Der Superstar ist tot

... aber lebt die Kirche?

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… aber lebt die Kirche?

Michel Pauly

Vor wenigen Wochen erreichte die Redaktion die Mitteilung eines Lesers, er wolle forum abbestellen, da die Zeitschrift immer weniger Nachrichten aus Kirche und Religion bringe. Der Mann hat Recht. Solche Beiträge, die einst das Spezifikum von forum waren, sind selten geworden. Das hängt aber nicht an einem entsprechenden Beschluss der Redaktion. Diese weiß einfach nicht, was sie aus kirchlichen Kreisen berichten soll, denn dort gibt es kaum noch Berichtenswertes. Selbst sogenannte Linkskatholiken, die ich lieber mit Hubert Hausemer als Menschen bezeichnen möchte, die eine Haltung kritischer Solidarität mit der Kirche einnehmen, die also nicht das Kind (lies: ihren christlichen Glauben an das Reich Gottes) mit dem Bade (lies: die autoritären Strukturen einer kirchlichen Hierarchie) ausschütten wollen, sind selten geworden. RTL muss seine Fragen immer wieder an dieselben zwei, drei Personen stellen, da keine anderen ausfindig zu machen sind. In diesen Tagen erreichte uns nun die Nachricht, die Wissbei werde wegen Mangel an Mitarbeitern das Erscheinen einstellen. Die Wissbei war beileibe keine kirchenkritische Zeitschrift, wurde aber von engagierten Priestern und Laien gemacht, die auch Insider-Informationen aus kirchlichen Gremien an die Öffentlichkeit brachten, weil die

katholische Tagespresse dies schon lange nicht mehr tut.

Und dann der Massenauflauf um den toten Papst. Haben wir uns geirrt? Ist das Interesse für Glaube und Kirche doch noch wach? Wer bestimmte Kommentare in der Welt- und Landespresse katholischer Obödienz liest, muss dessen überzeugt sein. Als „géant du XX$^{e}$ siècle“ soll ihn Großherzogin Maria Teresa bezeichnet haben. Laut Wort-Journalist Roger Nilles verlor „die Kirche einen guten Hirten, einen geschickten Diplomaten und Visionär, einen großen Freund der Menschen, einen resoluten Verteidiger des Lebens und der Freiheit, einen Apostel des Friedens“ (d’Wort, 9./10.4.2005). Und deswegen hätten ihn Millionen Menschen zu Grabe getragen.

Kann das richtig sein? Wurde Ayatollah Khomeini nicht sogar von noch mehr Millionen Menschen in Teheran beerdigt? Und die Anteilnahme beim tragischen Tode von Grace Kelly oder Lady Di? Schon vergessen? Erklärt auch deren Vorbildcharakter das Mitgefühl „der ganzen Welt“?

Schon im Mai 1985, als der Papst Luxemburg besuchte, hatte ich mich als Journalist akkreditieren lassen, um eben dieses Phänomen aus näch-

ster Nähe zu studieren: Wie macht der Mann das, um die Massen in seinen Bann zu schlagen, wie man uns das seit sechs Jahren in Presse, Fernsehen und Rundfunk darstellte? Doch ich fand keine Antwort: In Luxemburg gab es Fehlanzeige in Sachen Enthusiasmus der Volksmassen (vgl. forum Nr. 81/1985)! Möglicherweise reduzieren sich die begeisterten Papstfans auf seine polnischen Landsleute, die aus Nationalstolz, später auch aus Dankbarkeit für seine Unterstützung von Solidar- nosc zu ihm hielten.

Ich befürchte, die Erklärung für die Begeisterung der Massen liegt also auf einer anderen Ebene als auf der religiösen. „Rekorde waren nicht sein Ziel,“ aber „instinktiv wusste Johannes Paul II. die Medien zu nutzen“: so lauteten Titel und Untertitel im Wort vom 7. April 2005. Es begann mit seiner Wahl: seit 455 Jahren ein Nicht-Italiener auf dem Stuhl Petri! Es setzte sich fort mit seinen zahlreichen Auslandsreisen und den Massenveranstaltungen für die Jugend der Welt, mit Skiurlaub in den Dolomiten und die Kamera war immer dabei. Aber es folgten auch spektakuläre Maßregelungen katholischer Theologen oder eindeutige Mahnrufe an die Großen der Welt. Auch das war gefundenes Fressen für die Presse. Der Papst als Event-Macher. Der Papst als Superstar. Da kann man sogar den im Gebet versunkenen Weltpilger noch den Massen verkaufen und selbst sein Leiden und Sterben lässt sich vermarkten. Angeblich hatte er nichts dagegen. Und der katholische St.-Paulus-Verlag in Luxemburg hängt sich dran: Binnen acht Tagen ist ein Papstbuch auf dem Markt, auf deutsch und auf französisch. Mit diesem Papst ließ sich viel Geld verdienen. Also musste er seine Rolle bis zum Schluss spiele. Nur nicht vorzeitig abdanken. Solche Gedankenspiele verhinderte nicht nur seine hehre Auffassung von seiner göttlichen Mission, sondern auch die Logik seiner Medienpräsenz.

Aber welche Botschaft wollte er der Welt, den Menschen vermitteln? „Ein Wunder, vielleicht. … Wenn es kein Zufall ist, was ist es dann?“ fragt Roger Nilles im Wort-Leitartikel vom 8. April 2005, und antwortet: „(Karol Wojtyla) hat den Menschen in den Mittelpunkt der Kirche und der Gesellschaft gestellt und ihn in Schutz genommen gegen Krieg, gegen Geringschätzung, gegen Ausbeutung, gegen lebensverneinende Tendenzen. Diese Zuneigung aus tiefem Glauben heraus wird nicht nur in diesen Tagen erwidert“.

Es kann kein Zweifel daran geben, dass seine Wahl an und für sich und sein Eintreten für die Menschenrechte mit dazu beitrugen die Voraussetzungen zu schaffen, dass zuerst in Polen, dann im gesamten Ostblock die kommunistischen Diktaturen ins Wanken kamen und unter dem Druck der aufgestandenen Volksmassen stürzten. Ebenso wenig war es kein Zufall, dass Haitis Diktator Duvalier wenige Wochen nach dem Besuch

Johannes Pauls II. auf der ärmsten Insel der Welt ins Exil verschwinden musste. Auch Pinochet redete er unter vier Augen ins Gewissen. Derelbe Papst reichte aber Chiles und Argentiniens Diktatoren öffentlich die Hand, ließ Dutzende Theologen wegen abweichender Meinungen nach Gerichtsverfahren, die jeder Rechtsstaatlichkeit spotteten, ihres Lehramtes wenn nicht gar ihres Priesteramts entsetzen. Begeisterung also wegen seines angeblich kompromisslosen Eintretens für die Menschenrechte?

Genauso wenig gibt es Zweifel an der Friedensliebe dieses Papst. Wie keiner seiner Vorgänger hat er die Großen dieser Welt zum Gewaltverzicht und zur nicht-militärischen Lösung von Konflikten aufgerufen, und das nicht nur in allgemein gehaltenen, moralischen Appellen, sondern auch bei ganz konkreten Gelegenheiten. Der ungerechtfertigte Angriff der USA auf den Irak ist noch in bester, Verzeihung schlimmster Erinnerung. Hunderttausende Menschen sind gegen denselben Krieg auf die Straßen gegangen: die von Stalin belächelten „Bataillone des Vatikans“? Die wenigsten, die mitmarschierten, dürften das so sehen, auch wenn sicher keiner über diese Solidarität des Papstes mit ihrem Anliegen erbost war.

Vor allem die Jugend soll der Papst aus Polen für seine Sache begeistert haben. Für seine Standpauken gegen vorehelichen Sex, für das priesterliche Zölibat, den Ausschluss der Frau vom Priestertum (den er gar zur Glaubenssache erhob), das Verbot von Pille und Kondom trotz Aids-Epidemie und Millionen Toten? Ich fürchte auch das kann nicht die Erklärung sein. Eher schon war es einfach das „Event“, das Großereignis, die Chance, „auch mal dabei gewesen zu sein“, die unverhoffte Gelegenheit, unter dem unverfänglichen Deckmantel einer religiösen Veranstaltung mit gleichaltrigen Freunden ein paar schöne Tage zu verbringen (und gegebenenfalls genau das zu tun, was der Papst eigentlich verbot). Da lob ich mir die Jugend, die vormals mit Pink Floyd „Hey, teacher, leave us all alone …“ sang, aber auch sie nahm die Botschaft von der Mauer (The Wall) nicht ernst, grölte nur mit, ohne sich von autoritären Meinungsmachern zu befreien.

Der Papst verdammte mit derselben Schärfe, mit der er den Kommunismus unter dem Applaus der westlichen Politiker und Medien verdammt hatte, Kapitalismus, Liberalismus, Materialismus, Hedonismus. Ich gestehe, dass ich allerdings auch darin den Grund nicht zu erkennen vermag, warum er die Massen in seinen Bann gezogen haben soll. Zumindest in der westlichen Welt verhalten solche Appelle wirkungslos, wurden in der so papstgeilen Presse betreten verschwiegen, und in Lateinamerika, Afrika, Asien entledigte sich Johannes Paul II. selbst potenzieller Verbündeter, indem er in den betroffenen Bischofskonferenzen Bischöfe, die der Befreiungstheologie nahe standen, einfach ausbootete.

Der Papst verdammte mit derselben Schärfe, mit der er den Kommunismus unter dem Applaus der westlichen Politiker und Medien verdammt hatte, Kapitalismus, Liberalismus, Materialismus und Hedonismus, was die papstgeile Presse betreten verschwieg.

Santo subito?
Für jene, die der
Seligsprechung
des kroatischen
Faschistenführers
Kardinal Alois
Stepinac oder der
Heiligsprechung
des Geheimbund-
Gründers José
María Escrivá
de Balaguer
zujubelten, dürfte
die Heiligkeit
Johannes Pauls
II. außer Zweifel
stehen.

Gradlinigkeit schreibt man dem Papst in vielen Nachrufen zu. Die habe die Menschen beeindruckt. Diese Tugend liegt verdammt nahe an Sturheit, Engstirnigkeit, Rigorismus. Keineswegs nur notorische Kirchenkritiker, die womöglich eh nichts mehr mit christlichen Werten am Hut haben, sondern selbst der Luxemburger Offizial (Vorsitzender des Kirchengerichts) und Hofkaplan Georges Vuillermoz gestand in einer RTL-Fernsehsendung der letzten Tage: „Ich verstehe nicht, warum ein verheirateter Mann oder eine Frau nicht auch Priester werden kann.“ Wie ihm ergeht es vielen Theologen, Priestern, Bischöfen, vielleicht sogar einigen Kardinälen, sicher Tausenden von Laien, und das nicht nur aus Sorge um den mangelnden Priesternachwuchs, sondern weil nach 2000 Jahren dieser Aspekt des Glaubens ihnen erst heute aufgeht: Die absolute Gleichheit aller Menschen vor Gottes Angesicht gilt auch im kirchlichen Dienst. Der Papst habe den Menschen in den Mittelpunkt der Kirche und der Gesellschaft gesetzt, meinte Roger Nilles im zitierten Leitartikel. Zumindest was die Kirche anbelangt, darf man Zweifel äußern. Und mit einem lebensbejahenden Glaubensverständnis, wie es etwa in Gaudium et Spes, der Hoffnung spendenden Konstitution des 2. Vatikanischen Konzils, formuliert ist, ist die sehr einseitige Interpretation der geschlechtlichen Liebe, die der Philosoph auf dem Papststuhl zur alleingültigen Sexualmoral hochstilisierte, kaum vereinbar.

Santo subito? Für jene, die der Seligsprechung des kroatischen Faschistenführers Kardinal Alois Stepinac oder der Heiligsprechung des Geheimbund-Gründers José María Escrivá de Balaguer zujubelten, dürfte die Heiligkeit Johannes Pauls II. außer Zweifel stehen. Wer in solchen Entscheidungen aber Irrtümer erkennt, die der Glaubwürdigkeit des Papstes und darüber hinaus der Kirche schweren Schaden zugefügt haben, der dürfte sich

nicht von einer unüberlegten ‚Heiligsprechung durch das Volk‘, wie sie im frühen Mittelalter üblich war, überzeugen lassen.

Als einfacher Christ stelle ich mir die einfache Frage: Wie hätte Jesus, der Sohn des Tischlers aus Nazareth, agiert und reagiert? Wäre er auch so mediengeil gewesen? Ich vermag es mir beim besten Willen nicht vorzustellen. Ich sehe Ihn eher als Bischof Romero oder Bischof Camara oder als einen der vielen anonymen Pfarrer, die mit ihrer Gemeinde das Brot brechen und das Reich Gottes mit ihren Händen und Füßen vor Ort aufbauen.

Darum macht es auch keinen Sinn, nunmehr auf einen liberaleren Papst zu warten. Die Kirche, das Volk Gottes selbst muss mündig werden. Paulus musste Petrus, dem ersten Bischof von Rom, die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht sagen. Katharina von Siena rief Papst Gregor XI. auf, sich aus den Händen des französischen Königs zu befreien und aus Avignon zurück nach Rom zu kehren. Es gibt zahlreiche Beispiele in der Kirchengeschichte, wo einfache Gläubige für Umkehr eintraten, die Kirche aus festgeforenen Denkschienen befreiten und die Frohbotschaft an Stelle einer Drohbotschaft verkündeten. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ fragte der Engel die staunenden Frauen beim leeren Grab (Lk. 24$^{5}$). Und Mathäus legte Jesus selbst bei derselben Gelegenheit das viel zitierte Papstwort in den Mund: „Habt keine Angst!“ (Mt. 28$^{10}$).

Falls es solche mutigen Christen in Luxemburg gibt, heißt die forum-Redaktion sie willkommen zur Mitarbeit. Dann kann diese Zeitschrift auch wieder zu einem Ort der Begegnung für die vielen Christen werden, die an ihrer Kirche gerade unter Papst Johannes Paul II. verzweifelten. Doch solange sie sich nicht bei uns melden, können wir aus Gründen der Ehrlichkeit nicht über eine lebendige Kirche schreiben, die eigentlich auf dem Totenbett liegt. Und an der Zurschaustellung des Todeskampfes oder gar an Leichenfledderei wollen wir uns nicht beteiligen.

Doch die Kirche in Luxemburg genießt das Leben offensichtlich noch in vollen Zügen: Am Tag nach dem Papstbegräbnis berichtete d’Wort (S. 29), dass in der Pfarrkirche von Lintgen Stühle noch vermietet werden. „In Lintgen wird diese von Generation zu Generation überlieferte Kirchentradition, wie in vielen anderen Pfarreien übrigens auch [wo denn?, die Red.], noch hochgehalten.“ Aber die Stühle werden nicht mehr wie früher versteigert, sondern gegen Überweisung vermietet und sie werden nicht mehr mit einem Namensschild aus Email versehen. Na also! Wenn das kein Fortschritt ist! Diese Kirche wird die Ewigkeit überdauern. Ob sie auch leben wird?

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