Bärenklau – Eine Konferenz
Haben Sie schon mal etwas von Sensitivity Reader*innen gehört? Nein? Dann lernen Sie nun eine kennen. Lina Mack, Protagonistin des Bärenklau, hält eine 73 Seiten lange Konferenz über ihren Beruf, das sensitivity reading. Mit akribischer Achtsamkeit muss sie Texte auf jegliche Vorurteile, Stereotype und potentielle Diskriminierung prüfen und kriegt sich bei diesem Prozess mehr als einmal mit dem namenlos bleibenden Autor in die Haare.
In Zeiten, in denen vermehrt auf Diversität und politische Korrektheit geachtet wird, ist dieser Beruf mit Sicherheit eine naheliegende Nebenerscheinung. Eigentlich ist es doch eine sehr ehrenhafte Absicht, sensibler für die Gefühle und Lebenswelten anderer zu werden, nicht? Dennoch wurde Sensitivity Readern immer wieder vorgeworfen, Zensur zu betreiben und Werke bis zur Unkenntlichkeit umzuschreiben. Auf diese Kritik spielt Guy Rewenig in seinem neusten Buch auch an. Naja, mehr als das: Er treibt sie gänzlich auf die Spitze.

Lina Mack scheint den Autor zu verabscheuen. Dieses Gefühl beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Ja, Lektoren und Autoren scheinen von Grund auf verschieden: der eine lebt vom Chaos, liebt das enigmatisch Verworrene und braucht das Dilemma, während der andere Regeln, Ordnung und Klarheit benötigt. Über diese Differenz geht die Kritik aber weit hinaus. Guy Rewenig schöpft aus seinem nie versiegenden Topf der scharfen Ironie und lässt seinem schwarzen Humor wieder mal freien Lauf: Er macht aus der Lektorin eine selbstgefällige, predigende und besserwisserische Tyrannin, die das Lektorieren mit einer dekontaminierenden Säuberungsaktion verwechselt. In ihrer Obsession, auf Feingefühl zu achten, möchte sie aus Texten sämtliche negativen Emotionen und Gedanken sowie Irrationalitäten tilgen und schafft in ihrem Drang nach Utopie eigentlich eine Dystopie, in der Individualität, kreativer Ausdruck und künstlerische Freiheit keinen Platz haben.
Ob sensitivity reading das Ende der Literatur bedeutet? Wohl kaum. Aber es ist fraglos ein unterhaltsames Gedankenspiel, welches Rewenig hier betreibt, um auf humorvolle Weise zu illustrieren, wie man eine im Kern noble Idee ad absurdum führen kann.
NB
Heimliches Gebet – Vom Trockenrasen (und nahebei)
Wenn Sie wie ich ein Blumenamateur sind und sich an Lyrik erfreuen, dann ist dieses Bändchen für Sie. In dieser Sammlung an kleinen Gedichten findet man allerlei vom Trockenrasen (und nahebei). Vom Frühling bis zum Spätsommer hat Bernd Marcel Gonner ein farbenfrohes Bouquet gesammelt. Einige dieser Namen werden Sie wohl zum ersten Mal lesen: Kleiner Klapperkopf, Nickendes Leimkraut, Schmalblättriger Holzzahn. Aber Sie werden erstaunt sein, festzustellen, wie vielen von ihnen Sie schon begegnet sind. Es handelt von Blümchen und Kräutern, die einst nicht nur für ihre bescheidene Schönheit, sondern auch für ihre Eigenschaften geschätzt wurden. Heute sehen vermutlich viele sie als Unkraut oder gehen achtlos an ihnen vorbei.

Die Namen an sich malen schon ein märchenhaftes Bild und der Autor ergänzt es noch um ein weiteres mit seinen kreativen Reimen und Versen. In Haiku-Tradition macht Gonner die von ihm im Moment wahrgenommene Pflanze für den Leser miterlebbar, beobachtbar. Mehr als einmal verbleibt man mit einem Nachhall von Ungesagtem: Die Fragen, die aufkommen, wenn man sich erlaubt, in der Natur zu sein. „Heimliches Gebet“ lautet der Titel des Bandes und die spirituelle Komponente ist dezent in die Zeilen eingewoben. Wem gilt das Gebet? Allem Leben. Selbst das Kleinste, Unscheinbarste ist es wert, angehimmelt zu werden.
Der Autor versucht uns auf unaufdringliche Art und Weise den Auftrag zu geben, uns alles um uns herum noch einmal genauer anzusehen. Es ist nun an Ihnen, sich auf die Suche zu machen. Jetzt im Herbst werden die Protagonisten dieser Sammlung wohl nicht mehr auffindbar sein. Es ist aber eine passende Gelegenheit, sie mit diesem Büchlein vorerst besser kennenzulernen und mit dem kommenden Jahr dann nach ihnen Ausschau zu halten. Ich weiß, dass ich es auf jeden Fall tun werde.
NB
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!