Ernesto Cardenal – ein produktives Ärgernis
Laudatio bei der Öberreichung des Friedenspreises
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- ein produktives Ärgernis
Durch die freundliche Vermittlung unserer Freunde von "Publik-Forum" erhielten wir dieser Tage vom "Börsenverein des Deutschen Buchhandels" die Texte der Reden, die bei Gelegenheit der Überreichung des Friedenspreises an Ernesto Cardenal gehalten wurden. Im folgenden drucken wir die Laudatio, die von Prof. Dr. Johann Baptist Metz verfasst wurde, und in der er sich kritisch mit den von der nicaraguanischen Revolution aufgeworfenen Problemen allgemeiner Natur auseinandersetzt.
Cardenals Dankesrede wurde in grösseren Auszügen schon von "Public" (Nr. 40/Ökt. 80) in Luxemburg veröffentlicht.
Wissen wir, wen wir in dieser Stunde ehren? Wissen wir, wer da als »Mann des Friedens« ausgezeichnet werden soll? Ernesto Cardenal, der Poet, der Priester und Revolutionär aus dem freien Nicaragua ist ein Ärgernis. Ein Sänger der Revolution als Träger des Friedenspreises? Eine Dichtung, in der Mystik schnurstracks in Politik, Poesie in revolutionäre Provokation mündet, als Friedensliteratur? Ich zitiere aus seiner »Epistel an Monsignore Casaldáliga«:
Vor kurzem fragte mich ein Journalist, warum ich Gedichte schriebe:
Aus dem gleichen Grunde wie Amos, Nahum, Haggai, Jeremia …
…
Jetzt ist nicht die Zeit für Literaturkritik
noch für surrealistische Gedichte gegen Militärdiktaturen.
Und wozu Metaphern, wenn die Sklaverei keine Metapher ist
und keine Metapher der Tod im Fluß des Mortes
und auch nicht die Todesschwadron?
Jetzt weint das Volk im pau-de-arara.
Doch jeder Hahn, der des Nachts in Brasilien kräht
ist jetzt subversiv,
er singt »Revolução«.
…
Monsignore, wir sind subversiv,
eine geheime Nummer auf einer Karte in Gott weiß
welchem Archiv,
Nachfolger des schlechtgekleiteten Proletariers und
Visionärs, des
professionellen Aufwieglers, hingerichtet als Feind
des Systems.
Wie Sie wissen, war es eine Folter für die Subversiven,
das Kreuz, für die Politischen, und nicht ein Schmuck-
stück aus
Rubinen
auf der Brust eines Bischofs.
Wir haben keine Möglichkeit, diesen Text als exotische Literatur zu lesen. Cardenal schreibt und dichtet auch für uns. So aber ist und bleibt er ein Ärgernis. Daß er als »produktives Ärgernis« verstanden und angenommen werden kann, wollen meine folgenden Überlegungen zeigen:
- über Revolution und Frieden
- über Cardenal und sein Land als schöpferisches Vorbild einer neuen Friedenskultur
- über den »neuen Menschen« des Friedens, dort und hier
REVOLUTION UND FRIEDEN
Hierzulande fällt es besonders schwer, revolutionäre Tat und politische Friedensgesinnung in Einklang zu bringen. Diese Schwierigkeit kommt nicht von ungefähr; sie hat ihre Wurzeln nicht zuletzt in der politischen Geschichte unseres Landes. Unsere historische und nationale Identität ist nicht auf eine gelungene Revolutionsgeschichte gegründet. Wir sind das Land der Kriege zwar, aber nicht das Land einer geglückten Revolution.
Natürlich gibt es gegen die Verbindung von Revolution und Frieden andere, grundsätzliche Vorbehalte. Als Theologe nenne ich einen, der das Verhältnis von Religion und Revolution, von Mystik und Politik berührt, nämlich den Einspruch der Liebe gegen revolutionäre Gewalt. Kann Gewalt, da sie doch so sehr der Liebe entgegengesetzt erscheint, überhaupt der Friedensstiftung
dienen? Christen stehen da in einem Dilemma, und wir können ruhig davon ausgehen, daß Ernesto Cardenal diesen Konflikt in sich selbst erfuhr, als er sich – spät – auf die Seite des Gewaltwiderstands stellte. Das christliche Dilemma wurzelt in der unaufkündbaren Einheit von Gottesliebe und Nächstenliebe. Gottesliebe kann dem Christen gebieten, die eigene Ohnmacht anzunehmen und Unrecht für sich zu erleiden. Als Nächstenliebe darf sie sich jedoch nicht mit der Ohnmacht und der Unterdrückung der anderen, der »geringsten der Brüder«, abfinden und Gott nicht gewissermaßen mit dem Rücken zu diesen Leidenden lieben wollen. In der Sprache der Bergpredigt heißt das: es ist dem Christen zugemutet, auch die andere Wange hinzuhalten, wenn ihm auf die rechte geschlagen wird; es ist ihm aber nicht vergönnt, einen andern, dem auf die rechte Wange geschlagen wird, zu ermuntern, auch die linke hinzuhalten (vgl. Matth. 5, 39). Denn, und dies ist wiederum eine Zumutung der Bergpredigt, der Christ ist nicht nur für das verantwortlich, was er tut oder nicht tut, sondern auch für das, war er zuläßt, daß es andern geschieht. So bleibt das christliche Dilemma; außerhalb der Liebe ist es nicht zu überwinden und Unschuld nicht zu bewahren – weder durch ein Prinzip unbedingter Gewaltlosigkeit noch durch vermeintliche Neutralität, da derjenige, der nicht handelt, der Stimme sich enthält, an all dem mitschuldig werden kann, was ungetan, unversucht und ungerettet bleibt. Und weil Gewaltlosigkeit auch getarnte Feigheit sein kann, weil sie die Züge des Opportunismus tragen kann, ist das Antlitz der Liebe nicht eindeutig von ihr geprägt; Liebe kann – für Augenblicke, und niemals gesucht, immer aufgedrängt – das finstere Antlitz der Gewalt als Ausdruck ihrer Verzweiflung annehmen. Freilich so, daß die Liebe immer weiß, wie sehr sie durch jegliche Gewalt verletzt wird. Und ich bin zuversichtlich, daß Ernesto Cardenal eines Tages auch von diesen Wunden der Revolution, die sie sich selber schlug, sprechen wird.
Ernesto Cardenal: »Der wirkliche Revolutionär ist ein Feind der Gewalt, er will das Leben und nicht den Tod.« Durch das gesamte Werk Cardenals zieht sich die Utopie einer künftigen gewaltfreien Gesellschaft; alles an ihm zielt in Richtung einer gewaltfreien Friedenskultur. So wächst bei ihm das revolutionäre Bewußtsein über den Teufelskreis der Gewalt hinaus.
Angesichts der barbarischen Logik der Gewalt, wonach Gewalt immer wieder Gewalt gebiert, lassen sich zwei Reaktionsweisen unterscheiden. Die eine, die vor dieser Gewaltlogik resigniert und diese Resignation als anthropologische Bedingung ausgibt: Gewalt als unvermeidlicher Ausdruck der condition humaine. Und die andere, die davon ausgeht, daß es sich durchaus lohnt, um ein gewaltfreies, wenn auch nicht konflikt- und widerspruchsloses politisches Leben zu kämpfen – vorausgesetzt man weiß, daß das angestrebte Ziel der Gewalt-
Diesbezüglich drängt sich die Frage auf, ob Ernesto Cardenal, der in seinem Werk bestrebt ist, den Marxismus als Vollendung des Christentums und die sozialistische Revolution als Postulat des Evangeliums erstehen zu lassen, einen „geeigneten“ Friedenspreisträger abgibt. Mit Günter W. Lorenz aus der Bonner „Welt“ fragen wir uns mit Recht, wen man denn eigentlich in Frankfurt ehren wollte, etwa den Mann, „der Marxismus und Christentum, Ideologie und Religion, Sozialismus und Liebe zu austauschbaren Synonymen erhebt und somit ein neues revolutionäres Handwerkszeug zum Hausgebrauch liefert, die Revolution gar als praktiziertes Christentum salonfähig macht“? Daß man das nicht hoffen möchte, liegt auf der Hand.
anonym, L. 1850.80
losigkeit niemals über den Mitteln steht, die zu seiner Durchsetzung angewandt werden, sondern daß es aus diesen Mitteln selbst entstehen muß. Nicht nur an ihren proklamierten erhabenen Zielen, sondern vor allem an den angewandten Mitteln läßt sich das kulturelle Niveau einer Politik ablesen. In diesem Sinne gilt der poetische und politische Kampf Cardenals der Transformation der politischen Mittel, damit aus diesen gewaltfreien Mitteln endlich auch Ziele des Friedens, Ziele eines gewaltlosen Lebens hervorgehen können. Sein Blick ist nicht der Blick der Gewalt, sondern der Blick der Liebe. Er hat Augen für die Opfer – für die weinenden Mütter und die ausgezehrten Kinder in seinem ausgebeuteten Volk ebenso wie für die anonymen Gewaltstrukturen, in denen sich eine als »Entwicklung« getarnte Abhängigkeit der Dritten von der Ersten Welt auswirkt; aber auch für die Opfer innerhalb unserer konsumistisch-kapitalistischen Welt: man denke z. B. an sein Gedicht über Marilyn Monroe.
Cardenals politische Poesie will nicht nur entlarven, auch nicht nur anklagen, sondern vor allem retten. Ihre Grundgebärde ist nicht Aggression, sondern »Protektion«: Sie sucht zu schützen, neu aufzudecken, was als Opfer unserer herrscherlichen Zivilisation längst vergessen und verdrängt ist; was im Gespräch der Sieger (das sich nicht selten als Sprache Gottes ausgibt) längst sprachlos verstummt ist. Sie versucht nicht nur das Gelungene, sondern auch das Zerstörte, nicht nur das Verwirklichte, sondern auch das Verlorene zu erinnern und sich so gegen die plane Sieghaftigkeit des Gewordenen zu wenden. Dafür steht z. B. Cardenals Neigung zur altamerikanischen, prähispanischen Poesie und Kultur Lateinamerikas, ausdrücklich sein Epos »Für die Indianer Amerikas«. Ihnen schaut er nicht etwa ein primitives Sprachmuster ab, um mit ihm dann in der Welt unserer verbrauchten Poesie zu kokettieren. Nein, er spricht die abgebrochene Geschichte, das von uns unterbrochene Friedensgespräch indianischer Menschen mit der Natur weiter; er setzt es
unmerklich in unsere Sprache hinein fort, um deren objektive Gewalttätigkeit mit der Kraft seiner Poesie zu brechen. Sein poetischer Kampf wendet sich gegen eine Zivilisation, in der Menschen ihre Identität an der Unterwerfung der Natur gebildet haben und dann dieses Unterwerfungsprinzip auf die zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen übertrugen. Solche poetische Kritik unserer herrscherlichen Tugenden ist nicht der geringste Beitrag Cardenals zur Kritik der Gewalt und zum Aufbau einer Friedenskultur. Für sie hat er nicht nur bei Marx und dessen revolutionärem Pathos, sondern auch bei Gandhis Ethos der Gewaltlosigkeit, nicht nur vom Zorn der biblischen Propheten, sondern auch von der Sanftmut der Indios gelernt.
SCHÖPFERISCHES VORBILD EINER FRIEDENSKULTUR
Eine Revolution kann immer auch nach jenen Antlitzen beurteilt werden, die aus ihr auftauchen. In Nicaragua waren es nicht Generäle, Funktionäre und Bürokraten, sondern Poeten, Priester und Pädagogen. Zyniker der Macht werden dieses gewiß fragile Bündnis zwischen Politik und Kultur verächtlich abtun. Ändere werden es als entwicklungsbedingtes Erscheinungsbild der Politik in einem »unterentwickelten« Land gelten lassen, freilich
ohne jeglichen Impulswert für die arbeitsteiligen hochkomplexen Gesellschaften unserer Ersten Welt. Ich jedoch möchte hier die Vermutung aussprechen, daß sich in Nicaragua ein neues Verhältnis zwischen Kultur und politischer Gesellschaft abzeichnet, ein Projekt der gesellschaftlichen Identitätsbildung, das die Kraft des Anstoßes oder gar des Exempels für eine politische Friedenskultur überhaupt in sich birgt.
Es scheint mir wichtig, Ernesto Cardenal in diesem politisch-kulturellen Prozeß zu sehen und zu würdigen. Nur dann wird man auch sein die vertrauten poetischen Muster ständig verletzendes und durchbrechendes Werk nicht mißverstehen oder unterschätzen. In ihm drückt sich nämlich das Projekt einer Basiskultur aus, in dem Menschen vorzüglich über die Sprache religiöse und politisch-soziale Identität gewinnen sollen.
Wer Cardenal so sieht, wird zwar seine »Psalmen«, die heute in aller Welt gelesen werden, nicht unterschätzen. In ihnen spricht Cardenal schließlich eine Gebetssprache, die die gesellschaftlichen Konflikte und Leiden glaubwürdig in sich aufgenommen hat und die deutlich machen kann, was die Menschheit an Möglichkeiten der Krisen- und der Leidenssprache verlieren würde, wenn die jahrhundertealte Sprache der Gebete aus ihr verschwände. Freilich spricht hier der Dichter »stellvertretend« für die Leidenden, Unterdrückten und Verfolgten. Sie selbst bleiben stumm, die tödliche Bedrohung ihrer Identität wird beklagt, aber – noch nicht – sprachlich überwunden. Anders in dem inzwischen auch weitverbreiteten »Evangelium der Bauern von Solentiname« – Aufzeichnungen von Gesprächen, die Cardenal auf der Insel Solentiname im Großen See von Nicaragua mit »seinen« armen landlosen Bauern anlässlich der gemeinsamen sonntäglichen Gottesdienste über einzelne Abschnitte des Evangeliums führte. Hier ist er nicht mehr nur der Poet mit menschenfreundlichen Gedanken und Meditationen, hier ist er Sokrates, der Maieutiker, der anleitend, helfend und auch hörend, selber schmerzlich lernend, mit den Unterdrückten eine Sprache der Leiden und der Hoffnungen spricht. Hier ist er Inspirator und Zeuge einer Basiskultur, in der Menschen angesichts tiefster Erniedrigung und Bedrohung Ansätze und Perspektiven für eine neue solidarische Identität gewinnen.
Diese Identitätsbildung geschieht am Evangelium. Nicht am entbilderten und auf die vermeintlich unüberbietbaren Plausibilitäten moderner Gesellschaft hin entmythologisierten Evangelium. Sondern an einem schokkierend wörtlich genommenen Evangelium, gehört und tastend verstanden von Menschen, die sich weigern, dieses Evangelium einfach ihren eigenen elenden Verhältnissen anzupassen, sondern sich unter dessen Zuspruch aufmachen, die Verhältnisse so zu ändern, daß sie ihrerseits besser zum Geist und zur Prophetie dieses Evangeliums passen. Und so hat sie ihre am Evangelium erweckte und gebildete christliche Identität gleichzeitig zu
Subjekten ihrer politischen Befreiung gemacht. Religiöse und politisch-kulturelle Identitätsbildung gehen hier Hand in Hand – anders als in unserer europäischen Kulturgeschichte, in der die Prozesse der Aufklärung und der politischen Freiheit immer eher zu einer massenhaften Schwächung religiöser Identität geführt haben.
Das freie Nicaragua sucht heute diese Basiskultur in der Gestalt jenes gesellschaftlichen Lernens zu praktizieren, das unter dem Stichwort »Alphabetisierung« bekannt wurde. Hier werden nicht Unmündige von Mündigen und Wissenden in das Funktionieren eines gesellschaftlichen Systems eingeübt, sondern im entschulten Prozeß gegenseitigen Lernens und Belehrens soll ein
neues gesellschaftliches Bewußtsein, eine neue kollektive Identität überhaupt entstehen. Das bisher in Unterdrückung und Ohnmacht verstummte Volk lernt nicht nur, es lehrt auch, belehrt die Lehrenden über seine eigene Leidensgeschichte und verpflichtet sie auf sein Gedächtnis. Diese Art von Basisaufklärung verhindert gerade, daß das politisch befreite Volk zur lenkbaren Masse einer selbsternannten revolutionären Elite werden kann. Das Volk selbst erfährt sich als Subjekt des neuen gesellschaftlichen Prozesses, und es läßt sich dabei sein Gedächtnis und die in ihm aufbewahrten Symbole ersehnter Identität nicht propagandistisch ausreden.
Fortsetzung folgt
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