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Sonntag, 30. Dezember 1979, 12 Uhr-Nachrichten: Die Entscheidung der Glaubenskongregation über Hans Küng wird beibehalten. Ich entschliesse mich, einige Zeilen für "forum" zu schreiben. Keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fall Küng, nein, einfach, meine Erfahrungen mit dem Christen Küng. Einige Einzelheiten, die mir dazu einfallen:

  1. Vor ein paar Jahren hatten die Einwohner von Strassen und Bartringen Gelegenheit an einem Weiterbildungskurs des Centre chrétien d’éducation des adultes teilzunehmen. Der Erfolg war gross. Viele nicht theologisch gebildete, aber am Christentum interessierte Leute aus allen Bevölkerungsschichten, so schien es mir, haben etwas dazugelernt, Anregungen zum selbstständigen Weiterdenken bekommen. Ein Theologe, der einfach schreibt, in der Sprache des Alltags, der Wörter verwendet, die jeder verstehen kann. Kein Theologen-Deutsch, keine Katechismus-Sprache, keine fertigen Antworten auf alle möglichen Fragen. Daraufhin positive und negative Reaktionen im Pfarrblatt. Gut so. Eine Auseinandersetzung über Küng, über das Christentum hatte stattgefunden, wurde weitergeführt. Die Kritik darf natürlich an Küng nicht stehenbleiben. Verherrlichung des King Küng ist nicht angebracht!

  2. Religionsunterricht im Lycée Michel-Rodange (II – 1ère). Auf den oberen Klassen stellt jeder, der mit Religionskursen betraut ist, sein Programm vor. Mein Vorschlag im 2. Trimester 78/79: Fragen des Christseins heute. Als Lektüre: Das Buch "Christ sein" von Hans Küng in Thesenform. Die thesenartige Zusammenfassung eignet sich gut zu pädagogischen Zwecken. (Frage nebenbei: Wie geht es weiter mit den Büchern Küngs im Religionsunterricht?)

  3. Konferenzabende im Saal Mansfeld über Küngs Buch "Existiert Gott?" (Frühjahr 79), Auseinandersetzung mit Küng auf wissenschaftlicher Ebene. Viele Teilnehmer, interessante Gespräche. Eine gute Gelegenheit sich intensiv mit der Gottesfrage zu beschäftigen.

  4. Konferenzabend mit Hans Küng im Athenäum (Dezember 79). Der Saal ist überfüllt. Wer kann schon über ein solches Thema soviel Leute auf die Beine bringen?

Doch … die katholische Prominenz ist abwesend. Bewusste Zurückhaltung, Unsicherheit … oder wusste man, was da kommen sollte?

Doch … es dauerte Tage, bis in der katholischen Tageszeitung ein Artikel über die Veranstaltung erschien. Empörung. Viele fragen sich, was man dagegen tun kann. Schweigen ist auf keinen Fall angebracht. Wir schweigen zu oft, lassen taktischen Erwägungen den Vorrang. Warum nicht spontan reagieren, sich wehren? Ist das vielleicht zu menschlich?

  1. Das dicke Ende: in vorweihnachtlicher Stimmung ein Blitz aus heiterem Himmel. Küng out. Perplexität. Haben die triumphalistischen Papstreisen blind gemacht? Hat der Papst zwei Gesichter? Roma locuta, causa finita? Nein, Küng wehrt sich. Er scheint nicht niedergeschlagen.

Und wieder: dürftige, einseitige Berichte in der katholischen Tageszeitung. Wer darf zu Wort kommen? Wer beschliesst, wer zu Wort kommen darf? Was sagt unser Bischof zu dieser Medienpolitik? Alles einfache Fragen, in aller Deutlichkeit gestellt, ohne Polemik? Wann werden sie endlich mit aller Deutlichkeit beantwortet?

Aber schon kommen andere Gedanken: Hat die ganze Aufregung über den Fall Küng überhaupt einen Sinn? Ist denn Küng so wichtig? Gibt es nicht wichtigere Probleme als der Streit um theologische Spitzfindigkeiten? Oder geht es hier um mehr? Um Machtpositionen etwa, um Eliminierung unbequemer Leute mitsamt ihren Anhängern?

Meine Stimmung am Vorabend der Boer Jahre: ich bin betroffen, traurig, denke an Küng, an alle, die eine Alternative zu einer gewissen kirchlichen Praxis suchen und wiederum enttäuscht wurden.

„Nein, soo ein fortschrittlicher Papst!“

tz. München

Dabei geht mir eine Frage nicht aus dem Kopf: Wer hat im Endeffekt dazu beigetragen, dass man auch heute noch von Jesus spricht? Wer hat Entwicklungen aufgehalten, gebremst? Wer hat neue Impulse gegeben? War es die katholische Hierarchie mit allen Institutionen, Dekreten, Dogmen? Oder etwa das "Fussvolk" die einfachen Leute, die ihr Leben am Vorbild Jesus orientiert haben und weiter orientieren? Wo ist wirklich Kirche, wo gelebtes Christentum? Mir persönlich ist das Christentum der Bauern in Solentiname (Nicaragua), der vielen Basisgemeinden, lieber als das der Streiter um Unfehlbarkeit und Jungfräulichkeit. jim

Samstag, 12. Januar 1980

Freudige Ueberraschung: gleich 3 Texte in der katholischen Tageszeitung (eine freie Tribüne und zwei Leserbriefe), die die Entscheidung des Vatikans im Fall Küng eher kritisch betrachten. Gesinnungswandel? Wird es in Zukunft nicht mehr notwendig sein, auf auslän-

dische Publikationen zurückgreifen zu müssen, wenn man auf umfassende und vielfältige Art und Weise über das Christentum informiert werden will? Sind meine Bemerkungen sinnlos geworden?

Schön wär’s! Doch wer oder was hätte diesen Gesinnungswandel herbeigeführt? Trotz einiger hoffnungsvoller Ansätze bleibe ich bei meiner Frage nach der die katholische Tageszeitung betreffenden Machtstrukturen. Eine klare, nicht ausweichende Antwort nach Entscheidungsbefugnis und Verantwortung über religiöse Information in Luxemburg mit allen Konsequenzen, die eine solche Antwort mit sich ziehen könnte (wie etwa eine klare Stellungnahme des Bischofs als Vertreter der

luxemburgischen Katholiken zu dem Verhältnis Kirche-Tageszeitung oder eine mit Nachdruck betriebene Veröffentlichung der betreffenden Synodentexte) würde manchem Christen erlauben, an Glaubwürdigkeit im Kontakt mit Anders- oder Nichtgläubigen zu gewinnen. Es geht ja letztlich nicht nur um ‚katholische Information‘, sondern um die genannte Glaubwürdigkeit des Christentums schlechthin; genauso wie es ja im theologischen Streit nicht nur um Küng geht, (zugegeben: es gibt momentan viel wichtigere Probleme auf der Welt und auch innerhalb des Christentums) sondern um die Praxis einer Kirche, die die in aller Hinsicht revolutionäre Botschaft von Jesus ernst nehmen will.

jim

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