Atomzentralen sind ethisch nicht vertretbar!

18. Synodenvollversammlung

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

sind ethisch nicht vertretbar!"

Nebenabend findet der Leser den nur unwesentlich gekürzten Text eines Abschnittes, den die Synodenkommission 7 (K07) neu in ihre Vorlage für die 2. Lesung aufgenommen hatte, und der nun mit der Gesamtvorlage definitiv verabschiedet wurde und demnächst vom Bischof in Kraftgesetzt werden wird.

Ich kenne keinen andern europäischen Text der Amtskirche, der do deutlich zu den Fragen der Ökologie und insbesondere der Atomenergie Stellung bezieht wie diesen. Nach dem mutigen Hirtenwort, das unser Bischof schon am 3.10.1978, zusammen mit den Nachbarbischöfen von Trier und Metz, zum selben Themenkomplex veröffentlichte (vgl. LW, 4.10.1979; "forum" 28/9.12.1978), warnt diesmal die Luxemburger Kirche erneut energischst vor einer Vergeudung der Naturschätze, vor der herrschenden rein technischen Auffassung von Fortschritt, vor einer rein profitorientierten Wachstumsideologie, vor den Gefahren der Atomenergie.

Vom christlichen Glauben her begründet sie Ueberzeugungen, welche die "grüne" Bewegung in ganz Europa seit einigen Jahren mit wachsendem Erfolg (vgl. Wahlerfolg zum Landtag in Bremen; mehr als 4 % bei den Europawahlen in Frankreich) vertritt. Die Christen in Luxemburg wissen jedenfalls jetzt, was es konkret heisst "das eigene Geschick und das der nachwachsenden Generation in die Hand zu nehmen" (Erkl. der Bischöfe …54).

Leider scheint die Regierung dies noch nicht recht erkannt zu haben, obschon sie von der CSV geführt

wird, die ansonsten nicht fertig wird, die christliche Inspiration ihres Programmes zu betonen. Es genügt nicht, dies in Sachen Abtreibung und Scheidungsreform -mit im übrigen anfechtbarer Begründung tun zu wollen. Wo bleibt z.B. die Konsequenz in Sachen Kernkraft-werkbau Cattenom? Von lauten, energischen Protesten gegen diese grösste KKW-Ballung (4 x 1300 MWe) in Europa -wie sie im Wahlprogramm versprochen wurden- war bislang höchstens ein leichtes Flüstern zu hören.

Ueberschattet war die Verabschiedung der eindeutigen Synodenaussagen zur Umweltproblematik nicht so sehr durch einen Antrag auf Abschwächung der Formulierung "ethisch nicht vertretbar" in "ethisch fragwürdig" -Antrag der mehrheitlich verworfen wurde- als vielmehr durch eine Stellungnahme von Religionslehrer Emile Sinner zugunsten der Atomenergie (der letztes Mal schon durch seine ausfälligen Bemerkungen über die Stagiarprofessoren aufgefallen war). Er scheint jedenfalls völlig der Propaganda der Atomlobby erlegen und tischte wieder das alte Märchen von den Lichtern auf, die 1985 ausgehen sollen. Zudem machte er die unbeweisbare Unterstellung, die heutigen KKW-Gegner wären dann die ersten, die der Regierung den Vorwurf machen würden, die Energieversorgung nicht gesichert zu haben. Gegen diesen letzten Vorstoss der Atombefürworter, wäre an und für sich nichts einzuwenden, hätte ihn nicht der Synodale A. Heiderscheid aufgegriffen, um ihn 8 Tage später 80.000fach ins Land zu tragen, wohl weil er zu feige war, es in der Synodalversammlung zu

DIE SORGE UM DIE UMWELT DES MENSCHEN

Letztlich muss es deshalb bei der heutigen "Sorge um die Umwelt" nicht bloss um "Umweltschutz" sondern um einen echten "Lebensschutz" gehen."(…) es genügt nicht, nur eine lebensgefährliche Verschmutzung zu verhindern: das eigentliche Ziel muss im Auge bleiben: die Erhaltung oder Schaffung menschenwürdiger Verhältnisse in allen Bereichen. Lebensschutz ist dann nicht die Aufgabe einiger Wissenschaftler, Politiker und grosser Firmen, sondern eine Aufforderung an jeden einzelnen Menschen." (zit. Grundsatz-erklärung der deutschen Bischofskonferenz vom 21.9.1974).

Die Sorge um die Zukunft der Menschheit soll daher die Menschen zur Einsicht bringen, dass

  1. das technische Handeln sich der sittlichen Verantwortbarkeit im Hinblick auf das wahre Wohl der Menschen zu stellen hat;
  2. im technischen Handeln Sorge getragen werden muss sowohl für die Integrität (Gesundheit, Rechte, Lebenschancen,…) der gegenwärtigen als auch der zukünftigen menschlichen Generationen;
  3. nicht alles, was an sich machbar ist oder sein wird, auch schon getan werden darf.

Leitsatz 23:

Die im Glauben grundelegte Solidarität mit allen Menschen zwingt die Christen, die Grenzen der Natur und ihres Beirichtes besser zu beachten, mögliche Grenzen des Wachstums anzuerkennen und erforderliche Einschränkungen zu akzeptieren. Denn zum Christsein gehört es wesentlich, die fundamentalen Bedürfnisse und unaufgebbaren Rechte aller Menschen sicherzustellen, auch der Menschen in der Dritten und Vierten Welt sowie die der kommenden Generationen.

Das zukünftige Wachstum (…) muss dem Bedürfnis nach gesunden, menschlichen Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen, der Bewältigung der Rohstoff- und Energieknappheit und dem Gebot einer solidarischen internationalen Arbeitsteilung Rechnung tragen. Dies setzt einen tiefgreifenden, wirtschaftlichen Strukturwandel voraus sowie das Bewusstsein einer weltweiten Solidarität.

Die Menschen von heute leben in einer Situation, wie sie bisher der Menschheit nicht gegeben war. Sie stossen an Grenzen des Wachstums. Sie werden sich bewusst, dass die Naturschätze begrenzt sind, dass die Umwelt des Menschen bedroht ist durch Verschmutzungen und Zerstörungen.

Die Menschen von heute verfügen durch die Wissenschaft und Technik über die Macht, die Schöpfung zu zerstören und ihre eigene Lebenssubstanz zu vernichten. (…)

Bisher war die technische Machbarkeit und Durchführbarkeit das entscheidende, mitunter sogar einzige Kriterium für die Unternehmungen der Menschen geworden und dies mit dem Ergebnis, dass alles, was in der technischen Realität möglich war, bedenkenlos verwirklicht werden sollte.

tun, wo Atomgegner die Unhaltbarkeit der These hätten beweisen können. In einem LW-Leitartikel stellt er nun die Sinner-Intervention als "Wert der Vernunft" hin, das einzige in jener Synodalversammlung, wo ansonsten "das Spiel mit der Angst getrieben wurde" und "seine nicht unbedingt erfreulichen Früchte zeitigte". Aber auch Prof. Sinner konnte laut Hd. "trotz

Zudem verengten die Menschen, insbesondere in den hochentwickelten Regionen unserer Erde, ihren Blick auf die blosse Gegenwart. (…) Die Folgen für die Zukunft wurden kaum bedacht und einbalkuliert.

Ein Umdenken über die Gestaltung der Welt und über den Umgang mit den Gütern der Erde ist erfordert. Diese Erkenntnis scheint sich durchzusetzen. Das Wohl der Menschen, sowohl der gegenwärtig lebenden, wie auch der zukünftigen Generationen, verlangt eine echte Sorge um die Umwelt und die Zukunft der Menschen.

Der biblische Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, kann für die Menschen nur bedeuten, dass die Aneignung der Natur sich als Entfaltungsmöglichkeit der menschlichen Existenz und Freiheit zu gestalten hat, und dass der Entwicklungsprozess nicht zur Auslöschung einer menschenwürdigen Existenz oder der Freiheit oder zu einer progressiven Zerstörung der Lebenswelt führen darf. Die Welt soll eine Welt der Menschen und für die Menschen sein, resp. werden und bleiben, was aber nur geschehen kann, wenn die Natur nicht mehr als blosse Ware begriffen wird, die voll ausnützbar wäre.

Viele Menschen leben in der Sorge um die möglichen Folgen der Atomenergie. Die Entscheidung zur Errichtung von Zentralen zur Erzeugung von Atomenergie ist nach dem Gesagten nicht bloss eine Frage der Machbarkeit, der Erfordernisse der Wirtschaft und der Energieversorgung, sondern im Sinne des Lebensschutzes auch und vor allem eine ethische Frage.

Die Synode stellt fest, dass die Christen aus der Sicht ihrer Weltverantwortung der Energiefrage eine besondere Beachtung schenken müssen.

Die Notwendigkeiten der Gegenwart wie auch der Zukunft verlangen einen sparsameren Umgang mit Energie und die Vermeidung jeder Vergeudung.

(…) Die kontroversen Sachdiskussionen über die Sicherheit der Zentralen und die zu erwartenden Folgeprobleme ökologischer, biologischer, genetischer, medizinischer, gesellschaftlicher und politischer Art haben noch zu keiner Klärung über die ethische Erlaubtheit zur Errichtung von Zentralen geführt. Das Sicherheitsrisiko ist nach dem gegenwärtigen Stand der Kenntnisse nicht hinreichend geklärt.

Solange keine grössere Sicherheit der Zentralen gegeben ist und solange andere Möglichkeiten der Energiegewinnung gangbar sind, ist eine Errichtung solcher Atomzentralen zur Gewinnung von Atomenergie in unserm kleinen Lande, unter den gegebenen Umständen ethisch nicht vertretbar.

Spätere Entwicklungen mögen eine andere Entscheidung ethisch vertretbar machen, wenn diese Entscheidung nach Würdigung aller Sicherheitsfaktoren, nach breitester Willensbildung und nach Feststellung grösstmöglicher Übereinstimmung der Bürger durch die politisch verantwortlichen Gremien getroffen werden.

(aus: Der soziale Auftrag der Kirche und der Katholiken Luxemburgs. Synodenbeschluss vom 3.11.1979)

pertinenter Feststellungen und gezielter Fragen, dieser Vernunft keine Gasse mehr haun."

Da muss aber nun nach dem Vernunft-Begriff dieses Mannes gefragt werden. Ist es denn un-vernünftig, vor den naturbedingten Grenzen des Wachstums zu warnen, die wegen des Raubbaus verschiedener Rohstoffe sehr bald erreicht

sind? So nämlich der Synodentext.

Ist es un-vernünftig, vor den technologischen Möglichkeiten zu warnen, die nicht unbedingt den Menschen fördern und retten? So die oben zitierten Bischöfe.

Ist es un-vernünftig, auf die fundamentalen Bedürfnisse und unaufgebbaren Rechte auch der kommenden Generationen und der Menschen in der Dritten Welt,

welche durch die Atomkraft oder die Rohstoffvergeudung in Gefahr sind, aufmerksam zu machen? So die Synode wieder. So im übrigen auch Hd. selbst, wenn es um die Abtreibung geht.

Entsprechen solche Grundsätze nicht eher der christlichen Vernunft als die hemmungslose Wachstumsideologie, die nur den Kapitalisten nützt? Ist es vernünftiger den KKW-Gegnern Schizophrenie zu unterstellen, wie Prof. Sinner tat?

Die ‚unnötige Blösse‘, die Hd. den Christen Luxemburgs wegen des Synodentextes vorwirft, fällt m.E. wie ein Boomerang auf ihn zurück. Sein ‚Vernunft‘-Begriff ist jener der ‚Sachzwang‘-Logik, die Theid Faber in der letzten ‚forum‘-Nummer in Bezug auf Autobahnen entlarvt hat. Es ist die Logik der Profitmaximierung: je mehr neue Autobahnen oder Kernkraftwerke, um so mehr Profit fällt für bestimmte Leute dabei heraus. -Herr Heiderscheid und Herr Sinner gehören womöglich nicht einmal zu diesem glücklichen Kreis. Die Lebensqualität der Mehrheit darf aber ruhig dabei preisgegeben werden (1).

Auf einen Schönheitsfehler im Synodentext muss ich am Schluss noch eingehen. In den Abschnitt, der die Atomzentralen als ‚ethisch nicht vertretbar‘ hinstellt, wurde erst auf der Synodenversammlung der Zusatz: ‚in unserm kleinen Lande unter den gegebenen Umständen‘ aufgenommen. Diese Einschränkung ist natürlich sinnlos, wenn nicht sinnwidrig. Denn gerade in ‚unserm kleinen Lande‘ sind die Gefahren, die von jenseits der Grenzen kommen -Cattenom liegt nur 25 km von der Stadt Luxemburg entfernt!- ganz besonders akut, wie 12 am selben 3.11.1979 sehr drastisch im LW aufgezeigt hat. Und zweitens sind Atomzentralen entweder als solche und dann überall auf der Welt ‚ethisch nicht vertretbar‘, oder sie sind es auch nicht in Luxemburg. Aber trotz dieses Denkfehlers, mir scheint der mutige Text gereicht auch so der Kirche Luxemburgs zur Ehre! m.p.

(1) Falls die Herren aber tatsächlich von der Gefährlichkeit der Kernenergie nicht überzeugt sein sollten und ehrlicherweise noch an das Märchen von den ausgehenden Lichtern glauben, so erlaube ich mir, ihnen hier folgende ‚forum‘-Nummern zur Lektüre zu empfehlen: die in den Nummern 10(Dossier!), 20, 31, 32 dargestellten Argumente gegen die Atomenergie sind bis heute nicht widerlegt worden! Die Redaktion ist gern bereit ihnen (und jedem andern Interessierten) auch weiterführende, neuere Bibliographie anzugeben oder zur Verfügung zu stellen.

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code