Zwischen Angst und Profetie
Auszüge aus einem Interview der Zeitschrift "Il Regno"mit Kardinal Michele Pellegrino
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So fasst "Il Regno" die Lage der Kirche zusammen, wie Kardinal Michele Pellegrino sie in einem Interview der in Bologna erscheinenden Zeitschrift (15.4.1981) sieht. Die Person des Autors und seine Aussagen haben die Weltöffentlichkeit auf das Interview aufmerksam werden lassen. Der Kardinal war schon auf dem II. Vatikanischen Konzil durch seine erfolgreiche Forderung nach Freiheit der Forschung für Theologen bekannt geworden. 1977 trat er von seinem Amt als Erzbischof der Industriediözese Turin zurück und lebt seither zurückgezogen in einem kleinen Dorf Piemonts, wenn er nicht auf Vortragsreisen die Welt besucht.
Das Interview scheint uns interessant genug, mit Hilfe von "Le Monde" (14.5.1981) und "Orientierung" (Zürich, 15.5.1981) die wichtigsten Aussagen zu dokumentieren.
Mgr. Pellegrino zeigt sich enttäuscht über die kirchliche Entwicklung nach dem Konzil. "Tatsächlich wird zurückbuchstabiert". Er macht sich insbesondere Sorgen über "gewisse Eingriffe des kurialen Zentralismus". Sie begannen schon zur Zeit Pauls VI., z.B. als Dokumente zur Liturgie ohne Konsultation der Kardinäle in der Kongregation publiziert wurden. ("Ich habe protestiert") Unter Johannes Paul II. kommt die Liturgiereform ernsthaft ins Stocken:
"Le signe doit avoir son évidence. Le pain doit donc apparaître comme pain. Et désormais l’on revient à la prescription qu’il faut utiliser l’hostie du pharmacien. C’est un pas en arrière important. Tout comme certaine entrave vis-à-vis des femmes. Une fois reconnu le fait que les femmes sont capables de certains ministères, on ne voit pas pourquoi on devrait leur interdire de les exercer."
Der Kardinal kritisiert desweiteren eigenmächtige Eingriffe der Kurie in Angelegenheiten der Lokalkirchen:
Die Bi-
schöfe erhalten die Auflage, gewissen Theologen in ihren Diözesen ein Redeverbot zu geben. Aber warum darf nicht der einzelne Bischof darüber entscheiden? Für mich liegt da eine echte Einmischung von seiten Roms vor. Ich kann verstehen, daß es ein Bischof nicht für opportun erachtet, daß der oder jener Theologe in seiner Diözese spricht, aber daß dies durch eine Auflage von oben geschieht, das verstehe ich wirklich nicht. In der Kirche wird die Freiheit nicht genügend respektiert. Ich verstehe, daß man Angst hat vor Unordnung, vor Schäden für die Kirche, aber ich glaube, daß diese Angst negative Auswirkungen hat und überdimensioniert ist. Es gibt keine Freiheit für das Reden und das Schreiben. Wenn die Bischöfe zu ihrer Verantwortung stünden, würde die römische Kurie etwas sachter vorgehen. Laßt uns miteinander reden, bevor man mir sagt «kraft
des heiligen Gehorsams»! Wenn nur jeder Bischof, bevor er die Stimme der römischen Kongregationen für die Stimme Gottes hält, darüber nachdenken und sich nicht einfach fügen würde! Auch ich habe mich auf die Hinterbeine gestellt …
Andere Zeichen des neuen Pontifikates möchte Pellegrino positiv deuten, so die nach 400 Jahren erstmalige Einberufung einer Kardinalsversammlung im Herbst 1979:
Pellegrino (P): Die Kardinäle erhielten Informationen über bis dahin im Dunkeln gelassene Realitäten, z. B. die finanzielle Situation des Vatikans, wenn auch in eher allgemeinen Formulierungen. Ein wichtiges Faktum: Der Papst (Johannes Paul II.) griff dreimal selber ins Gespräch ein – übrigens mit großer Schlichtheit –, und auch nach der päpstlichen Meinungsäußerung waren ihr entgegenstehende Meinungen zu verschiedenen Problemen zu hören. Seitens des Papstes erfolgte darauf keinerlei Reaktion. Man sprach miteinander, einfach so, wie unter Kollegen. Das könnte ein Anzeichen für eine mögliche Weiterentwicklung sein.
Strazzari (S): Aber es gibt besorgniserregende Symptome: Gewisse römische Ämter (Dikasterien) haben offenbar wieder mehr Macht erlangt.
P: In der Tat. Über gewisse jüngste Ernennungen (Namen will ich nicht sagen) konnte man sich nur wundern: Eine Garantie für die Verwirklichung des Konzils bilden sie sicher nicht.
Pellegrino zeigt sich sehr besorgt über einen "schwerwiegenden Immobilismus", der in der Kirche am Werke sei, und sucht nach den Ursachen:
S: Es gibt so etwas wie Angst, die Probleme aufzuwerfen.
P: Ich glaube, ein Grund für die Angst ist die Kleingläubigkeit.
Man vertraut zu wenig auf den Geist, der die Kirche führt und der auch zu kühnen Optionen bei kalkuliertem Risiko – ich unterstreiche «kalkuliertes Risiko» – drängt. Und dann geht man im Zeichen der Angst weiter oder vielmehr man geht vor lauter Angst überhaupt nicht voran. Ich glaube wirklich, es sei ein Mangel an Glauben. Aber vielleicht gibt es auch einen anderen Grund. Die Leute an den höchstverantwortlichen Stellen der Kirche öffnen ihre Augen zu wenig für die wirkliche Welt: Angefangen bei den römischen Dikasterien und vielleicht auch gewisse Bischöfe. Sie leben in einer künstlichen Welt, im kleinen Kreis ihrer Umgebung. Sie sind nicht am Puls der Leute und dessen, was sie denken. Nicht als ob man der Mode folgen sollte. Im Gegenteil. Aber es gilt zu verstehen, worin die tieferliegenden Anliegen und Forderungen bestehen.
Der Kardinal hofft, dass seine Reisen Johannes Paul II die Augen öffnen:
S: Anläßlich seiner Besuche haben verschiedene Ortskirchen den Papst ersucht, sich einiger schwerwiegender Probleme anzunehmen, wie z. B. die Zulassung verheirateter Männer zum priesterlichen Dienst. Die brasilianische und die afrikanische Kirche haben dieses Ansuchen gestellt. Der Papst hat mit Nein geantwortet.
P: Ich äußere den Wunsch, ich ersuche, ich bitte den Heiligen Vater, auf die konkreten Nöte der verschiedenen Kirchen einzugehen. Wir stehen vor dem Dilemma: entweder halten wir um jeden Preis am Zölibatsgesetz in seiner heutigen Strenge fest und verzichten damit auf die volle Evangelisierung, oder wir entscheiden uns für die volle Evangelisierung (wozu auch die Eucharistie gehört) und ändern folglich das kirchliche Gesetz. Ich meine, daß wir diesen zweiten Weg einschlagen müssen.
S: Bitten Sie den Papst offen darum?
P: Offen und ohne Angst.
Dasselbe gilt wie oben angedeutet hinsichtlich der Stellung der Frauen in der Kirche.
Mit Skepsis beurteilt der Kardinal auch die spontane Begeisterung die Johannes Paul II., den Massenmedien zufolge, überall entgegenschlägt:
S: Manche meinen, daß es auf die Dauer schaden kann, wenn man sich auf diese Begeisterung verläßt.
P: Zweifellos gibt es Manifestationen dieser Begeisterung, die täuschen. Aber weil sie mich nie überzeugt haben, lasse ich mich auch nicht täuschen. Ich bin schon zufällig über den Petersplatz in Rom gegangen. So viele Leute! Aber ich habe auch Leute gesehen wie in einem Lunapark, in einer Art Jahrmarktstimmung. All das sollte man vermeiden. Das habe ich den zuständigen Leuten auch gesagt. Diese Veranstaltungen sind nicht gut organisiert. Nicht viel Ahnung haben sie, die Pfarrer und Lehrer, die ihre Jugendlichen nach Rom bringen, um die Reden des Papstes zu hören: die sind so schwer zu verstehen! Das muß gesagt und kritisiert werden.
S: Und die Gesamtausrichtung des Papstes?
P: Es gibt Gründe zur Sorge. Und wie!
S: Hatten Sie den Mut, darauf aufmerksam zu machen?
P: Ja, ja. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht. Mehr kann ich nicht sagen. Ich habe schon Paul VI. und jetzt Johannes Paul II. darauf aufmerksam gemacht. Das ist meine Pflicht.
S: Das müßten aber auch andere tun. Meinen Sie nicht?
P: Doch, gewiß. Man muß sprechen. Man muß dem Papst sagen, wie man die Situation sieht, ehrlich und klar. Als Bischöfe sind wir die Mitarbeiter des Papstes, als Kardinäle sind wir der Senat des Heiligen Stuhls. Es ist unsere Aufgabe, nicht ein Luxus, sondern eine Pflicht. Wie ich mir immer gewünscht habe, daß man mit mir offen redet, so glaube ich, mit dem Papst offen reden zu müssen. So hilft man ihm.
m.p.
(Interview: Francesco Strazzari, Copyright «Il Regno», Bologna; aus dem Italienischen übersetzt von Clemens Locher)
"Einmal mehr wurde er auch, bis in Gruppen hinein, die sich gläubig nennen und als einen Teil der Kirche betrachten, zu einem Zeichen des Widerspruchs.
Den einen reist er zuviel, den anderen nicht an die richtigen Orte. Den einen ist er zu sehr „Star“, den anderen nicht aufgeschlossen und fortschrittlich genug. Den einen mischt er sich zuviel in politische Angelegenheiten ein, den anderen ist er zu vorsichtig furchtsam. Und wem sonst nichts einfällt,
wenn ihm nach Kritik zumute ist, der beklagt die hohen Reisekosten … Zeichen des Widerspruchs!
Was soll der katholische Normalverbraucher denken, wenn solche und ähnliche „Beanstandungen“ mal gelassener, mal böswilliger vorgetragen, bis in die Kirche hin laut werden?
Denn er kann und darf es nicht jedem gerecht machen. Er kann und darf nicht Maß nehmen an dem, was der eine will oder der
andere verwirft. Er kann und darf sich nicht Menschen anbiedern, um bei ihnen Liebkind zu sein, geehrt und gelobt zu werden, sondern ist einzig und allein dem Evangelium unter dem lebendigen Lehramt der Kirche verpflichtet. Dann aber kann es nicht ausbleiben, daß er zum Zeichen wird, dem andere Menschen widersprechen.
Wir selbst jedoch sollten uns nicht wie Kleingläubige verwirren lassen!"
L.W., 24.2.1981
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