Aus der Welt gefallen
Der Erzählband "Bilder aus den Zwischenräumen", von Marielys Flammang
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Deutschsprachige Publikationen von luxemburgischen Autoren im Ausland sind eher selten. Erstaunlicherweise scheinen augenblicklich einige von ihnen Konjunktur zu haben. Nach Alex Jacoby und Jean Krier, jetzt Guy Helminger (Etwas fehlt immer) bei Suhrkamp, Jacques Wirion (mit Hermann Kurzke Unglaubensgespräch) bei Beck und schließlich Marielys Flammang mit ihren Erzählungen Bilder aus den Zwischenräumen bei R.G. Fischer.
Obwohl Marielys Flammang bereits in mehreren Zeitschriften (Les cahiers luxembourgeois, Nos Cahiers) vereinzelte Geschichten publiziert hat, ist sie verhältnismäßig spät mit einem eigenen Band an die Öffentlichkeit getreten. Das hat mit biografischen Erfahrungen, aber auch mit der Art ihres Schreibens zu tun. Da ich bereits an anderer Stelle eine Rezension über den kürzlich erschienenen Band verfasst habe (LL, Nr. 42, 21.11.2005), will ich mich hier auf einen spezifischen Aspekt ihres Werks im Kontext der Luxemburger Literaturszene beschränken.
Die Biografie spielt für jeden Künstler eine erhebliche Rolle, und je weniger wir über das Werk aussagen können, um so willkommener sind uns biografische Einzelheiten. Dieser Biografismus ist beispielsweise bei Autoren wie Franz Kafka oder Thomas Mann äußerst beliebt, bei Goethe auch, aber der ist selbst schuld daran: schließlich liefert er für jedes Werk eine persönliche Liebesgeschichte.
Bei Marielys Flammang liegt das Problem anders: Die Erzählungen verraten nicht Lebensepisoden oder Bekanntschaften, aber sie tragen alle das Zeichen einer Wunde, deuten gleichzeitig aber auch die „Therapie“ an, mit der Verletzung fertig zu werden oder „Kapital“ daraus zu schlagen. Es wäre indiskret vom Rezensenten, davon zu sprechen, hätte die Autorin nicht selbst in ihrer ersten Erzählung den Finger darauf gelegt: „Du bist aus der Welt gefallen.“ Glücklicherweise kein klinischer Befund, sondern die metaphorische Umschreibung einer Art Selbstentfremdung: ein Fremdwerden aller Gewohnheiten und aller Koordinatensysteme. Und gerade diese Verlusterfahrung hat mit ihrem Schreiben, eher noch mit ihren Publikationen zu tun. Geschrieben hat sie seit jeher, laut Klappentext „Papierkörbe mit Texten gefüllt“. Schreiben war immer innere Notwendigkeit und Lebensbewältigung, mit der oben genannten Erfahrung aus
dem Jahr 1991 aber ist die Selbsttherapeutin zur Schriftstellerin geworden. Da war sie fast fünfzig Jahre alt, Mutter von zwei Töchtern und bereits mehr als zwei Jahrzehnte als Lehrerin tätig.
Diese gleichzeitig schmerzhafte und heilsame Wunde spielt nun in den Erzählungen eine zentrale Rolle, weil sie sich in Augenblicken des Zeitverlustes, in den „Zwischenräumen“, konkretisiert. Die Schwierigkeiten, die verschiedene Leser mit solchen Texten zu haben scheinen (dies wird auch bei öffentlichen Lesungen klar), sind symptomatisch für ein vorherrschendes Verständnis von Literatur, auch in Luxemburg. Wenn wir ganz stark vereinfachen, können wir es folgendermaßen sehen: Es gibt seit jeher in der Literatur (vielleicht in der gesamten Kunst) zwei Grundtendenzen, denen zwei Grundtypen von Künstlern entsprechen. Auf der einen Seite steht eine zerebrale, durchdachte Kunst mit oft sozialkritischem Einschlag, während die andere eine ruhige, von Innen kommende, poetische oder spontane Dimension privilegiert. Poeta doctus (der gelehrte Dichter) und poeta natus (der geborene Dichter) illustrieren annäherungsweise beide Tendenzen (für Schiller: „sentimentalische“ und „naive“ Dichtung). Auf luxemburgische Verhältnisse angewandt: Roger Manderscheid und Guy Rewenig verkörpern eher die sozialkritisch-intellektuelle Tradition, Alex Jacoby eher die spontan poetische. Selbstverständlich wird eine solche Vereinfachung den einzelnen Autoren nicht gerecht, und das kann wirklich nicht bedeuten, dass Manderscheid nicht poetisch wäre, Rewenig keine Sensibilität hätte und Jacoby sozialkritisch erblindet wäre. Aber grundlegend könnte man die beiden ersten einem politisch-experimentellen Trend zurechnen, während Jacoby eher dem poetischen Fabulieren näher steht. Das alles, um anzudeuten, dass Marielys Flammang sich eher in der Nähe der „Richtung Jacoby“ aufhält: Somit mögen Leser, die sozialkritische und politische Impulse erwarten, enttäuscht sein.
Eine solche Literatur ist „religiös“, auch wenn die Frage nach einem möglichen Glauben überhaupt nicht thematisiert wird. Dieses Paradox mag schwer zu schlucken sein, vielleicht verhilft einem ein Blick auf die Tuschezeichnungen von Raymond Weiland über diese Hürde hinweg: sie haben es jedenfalls erreicht, den Geschichten ihr Geheimnis zu belassen.
Paul Maas
FLAMMANG, Marielys.
Bilder aus den Zwischenräumen.
Erzählungen.
Illustriert von
Raymond Weiland.
R.G. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2005.
131 Seiten, 10 Euro
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