Der Mann aller Eigenschaften

Der neue Roman "Kasch" von Roger Manderscheid

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Ist ein Roman über einen Künstler automatisch ein Künstler-Roman? Ist Kasch ein Roman über Kunst? Ist er ein Kunstroman? Im Fall Manderscheid würde ich die drei Fragen spontan mit einem vorsichtigen «Eher Nein» beantworten.

(1)

Die Diskussion beginnt bereits mit der Frage nach der Hauptfigur. Wer ist der „Held“ dieser Geschichte? Ist es der Ich-Erzähler, der ehemalige Gärtner und spätere Künstler Luc Freilinger aus Steinfort oder der abwesende, alles beherrschende Freund Karel Kasch aus Luxemburg? Der Roman heißt schließlich Kasch (cache: cash: Cash), und der Untertitel lautet: e genie verschwënnt an der landschaft.

Der bescheidene, aus bäuerlichen Verhältnissen stammende, scheue, wenig belesene und zunächst monogame Gärtner Luc, der in seiner Freizeit aus Stämmen menschliche Figuren schafft, erzählt die Geschichte seines überlegenen, überbegabten, sprachgewaltigen, kultivierten, sportlichen und bei Frauen erfolgreichen Freundes, der eines Tages von der Bildfläche verschwindet. Wenn man das Wort „abwesend“ steigern könnte, würde ich sagen: je abwesender er wird, um so präsenter setzt er sich in Lucs Leben fest. Die Holzfiguren, die Luc schafft, sind lauter Kaschs (außer den weiblichen natürlich), er übernimmt langsam Kaschs Redeweise, seine Gesten, schließlich seine Lebensweise. Er zieht in Kaschs leere Wohnung ein, lernt dessen Mutter näher kennen, „erbt“ von ihr das Haus und eine erhebliche Summe (den hannes am glück). Schließlich erfahren wir, dass alle Frauenbekanntschaften Lucs zunächst eine Vorstation in Kaschs Bett absolviert haben. Dieses Bild eines Super-Kasch wird allerdings zum Schluss hin leicht relativiert. Jedenfalls: trotz seiner Brillanz ist Kasch kein Künstler. Er hat sich zwar viel mit Kunst beschäftigt (Dissertation über Vermeer), seine Literaturkenntnisse sind hervorragend (seine Bibliothek als geistiger Steckbrief), er hat sogar Morgenstern-Gedichte ins Luxemburgische übertragen, aber seine quantifi-

quantifizierbaren Leistungen scheinen eher auf dem Gebiet des Sports zu liegen (Radsport, Herkul-Grün-Anklänge, zwei bekannte Motive bei Manderscheid) oder der Eroberung von Frauen.

Der Künstler ist also der Erzähler Luc, der sogar seinen Gärtnerberuf aufgibt, um ausschließlich als Bildhauer zu arbeiten. In diesem Zusammenhang taucht im ersten Teil des Romans ein anderes interessantes Problem auf, das der Autor aber quasi fallen lässt: Ist Luc ein authentischer Künstler oder bloß ein Epigone seines deutschen Vorbildes Stephan Balkenhol? Diese Thematik verschiebt sich zu Gunsten einer anderen: Schafft Luc aus eigenem Antrieb oder ist es die Kraft des abwesenden Kasch, die ihm Kunst ermöglicht? (Bei der Ankündigung von Kaschs Rückkehr schwinden seine kreativen Kräfte!)

Obwohl Manderscheid interessante Aspekte über die Künstlerproblematik, spezifisch in Luxemburg, anschneidet, beherrschen die sentimentalen und erotischen Erlebnisse des „Helden“ weite Strecken des Buches, so dass der Künstler-Roman nicht so richtig zur Entfaltung kommt, was nicht heißen soll, dass im Leben und Schaffen eines Künstlers die Frauen keine Rolle spielen.

(2)

Wenn kein ausgesprochener Künstler-Roman, so ist es vielleicht doch ein Roman über Kunst, über Kreation, über Sinn und Daseinsberechtigung einer Tätigkeit, die von einer Seite der Bevölkerung (hier die Familie) nicht ernst genommen und von der anderen Seite (hier Kunstbetrieb, Konsumgesellschaft) vereinnahmt wird. Tatsächlich finden sich in diesem Zusammenhang anregende Überlegungen über den Künstler und sein Werk, über Galerien und Kritiker, über Rezeption im Allgemeinen, besonders aber auch, was Luxem-

Paul Maas

Roger Manderscheid,
KASCH, e genie
verschwënnt an der
landschaft,
Ed. Ultimomondo
2004, 310 S.

burg betrifft. Die Tatsache, dass das Buch Jeannot Bewing gewidmet ist und er an wenigstens zwei Stellen auf äußerst sympathische Weise auftritt, scheint doch auf die Ansprüche Manderscheids hinzudeuten, etwas über die Kunstszene Luxemburgs auszusagen. Aber auch hier bleibt er auf halbem Wege stehen. Erwähnt werden einige luxemburgische Künstler : Nico Thurm, Marc Reckinger, die Brüder Ketter, mit Manderscheid und Bewing Mitglieder der Consorfer Scheier (deren ‚Geschichte‘ unbedingt aufgearbeitet werden müsste), später die Kontrastfigur Wercollier. Aber die eigentliche Debatte findet nicht statt, weil sie auf die Pseudoalternative figürlich / nicht figürlich reduziert wird (aufschlussreich für die Zeichnungen Manderscheids), während heute eine ganz andere – nicht unbedingt interessantere – Diskussion mit zum großen Teil anderen Namen den Raum beherrscht.

Unsere Frage lautete: Ein Roman über Kunst? Zum Teil also, da auch noch zum Schluss hin ein übrigens anregender und sympathischer Exkurs über belgische Kunst angehängt wird (Ensor, Permeke, Delvaux, weniger Magritte, besonders Salkin), aber auch keine Debatte über zeitgenössische belgische Kunst.

Dieselbe Reduzierung betrifft auch die Literatur: Ein paar Luxemburger Literaten werden erwähnt, so wird etwa die französischsprachige Produktion in Luxemburg eher als hochtrabend empfunden, aber die eigentliche Auseinandersetzung bleibt aus. Man kann selbstverständlich einwenden: Das wollte Manderscheid nicht. Was aber wollte er?

(1) und (2)

Kein ausgesprochener Künstlerroman, kein Buch über Kunst, also: Was dann?

Selbstverständlich ist es ein Buch über das Leben, die Liebe, über Erfolge und Enttäuschungen, über Glücksmomente und Schicksalsschläge. Ein Buch auch über die luxemburgische Gesellschaft, weniger aggressiv als frühere Texte, wenn auch noch sporadische Tiraden gegen das ‚katholische‘ Luxemburg und die in den Festungsmauern eingeschlossene Bevölkerung vorkommen. Schnee von heute?

Einen wesentlichen Teil des Buches, jedenfalls was die Seitenzahl betrifft, machen Beziehungsgeschichten aus. Die Story gerät stellenweise gefährlich in die Nähe des Themas ‚Der Künstler und seine (weiblichen) Modelle‘ (bei einem ‚abstrakten‘ Künstler wäre dies weniger akut gewesen) und oft ähnelt der Roman eher den französischen Filmen à la Sautet (comédie sentimentale) mit der ihnen eigenen Philosophie ‚such is life‘. Luc hat trotz seiner soliden Beziehung zu Anne eine Geliebte, Natascha (‚Nasch‘ genannt, was auf Kasch reimt), später kommt eine erotisch

bedrohliche Gabi hinzu, die unbedingt Modell stehen will. Glücklicherweise (?) hat Lucs erste Geliebte auch jemanden gefunden (Jean-Marie, nicht zu verwechseln mit seinem Zwillingsbruder Marie-Jean). Anne und Natascha erwarten im selben Moment ein Kind, Gabi ist die Schwester von Kaschs letzter Liebe. Luc kauft ein Haus in Knaphoscheit, selbstverständlich ohne es zu wissen: das Geburtshaus von Kasch.

In dieser Ebene des Romans wirken die Zusammenhänge und Zufälle doch etwas aufdringlich.

(3)

Wenn kein Künstlerroman, wenn kein Roman über Kunst, so doch ein Kunstroman? Was heißt das?

Zunächst einmal : ein Roman mit künstlerischen Ansprüchen und literarischem Niveau, der (noch) etwas anderes anstrebt als Unterhaltung. Die oben angedeuteten Reserven könnten andeuten, es handle sich um einen bloßen Trivialroman, in dem Dreiecksgeschichten und Bettszenen das Feld beherrschen. Dagegen sprechen zwei Aspekte.

Zunächst die Thematik. Es ist schon originell und anspruchsvoll, ein ganzes Buch auf die Abwesenheit der Hauptperson aufzubauen (« En attendant Kasch ») und zu zeigen, wie ein eher schwacher Mensch von dieser für stark und unbezwingbar gehaltenen Phantomfigur (dem ‚Mann aller Eigenschaften‘) vereinnahmt, aber auch gestärkt wird (das geht bis zum Intensivtraining in Richtung ‚Herkul Grün‘), auch wenn das mit manchen Unwahrscheinlichkeiten und Wiederholungen verbunden ist. Zum Schluss hin beschleunigt sich das Tempo enorm, ich will aber dem zukünftigen Leser die Pointe nicht verraten.

Der zweite Einwand gegen den Vorwurf ‚Trivialroman‘ ist selbstverständlich die Sprache, die paradoxerweise gänzlich unliterarische Alltagssprache bleibt. Aus früheren Werken Manderscheids wissen wir, dass er zwei Register hervorragend beherrscht: einerseits das experimentelle, fast surreale, skurrile und groteske Häufen von Wörtern und Satzeinheiten (etwa in den dromedaren) und zum anderen den ruhigen, epischen, in einfachen Wörtern dahin fließenden Erzählduktus (wie in Schako Klak). In Kasch dominiert die authentische, banale heutige Umgangssprache, die wir alle benutzen. Dieser Sprachrealismus verleiht dem leicht gekünstelten Gebäude etwas Natürliches, Selbstverständliches (nicht zufällig wird Philip Roth als Lieblingsschriftsteller genannt), vereitelt aber die stilistischen Höhenflüge früherer Texte und akzentuiert die inhaltlich trivialen Momente. Aber diese luxemburgische Understatement-Sprache auf 300 Seiten durchzuhalten ohne einzuknicken, ist auch eine Leistung.

Ein Buch auch über die luxemburgische Gesellschaft, weniger aggressiv als frühere Texte, wenn auch noch sporadische Tiraden gegen das ‚katholische‘ Luxemburg und die in den Festungsmauern eingeschlossene Bevölkerung vorkommen. Schnee von heute?

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