Ministerin, Milieu, Missverständnisse

Zur public-forum-Diskussion mit Octavie Modert

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Bernard Thomas

Leute aus dem Kulturmilieu erkennt man naturgemäß daran, dass sie viel und gern auf das Kulturmilieu schimpfen. „Si la culture pleurniche, l’art est libre“, diese Erkenntnis teilte dann auch vor kurzem Josée Hansen den Lesern des Lëtzebuerger Land mit. Ihrer Forderung, statt über Kulturpolitik (Institutionen, Gouvernance, Subventionen, Pädagogik) solle über Kunst gestritten werden, sei die erste public-forum-Debatte am 15. September nicht gerecht geworden, schrieb sie.

Auch der Schauspieler Germain Wagner war am Ende der public-forum-Veranstaltung über den Diskussionsverlauf aufgebracht. Dem persönlichen Engagement des Künstlers, seinem „Sich der Kritik aussetzen“, seinem Sich-Offenbaren solle die Ministerin auch etwas „Persönliches“ gegenüberstellen, so Wagner, und forderte sie auf, öffentlich ihre Definition von Kultur und Kunst kundzutun. Und bitte: „Etwas Leidenschaftliches!“ Doch wen interessiert eigentlich Frau Moderts Definition von Kultur? Sie selbst sagt, es sei genau so wenig ihre Aufgabe über Kultur als solche zu dozieren, wie es die des Sportministers ist, ein Fußballspiel zu kommentieren. Interessanter ist da schon Frau Moderts Meinung zu Politik und Finanzierungsfragen.

Vor der Gefahr aber, dass am Ende alles schön unverbindlich bleiben würde, hatte der durch den Abend führende Moderator bereits am Anfang des Abends gewarnt. Frau Modert sei eben, so Jürgen Stoldt, eine Politikerin, „und zwar eine gute“ (die Ministerin lächelte verlegen), und die Grundlage ihres Erfolges sei es, sich nicht festlegen zu lassen. Wenn das Publikum am Ende also frustriert nach Hause gehen

sollte, dann habe Frau Modert ihre Arbeit gut gemacht, so Jürgen Stoldt.

Die mir auferlegte Aufgabe einer Berichterstattung erwies sich somit schnell als eine undankbare. Es wurden viele Phrasen gedroschen („wir machen das Beste draus“), lebensphilosophiert („die Hoffnung soll man ohnehin nie aufgeben“), aber vor allem verwaltungs-technisches Jargon benutzt. Das lag auch an dem Frage-und-Antwort-Spiel, das sich die Vertreter der – meist kleinen – Kulturorganisationen mit der Ministerin lieferten. Dabei argumentierten die Kulturschaffenden so, dass sie schnell in den Verdacht gerieten, bloß über Geld reden zu wollen, und zwar über ihr eigenes. Der Woxx-Kulturredakteur Luc Caregari schrieb: „[…] le public […] s’est assez vite embourbé dans ses propres paradoxes: d’un côté, il gueulait pour avoir plus de cohérence et de visions dans la politique culturelle, de l’autre presque toutes les interventions étaient faites au nom d’associations et concernaient l’argent des subventions“.

Dass Frau Modert eine gute Politikerin ist, bewies sie, indem sie die von den Künstlern formulierten Fragen an genau diesem Widerspruch packte und eine nach der anderen zu Boden schmetterte. Der Umstand, dass die meisten Fragen von erlebten Einzelfällen ausgingen, erlaubte es der Kulturministerin, einzeln zu beruhigen und allgemein unverbindlich zu bleiben. Der Schauspieler Marc Baum ging vom „Negativbeispiel“ seiner Theatergruppe Independent Little Lies aus und fragte: „Was sind denn nun die Kriterien, an denen sich die Künstler reiben und abrackern sollen? Formelle gibt es keine. Dafür aber informelle, und die haben ständig gewechselt. Am

„Wenn ich euch richtig verstehe, wollt ihr, dass weniger Leute Subsidien kriegen … Wer keine mehr will, der kann sich ja melden.“
(Octavie Modert)

Anfang wurde man vom Ministerium finanziert, wenn möglichst viel Geld aus der Privatwirtschaft angeschleppt wurde. Dann hieß es auf einmal: Als freie Theatervereinigung kriegt ihr Finanzierung, wenn ihr es fertig bringt, mit bestehenden Kulturhäusern zusammenzuarbeiten. Dann wiederum: Wenn ihr internationale Koproduktionen macht …“Angefangen hatte Baum die Frage mit der Feststellung, Independent Little Lies habe über einen Zeitraum von 15 Jahren noch keine Konvention mit dem Ministerium zustande gekriegt, „trotz vier oder fünf Anfragen“.

Marc Baum hatte sich somit in die Unterstellung hineinmanövriert, eigentlich bloß „pro domo“ argumentiert zu haben. Frau Modert fertigte ihn ab wie einen Bittsteller: „Sie haben vielleicht nie eine Konvention erhalten, aber doch sicher Subsidien? Hmm? Wir haben 80 Konventionen. Ich kann mich nicht persönlich um jede Anfrage kümmern.“ Dann aber wurde es schnell schwammig: „Und bei den Subsidien kennen Sie selbst ja die Kriterien, nämlich: die Permanenz eurer Aktivitäten und die Qualität der Darbietung.“ Doch die Ministerin weiß auch implizit zu drohen. Das klang dann so: „Wenn ich euch richtig verstehe, wollt ihr, dass weniger Leute Subsidien kriegen … Wer keine mehr will, der kann sich ja melden“, sagte die Kulturministerin, halb ironisch. Im Exit 07-Saal lachte keiner.

Hier hakte Jürgen Stoldt nach. Er forderte Kriterien, „auch wenn wir darunter leiden müssen“ und zitierte aus einem Luxemburger-Wort-Leitartikel von Marie-Laure Rolland: „Un peu partout, des voix s’élèvent pour demander plus de transparence dans l’attribution des subsides […] Il est intéressant de noter au demeurant que la demande émane pour une bonne part du secteur culturel lui-même, qui a bien compris qu’une bonne gouvernance est plus efficace que le règne des petits arrangements entre amis…“

Die Frage, ob es lohne, nach dem Modell eines Fonds national de la recherche die Subsidienvergabe zu „objektivieren“, winkte Frau Modert ab: „Das Geld soll direkt an die Künstler und ihre Aktivitäten gehen. Ich werde kein Extra-Gremium schaffen, das nur Geld verbraucht. Es existiert bereits ein Gremium, ein internes. Das kostet keinen Cent.“ „Objektiv“ war wohl das falsche Adjektiv, „allgemeingültig“ oder „bindend“ hätte besser gepasst. Oder auch: „politisch“. Wer Kriterien aufstellt, setzt sich nämlich auch der Kritik aus, wie jüngst die Debatte um das Bibliothekengesetz bewies.

Im Übrigen liefen die Antworten der Ministerin auf einige Schuldzuweisungen hinaus. Die blieben

Foto: Fabrizio Pizzolante

aber implizit, direkt genannt wurden die Schuldigen nicht. Jugendliche sollen stärker für Kultur sensibilisiert werden? Wenden Sie sich bitte an das Bildungsministerium. Wie kriegt man Besucher aus der Großregion und dem Ausland in die Luxemburger Kulturinstitutionen? Darum kümmert sich das Tourismusministerium. Was geschieht in Sachen Centre national de la culture industrielle et du travail auf Belval? Wie sieht es mit dem Umzug der Nationalbibliothek auf den Kirchberg aus? Wenden Sie sich bitte an das Bautenministerium. Die regionalen Kulturhäuser sind verunsichert, finden kein Publikum? Reden Sie mit ihrem kompetenten Regionalpolitiker. Die Jahresberichte des Kulturministeriums sind konfus und zu unverbindlich? Jedes andere Ministerium macht das genauso. Der Saal fragte nach Visionen, die Ministerin antwortete mit legalen Prozeduren, Stellungnahmen des Staatsrats und parlamentarischen Kommissionen. Colette Flesch brachte es auf den Punkt: „Wir verfahren immer nur ‚au cas par cas‘. Die allgemeine Vision, von dem was wir wollen, fehlt.“

Typisch luxemburgisch war auf jeden Fall die Art, wie der Abend endete. Als De Neie Feierkrop schrieb, die Kulturministerin habe sich am Ende „überaus schnell“ durch den Seitenausgang „verkrümelt“, irrte das Satireblatt. Die Ministerin blieb nämlich bis spät in die Nacht im Exit 07 und diskutierte angeregt mit dem Publikum. „Toleranz“ war übrigens eine der Antworten, welche die Kulturministerin auf Germain Wagners Frage nach ihrem Kulturverständnis gegeben hatte. ♦

Der Saal fragte nach Visionen, die Ministerin antwortete mit legalen Prozeduren, Stellungnahmen des Staatsrats und parlamentarischen Kommissionen.

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