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Auch für forum kamen die hitzigen Diskussionen um die Gëlle Fra bis etwas überraschend. Und wir machten uns Gedanken über die Rolle eines Monuments im öffentlichen Leben. Eigentlich – dachten wir – gehen die Zeitgenossen doch gedankenlos an den zahlreichen Denkmälern, Gedenktafeln, Inschriften u. ä., die den öffentlichen Raum möblieren, vorbei. Nicht einmal als Kunstwerk werden sie wahrgenommen, die jüngeren können diesen Anspruch oft auch gar nicht mehr erheben. Wieso dann plötzlich das Geschrei, wenn eines dieser Denkmäler parodiert wird, um zur Besinnung über die Rolle der Frauen im Krieg aufzurufen? Wieso aber auch gibt es heute noch Initiativen, neue Monumente zu schaffen, etwa eines zur Erinnerung an die Opfer der Hexenverfolgungen oder ein neues Grabmal für Graf Johann den Blinden?

“La mémoire collective d’une nation a besoin de dates symboliques qui lui rappellent les moments forts de son histoire. Un peuple qui n’est pas apte à se souvenir ne peut pas affronter l’avenir,” schreibt die Regierung in ihrer diesjährigen Proklamation zur “Journée de la Commémoration nationale”. Ebenso verhält es sich mit Monumenten. Oder auch mit Texten, Liedern, … Der „Feierwon“ als nationales Lied spielt eine identitätsstiftende Rolle, die über den Anlass seiner Dichtung, die Einweihung der ersten Eisenbahnlinien, weit hinausgeht. Ähnliches wäre vom „Renert“ zu sagen gewesen, aber die Gelegenheit dazu wird sich 2002 noch bieten. Aus Platzgründen beschränken wir uns in dem vorliegenden forum-Dossier auf Monumente der bildenden Kunst.

Zu Recht erinnert Marc Schoentgen in seinem Beitrag über die Denkmäler, die an den Zweiten Weltkrieg erinnern, mit einem Zitat von Pierre Frieden daran, dass Monument vom lateinischen Wort monere kommt und das bedeutet erinnern, mahnen, warnen! Das aber fordert Lucien Kayser zur Frage heraus, ob Kunst diese politische Funktion im 21. Jahrhundert überhaupt noch wahrnehmen kann. Ungewollt (♀) kann ein Kunstwerk sicher noch aufrütteln. Die Gëlle Fra bis hat es ja gezeigt.

Wenn ein Monument an vergangene Taten oder Persönlichkeiten erinnern soll, stellt sich prinzipieller die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit. Michel Margue und Volker Zotz erklären übereinstimmend, dass diese Auseinandersetzung nicht nur auf der Ebene der Erinnerung, also der

Emotionen und Passionen stattfinden kann (wie das im Fall der Gëlle Fra bis ja fast ausschließlich geschah). Auch die Wissenschaft, die reflexive Auseinandersetzung ist gefordert. Wäre es also z. B. nicht sinnvoller ein Forschungszentrum über Hexenverfolgungen oder über die Rolle Johanns des Blinden im Europa des 14. Jahrhunderts zu schaffen, als die genannten Monumente zu finanzieren? Dass solche Initiativen keineswegs immer einen nationalen Konsens erreichen, zeigt Roger Muller am Beispiel geplanter, aber nicht immer verwirklichter Monumente in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Nichtsdestoweniger gibt es Orte, die an sich schon die Erinnerung an die Vergangenheit evozieren. Dort muss nur noch die reflexive Auseinandersetzung gefördert werden. Antoinette Reuter zeigt es am Beispiel des Viertels Italien in Düdelingen, wo nicht alle in den letzten Jahren aufgestellten Denkmäler ohne weiteres in den örtlichen Kontext passen und für Einwohner wie für Passanten lesbar sind. Guy Linster plädiert seinerseits für ein Monument – im doppelten Sinn des Wortes – zur Erinnerung an die nationale Bedeutung der Stahlindustrie an dem Ort selbst, wo ehemals drei Hochöfen standen (und noch zwei stehen). Solche "lieux de mémoire" gibt es Dutzende im Lande. Sie sprechen für sich und benötigen keines dieser hässlichen "M" aus Aluminium, mit denen das Denkmalschutzamt im Jahr 2000 zwölf Orte verunziert hat, um sich selbst ein Denkmal zu setzen.

Monumente haben auch nicht immer nur eine nationale identitätsbildende Funktion. Antoinette Reuter betont den lokalen bzw. gruppen- oder sozialschichtenspezifischen Charakter bestimmter Denkmäler in Düdelingen. Ein Beitrag über Grabmäler als Ausdruck einer Familienidentität musste auf eine spätere Nummer verschoben werden. Wieviele Mahnmale, die an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnern, haben nur individuelle oder höchstens lokale Bedeutung: Marc Schoentgen weist auf diese Differenzierungen hin. Seinen Beispielen könnte man noch das Wasserbilliger Monument hinzufügen, das an jene Männer und Frauen erinnern soll, die Wehrmachtdeserteure und Refraktäre versteckt haben; für ihr 1998 realisiertes Projekt konnte die Amicale Albert Ungeheuer aber die nationalen Kassen nicht mehr mobilisieren. Es gibt seit 1971 das „Monument de la Solidarité nationale“, das an alle Helden und Opfer aller Kriege erinnert, die in welcher Form auch immer zur Unabhängigkeit des Landes und zur Freiheit der Menschen, die dort leben, beigetragen haben. Wer zu viele Denkmäler in die Landschaft setzt, riskiert, dass der Denkanstoß nicht mehr wahrgenommen wird, dass sie ihre Mahn- und Erinnerungsfunktion verlieren. Dann sind es keine Monumente mehr, sondern nur noch Verkehrshindernisse oder Graffiti-Unterlagen.

m.p.

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