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Die übliche Frage nach einer Schauergeschichte. Wer die weltwirtschaftlichen Mechanismen der Ausbeutung Perus, seiner heillosen Verschuldung, seinem Unvermögen, der landesweiten Misere und folglich des Terrorismus Herr zu werden, erkannt hat, wird selbstverständlich nicht nach Spendenkonten fragen. Er weiß, daß sein politischer Einsatz gefordert ist, bei uns die wirtschaftlichen Strukturen umzugestalten, eine Änderung der Eß- und Lebensgewohnheiten unserer Zeitgenossen zu bewirken, unsere Politiker zum Umdenken zu bringen, daß sie bei europäischen und internationalen Konferenzen im Namen des Luxemburger Volkes auf Seiten der Armen stehen, statt die Interessen der in Luxemburg angesiedelten Multis zu vertreten.

Um in diesem Sinne bei den Mitmenschen in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, in der kirchlichen Gemeinschaft bewußtseinsbildend zu wirken, ist natürlich viel Eigeninformation erfordert, denn die Vorurteile, denen man bei diesem Unterfangen begegnet, sind zahlreich und hartnäckig. "forum" hofft mit dem vorliegenden Dossier einen Beitrag zur Information vornehmlich über die ganz konkreten Lebensbedingungen in einem Dritte-Welt-Land geleistet zu haben. Weitere Exemplare können zwecks Gruppenarbeit oder Klassenlektüre stets zu günstigen Konditionen angefordert werden. Wie bisher werden wir auch die "Rundbriefe aus Canto Grande" abdrucken, die Franz und Angelika uns periodisch zukommen lassen.

Eine Gelegenheit, die Informationen über Peru zu vertiefen, wird zweifelsohne auch der Video-Film sein, den die Menschen in Montenegro über sich selbst gedreht haben und den Franz und Angelika Mitte Mai mitbringen werden. "forum" wird in einer nächsten Nummer genauere Termine für Begegnungen mit den beiden Peru-Luxemburgern mitteilen. Es sei auch auf die Diaserie von 31 Bildern hingewiesen, die unter dem Titel "Canto Grande – das große Lied von Armut und Hoffnung" mit Kommentar im CITIM (39, rue du Fort Neipperg, Luxemburg; Tel. 400427) ausgeliehen oder für 2500 F bei den "Missionaires de Bethléem", B.p. 71, L-5301 Hesperingen, CCP 86624-03, erstanden werden kann (vgl. "forum", Nr. 114/Sept. 1989). Für Kinder ab 12 Jahren geeignet ist auch der peruanische Spielfilm

"Gregorio" (1984), der im Info-Video-Center (av. Marie-Thérèse, Luxemburg) ausleihbar ist: Er erzählt die Geschichte eines Indiojungen, der sich und seine Familie als Straßenclown, Schuhputzer oder mit gelegentlichen Diebstählen durchzubringen versucht, ohne seine Würde als Andensohn zu verlieren.

Nichtsdestoweniger kommen auch jene, die auf eine autozentrierte Entwicklung und auf die Selbstorgani-

sation des Volkes setzen, nicht ohne finanzielle Hilfen aus dem reichen Europa aus. Wir möchten daher im folgenden zwei Projekte kurz vorstellen, die uns unterstützungswürdig scheinen, weil wichtige Kriterien wie die eigenverantwortliche Initiative und die Orientierung an den lokalen Bedürfnissen, aber auch die Überprüfbarkeit der Verwendung der Spendengelder erfüllt sind.

Bau eines Wasserreservoirs und einer Wasserleitung in Canto Grande

Die Sorge um das tägliche Wasser und die finanziellen und gesundheitlichen Folgen des Wassermangels hat H. C. Tarazona aus Montenegro in ihrem Artikel ausführlich dargestellt. Die Vollversammlung des Barrio von Montenegro hat nun vor einigen Monaten beschlossen, ein Wasserreservoir von 3000 Kubikmetern mit dazugehöriger Wasserleitung zu bauen.

Franz und Angelika schreiben: "Wir sehen in diesem Projekt auch eine wichtige Herausforderung und gewissermaßen eine Garantie für den Fortbestand der Basisorganisation und der Einheit des Barrios. Um ein solches Projekt zu verwirklichen, muß sich die ganze Bevölkerung organisieren, muß planen, muß zusammenhalten, muß gemeinsam und tatkräftig anpacken, um kilometerweise Gräben auszuheben, Rohre zu verlegen und oben auf den felsigen Hügeln einen 3000-Kubikmeterk aus Beton und Eisen zu bauen. Nicht zuletzt müssen auch die beiden Barrios Motupe und Montenegro, zwischen denen es immer noch Spannungen und Ressentiments gibt, sich zusammenraufen und an einem gemeinsamen Projekt

arbeiten."

Da in Peru der Staat solche Projekte nicht finanziert, müßte die Bevölkerung ein Kredit aufnehmen bei der staatlichen Wohnungsbank. Um die Kosten möglichst niedrig zu halten, hat die Barrioversammlung beschlossen, die Gräben in Gemeinschaftsarbeit (am Sonntagmorgen) auszuheben und die Rohre zu verlegen. Unter diesen Bedingungen genügt ein Kredit, der jede Familie ca. 750$ zu stehen kommt. Zur Kreditaufnahme ist allerdings eine Anzahl von 10% oder 300 000$ oder 12 Mio. Franken erfordert. Wird diese Summe aufgebracht, kann der Rest mittels monatlicher Wasserrechnung abgezahlt werden. Die Luxemburger Entwicklungshilfeorganisation "Eng Bréck mat Latäinamerika" hat sich bereit erklärt, 500 000 Franken zur Verfügung zu stellen. "forum"-Leser können dazu beitragen, indem sie eine Spende auf das CCP 1144-77 des "Fonds d’Aide au Développement" überweisen mit dem Vermerk: "Don en faveur de ‚Eng Bréck mat Latäinamerika‘, Projet Canto Grande".

Politischer Einsatz ist gefordert, um unsere Politiker zum Umdenken zu bringen, daß sie im Namen des Luxemburger Volkes auf Seiten der Armen stehen, statt die Interessen der Multis zu vertreten.

Volksbildung in Pucullpa

Von 1985-89 führte die ASTM in Zusammenarbeit mit vier weiteren europäischen Entwicklungshilfeorganisationen ein erstes Projekt in Pucullpa im peruanischen Amazonasgebiet durch: das Zentrum für Volksbildung und -erziehung (IIADU). Dem IIADU gelang die Zusammenarbeit mit indianischen und bäuerlichen Organisationen der Region sowie, im Rahmen der Dezentralisierung, mit staatlichen Stellen und peruanischen und europäischen Hilfsorganisationen.

Doch Pucullpa liegt mitten im neuesten Operationsgebiet des "Sendero Luminoso", im Kokaanbaugebiet, in einer Region, deren Kontrolle sich SL, MRTA und die Armee sowie paramilitärische Gruppen wie das "Comando Rodrigo Franco" streitig machen. Das Gewaltproblem verschärft demnach die ohnehin bestehenden Probleme – Hyperinflation, Zunahme der Drogenabhängigen, Verschlimmerung der Korruption -, so daß die Bedingungen einer Autofinanzierung des Projektes immer schwieriger werden. Am 9.2.1989 wurde das Zentrum Opfer eines Überfalls, bei dem die gesamte Ausrüstung zerstört wurde; außerdem waren bei einer vorausgegangenen Gewerkschaftsaktion, die von Organisationen getragen wurde, die mit dem IIADU zusammenarbei-

ten, 9 Tote, 25 Schwerverletzte, mehrere Verschwundene und Hunderte von Festnahmen zu beklagen (vgl. brennpunkt dreht welt, Nr. 89/Juli 1989). Das IIADU, dessen Verwurzelung im Volk sich verstärkt hat, verfügt seither nicht mehr über seine üblichen Kommunikationsmittel (Photokopierer, Roneodrukker, Videoanlage), die auch Einnahmen mit sich brachten. Der Leiter des Zentrums, Manuel Vasquez, erhielt Drohungen, so daß er den Ort nach der Wahl eines neuen Präsidenten verlassen mußte und sich auf Kosten der ASTM während sechs Monaten in Chili (bei einem andern ASTM-Projekt) und in Luxemburg aufhielt.

Das neue Projekt setzt einerseits das alte fort – Bewußtseinsbildung und Hilfestellung bei sozialen Konflikten -, fügt aber eine neue, wissenschaftliche Dimension hinzu: die menschlichen Realitäten der Gegend von Ucayali (Geschichte, Traditionen, Kultur) sollen erforscht werden, da ein Bedürfnis nach genauerer Kenntnis der historischen und ethnologischen Wurzeln dieser Menschen besteht. Vor allem sollen Volksbildungskurse für die marginalisierten Bevölkerungsgruppen angeboten und die Selbsthilfeorganisationen der Indianer und Mischlingskleinbauern und jene in den Elendsvierteln der

Stadt unterstützt werden, damit sie ihre Strukturen festigen können.

ASTM steht in Verhandlungen mit der EG-Kommission, dem belgischen Hilfswerk "Briderlek Delen" und der Luxemburger Regierung, um die Gesamtkosten von 1,45 Mio. Franken in zwei Jahren zu finanzieren. "forum"-Leser können ihre Spende auf das CCP 1144-77 des "Fonds d’Aide au Développement" überweisen mit dem Vermerk: "Don en faveur de l’ASTM; Projet IIADU, Peru".

Wandteppiche aus Ayacucho

Nicht zuletzt sei auch auf die "arpilleras" hingewiesen, die im Elendsviertel Montenegro hergestellt werden und in den "Boutiques Tiers-Monde" in Luxemburg (Lantergässel) und Ettelbrück (Kanalstrooss) zu kaufen sind. Diese traditionsreichen Wandteppiche aus den Anden werden aus Stoffresten genäht und gestickt und stellen Szenen aus dem Leben der Bevölkerung (z. B. Ernte, Terroristenüberfall, …) dar. Mit dem Erlös verdienen sich die Frauen aus Ayacucho nicht nur ihren Lebensunterhalt, sondern sie finanzieren auch den "Comedor", die Gemeinschaftsküche, für die Hunderten von Flüchtlingsfamilien aus den Anden, die sich auf der Flucht vor den Sendero-Luminoso-Terroristen in Montenegro niedergelassen haben. m.p.

Arpillera-Stickerin aus Canto Grande

Montenegro

Montenegro,
deine Vergangenheit
ist ein vergessenes Land,
eine trostlose Wüste,
in der allein die Steine lebten
und nur die Sonne zu Besuch kam.

Doch eine Handvoll Männer und Frauen
wollten Freude säen
in diesem Land voller Narben.

Männer und Frauen aus Montenegro,
ihr kämpft mühselig und mutig,
Pickel und Schaufel in der Hand,
gegen die Härte dieser Erde.
Die Pickel wirbelten,
die Funken sprühten.

Ihr wolltet nur
euren Kindern

Brot und ein Heim
voller Glückseligkeit geben.

Die Schwielen beachtet ihr nicht,
im Durst und Hunger
harrtet ihr aus,
ihr ertrugt die Kälte des Winters
in euren Hütten aus Stroh
und einem Stück Plastik.

Durch nichts und niemand
ließt ihr euch hindern,
eure Heimat aufzubauen.

Männer und Frauen aus Montenegro,
eure heilige Aufgabe ist jetzt,
eine Stadt des Friedens aufzubauen.

Héctor Zuniga Leguía,
ein 15jähriger Schüler aus Montenegro

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