Over the hills and far away…

Einleitung ins Dossier

Ironischerweise verfasse ich folgendes Intro in einer Luxair-Havilland-Maschine, unterwegs von Wien nach Luxemburg, meinen zwei Wohnorten. Ob ich diese Flugstrecke aus Arbeits- oder Freizeitgründen zurücklege, kann ich nicht recht sagen, denn eigentlich trifft beides zu: Den Abstecher ins Büro kombiniere ich mit einem österlichen verlängerten Wochenende mit Freunden und Familie.

Die Gründe fürs Verreisen sind wohl mindestens genauso vielfältig wie die Zahl der Reiseziele und Fortbewegungsmittel, die einem heutzutage zur Verfügung stehen. Eines steht jedoch fest: Unter den gegebenen Umständen unserer aktuellen Weltlage reisen wir wohl alle (viel) zu viel. Auch, oder sagen wir lieber vor allem, die Luxemburger …

Die entsprechenden Zahlen dazu kann man im jährlichen Bericht Le tourisme en chiffres (2024)1 der STATEC nachlesen, laut welchem die luxemburgische Bevölkerung zweifellos zu den absoluten Spitzenreitern im Reisen gehört. Als „Reise“ gilt hier jeder Aufenthalt mit mindestens einer Übernachtung außerhalb der Wohnung. Schon 2022 rangierte Luxemburg, im Vergleich zu den anderen EU-Ländern, mit etwa 5,5 Aufenthalten pro Einwohner an dritter Stelle. Wenn man allerdings statt der Aufenthalte nur die Anzahl der Übernachtungen berücksichtigt, dann wird Luxemburg sogar (mit 35 Übernachtungen pro Einwohner) zum reisefreudigsten Land der Europäischen Union. 

Im Jahr 2023 unternahmen die Einwohner des Landes 3,3 Millionen Reisen und verbrachten 22 Millionen Übernachtungen außerhalb ihres Zuhauses. Diese Zahlen waren noch nie so hoch. Nur 17 % der luxemburgischen Bevölkerung sind in jenem Jahr nicht verreist. 

Source : Statec, Enquête sur le tourisme

Von den Reisen sind „nur“ 14 % Geschäfts­reisen, während die restlichen 86 % ausschließlich Freizeitreisen (Ferienaufenthalte, Familien- oder Freundschaftsbesuche …) darstellen. Und wohin, und wie, reisen die Einwohner? 

92 % der Freizeitreisen finden innerhalb, 8 % außerhalb Europas statt. Von Stadt, Meer und Land ist die Stadt der bevorzugte Ort für Freizeitaufenthalte. Für den Geschäfts- wie auch für den Freizeittourismus sind die drei Grenzländer die häufigsten Reiseziele im Jahr 2023. Die Freizeitreisen werden zum größten Teil (52 %) mit dem Privatwagen, 35 % mit dem Flugzeug unternommen. Für Geschäftsreisen steht das Flugzeug als Transportmittel allerdings an erster (53 %), das Auto an zweiter (30 %) und der Zug (11 %) an letzter Stelle.

Und was genau treibt die luxemburgische Bevölkerung dazu, so viel zu reisen? Vor allen Dingen Erholung und Entspannung. Diese Begründung wurde von 70 % der Befragten als Hauptmotivation angegeben. Etwas weiter dahinter platziert: Zeit mit Reisegefährten (Freunde, Familie) verbringen (40-50 %), Shopping (28 %) und Events (15 %).

Für den Inlandtourismus Luxemburgs konnte 2023 ebenfalls ein Anstieg verzeichnet werden. Vor allem Kultur und Kulturerbe ziehen ausländische Touristen (87 %) an. Die Besucherzahlen des Müllerthal Trails erlebten erneut ein Rekordjahr, mit einem Anstieg von 3 % im Vergleich zum Vorjahr. Aber auch der lokale Tourismus, d. h. die Aufenthalte von Einheimischen in den touristischen Einrichtungen des Großherzogtums, erreichte ein außergewöhnliches Niveau (Anstieg von 32 % seit 2019). Die Be­wohner bereisen also auch ihr eigenes Ländchen. 

Diese Prozentsätze geben einen guten Einblick in die statistische Dimension des menschlichen Reiseverhaltens. Jedoch ist das Phänomen „Reisen“ deutlich komplexer und gründet um einiges tiefer, als diese Zahlen vermuten lassen. Wir bei forum haben uns auf Erkundungsreise gemacht, um dieses Thema näher zu erforschen.

© Carlo Schmitz

Den Einstieg macht Redaktionsmitglied Jean-Paul Nicolay mit einem persönlichen Rückblick auf das eigene Reiseverhalten und stellt sich die Frage: Warum (noch) reisen? In seinem Artikel sinniert er über Flucht, Konsum, Selbsterkenntnis und die Sehnsucht nach dem Authentischen.

Die Tourismussoziologin Kerstin Heuwinkel gibt in ihrem Beitrag „Tourismus ‒ völlig (un)verständlich?“ Einblicke in die komplexen Beweggründe hinter dem unerschütterlichen Reisebedürfnis des Menschen. 

Christine Corsi, Leiterin der Marketingabteilung von Travel Group Luxembourg (TGL), hat mit forum ein paar Gedanken zu Kundenpräferenzen, rezenten Trends und ihrer 30-jährigen Erfahrung in der Reisebranche geteilt. In diesem Interview bekommt man einen Einblick ins Reisebüro.

Markus Hesse, als Geograph und Raumplaner an der Universität Luxemburg tätig, erzählt vom „Fluchtpunkt Findel“. Kein anderer Ort in Luxemburg steht wohl mehr im Fokus, wenn es ums Reisen geht, als der (einzige) Flughafen des Großherzogtums.

Ergänzend dazu stehen die Fotografien von Andrés Lejona. Das künstlerische Dokumentationsprojekt trägt den Namen „FINDEL“ und wurde 2010 im ehemaligen Flughafengebäude von Luxemburg durchgeführt.

Robert Weis, Wissenschaftler, Schriftsteller und Reisender aus Leidenschaft, reflektiert in „L’autre voyage“ über die beiden antagonistisch anmutenden Bezeichnungen Tourismus und Reise. Anhand zahlreicher Überlegungen von Schriftstellern wagt er einen Definitionsversuch.

Anett Holzheid, promovierte Medienkulturwissenschaftlerin und Kuratorin, beschreibt in „Ansichten in Bewegung“ die Rolle der Postkarte als Teil der modernen Reisepraxis um 1900 und zeigt, weshalb sie als Vorläufer digitaler Kurzbotschaften gelten kann.

Gilles Wunsch ist Tourguide im schönen Müllerthal und Éislek. Im Gespräch mit forum erzählt er nicht nur von seiner Tätigkeit als Reiseführer, sondern auch von der Wichtigkeit, die ideale Balance zwischen Erzählen und Zuhören zu finden.

Griska Lutgen, Mitarbeiter des Service national de la jeunesse, berichtet vom Freiwilligendienst des SNJ. Ob im Ausland oder auf nationalem Terrain, Begleitung und Bestärkung stehen immer an erster Stelle. Im Anschluss erzählen drei junge Erwachsene von ihrem persönlichen Einsatz und wie sie über Grenzen, physische und andere, hinausgewachsen sind.

Die Performancekünstlerin und Bühnen­bildnerin Clio van Aerde hat 2018 mit ihrer Expedition On Line – A Manifestation of the Human Border ein außergewöhnliches Unterfangen auf sich genommen: Nur mit Rucksack und Zelt ausgerüstet lief sie entlang der geopolitischen Grenze Luxemburgs. In diesem Artikel blickt sie zurück auf diese Erfahrung.

Mit Claudia Simone Dorchain, und mit dem Abschluss des Dossiers, brechen sie ins Unbekannte auf und können anhand eines Exkurses durch Philosophie und Literatur die Reise als metaphysisches, historisches und soziales Phänomen kennenlernen.

Und? Koffer gepackt? Reisepass bereit? Na dann, alle Mann (und Frauen) an Bord!  

1 https://statistiques.public.lu/fr/publications/series/en-chiffres/2024/tourisme-2024.html

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