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N° 163
Mai 68 – ein Mythos?
Wer bei diesem Datum an die brennenden Barrikaden in Paris, an die Studentenproteste gegen Schah und Springer in der BRD, an die Anti-Vietnam-Krieg-Bewegung in den USA denkt, wird sich mit Recht fragen, was dies alles mit Luxemburg zu tun hat. Sicher, wird er sagen, gab es am 22. Mai eine sehr ruhig verlaufende Studenten- und Schülerdemonstration, es gab einige Luxemburger Studenten im Ausland, die den Maiaufbruch miterlebt haben, aber damit kann man doch kein Dossier füllen.
Auch wenn es hierzulande nicht zu einer derart allgemeinen Krise der Gesellschaft gekommen ist, wie beispielsweise in Frankreich, so lassen sich doch Ähnlichkeiten und Parallelen nicht abstreiten. Auch in Luxemburg steht Mai 68 für ein Syndrom von Erscheinungen, die vorher undenkbar waren: die scharfen symbolischen Angriffe einer Schülerzeitschrift auf die herrschende Sexualmoral; die Beliebtheit von Begriffen wie Revolution und Reform; Pfarrer, die auf der Kanzel Herbert Marcuse zitieren usw… Es herrschte vor allem bei der bildungsbürgerlichen Mittelschicht und bei der Jugend ein diffuses Klima des "Alles-ist-möglich", der allgemeinen Infragestellung der traditionellen Werte, eine Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung mit den gesellschaftlichen Verkrustungen ein für alle mal aufräumen zu können.
Um dem sterilen Gegensatz zwischen Ereignisgeschichte und einer Geschichtsschreibung, die sich
nur mit Veränderungen struktureller Art befaßt, zu entgehen, versuchen wir, über eine Beschreibung der damaligen Ereignisse hinaus, diese als Ausdruck von tiefgreifenden gesellschaftlichen Entwicklungen zu verstehen. In diesem Sinne wollen wir "Mai 68" als Kürzel, als Symbol für die Veränderungen verstehen, die es auch in Luxemburg Ende der sechziger Jahre gegeben hat.
André Heiderscheid hat in seinem soziologischen Standardwerk 1961 darauf hingewiesen, daß das Luxemburger Volk durch seine agrarische Vergangenheit tief geprägt ist. Vergessen wir nicht, daß die Industrialisierung erst sehr spät stattgefunden hat und nur einen geringen Teil des Landes erfaßt hat. Auch waren in der Industrie auf allen Ebenen, vom Kapital über die Führungskräfte bis zu den Arbeitern, viele Ausländer beteiligt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Aufkommen neuer Mittelindustrien, dem Übergreifen moderner Konsumgewohnheiten aufs Land, der zunehmenden Verbreitung des Automobils, entsteht eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Dieser gesellschaftliche Wandel wird von Claude Wey unter dem Titel "La société luxembourgeoise 1944-1974 – Les trente glorieuses" beschrieben.
Der gesellschaftliche Bereich, der die tiefgreifendsten Reformen nötig hat, ist der Ausbildungssektor, da sich die Qualifikationsanforderungen grundlegend geändert haben. Es ent-
…ein diffuses Klima des "Alles-ist-möglich", der allgemeinen Infragestellung der traditionellen Werte, eine Stimmung des Aufbruchs …
stehen neue Berufe, die nach einer spezifischen Ausbildung verlangen. Das vom Meister zum Lehrling, vom Bauern zu seinem Sohn vererbte Wissen und Können genügt nicht mehr. Auch in der staatlichen und privaten Verwaltung und in den liberalen Berufen verändern sich die Anforderungen. Während früher der Beamte seine Autorität ein für allemal qua Amt hatte, wird in Zukunft zumindest eine gewisse fachliche Kompetenz von ihm erwartet. Während früher die gesellschaftliche Stellung oft vom Vater erlerbt wurde, die Ausbildung auf dem Gymnasium und an der Uni einen Freiraum darstellte, in dem man Erfahrungen machen und sich ein allgemeines humanistisches Bildungsgut aneignen konnte, werden jetzt für mittlere und höhere Führungspositionen immer bessere Kenntnisse verlangt. Die Uni ist in den sechziger Jahren dabei, sich dieser Situation anzupassen. Aus der humanistischen Bildungsanstalt wird eine Lernfabrik, die ‚Fachidioten‘, so das damalige Schlagwort, ausbildet. Neue Schichten drängen an Schule und Uni. Das Schlagwort von der Chancengleichheit ist in aller Munde.
Daß das Luxemburger Bildungswesen sich in den sechziger Jahren stark gewandelt hat, zeigt Fernand Fehlen: nicht nur die Schülerzahlen haben zugenommen, mit der Mittelschule entsteht ein neuer Schultyp und die gymnasiale Ausbildung wird grundlegend reformiert.
Die Schüler erfahren die Widersprüche zwischen den eben skizzierten objektiven Anforderungen an die Schule und dem ‚Mief von tausend Jahren, der sich noch immer unter den Talaren‘ versteckt hält, am stärksten. Dieser Konflikt führt zu einer Infragestellung der Autorität der Professoren und der Autorität überhaupt.
Das Eindringen der Frauen in die Arbeitswelt, der Mädchen in die ‚richtigen‘, bislang ausschließlich den Jungen vorbehaltenen Gymnasien und Universitäten führt zu einer Änderung der Rollenzuweisung, zu einem neuen Verhältnis der Geschlechter. Zur Veranschaulichung veröffentlichen wir einen Artikel, der von einer Schülerarbeitsgruppe verfaßt wurde und der 1968 in ‚Ons Equipe‘ erschienen ist. In einem weiteren Beitrag schildert Danny Hoenen die Geschichte der neuen Luxemburger Frauenbewegung.
Auch wenn Mai 68 das Ergebnis einer langen Entwicklung ist, so ist er gleichzeitig Auslöser neuer Entwicklungen. Dies gilt besonders für Luxemburg. Die Luxemburger Schule war Ende der sechziger den modernen Erfordernissen nicht mehr angepaßt. Dies wußten die politisch Verantwortlichen, dies wußten auch, zumindest unterschwellig, Schüler und Studenten. In dieser Situation wird die Auflehnung der deutschen Studenten 1967 und der französischen 1968 ein wichtiger Faktor, der in Luxemburg latente Probleme aufbrechen läßt. Die ‚Collation des Grades‘, das alte System der Luxemburger Unabschlüsse, war schon lange als unzumutbar empfunden worden, das Problem wird aber erst unter dem Druck des ausländischen Beispiels spruchreif.
Mai 68 hat in Luxemburg zusätzlich politische Auswirkungen. Nicht nur auf der Linken werden die Karten neu gemischt. Die zwei Studentenvereinigungen, die sich seit über fünfzig Jahren gegenüberstanden, erleben beide eine tiefgreifende Umwälzung, welche die linke ASSOSS nicht überleben wird. Das politische Feld war in Luxemburg in ein linkes und ein rechtes Lager gespalten. In der ASSOSS fanden sich die liberalen und die linken Kräfte zusammen. Ihr gemeinsamer Nenner waren Antiklerikalismus und Abgrenzung gegen den rechten Akademikerverein bzw. die ALUC. In ASSOSS und Akademikerverein waren nicht nur Studenten vertreten, sondern auch die Ehemaligen, die alten Herren, die immer ein Wort mitzureden hatten. Diese beiden Vereinigungen waren somit das natürliche Nachwuchsreseveror aus dem sich die politische Klasse erneuerte. Im Gefolge von Mai 68 brach dieses Gleichgewicht auf. Die ASSOSS zerbröckelte in extremistische Splittergruppen und es reichte fortan nicht mehr antiklerikal zu sein, um als links zu gelten. Unter dem Titel die ‚Jugendradikalisierung 1968-1973‘ beschreibt Ronald Pierre diesen Prozeß in einer ausführlichen Chronologie, die mit wichtigen Dokumenten illustriert ist.
Der Antiklerikalismus verliert nicht zuletzt deshalb an politischer Relevanz, weil das katholische Feld kein monolytischer Block mehr ist. Die Kirche hat im Vatikanischen Konzil ab 1965 den Versuch unternommen sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Diese Bestrebungen haben ihren Niederschlag in Luxemburg in der Anfang der Siebziger tagenden Synode. Es entstehen spontane Jugendgruppen, die sich in Luxemburg in der ‚Jugendpor‘ zusammenfinden, kirchliche Jugendverbände (JEC, JOC, Scouten…) radikalisieren sich mehr oder weniger. Die Entwicklung der katholischen studentischen Jugendorganisation JEC, wird als Beispiel näher untersucht.
In weiteren Artikeln kommen Akteure von damals zu Wort: Charel Doerner, Mario Hirsch, Jean-Paul Wictor, während Pierre Mores eine Presseschau aus Mai und Juni 1968 zusammengestellt hat.
ds + ff
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