Eine saubere Ausstellung mit unsauberen Konzepten

Zur Ausstellung "Lave-toi! Sei sauber! Be clean!" des Stadtmuseums

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„Lave-toi! Sei sauber! Be clean!“ Eine Geschichte der Hygiene und öffentlichen Gesundheitsvorsorge in Europa – so lautet der vollständige Titel der Ausstellung, die am 25. März ihre Tore im Stadtmuseum öffnete und bis zum 24. Oktober 2004 offen halten wird. Jeder der drei Begriffe des Untertitels ist von Bedeutung. Es fehlt nur der Hinweis, dass die Ausstellung sich ausschließlich mit dem 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt. Insofern ist das Aquamanile aus dem 14. Jahrhundert, mit dem vornehme Gäste sich zu Tisch die Hände wuschen, bei aller Bewunderung für die feine Glasware aus einer Luxemburger Grabung ein Anachronismus.

Wer Hygiene sagt, denkt an Hände waschen, aber auch an Babypflege, Bakterien und Ungeziefer, Abwasserkanäle und öffentliche Müllabfuhr, eventuell auch an Sexualhygiene, Rassenhygiene und Sauberkeitswahn als Zwangsneurose. Ähnlich weitschweifig sind die Themen, die den Planern der Ausstellung im Stadtmuseum eingefallen sind. Es fehlt hingegen die Raumpflege, die Geschichte des Putzens, der Putzmittel, der Putzfrauen und Putzfirmen, … die sicher eine sozialgeschichtliche Vertiefung des Themas ermöglicht hätte. Auch der Begriff „hygiène mentale“ wird kaum benutzt und thematisiert. Der Kurzfilm über den Metzger der ohne Handschuhe Fleisch zerschneidet kann auch das weite Feld der Hygiene in den Lebensmittelberufen, das von höchster Aktualität ist, nur anschneiden, obschon hier seit der EU-Richtlinie über HACCP viel aktuelles Material verfügbar gewesen wäre. Es wäre sinnvoll gewesen, die betroffenen Berufsgruppen nicht erst für die Gestaltung des Rahmenprogramms in die Konzipierung der Ausstellung einzubeziehen. Dass den Planern zum Thema sauberes Wasser, der letzten der sieben Sektionen, außer dem Modell einer Kläranlage bei Durbuy, das etwas verlassen neben zwei vergessenen Plakaten zur Seefauna in einem Raum steht, nur eine Installation von Peter Kiefer mit dem Titel „Das fünfte Element“ einfällt, grenzt schon fast an Einfallslosigkeit.

Statt diesen Assoziationen zum Thema Hygiene nachzugehen, zogen die Ausstellungsmacher es vor, den Bereich öffentliche Gesundheitsvorsorge zu vertiefen. Das führt dann stärker in die medizinhistorische Aufklärung mit Informationen zur

Entdeckung der Bakterien von Pocken, Cholera, Tuberkulose, Tollwut und Kinderlähmung (nicht aber der Pest) und einem gut gemachten „journalistischen“ Ausblick auf heutige Seuchen wie Malaria, Ebola, AIDS … und Stress! Die Ausstellung bietet darüber hinaus erstaunlicherweise auch eine Sektion über Sicherheit am Arbeitsplatz in der Handschuhfabrik Reinhard und in der Eisenindustrie, die zwar eine Sammlung wunderschöner Plakate von Jean Schaack bietet, die sich aber wohl nur als Zugeständnis an den Mitorganisator, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, erklären lässt, da der Zusammenhang mit dem Zentralthema doch etwas an den Haaren herbeigezogen ist. Ähnliche Bedenken hege ich in Bezug auf von der Mode oder elitären gesellschaftlichen Strömungen diktierte Leitbilder der physischen Attraktivität, die man nicht einfach unter dem Begriff der Rassenhygiene subsumieren kann, denen aber auch eine Sektion gewidmet ist.

Trotz dieser mangelnden Sauberkeit bei der Themenstellung und -abgrenzung bietet die Ausstellung ohne Zweifel interessante, z. T. innovative Blicke auf ein Thema, das von der Geschichtswissenschaft bislang wenig, in Luxemburg sozusagen überhaupt nicht behandelt wurde. Als geradezu lustig muss man die erste Sektion bezeichnen, die der Körperpflege gewidmet ist und alte Aborte privater und öffentlicher Natur zeigt. Die Entwicklung hin bis zu den heutigen Marktangeboten für das Erlebnisbadezimmer wird durch eine Installation der Künstlerin Anne Anders mit dem Titel Badewonne angedeutet.

michel pauly

Trotz mangelnder Sauberkeit bei der Themenstellung bietet die Ausstellung innovative Blicke auf ein Thema, das von der Geschichtswissenschaft in Luxemburg überhaupt nicht behandelt wurde.

Vor politisch heikleren Aspekten wird sich herumgedrückt: Wo es Mülllager gab und was mit denen geschah, wird nicht thematisiert: Etliche Bürger hätten sich vielleicht Fragen über den Untergrund ihres derzeitigen Wohnviertels gestellt.

Den im Untertitel gebrauchten Begriff Europa darf der Besucher auch nicht aus dem Auge verlieren. Denn obschon die Ausstellung im Museum für Luxemburger Stadtgeschichte stattfindet, stammen die Ausstellungsobjekte aus neun verschiedenen Ländern. Umso erfreuter stellt der Historiker fest, dass die zweifellos innovativste, 2. Sektion über die Anfänge öffentlicher Hygiene sich hauptsächlich auf Luxemburg bezieht (außer etlichen Fotos aus Helsinki und einem Abwasserkanalisationsmodell aus London). In Form von Fotos, aber auch von öffentlichen Anschlägen und Gemeinderatsbeschlüssen zur Verbreitung allgemeiner Verhaltensmaßnahmen wurde ein überaus reichhaltiges Quellenmaterial zusammengetragen über öffentliche Brunnen (mit Trinkwasser oder zum Wäschewaschen), über die Einrichtung von öffentlichen Aborten und von Toiletten und Duschen in Schulgebäuden, über den Bau von Schlachthöfen, die ersten Mülltonnen, die Anfänge der öffentlichen Müllabfuhr, den Bau eines Kanalisationsnetzes und einer Straßenbeleuchtung (unter dem Vorwand, dass auch letztere zur Hygieneverbesserung beitrug, weil man nicht mehr überall seine Notdurft verrichten oder Abfall hinterlassen konnte). Die Auszüge aus der Enquête des Vereins für die Interessen der Frau und des Vereins für Volks- und Schul-

medizin von 1907 über „Einiges über Wohnverhältnisse der ärmeren Bevölkerung“ oder auch der plakatierte Gemeinderatsbeschluss von 1892, der Hausbesuche in den ärmeren Stadtvierteln ankündigt, verdeutlichen, dass das Hygieneproblem vorrangig eine soziale Frage war. Es bleibt allerdings dem Besucher überlassen, auf dem Stadtmodell von 1910 die betroffenen Viertel ausfindig zu machen. Und wenn man das Verdienst am Bau von Krankenhäusern (wo liegt der Beitrag zu Hygiene und Gesundheitsvorsorge?) „gutbürgerlichen Frauen“ zuweist und das am Beispiel der Kliniken St. Elisabeth und St. François in Luxemburg sowie des ARBED-Hospitals in Düdelingen illustriert, dann gerät doch einiges durcheinander. Im Anschluss an die Hygienemaßnahmen im öffentlichen Raum hätte ich mir eine Sektion über Hygiene im privaten Raum, im Haushalt erwartet, aber dieser Aspekt fehlt wie gesagt.

Die Sektion 2 sollte unbedingt zu vertiefenden Forschungsarbeiten Anlass geben. Leider wurde die sehr instruktive Materialsammlung nicht für das Begleitbuch zur Ausstellung ausgewertet, obschon die Sektion eine der wenigen ist, die mit authentisch Luxemburger Quellen arbeitet. Ansonsten greift auch der Begleitband häufig auf

ausländisches Material zurück bzw. erschöpft sich in allgemeinen Überblicksbeiträgen für uninformierte Zeitgenossen und beruht kaum auf neuen Forschungen. In Zukunft sei den Museumsverantwortlichen auf jeden Fall empfohlen, sich frühzeitig mit der Universität zusammenzusetzen, um möglicherweise originelle Beiträge von Geschichtsstudenten anzuregen.

Leider greifen die Ausstellungsmacher auch wieder auf etliche Gruseleffekte zurück, um sie auch bei jugendlichen Besuchern zu verkaufen. Seit jener Ausstellung über die Luxemburger im Jahr 2000 kennt man ja den Trick, auch wenn er nicht an Überzeugungskraft gewonnen hat. Vor politisch heikleren Aspekten wird sich hingegen herumgedrückt: Wo es Mülllager gab und was mit denen geschah, als eine Müllverbrennungsanlage gebaut wurde, wird nicht thematisiert: Etliche Bürger hätten sich vielleicht Fragen über den Untergrund ihres derzeitigen Wohnviertels gestellt. Da ist der Hinweis auf das Fortbestehen der Seuchengefahr in andern Erdteilen weniger anstößig. Dass Infektionskrankheiten mehr mit Armut zu tun haben als mit mangelndem medizinischem Fortschritt, durchschaut aber wohl nur der Besucher, der sich intensiv mit den oben erwähnten, historischen Teilen der Ausstellung auseinandergesetzt hat. Leider fehlt die sozialhistorische Perspektive auch in der Sektion 5 über den Staat als Wächter der Gesundheit, wo eher die zögernde Rolle des Staates bzw. seine Ergänzung durch private Initiativen in Bezug auf die zur Privatsphäre gezählte Gesundheit des einzelnen behandelt und die soziale Differenzierung kaum berücksichtigt wird. „Hygiene als Volksaufklärung oder Sozialdisziplinierung“ lautet der Untertitel des Beitrags der finnischen Historikerin Marjatta Hietala im Begleitband. Insofern stellt diese Sektion zu Recht eine Verbindung her zu der nationalsozialistischen Rassenhygiene … und zum aktuellen Körperkult der Modedesigner.

Recht breit fällt wie schon gesagt die Darstellung der medizinhistorischen Entwicklung etwa in der Mikrobiologie aus. Dass dann allerdings Ratten als „vermeintliche Krankheitserreger“ bezeichnet werden, um in schulmeisterlicher Manier unbegründete Ängste bloßzustellen, ist schlicht eine Verkürzung historischer Tatsachen, denn wenn der Krankheitserreger auch in der Tat von Flöhen übertragen wurde, so waren die Ratten doch deren wichtigste Träger, wie schon Robert Koch in Indien feststellte. Aber auch Menschenflöhe konnten das Pestbakterium übertragen und Armeen spielten bei seiner Verbreitung eine in der Ausstellung vergessene Rolle.

Dass das Geschichtsmuseum der Stadt Luxemburg mittlerweile im Ausland einen ausgezeichneten

Ruf genießt, zeigt nicht nur die weltweite Herkunft der Ausstellungsobjekte, sondern auch die Tatsache, dass die gesamte Ausstellung in Partnerschaft mit der Deutschen Arbeitsschutzausstellung der genannten Bundesanstalt konzipiert wurde und von Dezember 2004 bis Mai 2005 in Dortmund zu sehen sein wird. Damit gelingt dem Stadtmuseum schon zum zweiten Mal der Export einer seiner Ausstellungen, nachdem die Hexenausstellung 2001 mit großem Erfolg in Berlin gezeigt worden war. Insofern sind die obigen Kritiken auch als jene eines Wissenschaftlers zu verstehen, der den antiquierten Vorstellungen eines Bildungsbürgertums anhängt, wie man im Museum solche Überlegungen abzutun pflegt. Vom Besuch der diesmal nicht überladenen Ausstellung sollen sie niemanden abhalten, ganz im Gegenteil.

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