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Das vorliegende forum-Dossier ähnelt den russischen Puppen, die ineinander versteckt sind. Auf den ersten Blick geht es um Großherzogin Charlotte, geboren am 23. Januar 1896, gestorben am 9. Juli 1985, regierende Großherzogin von 1919-1964. Von den Luxemburgern, die den Zweiten Weltkrieg durchlitten haben, wurde sie nach dem Krieg als ‚ihre‘ Heldin des Widerstands, als ‚onst Charlotte‘ verehrt. ‚Onst Charlotte‘ verweist also an erster Stelle auf eine real existierende historische Persönlichkeit, aber mit den Begriffen einer bestimmten Generation an einem bestimmten Ort. Schon zu ihrer Lebzeit war dieses Bild keineswegs für alle Zeitgenossen zu allen Epochen ihres Lebens dasselbe, wie der Beitrag von Wolfgang Alt erkennen lässt. Damit ist aber schon die zweite Puppe angesprochen. ‚Onst Charlotte‘ ist das Bild, das wir als forum-Leser uns von dieser historischen Persönlichkeit machen, nachdem die Mitarbeiter am vorliegenden Dossier das traditionelle Bild de-konstruiert haben. Damit wird eine dritte Puppe angesprochen. Das forum-Dossier handelt von der Konstruktion eines Geschichtsbildes, in diesem Fall von der Konstruktion des Bildes einer historischen Persönlichkeit. Dieses Bild wird natürlich von der akademischen Geschichtsschreibung konstruiert, aber auch von vielen anderen Medien. In diesem Fall wird vor allem die Rolle des Films Léif Lëtzebuerger bei der (De-)Konstruktion dieses Geschichtsbildes untersucht; mit einbezogen wird aber auch ein Roman von Roger Manderscheid und die Presse am Beispiel des Escher Tageblatt. In einem Buch, das im Januar 2009 erscheinen wird, haben die Mediävisten der Universität Luxemburg dieselbe Arbeit am Beispiel der bekannten Bilderhandschrift Erzbischof Balduins über Heinrichs Romfahrt geleistet. Ein anderes Forschungsprojekt an der Uni
Luxemburg untersucht die Überlieferung der Erinnerung an die Vergangenheit in bestimmten Milieus (Arbeiter, Bauern, Kriegsopfer, Migranten) von einer Generation auf die andere. Solche Untersuchungen gehören heute zur Arbeit der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die letzte Puppe, die das Dossier enthält, ist also ein Einblick in den Betrieb oder die Vorgehensweise dieser Forscher.
Großherzogin Charlotte
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Es ist daher wohl kein Zufall, dass alle Mitarbeiter an diesem Heft Mitarbeiter der Forschungseinheit IPSE (Identités, Politiques, Société, Espaces) angehören oder nahestehen. Sie beschäftigen sich mit der Konstruktion von Identitäten. Sie legen Wert darauf zu betonen, dass alle Identitäten, auch unsere Bilder der Vergangenheit, Gegenwartskonstrukte sind, also auch veränderlich und ver-
änderbar sind. Der Identitätsbegriff wird also nicht im Sinne des zeitlosen ewig Selben (semper idem) verstanden, sondern im Sinne des als eine eigene, dynamische, wandelbare Identität besitzenden Selbst (ipse). Derartige Identitäten werden denn auch nicht nur von Historikern erforscht, sondern auch von Semiotikern, Ethnologen, Soziologen, Literaturwissenschaftlern, wie sie auch unter den Autoren dieser Ausgabe zu finden sind. IPSE ist in der Tat eine interdisziplinäre Forschungseinheit.
Geschichtsschreibung heute bedeutet also nicht mehr das Aufspüren von historischen Fakten, was ohnehin immer nur bruchstückhaft geschehen kann, da die meisten Informationen verloren gegangen sind. Geschichtsschreibung beschäftigt sich auch mit dem Prozess der historischen Konstruktion selbst, mit den Vehikeln und Akteuren der Vergangenheitskonstruktion. Dafür liefert der als Dokumentarfilm ausgegebene Film Léif Lëtzebuerger ein einzigartiges Material, das auch noch von manchen Lesern gesehen wurde, so dass sie die hier angestellten Überlegungen leicht nachvollziehen können. ♦
michel pauly
Université du Luxembourg
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