20th Century Man
Die Geschichte des Hans Heinrich Leipziger alias Henry Linger alias Henry J. Leir (1900-1998) — Teil 1
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Bernard Thomas
20th Century Man
Die Geschichte des Hans Heinrich Leipziger alias Henry Linger alias Henry J. Leir (1900-1998) – Teil 1
Der kleine, elegant gekleidete Herr mit dicker Brille, Glatze und Schnurrbart, der jeden Nachmittag um Punkt halb drei schnellen Schrittes seinen Spaziergang durch den Grünewald machte, war einer der reichsten Einwohner Luxemburgs. Der 1900 im oberschlesischen Beuthen geborene, im Juni 1933 als jüdischer Emigrant nach Luxemburg geflohene Hans Heinrich Leipziger hatte während des Zweiten Weltkrieges in New York ein globales Handelsimperium aufgebaut. Nach dem Krieg war er unter dem Namen Henry J. Leir als wohlhabender amerikanischer Trader in sein früheres Exilland zurückgekehrt. Im Großherzogtum erkaufte er sich durch großzügige Geschenke Einfluss und Beziehungen und begann von hier aus einen Teil seiner internationalen Geschäfte abzuwickeln.
Die Geschichten, die sich um den 1,60 Meter großen Leir ranken, sind phantastisch. Um ihn wuchert ein Gestrüpp an Mythen, sein Name ist zur Chiffre und zur Projektionsfläche geworden: Leir, der Puppenspieler des europäischen Adels; Leir, der Strippenzieher des internationalen Waffenhandels; Leir, der Zeremonienmeister der Weltpolitik; Leir, die graue Eminenz des Finanzplatzes; „King Leir“, der heimliche Graf von Luxemburg. Als Pendant hierzu finden sich auf den Internetseiten der von Leirs Stiftungen finanzierten Einrichtungen biographische Notizen, die seltsam hohl und stereotyp klingen: „Mr. Leir was a cultivated, visionary, compassionate, and generous industrialist,
who did not forget the underprivileged. He was truly an astonishing individual with a strong sense of responsibility […] An extraordinary gentleman.“ Naturgemäß greift beides zu kurz: Leirs Biographie ist prosaischer, vielschichtiger und widersprüchlicher als es diese eingekauften Hagiographien oder verschachtelten Konspirationserzählungen zulassen könnten … Verzerrt spiegelt sich in ihr und um sie das kurze 20. Jahrhundert: der Niedergang der Imperien und der Aufstieg der Ideologien, der Vernichtungskrieg und die Shoah, die Zweiteilung der Welt und das Wettrüsten, das Ende der Kolonialherrschaft und die Entstehung des globalen Marktes.
Viele die Leir persönlich kannten, sind noch am Leben. Sie galt es ausfindig zu machen und zum Sprechen zu bringen. Diese Vorgehensweise ist nicht ohne Risiko. Denn das Verhältnis der befragten Zeitzeugen zu Leir ist nicht unbefangen, viele waren zeitweilig finanziell von ihm abhängig, hatten für ihn Geschäfte abgewickelt und nicht wenige fühlen sich ihm auch heute noch verpflichtet. Den Quellen hat der Leser demnach respektlos zu begegnen und sich zu fragen: Wer spricht? Zu welchem Zweck? Was will er verschweigen? Was hat er vergessen? Woher weiß er, was er sagt? Dieses kollektive Flimmern von Überlieferungen früherer Angestellter, Familienangehörigen, Politikern und Freunden galt es mit Materialien aus Büchern, Archiven und dem Internet zu kreuzen, abzuwägen und zu einer Collage zu verkleben.² Der unsichtbaren
Hand des Nacherzählers sollte der Leser jedoch ebenso stark misstrauen wie den Remineszenzen der Zeitzeugen: Hätte er andere Fragen gestellt, die Gespräche öfter oder seltener unterbrochen, wäre er anderen Spuren nachgegangen; das Gesamtbild wäre ein anderes geworden.
Wanderjahre
Hans Heinrich Leipziger kam am 28. Januar 1900 als ältestes von sechs Kindern von Johannah Bergmann und Isidor Leipziger in Beuthen zur Welt. Beuthen (heute Bytom) lag am südöstlichen Zipfel Oberschlesiens. Es war eine mittelgroße Grenzstadt am Dreiländereck zwischen dem deutschen Kaiserreich, dem russischen Imperium und der K. K. Monarchie, irgendwo auf halbem Weg zwischen Breslau und Krakau. Beuthen besaß eine große jüdische Gemeinschaft und die Leipzigers waren Bestandteil dieser deutsch-jüdischen Symbiose. Besonders religiös waren sie nicht. Lady Marcelle Quinton, eine Nichte von Hans H. Leipziger (ihre Mutter war seine Schwester) meint mir gegenüber am Telefon: „Henry’s family was just as religious as German Jews were. They celebrated the High Holy Days and that sort of thing.“
Erstaunlich unbekümmert liest sich Lady Quintons Beschreibung der deutschen Vorkriegsstimmung in ihrer 2008 erschienenen Autobiographie. Die Idylle ihrer Kindheit sah sie in ihrer Großmutter (Leirs Mutter) verkörpert: „It was wonderful
when my grandmother came to visit. She lived in Beuthen […] and loved to travel. She was widowed very early, in 1911 (my grandfather Isidor was an architect, specializing in building prisons). She came with a great load of presents. When I stayed with her, in 1937 I think, we went to the market together and she came home with a life carp wrapped in brown paper which was left to swim in the bathtub until it was time to be cooked. We went to Karlsbad every year […] Omi retired to bed early with a hot water bottle, some pâté and green pickles which she loved and knew didn’t agree with her.$^{3}$
Als der Vater von Hans Heinrich, Isidor Leipziger, starb, drohte der Familie das Abrutschen in die Armut. Marcelle Quinton sagt mir: „Something had to be done with the six children. Some of them were only three years old. The funeral was on a Friday and on Sunday three of the children, including Henry went to Onkel Herrmann and his wife (a childless couple) and were brought up there. They all had a hard life; they knew what it was to be hungry. But they didn’t go under. Henry was very clever. He had a very good mind, never forgot anything; God-given that is. The younger ones weren’t so clever. That sometimes happens in families: the brains run out…“ Die Rolle des pater familias bekam Leir sehr früh aufgezwungen und er legte sie zeitlebens nicht mehr ab. Den Familienangehörigen half er finanziell über die Runden und stellte einige von ihnen in seinen Firmen ein. Etwa seine Schwester, Margarete Leipziger: „She was overworked and underpaid in my Uncle Henry’s office until she retired aged 75“, schreibt Marcelle Quinton in ihrer Autobiographie.
Später, vielleicht geprägt durch seinen Amerika-Aufenthalt, war Leir stets um seine Darstellung als Selfmademan bemüht. Jean Calmes, der 1969, frisch von der ETH-Zürich diplomiert, für Leir zu arbeiten anfing, erinnert sich an dessen Akademikerskepsis: „Wenn Sie ihn besucht hätten, wäre seine erste Frage gewesen: ‚Wo haben Sie Ihre Studienzeit vergeudet?‘“ Doch ganz der Selfmademan war Leir nicht. Er hatte mit 16 sein Abitur am humanistischen Gymnasium gemacht und einige Jahre kaufmännische Lehre hinter sich. Neben seiner Arbeit hatte Leir
Henry J. Leir fotografiert von Wolfgang Osterheld (1990)
„kurzzeitig Chemie studiert, was er aber immer verschwieg“, so Jean Calmes.
Im Januar 1919 zog Leipziger nach Mannheim, wo er für den Stahlproduzenten Wolf Netter & Jacobi in einer Angestelltenposition zu arbeiten begann. Über Leirs Lehrlingszeit ist wenig in Erfahrung zu bringen. In einem Urteil des United States Court of Appeals Ninth Circuit von 1961 wird Leirs Zeit bei Wolf Netter wie folgt beschrieben: „His enterprises in Germany involved for the most part the purchase of raw materials for metal producers and the sale of their finished products.“ Genauer war er bei Wolf Netter & Jacobi für die Vertretung der Veitscher Magnesitwerke verantwortlich. Diese Werke in der österreichischen Steiermark waren damals die weltweit größten Hersteller von Magnesit, eines Rohstoffes, welcher zur Herstellung feuerfester Ausmauerungen von Stahlöfen genutzt wird. Diese Feuerfestprodukte vermarktete der Angestellte Leipziger an die Eisenindustrie und arbeitete sich innerhalb von nur wenigen Jahren zum Handlungsbevollmächtigten hoch.$^{4}$
Hans H. Leipziger heiratete 1929 die zwei Jahre jüngere Erna Dora Schloss. Schenkt man seiner Haushälterin, die vierzig Jahre
lang beim Ehepaar Leir eingestellt war, Glauben, war die Hochzeit arrangiert. Der Onkel von Erna habe Leir zufällig im Zug getroffen und habe ihn auf seine ledige Nichte hingewiesen. Die Leirs hätten in einer Zwecke gelebt: „Sie haben sich nicht geliebt, aber respektiert. Zwischen den beiden wurde nie ein böses Wort gewechselt“, sagt mir die ehemalige Haushälterin, die in diesem Artikel nicht namentlich in Erscheinung zu treten wünscht („Schreiben Sie einfach D. F.“, sagt sie mir, als ich sie einige Tage vor Abdruck des Artikels anrufe um ihre Zitate zu besprechen.) Getroffen hatte ich D. F. Anfang August in ihrem Belairer Appartement, wo sie zwischen japanischen Malereien und zwei Katzen lebt. Sie war eine holländische Kriegsvollwaise, als sie im November 1952 nach New York kam. Als sie am 17. Februar 1953 von Frau Leir die Tür geöffnet bekam, fand sie dort „ein neues Heim“. Die 24-Jährige lernte Deutsch, Englisch und Französisch, die Regeln des koscheren Haushalts, und dass es sich beim weißen Gewebe von Clementinen nicht um Schimmel handelt. Marcelle Quinton bemerkt trocken: „She used to sit on Mrs. Leirs lap, which I thought was being rather cosy with the domestics.“ Ihren Rausschuss 1991 ohne Abfindung
durch Henry Leir, als dessen Frau bereits ein Pflegefall war, empfand sie als familiären Verrat. Auf Herrn Leir ist sie seitdem nicht mehr gut zu sprechen, spricht hingegen von Frau Leir nur mit Hochachtung. „Sie war wie eine Mutter für mich“, sagt sie mir, sichtlich berührt.
Erna Schloss kam aus bürgerlichem Hause – einer jüdischen Weinhändlerfamilie aus der Gegend von Mainz – und sprach in einem breiten rheinischischen Dialekt. Ihre Familie war nicht nur weit wohlhabender als die von Hans Heinrich, sie war auch religiöser: In der Familie Schloss kochte man koscher und ging wöchentlich zur Synagoge. Zu ihrer Tante befragt, meint Marcelle Quentin: „She looked like an impressionist painting; very white skinned, very fat. She was very demanding and manipulative; a clever woman with no education whatsoever. It was a very close relationship. I would think Henry was
frightened of her.“ D. F. zufolge war Erna die Einzige, die ihren Ehemann zurechtzuweisen wusste. Wenn sie wütend war, schritt sie zu seiner japanischen Keramiksammlung, ergriff eine Vase und drohte sie zu Boden zu schmettern – „dann war er wieder on track“. Die Frage, ob Leir auch Mätressen hatte oder nicht (hatte er), ändert nichts daran, dass der intellektuell sprunghafte und nervös-febrile Leir in seiner Frau, die sich mehr für Bridge als für Business interessierte, eine Form von Beruhigung fand.
Im September 1931 wechselte Leipziger zur Bonner Magnesit GmbH, eine Kartellorganisation deutscher und österreichischer Magnesit-Hersteller, zwischen denen er die Quotenverteilung verwaltete. Größter deutscher Vertreter waren die Didier Werke AG mit Sitz in Berlin und Breslau. „Dort ist der Ausgangspunkt zu suchen, weshalb er überhaupt nach Lu-
Luxemburg kam“, sagt mir Helmut Koegel, der zwischen 1958 und 1974 u. a. als Generaldirektor der Minerals SA für Leir arbeitete und bei den Didier-Werken in die Lehre gegangen war. Der Generaldirektor der Didier war ein gewisser Dr. Edmund Bieneck und dieser war, Koegel nach, „stolzer Träger des goldenen Parteiabzeichens der NSDAP“. Die Didier AG habe Leipziger 1933 einen Brief geschrieben, in dem sie ihm mitteilte, aufgrund seiner „nicht-arischen Abstammung“ sei eine Weiterführung seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Magnesit GmbH nicht erwünscht. Und so überquerte im Juni 1933 ein jüdischer Flüchtling namens Hans Heinrich Leipziger die deutsch-luxemburgische Grenze. Die Rechnung mit Dr. Bieneck sollte Henry J. Leir 15 Jahre später begleichen …
Ein internationaler Trader im Luxemburg der 1930er Jahre
Am 8. Juni 1933 stellt sich Hans Heinrich Leipziger beim État civil der Stadt Luxemburg vor und gibt an, am Vortag Residenz im Hotel Brasseur in der Grand-Rue genommen zu haben. Selbst über den Tag seiner Ankunft legte sich im Nachhinein ein Nebel von Gerüchten: Mit nichts außer einem kleinen Pappkoffer sei Leir in Luxemburg eingetroffen, wird man später erzählen. Ab diesem Zeitpunkt beginnt der Name Leipziger aber auch in den Archivbeständen des Parquet général aufzutauchen. In einem Bericht der Fremdenpolizei gibt Leipziger in der deutschen Amtssprache der Vorkriegszeit an: „Ich gedenke hierzulands meinen dauernden Aufenthalt mit meiner Ehefrau zu nehmen und von hier aus meine Geschäfte mit dem Ausland zu tätigen. Hierzulands nehme ich überhaupt keine gesellschaftlichen Manipulationen vor.“
Am 11. August 1933, zwei Monate nach seiner Ankunft, gründet Leipziger die Minerals SA und legt somit den Grundstein seines späteren Handelsimperiums. Nicht klar ist, von wo die 1 000 000 Luxemburger Franken Startkapital stammten. Der Neffe von Leir, Marcello Leipziger, den ich in Lausanne erreiche, meint gehört zu haben, die Hälfte habe Leir selbst, die andere seine Frau Erna beigesteuert. Die Hauptaktivität der Minerals in den Drei-
Schnappschüsse
„Er war ein kleiner Mann, was auch manchmal Einiges erklärt, ein Self-Made-Man der in der materiellen Prosperität sein Ideal sah und der die Leute von seinen Ideen zu überzeugen wusste.“ (Anonym)
„Sein Geist funktionierte mit enormer Geschwindigkeit. Ein brillanter Intellekt. Schon nach dem ersten Halbsatz verstand er, um was es ging, und begann zu kombinieren.“ (Jacques Loesch)
„Un brasseur d’affaires de grande envergure, mais qui savait aussi comment se servir de l’argent qu’il gagnait pour acheter de l’influence politique. C’est ce qu’il a fait au Luxembourg.“ (Arno J. Mayer)
„Im Gespräch war er dominant. Sie haben Recht, Leir war klein: in Gesellschaft setzte er sich nie in den Stuhl, sondern stets auf die Seitenlehne, um über seinen Gesprächspartnern zu thronen. Leir konnte recht schroff sein: Er verstand Menschen nicht, die nicht in seiner Logik räsonierten. Er hatte einen ziemlich schmalen Anpassungsbereich.“ (Jean Calmes)
„Schon allein durch die Flamme in seinen Augen fiel seine kleine Statur nicht auf.“ (Pierre Schneider)
„Henry gab mir ein paar gute Ratschläge: ‚Wissen Sie, Sie sollten nicht zu vertraulich mit Ihren Angestellten sein. Sie und ich, wir müssen uns als Kaiser betrachten, und unsere Angestellten sind da, um uns zu dienen!‘ Ich musste mich stark beherrschen, um nicht laut loszulachen!“ (Armand Hammer)
„Ich erinnere mich an seine Art und Weise, nach oben zu schauen, die Brille auf die Stirn gesetzt. Er hatte viele Gesichter. Er konnte sehr gentil sein oder auch sehr unmöglich. Divide et impera war Leirs Prinzip. Innerhalb der Firma unterhielt er Rivalitäten. Da wusste er zu intrigieren und Eifersuchten zu unterhalten.“ (Jean-Pierre Friedrich)
„Als ein enger Mitarbeiter die Firma mit einem recht großen Geschäft verlassen hatte, lief er durch die Büros und schrie: ‚Das werde ich ihm nicht vergessen! Ich bin ein alter Jude: Auge um Auge, Zahn um Zahn!‘“ (Helmut Koegel)
„He wasn’t all that nice. He was a bully. He had an idea of what a gentleman was. He fell short of it. But anyway he was trying“ (Lady Marcelle Quinton)
ßigern war die weltweite Vermarktung von Rohprodukten für die Stahlwerke. Sie lieferte Vanadium, Nickel, Chrom, Molybdän, Mangan, Niob und Magnesium von den Minen in die Fabriken. „Die Minerais war eine kleine Firma. Dort arbeiteten vielleicht 3 bis 4 Leute“, sagt mir Jacques Lennon, der damals als Laufbursche eingestellt war. Der Ingenieur und Bekannte Leirs, Félix Schroeder, beschreibt 1935 der Fremdenpolizei gegenüber die Aktivitäten der Minerais SA wie folgt: „Die Rohmaterialien für die feuerfeste Industrie […] stammen aus Russland, Griechenland, der Türkei und Indien und werden an Fabriken im Ausland geliefert.“
Das globale Netz an Materialflüssen, Lieferanten und Abnehmern, das Leipziger in einer Zeit stotternder Kommunikationsmittel spann, war beachtlich. Der amerikanische Historiker Arno J. Mayer, der als Jugendlicher in den 1940ern für Leir in New York arbeitete, sagt mir: „C’était quelqu’un qui avait une vision vraiment internationale d’un capitalisme globalisant avant la lettre. C’est ce qui m’a toujours impressionné chez lui.“
Vielleicht weil er keine akademische Spezialisierung und Formatierung durchlaufen hatte, entpuppte sich Leipziger im Geschäft als origineller Denker. Er schlug Brücken zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Gebieten (wie Chemie, Elektrizität, Energie und Metallurgie) und dachte über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Ein früherer Luxemburger Politiker, der nicht genannt werden will, erinnert sich: „Er war ein Visionär, ja, aber als Händler. Während Andere noch immer in Sektoren oder Ländern dachten, hat er sich über diese Grenzen hinweggesetzt. Für Leir war der Handel bereits damals ein global village. Er war seiner Zeit eigentlich voraus. Er war voller Ideen. Manchmal kamen einem diese fantasque vor.“
Als internationaler Trader war Leipziger im damaligen Industrie- und Agrarstaat Luxemburg ein Exot. Jean Calmes sagt mir: „Er war ein extravagantes Mann, schon vor dem Krieg hatte er monatliche Telefonrechnungen in bis dato hier unbekannten Höhen. 1935 bezahlte Leir für Telefongespräche soviel wie heute eine ganze Bank! Die Post war ständig besorgt,
er würde seine Rechnungen nicht bezahlen …“
Zukunftsvisionen und Todesangst
Extravagant und fantasque war auch das 1937 unter dem Pseudonym Tom Palmer bei Evy Friedrichs Malpaartes Verlag erschienene Buch La Grande Compagnie de Colonisation, als dessen alleiniger Autor Leir lange Zeit galt.$^{8}$ Es handelt sich um eine Art Briefroman, nur dass der Leser, anstatt einer privaten Korrespondenz, eine Collage aus fiktiven Zeitungsartikeln, Wirtschaftsberichten und Telegrammen liest. Aus diesem globalen Informationsfluss ergibt sich die Dynamik des Buches, welches die Literaturwissenschaftlerin Germaine Goetzinger kürzlich als „eine Art pseudo-dokumentarischer Weltwirtschafts-Fiction-Roman“$^{9}$ zu umschreiben versuchte. Der eigentliche Romanheld ist die Grande Compagnie de colonisation, eine multinationale Aktiengesellschaft mit Sitz auf dem Boulevard Royal und später am Rousegaertchen, die von Vertretern 18 europäischer Staaten geleitet wird. Den Urheber des großen Planes, ein „aufgeklärter Industrieller“, der erst am Ende des Buches durch seine posthum veröffentlichten Tagebucheinträge in Erscheinung tritt, tauffe Leipziger auf Henry Linger, fiktiver Prototyp von Henry J. Leir … Doch eigentlich spielen Menschen in Leirs Zukunftsvision nur eine zweitrangige Rolle und treten höchstens auf als „farblose Unterzeichner der fiktiven Dokumente […] als Marionetten einer gigantischen Weltwirtschaftsmaschinerie“.$^{10}$
Im Artikel 2 der Gründungsstatuten der Grande Compagnie de colonisation wird ihr Zweck folgendermaßen definiert: „Die Kolonisation innerhalb und außerhalb Europas; die Errichtung von Kraftwerken, Bahnen, Brücken und sonstigen industriellen Anlagen; die Verwendung von Kriegsmaterial zu friedlichen Zwecken; die Förderung von Ein- und Auswanderung, sowie: alle Transaktionen, die dazu dienen, durch Anwendung friedlicher Mittel den Industrien der beteiligten Länder Aufträge zu beschaffen und den allgemeinen Lebensstandard in den unterentwickelten Ländern der Erde zu heben.“ Als Gegenleistung für diese enormen Infrastrukturarbeiten sichert sich die
Compagnie de colonisation das Recht auf die Ausbeutung der Ressourcen in den Ländern des Südens. Dieser Umstand hat Germaine Goetzinger zum Kommentar veranlasst, „der Nationalkolonialismus des 19. Jahrhunderts [sei] transformiert und weiterentwickelt [worden] zu einem paradoxalen Erwerbs- und Weltbefriedigungsinstrument, das Züge aufweist von dem, was heute Globalisierung genannt wird.“
Leir selbst hatte im Vorwort zur 1981 erschienenen amerikanischen Neuauflage$^{11}$ geschrieben, er sei in der Zwischenzeit mit der Wahl des Wortes „colonisation“ nicht mehr zufrieden: Würde er das Buch neuschreiben, würde er es durch „development“ ersetzen. Dazu schreibt die Literaturwissenschaftlerin Fabienne Collignon: „The word switch would be simple obfuscation – […] operations are imposed from above and dictated by a white metropolis to outlying, exo-colonial, as well as ostensibly endo-colonial, meaning inside, outposts […]“. Dieser Lektüre folgend, entlarvt Collignon Leirs Wunschwelt in ihrem Kern als „subterranean fantasy“: „It suffices to look at the Company’s projects, which begin with the hydro-power plant assembly in Peru and Bolivia in exchange for concessions on the countries‘ copper mines; their demand for the exclusive rights to mineral resources in Angola and Mozambique; the construction of canals;
their drillings for radium deposits in the Gobi Desert.“
Das Buch sorgt bei Erscheinen „für ungläubiges Kopfschütteln“ und Batty Weber fragt sich aus wessen Hirn „alle diese zeitgemäß über der Zeit stehenden Gedanken“¹² entsprungen waren. Mit der lange Zeit ungeklärten Frage der Autorenschaft des Buches hat Leir zeitlebens kokettiert. Als Jean-Paul Friedrich (genannt Jemp), der Sohn des Verlegers Evy Friedrich, Leir auf das Buch ansprach und ihn bat, es zu signieren, weigerte dieser sich: „Weißt du, ich bin ein Blümchen das im Schatten gedeihen möchte.“ Der früheren liberalen Luxemburger Außen- und Wirtschaftsministerin Colette Flesch drückte er hingegen ein Exemplar des Buches in die Hand und meinte: „Lesen Sie das! Sie werden dann ganz viel verstehen.“ Sie las es, hatte aber ihre Schwierigkeiten: „Ehrlich gesagt, ich verstand überhaupt nichts“, erinnert sie sich. „Ich hatte den Eindruck, Leir sah das Buch ein wenig wie eine Autobiographie.“
Jean Calmes, ein enger Mitarbeiter Leirs, dessen Vater Christian Calmes das Nachwort zur amerikanischen Fassung schrieb, glaubt, im Roman „Visionäres“ zu lesen: „Der Zweite Weltkrieg, der Marshall-Plan, die UNO, der gemeinsame Binnenmarkt, aber auch Entwicklungen in der Mineralienextraktion, etwa dass in der Wüste Gobi Uranminen angelegt würden. Und das zu einer Zeit, wo außer Curie in Paris noch kein Mensch von Uran sprach!“ Gerade der Umstand aber, dass so vieles von dem was im Buch stand, später auch tatsächlich eintrat, wurde Leir zunehmend unheimlich. Sein Unbehagen steigerte sich im Alter zur Zwangsvorstellung. Denn das Buch endete mit einem Nekrolog seines fiktiven Alter-Egos. In der Typographie der Luxemburger Zeitung, datiert auf den 28. Januar 1970 (auf den Tag genau Leirs 70. Geburtstag) stand dort zu lesen: „Heute starb im Alter von 70 Jahren der Industrielle Henry Linger. Der Verstorbene war vor etwa 40 Jahren aus Deutschland hierher gezogen und hat viel zu Ansehen und Entwicklung der Wirtschaft im Großherzogtum beigetragen.“
„Leir selbst hat geglaubt (zumindest hat er es gesagt), er würde mit 70 im Jahr 1970
sterben“, sagt mir Jean Calmes. Helmut Koegel bestätigt dies: „Leipziger-Linger-Leir: Er hatte in der Tat schreckliche Angst, dass das Buch seine Todesanzeige vorwegnehmen würde. Für ihn war das real.“ Am 29. Januar, dem Tag nach seinem 70. Geburtstag, ging es ihm dann aber besser: „Ab dann wollte er unbedingt 100 Jahre alt werden!“ Möglicherweise eine bloße Spielerei von Seiten Leirs? „Wenn man alle seine Aktien aus seinen Geschäften kurz vor dem Jahr 1970 verkauft, geht das schon über pure Spielerei hinaus!“, antwortet mir Calmes. „Er war ein sehr geordneter Mann, ein richtiger Preuß! Er wollte immer, dass seine Geschäfte geregelt waren. Sein Betrieb mit all den Angestellten sollte überleben. Ab 1970 bezeichnete sich Leir als ‚Survivor‘.“
Im amerikanischen Sinn des Wortes „Survivor“ war Leir, als europäischer Jude, bereits mit seiner Atlantiküberquerung am 16. Dezember 1939 zum Überlebenden geworden. Im oberschlesischen Beuthen, seiner Geburtsstadt, war im Jahr zuvor in der „Reichskristallnacht“ die Synagoge angezündet und völlig niedergebrannt worden. In den darauffolgenden vier Jahren wurde die jüdische Bevölkerung von Beuthen fast vollständig ausgelöscht. Johannah Leipziger, Leirs Mutter, starb 1942 in dem von den Nazis als böhmischen Luftkurort namens Theresienbad präsentierten, in Wirklichkeit jedoch auf Auslöschung des Lebens ausgerichteten Konzentrationslager Theresienstadt. In der Leichenkammer am Ausfallstor der Straße stapelten sich über fünfhundert Tote, mehrschichtig übereinanderliegend. Die Leichen wurde in einem der vier, vierundzwanzigstündig in Betrieb gehaltenen und an der Grenze ihrer Kapazität arbeitenden Verbrennungsöfen des Krematoriums verbrannt.
Alle ihre Kinder und Enkel hatten sich über den Atlantik ins Exil gerettet, sie aber war geblieben. Sie habe die Familiengräber nicht zurücklassen wollen, meint Marcelle Quinton, ihre Enkelin. Ihr war 1941 über Marseille die Flucht ins New Yorker Exil geglückt und sie lebt heute in London, wo sie 1951 ihren Mann Anthony Quinton kennenlernte. „We had a very fortuitous trip around Europe before we were able to go to the promised
land. I didn’t get to America till 1940, my father till 1941, which was a completely different thing from coming there in 1938 like Henry. Every month counts, you know“, sagt sie mir am Telefon. Und fügt mit stolzem Stoizismus hinzu: „Everybody has something. It depends if you let it dominate your life. It’s a question of character. Although, I since don’t find travel to really be the thrill it’s meant to be. Because I’m always aware that sometimes you travel, because you want to get out of somebody’s way who’s at your heels…“
Über seine Flucht vor den Nazis über zwei Stationen in den 1930ern sprach Leir später kaum. Pierre Schneider, ein früherer Angestellter der Minerals SA, resümiert Leirs Verhältnis zu seiner Geschichte wie folgt: „Seine Vergangenheit war geschäftlich. Das war im Grunde sein Leben.“
„The smallest of the large firms“
Während die meisten Flüchtlinge im Exil nur knapp über die Runden kamen, baute sich Leir, ausgehend von seinem Büro an der Ecke zwischen der 42nd Street und der Fifth Avenue (gegenüber der New York Public Library) in der Zeit zwischen 1939 und 1945 ein Handelsimperium auf. Noch vor seiner Übersiedlung hatte er die US Continental Ore Company gegründet. Sie verkaufte Mangan, Phosphor, Titan und Vanadium weltweit an die Stahlindustrie. Vor der Lieferung mussten diese Erze aber erst unzählige Male transformiert werden. Alle diese technischen Prozesse, beginnend in der Mine in Afrika, Südamerika oder China bis hin zum reifen Produkt und dem Transport, liefen unter der Aufsicht von Leirs Firma.
Innerhalb von wenigen Jahren schrieb die Continental jährliche Umsatzzahlen von rund 500 Millionen Dollar. Die Continental Ore war damit zur „smallest of the large firms“ geworden, wie es Louis Lipton 1998 in einem Interview mit der New York Times formulierte.¹³ Um den New Yorker Hauptsitz der Continentale Ore bildete sich in den nächsten Jahrzehnten eine Vielzahl von Filialen in etwa 40 Ländern: International Metals SA, Intermetal, Continental SA, Continental nucléaire SA, Continental Resources SA, Lux Ore and Smeltering, Continental Erzgesellschaft,
Luxor, Continental e Minerali, Société anonyme d’importations und Dutzende weitere. Diese Firmen unterhielten Büros in Luxemburg, London, Paris, Tokio, Mexiko-City und in Düsseldorf, beschäftigten um die 1 500 Angestellte und besaßen, Ende der 1960er, u. a. Minen in Portugal, Mexiko, Uganda, Kenia und Tansania sowie Abmachungen mit chinesischen Magnesiumminen.
Zu Leirs Firmen gehörte ebenfalls die Düngemittelfirma International Ore and Fertilizer Corporation (Interore genannt). Sie hatte zum Zeitpunkt ihres Verkaufes 1963 Zweigniederlassungen in 27 Ländern und Vertragspartner in 59 Ländern. Die Firma bestritt über 50 Prozent des gesamten amerikanischen Düngemittel-Exports und war damit, wie es der neue Eigentümer Armand Hammer in einem Telegramm vom 21. September 1963 an John F. Kennedy schrieb, der „größte unabhängige amerikanische Düngerlieferant der Welt“. Im Telegramm köderte Hammer den amerikanischen Präsidenten mit dem strategischen politischen Potential, welches er in einer Firma dieses Ausmaßes zu wittern glaubte: „Ich denke, dass unser Unternehmen imstande sein dürfte, amerikanisches Know-how zu vermitteln, um hungernden Menschen in der ganzen Welt zu helfen und ihren Lebensstandard zu verbessern, was die richtige Antwort auf den Kommunismus und andere Unterdrückungssysteme ist, die den Frieden gefährden.“$^{14}$
So wurde Leir in weniger als einem Jahrzehnt zum Millionär. Zusammen mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter bezog er eine Neun-Zimmer-Wohnung im Majestic (Central Park West, Nr. 115, gleich neben dem Dakota, das Apartmenthaus, das John Lennon bewohnte und vor welchem er erschossen wurde). D. F., die langjährige Haushälterin der Leirs, erzählt mir, sie sei noch in ihrem ersten Jahr von Henry Leir gefragt worden: „Wie viel Geld denken Sie, dass ich habe?“ Die Haushälterin tippte verlegen auf 100 000 US-Dollar. Amüsiert gab Leir zu Antwort: „Weit gefehlt – ich besitze 17 Millionen!“ Am Ende seines Lebens soll Leir, noch immer D. F. nach, ein Vermögen von an die 200 Millionen Dollar akkumuliert haben.
Henry J. Leir fotografiert von Wolfgang Osterheld (1990)
Wie es Leir gelang, in weniger als einem Jahrzehnt zwei der weltweit größten Handelsfirmen in zwei für die damaligen geostrategischen Interessen so zentralen Bereichen aufzubauen, ist nicht ganz klar. Marcelle Quinton glaubt, ihr Onkel habe zu jener Zeit eigentlich nur reüssieren können, ein kommerzielles Absaufen wäre unmöglich gewesen: „He sort of swam on the events. Like lying in the water on a salt lake, it was impossible to sink, really. There was a great optimism in America. The depression was over, everybody was buoyant: we’re going to get Hitler in weeks. You’d have to be very stupid not to make money in 1940 in New York…“ Jean Calmes erklärt sich den Erfolg durch den wirtschaftlichen Aufschwung des Stahlsektors in den fünf Kriegsjahren: „Das ist die Ökonomie der Kriege! Leir hatte bereits damals ein für seine Zeit enormes Netzwerk in allen Ländern der Welt, in denen Erze vorkamen, geflochten. Von Indien nach China über Brasilien und Russland. All diese Kontakte zu den Minen bestanden bereits, die Materialflüsse konnten sofort anlaufen.“ Pierre Schneider, der zu Beginn der 1960er anfing für Leir zu arbeiten, erklärt sich dessen Erfolg in den 1940ern durch die „sehr großen Gewinnmargen“: „Bei größeren Verschiffungen konnte man in sehr kurzer Zeit sehr viel herausschlagen. Leir wusste, wo die interessantesten und die billigsten Erzquellen lagen, und
wo man sie verladen und ausschiffen konnte, er kannte die gesamte Geographie auswendig.“
Neben den weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Umständen hatte der Aufstieg Leirs aber auch mit dessen ganz persönlicher Arbeitswut zu tun. „Er war ein Getriebener“, sagt mir seine Haushälterin. Dem stimmt Jean Calmes zu: „Ständig hat er gearbeitet, Wochenenden durch, Worte wie ‚Ferien‘ oder ‚Rente‘ hatten für ihn keine Bedeutung.“ Noch am 14. Juli 1998, dem Tag vor seinem Tod, begab sich ein Greis namens Leir in seine New Yorker Büros. Marcelle Quinton, die ihn ein halbes Jahrhundert zuvor öfters in Manhattan getroffen hatte, erinnert sich: „With him, everything was related to work. A boss sets a tone for an enterprise and he was very strict as an employer. At the end of every day, all his employees had to stand in a row, a bit like children in third grade, and had to tell him what they made that day and how much money they earned. When Henry wasn’t satisfied, he would shout at them. Some would burst into tears and then go home. He was pretty dreadful.“ Zu Leirs Arbeitswut kam seine Kontrollmanie. „Er hat delegiert, wollte aber gleichzeitig ständig über alles auf dem Laufenden gehalten werden“, sagt Jean-Pierre Friedrich (genannt Jemp), der für die Aufsicht der Auslandsbüros verant-
Henry J. Leir fotografiert von Wolfgang Osterheld (1990)
wortlich war. Leirs Akribie in Detailfragen nahm teilweise schrullige Züge an. Es sei vorgekommen, erzählt mir Friedrich, dass Leir kleine Büroangestellte angeschrieben habe, weil er der Meinung war, diese hätten zu teures Toilettenpapier gekauft.
Die „tüchtigen Jungs“
Wer die Namensliste der engeren Leir-Mitarbeiter durchgeht, dem fällt auf, dass neben einigen direkten Verwandten von Herr und vor allem Frau Leir (Margarete und Marcello Leipziger, Louis Lipton, Allen Doctor), viele bereits vor der Einstellung durch ihre familiäre Vorgeschichte an Leir gebunden waren: Roland Stantons Mutter war eng mit Erna D. Leir befreundet, Jean-Pierre Friedrich war der Sohn von Evy Friedrich, dem Verleger von Schnogs und Leirs Science-Fiction-Roman; Pierre Schneider war der Sohn von Jean Schneider, einem Bekannten Leirs aus den 1930er Jahren und Arno J. Mayer, der als Jugendlicher in den New Yorker Büros aushalt, war der Sohn von Frantz Mayer (nach dem Krieg Frank Mayer), ein Vertrauensmann von Leir, der 1958 zeitweilig als neuer Chef der Minerals SA gehandelt wurde.¹⁵
Leir stellte seine Verwandten als Angestellte ein und behandelte seine Ange-
stellten wie Familienangehörige. Wer mit früheren Mitarbeitern Leirs spricht, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich der kinderlose Leir intellektuell reproduzierte. Die engen Mitarbeiter Leirs von damals tragen einige seiner Züge: Sie wurden zu Fachleuten im Trading, machten sich selbstständig, wurden vermögend (wenngleich nicht millionenschwer wie ihr früherer Vorgesetzter) und, wenn sie nicht gestorben sind, arbeiten sie noch heute (den beinahe 90-jährigen Jacques Lennon erreichte ich in seinem New Yorker Büro).
„Für die Leute, die direkt mit ihm zu tun hatten, war der Kontakt zu Leir eine Art Universität, ein ständiger Lehrgang“, sagt mir Jean Calmes, der neben Roger Ehrmann, Helmut Koegel, Jemp Friedrich und Pierre Schneider zur zweiten Generation des engeren Mitarbeiterstabs von Leir zählte. „Er hat von uns Direktoren immer als ‚meine tüchtigen Jungs‘ gesprochen“, erinnert sich Jemp Friedrich. Leir habe dafür gesorgt, dass seine Praktikanten aus guten Familien stammten, sagt Pierre Schneider: „Er wollte héritiers einstellen, vor allem solche, die einen Betrieb in der Stahlindustrie hätten übernehmen können. Für die Treffen mit Klienten legte Leir außerdem Wert darauf, dass seine jungen Angestellten gutaussehend waren.
Für ihn war das ein nicht unwesentliches Kriterium.“
Leirs „tüchtige Jungs“ waren fast alle Quereinsteiger im internationalen Trading. Jemp Friedrich erklärt mir, wie er dazu kam, bei Leir zu arbeiten: „Im März 1966, ich war damals 27 Jahre alt, gingen mein Vater und ich ins Theater. In der Pause zeigt mein Vater auf einen kleinen, unscheinbaren Mann und sagt mir: ‚Das ist einer der reichsten Männer in Luxemburg‘.“ In dem Moment drehte Leir sich um und kam auf meinen Vater zu, um ihn zu begrüßen. Nachdem mein Vater mich vorgestellt hatte, packte Leir mich beim Arm, ließ meinen Vater stehen und fragte mich: ‚Junge, was machst du beruflich?‘ – ‚Ich arbeite bei einem Transportgeschäft‘, antwortete ich. Darauf er: ‚Willst du nicht lieber einkaufen und verkaufen?‘ Noch in der gleichen Woche saß ich bei ihm im Vorstellungsgespräch. Er hat mir viele Fragen gestellt, die ich alle mit ‚Nein‘ beantwortet habe: ‚Kennst du was von Chartering?‘ – ‚Nein‘; ‚Kennst du was von hoher Finanz‘ – ‚Nein‘; ‚Kennst du was von Erzen‘ – ‚Nein‘. Ich dachte bei mir: ‚Das ist das negativste Interview, das du je hattest.‘ Am Ende des Gespräches aber meinte Leir: ‚Das ist alles sehr gut so! Du hast keine Vorurteile, wir können dich genau so ausbilden, wie wir wollen.‘ Das Interview ist noch sehr lebendig in meinem Kopf. Er hat mich z. B. gefragt: ‚Glaubst du an Gott?‘ Wiederum war meine Antwort ‚Nein‘. Darauf hat er mich angeschaut und gemeint: ‚Du bist ein sehr intelligenter Mensch.‘ Ich habe dann von ganz unten in der Firma angefangen, von der Picke auf.“
Leir habe nur an eine Ausbildung geglaubt, und zwar an die, die er selbst gab, sagt mir ein früherer Bekannter von ihm: „Er hat seine Jünger in Zucht genommen, gedrillt und geschult.“ Die noch mangelhaften Kommunikationssysteme seiner Zeit versuchte Leir durch eine Armee an jederzeit mobilisierbaren, loyalen Angestellten zu kompensieren: „Er hat sich nur Leute ausgesucht, die bereit waren, zu egal welchen Bedingungen zu arbeiten: egal wo, egal wie lang. Die waren quasi 24 Stunden direkt oder indirekt in seinem Dienst. So hatte Leir bereits damals ein ultraschnelles Netzwerk hergestellt.“
Deren Schaltzentrale lag in New York bei Louis Lipton, Jacques Lennon und Eric Lomnitz, der ersten Generation von Leirs Jüngern. „Die drei L“ waren seine engsten Mitarbeiter, seine Entourage. Sie verband, neben ihrer lebenslangen Loyalität zu Leir, der Umstand, dass sie sehr jung rekrutiert worden waren und alle jüdische Exilanten waren. (Das unmittelbare Umfeld Leirs blieb auch in Manhattan ein deutsches: Man aß Braten und man sprach deutsch.) Bis auf Lomnitz hatten sie, kurz nach Ankunft in den USA, ihre Namen ändern lassen; angefangen mit Leipziger, der, praktisch gesinnt, seinen Namen auf die ersten drei und den letzten Buchstaben abkürzte. Marcelle Quinton nach war die Namensänderung geschäftsbedingt: „The reasons were economical not categorical. You’re making your prospects better by having a normal name that people can pronounce. And Leir is a perfectly good sounding English name.“
„Liebenstein, being a less clever man, called himself Lipton which is a clearly made-up name, sounds terrible, very pretentious, I think“, fügt sie hinzu. Louis Lipton war ein Verwandter von Erna D. Leir. Von Eric Lomnitz wurde gesagt, er wäre anfangs eingestellt worden „um Leirs Aktentasche zu tragen“, so Koegel. „Lomnitz war sehr sprachgewandt, geistreich und elegant, ein Produktmanager aber war er nicht. Er hat sich mehr um die Verwaltung gekümmert; das große Geld hat er nicht gemacht.“
Jacques Lennon (geboren Jacques Leib) war ein junger Luxemburger (er wohnte auf der Place Wallis) als er 1937 mit 14 Jahren, auf Empfehlung des Luxemburger Rabbiners Serebrenik, für Leir zu arbeiten anfing. „Ich war eigentlich noch ein Kind“, erzählt er am Telefon. Drei Jahre später folgte er Leir in die USA. Dort schrieb er sich anfangs ins College ein, engagierte sich später in die Armee, durchlief das „basic training“ und kämpfte sich durch Nordafrika nach Italien. „Und dann habe ich den Krieg gewonnen“, sagt er am Telefon und lacht. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten absolvierte er, dank des GI-Bill, ein Universitätsstudium. Marcelle Quinton sagt von ihm: „He was thought to be the best of the lot.“ Jean Calmes nach war Jacques Lennon „ein spi-
spiritueller Sohn“ für Leir. (Als ich ihn frage, ob er mit Herrn Leir „sehr eng verbunden“ gewesen sei, antwortet mir Lennon: „Eng genug. Ich habe sehr viel bei ihm gelernt.“) Helmut Koegel sah in Lennon „den Mann vom Business“. Leir habe die großen Ideen gehabt, Lennon sei hingegen derjenige gewesen, der diese auch auszuführen wusste – er war ein strategischerer Denker als sein Ziehvater. Anfang der 1970er war Lennon, der als Laufbursche in den kleinen Büros der Luxemburger Minerais SA angefangen hatte, Executive Vice-President der New Yorker Continental Ore Corporation.
Und dann gab es noch Ronald P. Stanton. Von Leirs „tüchtigen Jungs“ brachte er es geschäftlich am Weitesten. Das Wirtschaftsmagazin Forbes umschrieb den internationalen Trader kürzlich mit dem Oxymoron: „a quiet philanthropist [seine Spenden gehen bis zu 100 Millionen Dollar] who often appears at the top of lists of most charitable Americans“. Stanton wurde in Wiesbaden geboren und kam 1937, im Alter von 9 Jahren mit seiner Mutter, Hedi Steinberg, in die Vereinigten Staaten. Er war ein uneheliches Kind, „a fact that he resented very much“, meint Marcelle Quinton. Seine Mutter wurde zur besten Freundin von Frau Leir und Roland bekam einen Job in der Düngemittelfirma Interore. Lady Marcelle Quinton erinnert sich: „I developed an instant repulsion for him. Maybe because his hair was so blonde that it looked like a plate of scrambled eggs. He was very ruthless and uneasy-going. He wanted the money more than anything, being the success: He had the idea this would make him handsome and young.“ 1965 gründete Stanton die Transammonia Inc., deren CEO der 84-Jährige heute noch ist. Transammonia, (ihrer Homepage nach „a global trading firm that markets, trades, distributes and transports fertilizer products, liquefied petroleum gases, petrochemicals, methanol and petroleum products“) ist auf Platz 34 der größten US-Unternehmen (Forbes) und macht einen Umsatz von 6 Milliarden Dollar. D. F., die Haushälterin der Leirs, spricht von einer „Rivalität“ zwischen den beiden Millionen: Dass der jüngere Stanton soviel mehr Geld gemacht hatte als er selbst, habe Leir nur schwer vertragen können.
Das Leirsche Geschäftsmodell
Henry J. Leir führte sein multinationales Unternehmen demnach quasi als Familienbetrieb („a family corporation“, wie das New Yorker Bezirksgericht die Continental Ore bezeichnete). „Verwalten ist nicht das richtige Wort im Kontext der Continental Ore oder der Minerais. Das was wir heute unter Verwaltung einer Firma verstehen, hat bei ihm eigentlich nicht existiert. Ihm ging es darum, Geschäfte zu machen“, sagt mir Pierre Schneider. Verwaltet wurden die Firmen von Leir persönlich, wie mir Helmut Koegel erklärt: „Es gab ja noch keine Computer zu der Zeit; Leir hat sicher irgendwie die Übersicht darüber behalten, wo genau er aber seine Unterlagen speicherte, weiß ich nicht.“ Noch undurchschaubarer wird das Organigramm des Leirschen Imperiums durch den Umstand, dass es zwischen den einzelnen Gesellschaften keine finanziellen Querverbindungen gab: „In ihnen steckte nicht einmal offiziell Kapital der Continental Ore, so dass etwa die Minerais nicht offiziell als Filiale der Continental hätte erscheinen können.“
Selbst wenn Leir sich in Detailfragen als pedantisch erweisen konnte, war seine Vorgehensweise „extrem sprunghaft“, wie mir Helmut Koegel erklärt: „Ich erinnere mich, dass er Leute kennengelernt hat in der Türkei, in Marokko oder in Tansania, mit denen er eine Firma gründete, die immer ‚Continental‘ im Namen tragen sollte. Eigentlich wusste niemand von uns, was in diesen Firmen genau vorging. Die lokalen Verwalter waren seine Buddys, denen schickte er Geld und sagte, was zu machen sei. Wenn ein solches Projekt aber in die Hose ging, dann rief er mich ins Büro und sagte: ‚Koegel, hast du mal die Unterlagen? Ich glaube nicht, dass wir da weitermachen wollen. Fahr mal hin, dass wir das loswerden. Und sieh zu, dass wir unser Geld wiederkriegen!‘ Er hatte Blitzideen, die manchmal auch sehr gut waren. Wir hätten das strukturierter gemacht, wir hätten Reportings eingeholt; er aber machte das quasi im Alleingang, über persönliche Telefonate. Was einige Pleiten erklärt.“
Manchmal jedoch gelangen ihm Coups, die keiner für möglich hielt (Koegel schätzt die Erfolgsquote auf 20 Prozent,
Henry J. Leir fotografiert von Wolfgang Osterheld (1990)
andere hingegen wesentlich höher). In diesen Geschäften spielte Leir meist die Rolle des Vermittlers. Direkte Investitionen in schwere Infrastrukturanlagen waren Leirs Sache nicht, er war kein Industrieller. Die österreichische Zeitschrift für Industrie und Finanzwesen, Der Volkswirt, erklärte Anfang der 1960er, warum Betriebe auf Leirs Vermittlungen zurückgriffen: „[…] in der Regel [muss man] ein ausländisches Handelshaus einschalten, um auf den Märkten Fuß zu fassen, die man […] noch nicht bearbeitet hat. Für derartige Geschäftsanbahnungen, die vielfach die Überwindung beträchtlicher Schwierigkeiten voraussetzen, muss dann selbstverständlich ein entsprechendes Entgelt bezahlt werden, in der Regel in der Form einer Provision; das ist ein absolut korrekter Vorgang. Es ist vor allem auch zu bedenken, dass ein Exportgeschäft, das einem Unternehmer neue Märkte erschließt, nicht nur das Zustandekommen eines einzelnen Geschäftes, sondern vielmehr die Anknüpfung einer dauernden Geschäftsverbindung ermöglicht und infolgedessen auf einen längeren Zeitraum eine Entlohnung beanspruchen kann.“¹⁶
Leirs größter Coup war ein 250-Millionen-Dollar-Deal, den er zwischen Südafrika und Japan eingefädelt hatte. Am 28. Dezember 1962 unterzeichnete Japans führender Stahlproduzent Yawata Iron &
Steel Co. mit der südafrikanischen African Metals Corp. (Amcor) ein Abkommen auf 10 Jahre über die Lieferung von jährlich 500 000 Tonnen Roheisen. „The go-between from start to finish was Continental“, wusste Business Week einen Monat später zu berichten.¹⁷ „Der Deal war außergewöhnlich, lag aber gleichzeitig auf der Hand“, erklärt mir Jean Calmes. „Da die Japaner weder Energie noch Eisenerze hatten, sollten sie beides kombiniert in Form von Roheisen aus Südafrika importiert bekommen. Dieses brauchten sie dann nur noch durch ihre Walzstraßen laufen zu lassen.“ Business Week nannte die Vermittlung „the brainchild of Continental’s volatile president“ und spekulierte auf eine Kommission von einem Prozent (2,5 Millionen Dollar) für Leirs Gruppe, „a shot in the arm for Continental – which, with an annual volume that has doubled over the past seven years, hardly needs it“. Business Week gegenüber gab sich Leir hörbar Mühe, gelassen zu klingen: „After all, there’s nothing to be astonished about. This has been my speciality since 1919.“
Um den Deal zwischen dem rassistischen Regime in Pretoria und der traditionalistischen japanischen Industrie zu ermöglichen, bedurfte es jahrelanger zermürbender Verhandlungen und Vermittlungen durch Leirs lokale Vertreter sowie einiger politischer Verbiegungen. Dem südafrika-
nischen Apartheid-System nach waren Japaner „rassisch“ nämlich als „non-white“ eingestuft. Der Immorality Act verbot ihnen sexuelle Beziehungen zu „Weißen“ und der Group Areas Act definierte, in welchen Wohngebieten sie zu leben hatten. Japaner durften keinen Alkohol ohne Genehmigung kaufen, nicht in „weißen“ Hotels übernachten, in „weißen“ Restaurants nicht essen. Diese rassistischen Diskriminierungen würden auch für die nun zu erwartenden japanischen Handelsdelegationen gelten. Dem südafrikanischen Premierminister und Architekten der institutionalisierten „Rassentrennung“, Hendrik Verwoerd, kam die Befürchtung, dass sich diese rassistischen Diskriminierungen unvorteilhaft auf den von Leir vermittelten Deal auswirken könnten. Exklusiv für japanische Staatsbürger ließ er die Auszeichnung „honorary white“ einführen, welche diesen die gleichen Rechte zugestand wie den „Weißen“. (Die ungefähr 7 000 in Südafrika lebenden Chinesen wurden hingegen weiterhin als „non-white“ diskriminiert, aber sie erhielten immerhin … Eintrittsrecht in die Schwimmbäder. „It would be extremely difficult for our gatekeepers to distinguish between Chinese and Japanese“, erklärte der Vorsitzende des kommunalen Komitees für Gesundheit und Nahversorgung dem Time Magazine.¹⁸) Zu den politischen Verstrickungen des Abkommens zwischen Südafrika und Japan befragt, meint Jean Calmes: „War der Deal eine politische Aktion? Ich denke nicht, die Sache bot sich förmlich an, sie musste aus logischen wirtschaftlichen Gründen gemacht werden.“
It’s not personal, it’s strictly business
Bisweilen trieb Leir seine politische Anpassungsfähigkeit bis ins Extreme. Helmut Koegel erzählt von einem Besuch, den Henry Leir kurze Zeit nach dem Krieg dem Chef der Didier Werke AG und Ex-Nazi, Dr. Edmund Bieneck, abstattete: „Als die Didier Werke AG in Berlin und in Breslau bereits untergegangen waren und sich in Wiesbaden neu zu formieren begannen, reiste Leir nach Westdeutschland und sprach bei Bieneck vor. Er sagte ihm: ‚Wir beide haben noch eine alte Rechnung offen. Wegen Ihnen bin ich damals geflogen. Doch ich bin nicht nachtragend, ich verlange lediglich eine Kompen-
tion.“ Diese Entschädigung forderte Leir in Form von Vertretungen und Zuschlägen von lukrativen Geschäften der Didier ein. „Bieneck war zwar sehr arrogant, aber im Geschäft ein absoluter Fachmann und meinte: ‚Sehr gut, Herr Leir, das können Sie haben … Wenn Sie mir Ihrerseits bei meinem Entnazifizierungsverfahren helfen, haben wir einen Deal.‘ Das war ein typischer Handel à la Leir. Das war seine Stärke im Business. Er hatte aus allem einen Vorteil rausgeschlagen; er hat sich nicht geniert.“ Nur wenige Jahre später war ein bundesdeutsche Betrieb namens Didier Werke Weltführer in den feuerfesten Produkten.
Für die paranoide Zeit des Kalten Krieges war Leirs Business-Ökumene beachtlich: Die Firmen des am 10. August 1944 vor dem Southern District Court in New York naturalisierten US-Bürgers Leir exportierten Stickstoff nach China, machten Deals mit dem sozialistischen Kuba und pflegten enge Handelsbeziehungen mit den Ostblockstaaten und Sowjetrussland; gleichzeitig machten sie Geschäfte mit Südafrika, Israel und der Regierung der Vereinigten Staaten.
Leirs Geschäfte gerieten zeitweise gar in Widerspruch zu den geostrategischen Interessen der Vereinigten Staaten. Vor dem Obersten amerikanischen Gerichtshof attackierte Henry J. Leir 1962 das Monopol der Union Carbide and Carbon Corporation im Vanadium-Vertrieb. Die US-Regierung hatte 1942 Vanadium als dem Markt zu entziehendes Kriegsprodukt definiert – um sicherzustellen, dass genügend Reserven für die Kriegsproduktion vorhanden waren – und als alleinigen Vertreiber eine Filiale der Union Carbide ernannt. Kurze Zeit später geriet der Vanadium-Vertrieb unter die Aufsicht des Manhattan-Projekts, welches seinerseits das Monopol erneut an eine Filiale der Union Carbide vergab. Die von Leirs Anwalt Joseph L. Alioto (welcher sieben Jahre später Bürgermeister von San Francisco werden sollte) geführte Anklage, habe „viele Rohstoffe aus den strategischen Reserven befreit und auf den Markt gebracht, wo sie auch hingehörten. Die Strategie der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg die Welt durch die Kontrolle von strategischen Rohstof-
fen wie Wolfram oder Titan zu dominieren, wurde nicht unwesentlich durch Leir gestört“, sagt Jean Calmes.
Auch Leirs Verhältnis zu Israel war nicht ungetrübt. „Leir war kein Zionist. Das Land Israel an sich hat ihn eigentlich nicht sonderlich interessiert“, meint seine ehemalige Haushälterin. Der Luxemburger Generalkonsul Israels und frühere Mitarbeiter Leirs, Pierre Schneider, meint zu wissen, Leir habe sich nicht mit „den extremen Fraktionen“ eingelassen und meint damit Minister „der Rechtsregierungen“. Helmut Koegel erinnert sich seinerseits an ein Treffen zwischen dem israelischen Generalstabschef, Mordechai Maklef, und Leir in dessen Sommerresidenz in Ridgefield. Der Militär habe Leir dazu bewegen wollen „ein paar Millionen im Toten Meer zu versenken“, um dort, am tiefsten Punkt der Erde, ein gigantisches Magnesiumwerk hochzuziehen. Leir lehnte freundlich ab.
Demnach war Leir wohl weder ein radikaler Zionist noch ein eingefleischter US-Imperialist. Sein persönlicher Bekanntenkreis war breit gestreut: Mit dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und dem tunesischen Staatspräsidenten Habib Bourgiba war er ebenso befreundet wie mit dem langjährigen Jerusalemer Bürgermeister und linken Zionisten Teddy Kollek. Auch die damals von dem jungen Tunesier Béchir Ben Yamed herausgegebene Zeitschrift Jeune Afrique, unterstützte Leir in ihren kritischen Anfangsjahren in den 1960ern und 1970ern finanziell. Und obgleich ein Großhändler, schrieb er in den 1930ern ein Buch zusammen mit dem Mitbegründer der Gruppe Revolutionärer Pazifisten, Karl Schnog, und war mit dem linken Journalisten Evy Friedrich, der zwischen 1957 und 1964 in Ost-Berlin wohnte und arbeitete, befreundet. Jean Calmes meint dazu: „Das konnte Leir ohne Probleme auf einen Nenner bringen. Seiner Auffassung nach waren das keine Widersprüche.“ Der Sohn von Evy Friedrich, Jean-Pierre, der bei DuPont de Nemours entlassen worden war, als die Direktion erfuhr, dass er in der DDR studiert hatte („Wahrscheinlich glaubten sie, ich betriebe Wirtschaftsspionage oder Ähnliches“), erinnert sich an ein Gespräch mit Leir: „Als ich ihm später von meinem Rausschuss erzählt habe, hat er
nur gemeint, das würde er nun aber nicht verstehen, die Amerikaner würden doch sagen, man solle mit den Russen Geschäfte machen! Leir behielt seine politische Meinung für sich und war offen gegenüber allen. Er war ein Business-Mann.“
Bereits 1948 wurde Leir von seinem Chauffeur durch die Länder hinter dem gerade zugezogenen Eisernen Vorhang kutschiert. Er besuchte dort Nickel- und Chromminen. Den Betreibern versprach er direkte Finanzspritzen in Form von Vorschüssen, die es ihnen erlauben sollten, sich kurzfristig über Wasser zu halten. Glaubt man Helmut Koegel, dem früheren Generaldirektor der Minerais SA, war Korruption eine gängige Praxis, um in den Ostblockstaaten Kontrakte an Land zu ziehen: „Ich war x-mal anfangs der 60er in der Tschechoslowakei, um dort Kunden abzuwerben. Dort lief nicht immer alles sauber ab. Um einen Auftrag zu bekommen, hat man einem Parteibonzen auch schon mal etwas zugestochen.“ Und fügt hinzu: „Ich weiß nicht, ob Ihnen das meine Ex-Kollegen erzählt haben, viele von ihnen werden sicherlich nicht einmal davon gewusst haben.“
Nein, erzählt hatten sie mir nichts davon. Leir führte getrennte Buchhaltung: Je nach Bedarf schaltete Leir gezielt einzelne Filialen oder Mittelsmänner ein. Viele Geschäfte und Transaktionen liefen somit an der Luxemburger Minerais vorbei; selbst in den Chefetagen am hauptstädtischen Churchill-Platz bekamen die meisten nur teilweise Einblick in bestimmte Bereiche von Leirs Aktivitäten gewährt. Der Anwalt und ehemalige Verwaltungsratspräsident der Minerais, Jacques Loesch, rückt die Luxemburger Filiale in internationale Perspektive: „Vergessen Sie bitte nicht, dass es neben der Minerais noch eine Vielzahl anderer Firmen gab, die alle von der Hauptgesellschaft in New York abhingen. Wenn Sie Leirs Gruppe im Ganzen betrachten, war die Minerais noch eher eine kleine Struktur.“
Henry J. Leir in China
Der diskrete Henry J. Leir geriet zeitlebens nur selten in die Schlagzeilen. Doch als man am 28. Juni 1961 im österreichischen Nationalrat über die sogenannte
„Stickstoff-Affäre“ debattierte, war die Stimmung durch monatelange Auseinandersetzungen in der Presse aufgeladen. Ein Bericht des österreichischen Rechnungshofes²¹ hatte Ungereimtheiten bei einem 1954 zwischen dem Schweizer Interore-Ableger Société anonyme d’importations (SADI) und dem Staatsbetrieb Österreichische Stickstoffwerke unterzeichneten Abkommen aufgedeckt. Das stenographische Protokoll der parlamentarischen Debatte ist 50 Seiten lang und verzeichnet Dutzende Zwischen- und Gegenrufe.²² „Ein Skandal einmaligen Ausmaßes“, „ein wirtschaftlicher Hochverrat an Österreichs Wirtschaft“ sei es, dass „ein ausländisches – achten Sie darauf: ausländisches – Korrespondenzbüro, nämlich die Firma SADI in Lausanne, zum Generalvertreter für die Länder der ganzen Welt […] bestellt hat“, befand der Abgeordnete und spätere Innenminister Franz Hetzenau, der in Leir den „bekannten Herr Leipziger, der seinerzeit aus Österreich emigrierte“ zu erkennen glaubte.
Für Leir war die Generalvertretung für den Auslandsexport der Österreichischen Stickstoffwerke ein rentables Geschäft: Dem Rechnungshof nach, vergütete seine SADI 3 Prozent aller Nettoeinträge der Stickstoffwerke in Linz, umgerechnet ca. 109,9 Millionen Schilling an Kommissionen für die Jahre 1954 bis 1958. Den größten Teil der Produktion der Stickstoffwerke in Linz setzte die SADI an China ab. So wurden Millionen Tonnen Dünger von Linz aus in die Chinesische Provinz verschifft.²⁴
Für die Österreicher Politik lag der eigentliche Skandal aber woanders und wurde im Nationalrat nur am Rande als Mutmaßung geäußert. Denn eigentlich waren die an Leirs Unternehmen ausbezahlten Provisionen teilweise in Form von Retro-Kommissionen an die Generaldirektion der Stickstoffwerke zurückgeflossen. Helmut Koegel bestätigt das: „Die ganze Geschichte war eigentlich eine politische: Der Generaldirektor der Stickstoffwerke war ein Mann der SPÖ und über ihn flossen Gelder zurück in die Parteikasse.“
Als ich Koegel frage, wie sich die Frage der politischen Kontexte und geostrategischen Interessen firmenintern stellte,
antwortet er: „Überhaupt nicht. Alles, was erlaubt war und womit man Geld verdienen konnte, wurde gemacht. Wir waren von niemandem angehalten zu schauen, ob das nun besonders schicklich oder politisch korrekt war. Das Prinzip lautete: Wir machen nichts, das sichtbar gegen das Gesetz verstößt …“
Kanonenritt
Fast zwangsläufig stellt sich in diesem Kontext die Frage nach Leirs Kontakten zur Waffenindustrie. Da Ernest Backes in seinem Buch Leir mit dem Titel des „größten Waffenhändlers der Welt“²⁵ versehen hatte, erwarteten die meisten meiner Gesprächspartner sie schon im Voraus. Die Dementis fielen kategorisch aus.
„The whole world should be run like a Swiss hotel.“
(Lady Marcelle Quinton)
Mit Waffenexporten habe die Minerais SA nichts zu tun gehabt, bezeugten alle früheren Mitarbeiter Leirs, mit denen ich sprach. Evy Friedrich, hörbar erregt, sagt mir z. B.: „Ich schwöre auf alles, was mir heilig ist (ich glaube das ist ein Satz, den ich zuvor noch nie gesagt habe), dass die Minerais nie mit so was gehandelt hat. Ich selbst war ein gebranntes Kind, was das angeht. Ich habe meine Jugend in einem deutschen Deportationslager verbracht. Es wäre keinem eingefallen, irgendetwas mit Waffen zu tun haben zu wollen. Das wäre gegen unser aller Ethik gegangen. Das kann ich Ihnen formell versichern.“
Auch Jean Calmes, der in den 1970ern und 1980ern eng mit Leir zusammenarbeitete, weist die Behauptung, Leir habe Waffen exportiert, zurück. „Das beruht auf einer fundamentalen Unkenntnis seiner Prinzipien. Leir war ein Rohstoffmann: Er wusste weder etwas von Fertigprodukten noch von Nebenprodukten der Stahlproduktion. Waffenhandel wäre in dieser Konstellation schier unmöglich gewesen.“ Ob er genügend Überblick über alle Aktivitäten der Leir-Gruppe gehabt hätte, um sich dessen sicher zu sein, will ich wissen. Jean Calmes beantwortet die Frage mit „Ja“.
Fragt man jedoch nach der Produktion von Waffen, werden Calmes Antworten vorsichtiger: „Zu unserem Bedauern gab es einige Zwischenfälle … Überschneidungen, z. B. bei einer Legierung mit abgereichertem Uran, welches wir für Forschungszwecke einsetzten. Abgereichertes Uran hat ein ähnliches Gewicht wie Blei, also sehr hoch …“ Ob abgereichertes Uran nicht bei der Herstellung von panzerbrechenden Waffen Verwendung finde, frage ich nach. „Genau. Und da sind wir auch einmal reingerutscht. Aber lediglich auf metallurgischer Ebene, nicht in der Waffenproduktion. Den potentiellen Gebrauch von abgereichertem Uran für militärische Zwecke hat man uns aber vorgeworfen … zu Recht.“
Glaubt man den Mitarbeitern Leirs, schien sich die Frage, zu welchen Fertigprodukten die Lieferungen an Rohstoffen in den Fabriken im Endeffekt benutzt würden, im Unternehmensalltag nicht zu stellen. Friedrich sagt mir: „Wir wussten schließlich nicht, wo das alles hingehen würde. Rostfreier Stahl kann sowohl für die Produktion von Küchenwaschbecken als von Leopard Panzern gebraucht werden.“ Der von Koegel fast beiläufig erwähnte Umstand, dass der israelische Generalstabschef Leir in Ridgefield besucht hatte, deutet darauf hin, dass gute Kontakte zu Leir, dem weltweit vernetzten Lieferanten von seltenen Erden, für Regierungen nicht nur ökonomisch, sondern durchaus auch militärisch von Interesse waren. Ob Leir tatsächlich, wie Ernest Backes schreibt, Uran nach Israel und Südafrika verschiffen ließ, ist nicht bewiesen (und auch schwer nachzuweisen). Die vermeintlichen Uranlieferungen gehören demnach bis auf Weiteres ins Leirsche Mythenarsenal.
Stellenweise jedoch verwischen die Grenzen zwischen Hans Heinrich Leipziger, Henry J. Leir und Albert Linger. Die Wunschvorstellung einer durch die kühle Organisationsgewalt kapitalistischer Technokratie umgewälzten Welt, die der deutsche Flüchtling Leipziger in seinem Luxemburger Exil entwarf (und seinem fiktiven Alter-Ego Linger in die Schuhe schob) und vom Amerikaner Leir mitverwirklicht wurde, blieb an sich eine ambivalente. Ihr entsprach der Wunsch nach einer brutalen Auflösung der na-
tionalstaatlichen Grenzen, aber auch die Sehnsucht nach einer endgültigen Fixierung und Befriedigung des Weltgeschehens, einem von der Marktwirtschaft erzwungenen Ende der Geschichte. Als mich Lady Quinton eines Samstagmorgens im August anruft, macht sie eine etwas rätselhafte Bemerkung. „The whole world should be run like a Swiss hotel“, sagt sie und zieht den Vergleich mit Luxemburg. Möglicherweise hatte der Umstand, dass der internationale Trader Henry J. Leir nach dem Krieg gerade die überschaubare, sichere Festungsstadt im Herzen des alten dreckigen Europas zu seiner Wahlheimat und europäischen Schaltzentrale erkor, den sentimentalen Hintergrund, dass ihm hier diese Fiktion der Kalkulierbarkeit bereits verwirklicht schien … ♦
Interview mit Jean Calmes (7. Mai 2012; 18. August 2012)/Jacques Loesch (15. Juni 2012; 17. August 2012)/Arno J. Mayer (18. Juli 2012)/Pierre Schneider (20. Juli 2012)/Marcello Leipziger (27. Juli 2012)/Jean-Pierre Friedrich (22. Juli 2012)/Ernest Backes (23. Juli 2012)/Marcelle Quinton (30. Juli 2012)/Helmut Koegel (30. Juli 2012; 21. August 2012)/Jacques Lennon (6. August 2012)/D. F. (17. August 2012)/Colette Flesch (21. August 2012)
1 Denn Erinnerungen funktionieren nicht wie ein Video-Rekorder: „La mémoire est plutôt vivante que morte, elle procède par mécanismes incessants de stockage, de remémoration, d’oubli, de brouillage, de ré-articulation à chaque fois différente de bribes de souvenirs.“ Gilles Pinson; Valérie Sala Pala, „Peut-on vraiment se passer de l’entretien en sociologie de l’action publique ?“, Revue française de science politique 5/2007 (Vol. 57), S. 555-597.
2 Der Titel und die Idee eines längeren Artikel zu Henry J. Leir stammen von Jürgen Stoldt; Laurent Schmit hat mir bei der Relektüre und den Recherchen geholfen. Den beiden sei hiermit herzlich gedankt!
3 Marcelle Quinton; Anthony Quinton, Before We Met, Half Moon Press, 2008, S. 25
4 Ob, wie Ernest Backes schreibt, Leirs erste Auslandsreisen nach Luxemburg führten, wo er schon 1921 Stahl vom Unternehmen ARBED für seinen Chef eingekauft haben soll, konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden. (Siehe: Ernest Backes, Denis Robert, Das Schweigen des Geldes, Die Clearstream Affäre, Zürich, Pendo-Verlag, 2003, S. 325)
5 Ob Bieneck tatsächlich Träger des „goldenen Parteiabzeichen der NSDAP“ war, ist nicht mit letzter Sicherheit festzustellen. Helmut Koegel nach, war das „allgemein gewusst“. Die im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde gelagerten Unterlagen der Mitgliederkartei der NSDAP belegen, dass der am 3. September 1900 geborene Kaufmann Edmund Bieneck am 16. November 1939 die Parteimitgliedschaft beantragt hatte und am 1. Februar 1940 in die NSDAP aufgenommen
wurde (Mitgliedsnummer: 7456257). Das späte Datum, an dem die Parteimitgliedschaft ausgestellt wurde, lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass, falls die Information von H. Koegel denn stimmt, Dr. Bieneck zu den ca. 900 Personen zählte, die das „goldene Parteiabzeichen“ „ehrenhalber“ aufgrund „besonderer Verdienste“ zugestanden bekamen. Diese Auszeichnung war nämlich sonst nur den ersten 100 000 NSDAP-Mitgliedern vorbestimmt. In einem Antrag an das Reichsamt für Sippenforschung auf die „Erteilung eines Abstammungsbescheids“ findet sich ebenfalls ein Formular, in dem Bieneck eigenhändig in der Rubrik „Mitgliedschaften“ angab: SA, DAF, NSV.
6 Archives nationales du Luxembourg. Mémorandum Parquet général : Division de la Police des étrangers / Dossier Henry J. Leir
7 http://www.industrie.lu/SAdesMinerais.html;
8 Die Debatte um den Autor des Buches, an der sich neben den Historikern Christian Calmes, René Neuens und Henri Wehenkel auch die Enthüllungsjournalisten Denis Robert und Ernest Backes beteiligt haben, scheint heute abgeschlossen. Germaine Goetzinger belegt überzeugend, dass die Autorenschaft höchstwahrscheinlich eine doppelte war: Karl Schnog, ein zeitweiliger Nachbar und guter Bekannter der Leipzigs fungierte als Ghostwriter, während der Aufbau und die Ideen von Hans H. Leipziger selbst stammen. Siehe: Germaine Goetzinger, „Malpaartes – ein unbekannter Exilverlag in Luxemburg“ in: Exilforschung – ein internationales Jahrbuch, Band 22, 2004
9 Ibidem, S. 94
10 Ibidem, S. 95
11 Tom Palmer, La Grande Compagnie de Colonisation – Documents of a New Plan, Clark University Press, Worcester, 1981. Die amerikanische Fassung erhält neben einem Nachwort von Christian Calmes Einiges an Materialien zu Leir.
12 Batty Weber, „Abreisskalender“, Luxemburger Zeitung, 22. Dezember 1937
13 „Henry J. Leir, 98, Key Figure in Metals Trading and Philanthropy“, New York Times vom 18. Juli 1998
14 Zu Armand Hammer und dem Aufkauf der Interore, siehe: Steve Weinberg, Armand Hammer. The Untold Story und Hammers Autobiographie von 1987. Ernest Backes zitiert aus diesen beiden Büchern auf S. 337-341 (deutsche Fassung) seines Buches.
15 In einem vor 10 Jahren veröffentlichten Interview sprach der Historiker Arno J. Mayer über seine Zeit bei Leir: „J’ai quitté le business car je me suis rendu compte que pour bien réussir il fallait être malhonnête. Mais cela a joué sur ma manière de fonctionner, en me donnant une certaine indépendance, une possibilité de claquer la porte en cas de désaccord. Je savais que je pouvais gagner ma vie.“ Zitiert aus: „Un historien dissident? Entretien avec Arno J. Mayer“, Interview von
André Loez und Nicolas Offenstadt in Genèses, Nr. 49, Dezember 2002.
16 „Der Rechnungshof und die Provisionsgeschäfte“, Der Volkswirt, Nr. 34
17 „Trader’s brainchild a Bonanza“, Business Week vom 3. Februar 1962
18 „South Africa: Honorary Whites“, Time Magazine, 19. Januar 1962
19 http://www.law.cornell.edu/supremecourt/text/370/690
20 Zu Karl Schnog und Evy Friedrich sei auf die Online-Ausgabe des Luxemburger Autorenlexikons verwiesen: www.aurorenlexikon.lu
21 Österreichischer Rechnungshofbericht 2626/11/60 vom 18. Juli 1960
22 Dass Helmut Koegel neben der Minerals auch noch weitere Gesellschaften des Leir-Imperiums betreute, gibt seinen Aussagen demnach mehr Gewicht.
23 Nachzulesen im Archiv des österreichischen Nationalrates: www.parlament.gv.at
24 Zu Leirs China-Exporten sei die Lektüre der in der englischen Fassung von La Grande Compagnie de Colonisation (S. 171) abgedruckten Korrespondenz angeraten. Am 18. Juli 1968 sandte Leir einen Thesenbrief an den Sinologen und Lyndon B. Johnson-Berater Arthur Doak Barnett, in welchem er in 8 Punkten die möglichen geostrategischen Nutzen solcher Handelsbeziehungen zu unterstreichen versucht. Es gibt einen ähnlich gearteten Brief, den Henry J. Leir im September 1982 an den amerikanischen Botschafter in Bern, H. E. Faith Ryan Whittelsey, schickte, in dem er – wieder in 8 Thesen – die Verstärkung der Handelsbeziehungen zu Lateinamerika und die Wiederaufnahme von Beziehungen zu Kuba forderte. Wie die Korrespondenz mit dem amerikanischen Botschafter in den Nachlass von Pierre Moussa, dem ehemaligen PDG von Paribas, gelangte, ist unklar, beweist aber, dass Leir gut im französischen Patronat vernetzt war, wo selbst die skurrileren Gedankengänge Leirs Verbreitung fanden. Siehe: Centre d’archives d’histoire contemporaine de Sciences Po Paris, Fonds Pierre Moussa, carton PM9, dossier 1, fiche „Correspondance 1967-1982“
25 Den Beleg für diesen schwerwiegenden Vorwurf bleibt Backes allerdings schuldig: „Irgendwann zwischen 1948 und 1952 soll auf der Titelseite einer der großen amerikanischen Zeitschriften wie Newsweek oder Time ein Porträt von Henry Leir erschienen sein, als dem damals „größten Waffenhändler der Welt“. Diese Information wurde uns von einer sowohl dem großherzoglichen Hof als auch Leir sehr nahestehenden Person zugetragen. Die fragliche Zeitschrift konnten wir nicht ausfindig machen, doch wurde uns die Information von mehreren Schlüsselfiguren im – offiziellen wie inoffiziellen – Waffenhandel, die an mehreren Orten über den Globus verteilt tätig sind, bestätigt.“ Das Schweigen des Geldes, S. 328
… to be continued
Im 2. Teil des Leir-Porträts, welches in der kommenden Ausgabe erscheint, berichtet forum über Henry J. Leirs Beziehungen zur Luxemburger Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
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