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Aufstand der Hoffnung (3)

Können wir Rechenschaft geben über die Hoffnung, derentwegen Paulus angeklagt worden war? fragte Prof. Dr. J.-B. Metz im 1. Kapitel seines Referates beim Katholikentag in Düsseldorf (das wir seit "forum" Nr. 61 abdrucken). Die Rechenschaft kann nur in der Nachfrage auf dem Weg Christi gegeben werden. Im 2. Kapitel zeigt Metz dann, dass eine solche Nachfolge Widerstand gegen herrschende Zustände in dieser Welt (…) herausfordern muss. Christliche Hoffnung muss in Umkehr und Aufstand münden. Im 3. Kapitel, das hier fortgesetzt wird, fragt Metz wie dieser Aufstand der Hoffnung zuerst mal in der Kirche selbst auszusehen hätte. Sicher dürfte die Kirche nicht nur Hoffnungs- und Befreiungsworte sprechen, sondern müsste Hoffnungs- und Befreiungsort werden. Das ist nur möglich, wenn sie Kirche des Volkes wird, wenn sie das Messianische im Volk selbst sucht.

  1. Wie kann dieser Übergang bei uns geschehen? Er muss jedenfalls aus uns und mit uns geschehen – mit unseren Bischöfen, unseren Priestern, unserem Volk. Die Kirche kann ja nicht ihr Volk auflösen und sich neue Mitglieder wählen, um zu einer Kirche des Volkes zu werden.

Sind aber unsere jetzigen Gemeinden in ihrer durchschnittlichen Verfassung dazu gerüstet, der Ort und der kollektive Träger dieses Übergangs zu sein? Reifen in ihnen die Gläubigen zu Subjekten ihrer

Hoffnung? "Keiner hofft für sich allein", sagt das Synodendokument (I 8). Keiner folgt allein nach, keiner kehrt allein um, keiner widersteht allein. Keiner ist allein radikal im Sinn der Radikalität der messianischen Hoffnung, die unser Leben ja nicht überwölben, sondern aus dem allgemeinen Konformismus herauszwingen will. (…)

Sind unsere Gemeinden in ihrer überwiegenden Mehrzahl diese Communio? Werden in ihnen die allseits herrschende Beziehungslosigkeit, die Kälte und Isolation solidarisch überwunden, so daß die Hoffnung in uns arbeiten und als Umkehr und Nachfolge in dieser Welt gemeinsam gewagt werden kann? Oder bringen wir uns, zumeist erschöpft und ausgeleert, bei der sonntäglichen Eucharistiefeier für einen Augenblick in ein schwaches Verhältnis zur Ewigkeit, das rasch verfällt, wenn uns die grauen oder auch die bunten Träume des Alltags wieder haben? Ist das nicht unsere durchschnittliche Erfahrung der christlichen Hoffnung – einer Hoffnung, die doch nicht nur auf das Leben nach dem Tod zielt, sondern auch auf das Leben vor dem Tod, damit gerade dem Tod seine tödliche Verheißungslosigkeit genommen wird? Wo unsere Hoffnung nur dort los ist, wo sonst nichts los ist, werden wir auch sie selbst bald los sein. Gewiß, viele von uns investieren ihre Hoffnung auch in den Aktivitäten, in Räten und Verbänden. Und wer möchte das schon

tadeln? Doch sind hier wirklich Hoffnungswelt und Alltagswelt in jener Communion beisammen, die uns den Einbruch in eine Welt ermöglicht, in der unsere Hoffnung immer unanschaulicher und blasser zu werden droht?

Viele Fragen könnten und müßten hier weitergefragt werden. Sie alle zielen nicht etwa auf eine rasche Schuldzuweisung. Das alles ist auch nicht ein abstraktes Plädoyer gegen das Leben in den bestehenden Pfarrgemeinden und gegen die Arbeit in den Verbänden. Von allem anderen einmal abgesehen, gibt es gerade hier auch inzwischen Übergänge und Aufbrüche: Keineswegs alle Pfarrgemeinden agieren als "rein religiöse Gemeinden", als unkritischer Reflex ihrer bürgerlichen Umwelt; ihre Eucharistie feier macht die bedrängenden gesellschaftlichen Leiden nicht unsichtbar, sondern sichtbar und drängt deshalb die am Tisch des Herrn Versammelten in die Wege der Nachfolge, in die Solidarität mit den Armen, von denen das Hoffnungsdokument sagt, daß sie die Privilegierten bei Jesus waren und deshalb auch die Privilegierten seiner Kirche sein müßten (vgl. III 2). (…)

Gleichwohl möchte ich im Blick auf den Übergang zu einer Kirche des Volkes für die Zulassung und Beförderung neuer Gemeindeformen plädieren, in denen die eingeschliffene Arbeitsteilung zwischen pfarrgemeindlich orientierter Frömmigkeit und einer in Räten bzw. Verbänden organisierten gesellschaftlichen Aktivität unterlaufen ist. Schließlich kann und darf die Kirche ja nicht davon ausgehen, daß sie ihre gesellschaftliche Basis allein in einem so organisierten Katholizismus hat bzw. daß ein Volk, das sich hier nicht engagiert, von vorneherein kein Adressat messianischer Zumutungen und kein Träger messianischer Hoffnung sein könnte. Ich möchte deshalb die Aufmerksamkeit auf die schüchtern auch bei uns entstehenden und in vieler Hinsicht noch sich selbst suchenden basisgemeindlichen Ansätze lenken. Auch wenn es zu ihnen viele theologische und pastorale Anfragen geben mag und auch wenn gerade an ihnen das Fehlen einer Basiskultur in unserem Lande besonders deutlich wird: Sie sollten durchaus als ein Experiment der Hoffnung in unserer Kirche betrachtet und ernst genommen werden.

"Basisgemeinde" ist übrigens ein gutes Wort. Es war längst getauft, ehe es in den letzten Jahren auch hierzulande kirchlich und gesellschaftlich zu einer gewissen Konjunktur kam: getauft und legitimiert in den leidvoll-kämpferischen Kirchnerfahrungen der armen Kirchen. (Netz verweist auf den Gebrauch des Wortes bei Rainer und Congar.) Es geht hier doch nicht um eine neuerungssüchtige, phantasielose Imitation außereuropäischer Kirchlichkeit, sondern um die Plastizität und um die Subjekthaftigkeit der Hoffnung bei uns.

Diese Basisgemeinden bilden keine Kirche der ausgesonderten Wenigen, die in einer Art spirituellem Narzißmus Hoffnung genießen und trinken möchten. Sie wären nicht eine Kirche, in der unter dem Deckmantel des Wortes von der "kleinen Herde" die Kirche zur Sekte verwandelt wird. Sie wären ein Stück "offener Kirche", ein Stück realer Kirche des Volkes, die mit ihrem Mysterium in die Armut, ins Elend, in die Verzweiflung und in die gesellschaftlichen Leiden einrückt und die Menschen dort zu Subjekten ihrer Hoffnung zu machen sucht. Sie wären nicht nur eine ausgesprochene, sondern eine vollzogene "Einladung zur Freude" (III 4) an die Hoffnungslosen.

Man mag, was hier ohnehin nur in äußerster Kürze angedeutet werden konnte, als abwegig oder utopisch abtun. Aber dann möge man sagen, wie denn die Erneuerung geschehen soll. (…)

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