„Hoffentlich bleibt es nicht bei einer Erinnerung“

Michel Pauly unterhielt sich mit Mathias Schiltz, ehemaliger Generalvikar der Erzdiözese Luxemburg, über die Bedeutung vom Zweiten Vatikanischen Konzil und die heutige Lage in der katholischen Kirche.

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Vor 50 Jahren, am 11. Oktober 1962, wurde in Anwesenheit von 2498 Bischöfen aus der ganzen Welt im Petersdom das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet. Der 1958 gewählte Papst Johannes XXIII. (bürgerlicher Name: Angelo Giuseppe Roncalli) hatte im Januar 1959 völlig überraschend angekündigt, dass er ein Konzil für die Weltkirche einberufen wolle, dessen Ziel die „Erneuerung“, „größere Klarheit im Denken“ und „Stärkung des Bandes der Einheit“ sein solle. forum unterhielt sich mit Mathias Schiltz, ehemaliger Generalvikar der Erzdiözese Luxemburg, über die Bedeutung dieser Versammlung und die heutige Lage in der katholischen Kirche.

Michel Pauly: Was war Ihre persönliche Situation 1962, als das Zweite Vatikanische Konzil begann?

Mathias Schiltz: Als das Konzil eröffnet wurde, studierte ich in Paris. Am Institut catholique in Paris verfolgten wir damals sehr gespannt und begeistert die Ereignisse in La Croix und in Le Monde. Es war eine erregte Stimmung zu spüren, umso mehr, da einige der Professoren nach Rom gerufen wurden, um als Experten an Konzilsdokumenten mitzuarbeiten. Damit bekamen wir Studenten Informationen aus erster Hand.

M. P.: Was führte Papst Johannes XXIII. zum Entschluss, ein Konzil einzuberufen – ein Jahrhundert nach dem letzten Vatikanischen Konzil? Hing diese Entscheidung nicht auch mit dem damaligen Zustand der Kirche zusammen?

M. S.: Für seinen Entschluss gab es mehrere Gründe. Einer davon ist sicherlich, dass seit Vatikan I und dem seit Beginn des 20. Jahrhunderts schwelenden Modernismusstreit jede Veränderung unterbunden wurde und es so zu einem Reformstau gekommen war. Viele spürten, dass es so nicht weiter gehen könne. Ich war damals seit vier Jahren Priester und wir jungen Geistlichen haben auf eine Veränderung gewartet. Mit Papst Pius XII. war die Periode der absolut zentralistischen und quasi monarchischen Ausübung des päpstlichen Primats an ihrem Zenit angekommen. Es bestand also wirklich Handlungsbedarf und ich glaube, Papst Johannes XXIII. hat das deutlich gespürt.

M. P.: Inwieweit spielte die Person Angelo Giuseppe Roncallis eine Rolle?

M. S.: Der biografische Hintergrund wird tatsächlich oft vernachlässigt. Angelo Roncalli war bereits früh in den Modernismusstreit verwickelt, weil der spätere Bischof von Bergamo, dessen Sekretär er wurde, ins Visier des Staatssekretärs Pius X., Rafael Merry del Val, geraten war, der regelrecht Jagd auf Modernisten machte. Was für ein Mensch war Roncalli? Hannah Arendt hat seine Tagebücher gelesen und meinte, diese bestünden einerseits aus langweiliger Frömmigkeit, aber andererseits gebe es oftmals faszinierende Zeilen, in welchen Roncalli seine Meinung zum Zeitgeschehen formuliere. Sie fragte sich, wie ein solcher Mensch Papst werden konnte. Sie glaubte, dass viele ihn nicht nur für einfach, sondern auch für einfältig hielten. Einfältig aber war er mit Sicherheit nicht. Johannes XXIII. war ein Mann mit einem Gespür für die Zeichen der Zeit. Sein Wirken als päpstlicher Delegat in Bulgarien, der Türkei und Griechenland, sowie seine Mission als Nuntius in Paris haben dieses Gespür für die Zeitläufe geschärft.

M. P.: Sie haben den Höhepunkt des päpstlichen Primats angesprochen. Vatikan II hat das Primat nicht in Frage gestellt, aber das Konzil betonte in der dogmatischen Konstitution Lumen Gentium, dass die Kirche das Volk Gottes sei, also eine Gemeinschaft …

Mathias Schiltz war unter den Bischöfen Jean Hengen (1971-1991) und Fernand Franck (1991-2011) Generalvikar der Erzdiözese Luxemburg. Er ist Autor des Buches Mein Konzil, St. Paulus-Verlag, 2006. Am 15. Oktober um 19 Uhr 30 wird er im Haus der Franziskanerinnen (50, avenue Gaston Diderich, Belair) einen Vortrag halten zum Thema: „50 Joer Vatikanum II: Opbroch, deemols an haut.“

M. S.: … Vatikan II hat in der Tat die Lehre von Vatikan I über das Primat des Papstes voll bestätigt. Aber es hat sie durch die Lehre über das Kollegium der Bischöfe und dessen Aufgabe in der Leitung der Gesamtkirche ergänzt. Auch dieses Kollegium ist in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom Träger der höchsten Gewalt in der Kirche. Diese wird in feierlicher Weise im ökumenischen Konzil ausgeübt, in abgestufter Weise durch die Konsultationen des Weltepiskopats, die den Ex-Cathedra-Entscheidungen der Päpste normalerweise vorausgehen (Dogma der Unbefleckten Empfängnis, 1854, und der Himmelfahrt Marias, 1950), sowie durch die dem Papst zugeordneten Räte. Kardinal Lercaro, der eine wichtige Rolle beim Konzil spielte, brachte die Idee eines ständigen Bischofsrates ein, der den Papst, unabhängig von der Kurie, beraten sollte. Seine Idee war, dass sich Bischöfe aus dem Weltepiskopat regelmäßig zu Beratungen versammelten. Vorbilder waren die mittelalterlichen Konsistorien um den Papst oder die permanenten Synoden in der orthodoxen Kirche. Papst Paul VI. hat sich jedoch für Bischofssynoden entschieden, die lediglich eine beratende Funktion haben.

M. P.: Diese Bischofssynoden finden statt, aber nur der Papst kann sie einberufen und nicht die Bischöfe aus Eigeninitiative. Man hört und liest, dass auch die Tagesordnung von oben vorgegeben wird.

M. S.: Im Vorfeld erhalten die teilnehmenden Bischöfe das von Kurienmitgliedern ausgearbeitete Programm und ein Arbeitsdokument mit Fragen, die damit größtenteils feststehen. Die ersten zwei Wochen der Synode sind den Wortmeldungen der Bischöfe vorbehalten, die sich in lockerer Folge aneinander reihen. Dann versammeln sich die Bischöfe in Zirkeln, wo sie zu den Dokumenten Vorschläge machen können, über die dann abgestimmt wird und die dem Papst vorgelegt werden. Dieser erstellt daraus ein sogenanntes Apostolisches Schreiben, d. h. er kontrolliert zusammen mit dem kurienabhängigen Synodensekretariat das Endresultat. Benedikt XVI. kündigte zu Beginn seiner Amtszeit an, die von vielen erhoffte Reform der Bischofssynode anzugehen, bisher hat sich aber recht wenig getan. Neuerdings sind lediglich ein oder zwei halbe Tage dem freien Austausch vorbehalten.

M. P.: Ist es denn überhaupt vorstellbar, dass diese Synoden einen oppositionellen Geist gegenüber dem Papst entwickeln könnten? An der Praxis der Bischofsernennungen hat sich ja nichts verändert. Bei so langen Pontifikaten, wie dem von Johannes Paul II., bleiben fast nur Bischöfe mit der gleichen Geisteshaltung …

M. S.: Ja, bei den Ernennungen der Kardinäle ist das noch wichtiger, da diese ja den Papst wählen. Das war schon unter Pius XII. der Fall und deshalb war die

Wahl von Roncalli zum Papst fast ein kleines Wunder. Ob so etwas heute noch möglich wäre, weiß ich nicht. Wenn noch ein Konsistorium im Oktober stattfindet, also noch zusätzliche Kardinäle ernannt werden, dann gibt es unter den wahlberechtigten Kardinälen eine überwältigende Mehrheit derer, die Benedikt XVI. ernannt haben. Es entsteht demnach eine gewisse „Inzucht“ (sit venia verbo) in der Ernennung der Kardinäle. So besteht die Gefahr, dass sich immer das Gleiche reproduziert. Bei den Bischofsernennungen beobachtet man ein ähnliches Phänomen. Dabei hatte ein gewisser Joseph Ratzinger in einer 1970 unter dem Titel „Demokratie in der Kirche“ veröffentlichten Schrift den Zentralismus bei den Ernennungen beklagt. Die lokalen Kirchen müssten effizienter an der Wahl ihrer Bischöfe beteiligt werden – schrieb er damals. On en est loin!

M. P.: Das entspräche ja aber dem Geist von Vatikan II …

M. S.: Ja, Ratzinger hat das damals auch aus diesem Geist heraus gefordert. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Wende ja noch nicht vollzogen, die hauptsächlich durch die Unruhen von 1968 ausgelöst wurde. Er verließ damals Tübingen, weil er dort von den Studenten ausgebucht worden war, und zog sich ins beschaulichere Regensburg zurück. Dort begann er am Sinn und Zweck der Reformen zu zweifeln. Man sollte nicht vergessen, dass viele – auch Ratzinger – 1968 Angst bekamen und sich fragten: „Was haben wir da angerichtet?“ Andere sagen, die Kirche hätte die gesellschaftlichen

Veränderungen noch schlechter überstanden, wenn Vatikan II nicht stattgefunden hätte.

M. P.: Mir stellt sich die Frage, ob ein Organismus, der sich selbst perpetuiert, überhaupt überlebensfähig bleibt. Als ich noch jünger war (lacht), gab es immerhin noch Bischöfe, die aus der Rolle fielen, die ein anderes Handeln und Denken an den Tag legten. Ich denke da vor allem an südamerikanische Bischöfe, aber es gab auch welche in Italien, in Frankreich und in den Niederlanden. Von solchen Persönlichkeiten hört man heute nicht mehr!

M. S.: Nein, wirklich nicht. Das ist auch das Problem mit den Bischofssynoden. Wenn die Bischöfe nicht den Mut haben, zu sagen: „Es reicht!“, dann passiert auch nichts. Das führt uns wieder zum Beginn des II. Vatikanischen Konzils zurück. Die Kurie legte damals Listen mit der Besetzung der Kommissionen des Konzils vor. Darauf waren die gleichen Personen aufgelistet, die bereits an der Vorbereitung beteiligt waren und dort Texte produziert hatten, mit denen die große Mehrheit der Konzilsväter nicht einverstanden war, weil sie nur Altes wiederholten. Gegen diese Listenaufstellung wehrte sich Kardinal Achille Liénart, Bischof von Lille. Er war eine Ausnahmeerscheinung, weil er bereits vor dem Zweiten Weltkrieg für sein Engagement in sozialen Fragen und seine Unterstützung der Gewerkschaften bekannt geworden – und deshalb auch von Pius XI. zum Kardinal ernannt worden war. Wenn sich in Zukunft nicht wieder Personen finden, die diesen Mut aufbringen, dann wäre das schlecht.

Römisch-katholisches Glossar

Ein Konzil (lat. concilium „Rat“) beziehungsweise eine Synode (altgr. synodos „Zusammenkunft“, „gemeinsamer Weg“) bezeichnet eine Versammlung, meist in kirchlichen Angelegenheiten. Heute wird der Begriff Konzil für Versammlungen der Bischöfe aus aller Welt gebraucht, während der Begriff Synode Versammlungen der Lokalkirche oder eines Teils des Weltepiskopats bezeichnet. Das von 1962-1965 tagende Zweite Vatikanische Konzil war das 21. ökumenische Konzil der Kirchengeschichte. (Für weitere Sachinformationen sei auf http://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil verwiesen.)

Unter dem Schlagwort „Modernismus“ fasste man in der römisch-katholischen Kirche bis in die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil theologische Strömungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen, die versuchten, den Widerspruch zwischen katholischem Glauben und modernem Weltbild aufzuheben und der kirchlichen Lehre den Anschluss an die Moderne zu ermöglichen. Der Ausdruck „Modernismus“ war ein vorwiegend von Gegnern derartiger theologischer Bestrebungen gebrauchter Kampfbegriff.

M. P.: Ist Kritik denn überhaupt noch in Rom erwünscht?

M. S.: Nein, ist sie nicht – und das gilt nicht nur für Rom. Es wird zwar immer von Dialog gesprochen, aber das hieße ja auch, dass eigentlich eine Gegenrede möglich sein müsste.

M. P.: Ein weiterer Konzilstext, der mich persönlich sehr geprägt hat, war Gaudium et Spes, ein Aufruf an die Kirche die Welt ernst zu nehmen, sich der Welt zu öffnen, ein Appel für ein gesellschaftspolitisches Engagement. Wenn Glaube nicht „Freude und Hoffnung“ vermittelt, ist er in meinen Augen wertlos.

M. S.: Es ist einer der späteren Texte des Konzils und die Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmern hatte sich eingespielt. Es gab natürlich auch Widerstände, vor allem von der Gruppe um Marcel Lefebvre [Gründer der späteren Piusbruderschaft, Anm. d. R.]. Der Ausgangspunkt war aber auch hier wieder eine Intuition Johannes XXIII. In seiner Eröffnungsrede des Konzils betonte er, dass der Glaube nicht wie ein unantastbarer Schatz weitergegeben werden solle, sondern er müsse aktualisiert werden, auf die „Zeichen der Zeit“ reagieren, ein aggiornamento sei nötig. Dieser Begriff stammt aus der Sprache der Buchhalter; Betriebskonten werden aktualisiert. Johannes XXIII. hatte verstanden, dass das Anliegen der Kirche an die damalige gesellschaftliche Situation angepasst – also aktualisiert – werden müsse.

M. P.: Aber heute hat man den Eindruck, dass dieser Ansatz zurückgedrängt wird. Ist die Kirche nicht dabei, sich völlig auf das Spirituelle zurückzuziehen, so dass das Engagement in der Welt nicht mehr im gleichen Maße zum Zug kommt?

M. S.: Das erinnert mich an das berühmt-berüchtigte Wort Benedikts XVI. von der „Entweltlichung der Kirche“, das er 2011 in Freiburg gebrauchte. Bis heute weiß niemand, was er damit genau meinte. Ich habe es so verstanden, dass die Kirche zuerst ihre eigenen Probleme lösen soll. Das wäre ja auch nicht schlecht, denn Handlungsbedarf besteht allemal, aber dann sollte sie das auch wirklich tun. Sie darf aber die Menschen nicht aus den Augen verlieren. Das hat Johannes XXIII. auch immer wieder betont. Es sei immer die Rede von der Wahrheit an sich, die Wahrheit sei jedoch auf die Menschen bezogen. Das Evangelium solle für die Menschen ausgewertet werden, so dass es ihnen weiterhilft. Das ist die Aufgabe der Glaubensverkündung und das gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft.

M. P.: Viele haben den Eindruck, dass die Kirche letzteren Leitsatz vergisst …

M. S.: … dass es einen Rückzug gibt. Vielleicht gibt es auch positive Zeichen. Ich denke dabei an das, was im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Südamerika im Bereich der Befreiungstheologie passierte. Da war ich positiv von Äußerungen des neuen Präfekten der Glaubenskongregation, Bischof Gerhard Ludwig Müller, überrascht. Obwohl er in seiner Diözese in Regensburg mit eiserner Hand regierte, sagte er, die Befreiungstheologie sei etwas sehr Positives. Er sei mit deren Mitbegründer Gustavo Guttierrez befreundet und er habe auch Vorlesungen von ihm besucht. Man müsse nur den marxistischen Faden aus der Befreiungstheologie entfernen …

M. P.: Was waren andere Konziltexte, die Sie als wichtig erachten und die auch wichtig für die Zeit waren?

M. S.: Es gibt den Text zur Religionsfreiheit: Dignitatis Humanae. Hier wird erstmals formuliert, dass die Religionsfreiheit vom Glaubensakt selbst erfordert ist, er muss frei sein und keine andere Instanz darf sich in diesen Gewissensbereich des Einzelnen einmischen. D. h., dass die Politik und der Staat sich hier heraushalten müssen. Das war der Durchbruch, der den Dialog mit anderen Religionen überhaupt erst ermöglichte.

M. P.: Wie hat die Kirche in Luxemburg das Konzil hierzulande umgesetzt?

M. S.: Bischof Léon Lommel hatte ja am Konzil teilgenommen. Er galt zwar in der Wahrnehmung der Leute als der letzte Fürstbischof und es stimmt: diese Äußerlichkeiten hat er nicht ganz abgelegt. Ich kann aber bezeugen, dass er sehr viel vom Konzil mit nach Hause gebracht hat und auch den Willen hatte, dies in Luxemburg umzusetzen. Lommel hat mir 1966 bei meiner Einstellung im Bischöflichen Ordinariat gesagt: „Du wirst mir helfen, das Konzil umzusetzen.“

M. P.: Dazu gehörte an prominenter Stelle die 4. Luxemburger Diözesansynode (1972-1981). Das Wichtige daran war, dass es keine geschlossene Veranstaltung für Experten war, sondern dass das Volk aktiv beteiligt wurde und dadurch auch ein sehr starkes Interesse aufkam. Wäre das heute denkbar?

M. S.: Sicherlich nicht in dem Umfang. Schon alleine weil rein zahlenmäßig so viele Menschen heute gar nicht mehr in der Kirche sind. Aber auch auf dem Niveau der Experten muss ich feststellen, dass wir heute viel ärmer geworden sind. Auch was die Geisteshaltung angeht, sind wir heute in einer anderen Situation. Unter dem jüngeren Klerus bzw. den Priesteramtsanwärtern gibt es scheinbar eine Tendenz in Richtung Traditionalismus, die sich z. Z. in einer gewissen Begeisterung für die vorkonziliare Liturgie äußert.

M. P.: Wie erklären Sie sich diesen Rückzug?

M. S.: Bedürfnis nach Sicherheit … Es handelt sich um ein Symptom.

M. P.: Spielt nicht auch mit, dass nur noch solche jungen Männer sich heute im Priesterseminar einschreiben, die von vorneherein traditionalistisch denken? Ich glaube nicht, dass junge, aufgeschlossen denkende Menschen diesen Beruf heute noch ergreifen. Da muss sich die Kirche an der eigenen Nase packen …

M. S.: … und sich fragen, welches Bild sie heute abgibt. Dazu kommt, dass die Seminaristen von heute die alte Liturgie gar nicht mehr direkt miterlebt haben. Ich persönlich habe meine ganze Kindheit als Messdiener mit diesem Ritus verbracht und ihn auch selbst zehn Jahre lang zelebriert. Nostalgie dafür empfinde ich allerdings nicht (lacht).

M. P.: Wann begann Ihrer Meinung nach diese Gegenbewegung?

M. S.: Schon während des Konzils gab es Blockaden, die später verstärkt wieder aufkamen. In den ersten Nachkonzilsjahren lässt sich eine gewisse Zäsur an der Veröffentlichung der Enzyklika Humanae Vitae festmachen. Allein die Tatsache, dass Paul VI. dem Konzil die Behandlung dieser Frage entzogen hatte und sich dann gegen das Mehrheitsvotum der von ihm eingesetzten Kommission entschied, hat manche Konzilsbegeisterung ernüchtert.

M. P.: Von der heutigen „Retro-Bewegung“ einmal abgesehen, hatte das Zweite Vatikanische Konzil damals nicht auch Vieles unerledigt gelassen?

M. S.: Vatikan II ist nicht abgeschlossen, es handelt sich um ein unerledigtes Konzil. Johannes XXIII. sagte in seiner bis heute höchst bemerkenswerten Eröffnungsansprache zum Konzil: „Wir halten fest an der Substanz des Glauben, aber man muss unterscheiden zwischen Substanz und Formulierung.“ Für die Formulierung müsse die Kirche eine andere Sprache finden, eine Sprache, die die Leute verstehen. Johannes XXIII. sprach sogar von „wissenschaftlichen Formulierungen“. Diese Vision wurde nicht eingelöst, dieser mutige Sprung nach vorn hat nur zögerlich stattgefunden. Auch das Vorhaben, im Glauben eine Hierarchie der Wahrheiten zu definieren, wurde nicht weiter verfolgt. Heute wird alles mehr oder weniger auf die gleiche Ebene gesetzt. Der 1997 von Rom promulgierte Katechismus der katholischen Kirche ist im Hinblick auf eine aktualisierte Darlegung des Glaubens kein wirklicher Fortschritt.

M. P.: Ich würde die Sprache der Zeit nicht nur im linguistischen Sinn verstehen, sondern auch, dass man bspw. akzeptieren muss, dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. Die Positionen der katholischen Kirche sind in diesem Kontext heute nicht mehr zu vermitteln …

M. S.: Um Ihnen wiederum biographisch zu antworten: Roncalli war sehr stark in einer Bewegung für die Rechte der Frauen in der Kirche engagiert und pflegte über Jahrzehnte hinweg einen freundschaftlichen

Briefkontakt mit der von Kardinalstaatssekretär Merry del Val gemaßregelten Vorkämpferin dieser Rechte: Adelaida Coari (1881-1966).

M. P.: In der deutschen Kirche gibt es heute vermehrt katholische Pfarrer, die sich über den Papst hinwegsetzen, z. B. was das Verbot angeht, die Kommunion an Ehepaare verschiedener Konfession auszuteilen. Wächst da nicht, gerade in Ländern in denen die Mischung der Konfessionen stark ist, eine neue Realität von unten heran? Ist ein solcher Prozess eigentlich zu bremsen?

M. S.: Diese Realität existiert, neuerdings besonders deutlich in Österreich, und ich habe den Eindruck, dass sie von den meisten Bischöfen toleriert wird. Rom hingegen hat sich nicht bewegt. Seit 1965 gibt es wieder einen großen Reformstau.

M. P.: Johannes XXIII. hatte erkannt, dass der Kirche ein Prozess der Sklerosierung drohe, falls sie sich nicht öffne. Heute scheint die Situation eine sehr ähnliche zu sein. Wäre es nicht wiederum an der Zeit, auf ein neues Konzil zu hoffen, damit sich etwas ändert?

M. S.: Wenn Sie mich fragen, antworte ich Ihnen mit „ja“, aber ich habe nichts zu sagen (lacht). Schon Kardinal Martini aus Mailand hatte das vorgeschlagen. Doch er ist nicht Papst geworden. Aber es können immer Überraschungen kommen, wenngleich wohl nicht mehr unter diesem Papst, was angesichts seines Alters und seiner Biographie durchaus verständlich ist. Dann hängt es vom nächsten Papst ab. Ich sehe diese Veränderung nicht unmittelbar vor der Tür stehen.

M. P.: Wie sehen Sie die rezenten Entwicklungen in der Luxemburger Kirche seit der Ernennung von Jean-Claude Hollerich zum Erzbischof?

M. S.: Ich muss gestehen, dass ich die Grundoptionen und Schwerpunkte des gegenwärtigen Episkopats noch nicht deutlich zu erkennen vermag. ♦

Das Gespräch von Michel Pauly mit Mathias Schiltz wurde am 7. August 2012 aufgezeichnet. (Retranskription: LS/BT)

Die Fotos stammen von Lothar Wolleh, der zwischen 1962 und 1965 das Zweite Vatikanische Konzil verfolgte (wikimedia commons).

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code