wirken

und jungen Nachwuchswissenschaftlern Arbeit geben konnte, mit einem Gesamtbetrag, der am Ende über 25 Millionen DM liegen wird – und das für Forschungsarbeiten zu einem wirtschaftlich so irrelevanten Thema wie „Zwischen Maas und Rhein. Beziehungen, Begegnungen und Konflikte in einem europäischen Kernraum von der Antike bis ins 19. Jahrhundert“. Inhaltlich ging es vor allem um die Erarbeitung und Erprobung historischer Raumkonzepte. Zum erforschten Kerngebiet gehörte auch Luxemburg, beteiligt an dem Projekt waren auch Luxemburger Historiker.

Zuhause wird jedoch sozial- und geisteswissenschaftliche Kompetenz als wirtschaftlich unrentabel verworfen.

m.p.

In Luxemburg
haben Kultur,
Wissenschaft und
Hochschullehre
ausschließlich
unter der
Bedingung
wirtschaftlicher
oder politischer
Nützlichkeit eine
Existenz-
berechtigung.

Pub: Naturata

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