Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Jean-Paul Lehners

Historische Annäherung an den Tod

I. Einleitung

Schlußstück (1900/1901)

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Rainer Maria Rilke

Es kann in diesem Beitrag nicht darum gehen, einen kompletten Überblick über die Geschichte des Todes in den europäischen Gesellschaften der letzten Jahrhunderte zu bieten. Ich werde daher versuchen, in großen Zügen die Entwicklungsstränge des Umgangs mit Sterben, Tod und Trauer darzulegen und zu zeigen, inwieweit diese Überlegungen uns heute nützlich sein können.

Es handelt sich also weder um einen Beitrag zur Soziologie des Todes noch zur anthropologischen Thanatologie. Die Gegenüberstellung „früher/heute“ ist in manchen Teilen relativ pauschal und müsste relativiert werden; dies war im beschränkten Rahmen dieses Aufsatzes nicht möglich.

Einiges ist pointiert und eventuell überspitzt formuliert; die Überlegungen sollen nicht einfach blosse Wissensvermittlung sein, sondern zum Nachdenken anregen und Denkanstösse vermitteln.

Ich stütze mich hauptsächlich auf die Werke von Philippe Ariès, Michel

Vovelle, Arthur Imhof, Marianne Mischke und Norbert Fischer, betone also die soziale Komponente von Sterben und Tod.$^{1}$ Es soll allerdings hervorgehoben werden, dass viele historische Werke sich auf Dokumente berufen, die die Meinungen und Erfahrungen einer bestimmten Schicht der Gesellschaft

Der Tod wird aus der Gesellschaft verdrängt, man kann sogar sagen, dass er in den letzten Jahrzehnten zunehmend aus der Gesellschaft verschwindet.

wiedergeben und sich daher nicht einfach auf den Rest der Gesellschaft übertragen lassen.

II. Wer und was?

Was bedeutet Sterben, Tod und Trauer?

Lassen Sie mich näher auf die verschiedenen Einstellungen zum Tod seit dem Mittelalter eingehen.

  1. Für das Frühmittelalter gebraucht Ariès den Begriff des „gezähmten“ Todes (la mort apprivoisée). Eine ganze Reihe von Normen und Ritualen regeln das Verhältnis der Menschen zum Tod. Die Gemeinschaft spielt dabei eine große Rolle, ebenso das Bewusstsein, mit der Vergangenheit und der Zukunft verbunden zu sein. Der Lebende, der Sterbende

und der Tote waren in diese Gemeinschaft eingebunden.

Der Tod wurde nicht als Schicksal des einzelnen, sondern als eine gemeinschaftliche Erfahrung angesehen. Jeder Mensch mußte irgendwann sterben und nahm während seines Lebens an vielen Todesritualen teil. Der Tod wurde von den meisten als eine Phase der Erlösung, der Erleichterung und des Friedens gesehen, da die Kirche die Auferstehung der Toten versprach. Das muss aber nicht heißen, dass es keine individuelle Angst vor dem Tod gegeben hat, auch wenn die Dokumente nichts darüber aussagen.

Das Sterben war also eine bewusste, vom Sterbenden eingeleitete öffentliche Zeremonie, die letzte und eventuell feierlichste seines Lebens, und ihr Verlauf wurde vom Sterbenden selbst wesentlich mitbestimmt. Vom Sterberitus zum Begräbnisritual mit Leichenschmaus verlief alles nach einem festgelegten Ablauf.

Die größte Angst war nicht die vor dem Sterben im Sterbebett, sondern vor dem unverhofften Tod, der den Gläubigen unvorbereitet traf.

  1. Im Spätmittelalter trat dann eine Individualisierung des Todes ein, zunächst bei den gesellschaftlichen Eliten, verbunden mit einer neuen Emotionalität. Faktoren dieses Wandels

waren u. a. die Entstehung einer neuen Gesellschaftsstruktur nach der Bevölkerungszunahme in den vorangegangenen Jahrhunderten, die Stadtkultur als neue Lebensform, das Auseinanderbrechen der Einheit zwischen Heiligem und Profanem (Mischke). Ein neues Selbstbewusstsein entstand; man war nicht mehr absolut überzeugt vom Versprechen der Kirche auf eine gemeinschaftliche Auferstehung. Nun wurde das Konzept einer göttlichen Bilanz entwickelt, die nach dem Tod eines jeden einzelnen erstellt wurde.

Und damit war der Gedanke an den Tod nicht mehr von einem Gefühl der Ruhe und des Friedens begleitet, sondern von Ängsten. Dieser Gesinnungswandel, der natürlich nicht überall gleichzeitig eintrat, wurde zum Teil durch das Überhandnehmen von Seuchen, insbesondere der Pest, herbeigeführt (Jones).

Der Blick war nun auf das diesseitige Leben gerichtet. Es entstand im 15. Jahrhundert die Literatur des ars moriendi, der Kunst des Sterbens, eine Anleitung in Bildern versehen mit Sprechblasen, die auch ohne den weltanschaulichen Hintergrund des Christentums nützlich sein kann.

Das Auftauchen der Pestepidemien führte zu makaberen Darstellungen von verfallenen Körpern: ein pessimistischer Todeskult also im Kontrast zu den schönen Bildern des Jüngsten Gerichts. Die Angst vor dem unverhofften Tod, d.h. die Angst vor der ewigen Verdammnis im Stand der Todsünde, blieb bestehen, einhergehend mit dem Bedürfnis nach Schutz, nach geistlichem Beistand in einer Zeit, in der die Menschen, also auch der Klerus, aus Angst vor Ansteckung bei Seuchen ihre Mitmenschen mieden.

  1. Seit dem 16. Jahrhundert kam es zu einer weiteren Individualisierung, die man als einen Übergang von der kollektiven zur persönlichen Teilnahme am Tod bezeichnen kann. Jetzt verschwanden die makaberen Bilder. Der Tod kündigte sich nicht mehr an; man lebte mit dem Gedanken an den Tod. Der Tod auf dem Sterbebett verlor an Bedeutung; es geschah nichts Aussergewöhnliches mehr, nichts, was an die große Dramatik der vorigen Jahrhunderte erinnerte. Der Tod wurde desakralisiert, Begräbnisse und Testamente nahmen einfachere Formen an.

  2. In einer nächsten Etappe entstand die Fixierung auf den Tod des Anderen, ein Perspektivenwechsel also. In den Mittelpunkt trat die Auflösung der Bindungen zwischen Liebenden, Eltern, Kindern usw. Der Mensch litt mehr am Tod des Anderen als an seinem eigenen. Der Sterbende gab dem Lebenden ein Beispiel, wie es später auch bei ihm sein würde. Man spricht von barocker Theatralik, von Emotionalität, Empfindsamkeit, Feierlichkeit und Pomp. Nicht der Sterbende sollte getröstet, die Trauernden sollten bedauert werden. Der Tod wurde nicht mehr mit Höllenfeuer in Verbindung gebracht, sondern mit dem Entfalten eines Schmetterlings aus seiner Puppe.

Im Zuge dieser romantischen Gefühlsrevolution kam es auch zu einer Individualisierung der Trauer. So schrieb Goethe in sein Tagebuch, als seine Frau todkrank war: „Gut geschlafen und viel besser. Nahes Ende meiner Frau. Letzter fürchterlicher Kampf ihrer Natur. Sie verschied gegen Mittag. Leere und

Totenstille in und ausser mir … Meine Frau um 12 Uhr nachts im Leichenhaus. Ich den ganzen Tag im Bett.“ Hier braucht man nicht lange zu fragen, wer die zentrale Figur des Geschehens ist.

  1. In einer vorläufig letzten Etappe kommt es in der Industriegesellschaft zum Verbergen des Todes. Man spricht auch vom verbotenen Tod, vom umgekehrten Tod (mort inversée). Der Tod wird aus der Gesellschaft verdrängt, man kann sogar sagen, dass er in den letzten Jahrzehnten zunehmend aus der Gesellschaft verschwindet. So schreibt Marianne Mischke: „Die alten Zeichen des Todes – das grässliche Skelett ebenso wie der Öffentlichkeitsaspekt – sind aus der modernen Welt verschwunden. An ihre Stelle tritt der Tod als ein mit Schläuchen versorgter und mit Nadeln gespickter Sterbender im Krankenhaus, der für einen unterschiedlich langen Zeitraum zu einem reduzierten Leben verurteilt ist.“ Der Tod wird verdrängt, verleugnet, tabuisiert, vergessen.

Foto: Thomas Köhl-Brandhorst

Titelfoto forum 215 von 2002 (Dossier: Ein Haus zum Sterben)

Man kann sich die Frage stellen, wer an einer solchen Tabuisierung ein Interesse hat bzw. haben kann.

Die Tabuisierung des Todes zeigt sich u.a. in der Sprache. Es kommt zur Unfähigkeit, über den Tod zu sprechen oder mit dem Sterbenden in Kommunikation zu treten. Ohne Riten und Normen ist der Mensch auf sich selbst angewiesen, also verlassen. Auf diese neue Rolle ist er nicht vorbereitet. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Tabuisierung der Trauer. Trauer muss unterdrückt werden, was aber nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der Verlust eines geliebten Menschen in der heutigen Gesellschaft schwerwiegender sein kann als in einer Zeit, in der man in einen größeren Kreis von nahen und fernen Verwandten eingegliedert war.

Die Privatisierung der Trauer geschieht in einer Gesellschaft, die nur Erfolg und Glück kennt, also Trauer nicht zulassen kann. Der Tote und der Trauernde werden zum Störfaktor.

III. Wann?

Wann wird gestorben?
In welchem Alter?

Es sei zunächst angemerkt, dass ein charakteristisches Merkmal für die Gesellschaft des alten Europa die Alltäglichkeit des Todes war, im Gegensatz zu heute, wo wir viel seltener mit Sterbefällen konfrontiert werden.

Wenn wir vom Alter sprechen, betrifft das auch die Lebenserwartung. Noch im 18. Jahrhundert betrug die mittlere Lebenserwartung bei der Geburt 35 Jahre. Heute liegt sie bei 75 Jahren, wobei Frauen eine größere Lebenserwartung haben als Männer. Dem war nicht immer so. Warum das heute so ist, konnte bisher noch nicht restlos geklärt werden.

Früher trauerte man in der Öffentlichkeit und privat. Heute ist das Trauern in der Öffentlichkeit verpönt. Es kann sogar vorkommen, dass bei einem Begräbnis das Kondolieren per Händedruck untersagt ist: ein aufgestelltes Schild bittet, vom Händedruck abzusehen.

Die Lebenserwartung war so gering, weil 25 % der Kinder schon vor ihrem ersten Lebensjahr starben; ungefähr die Hälfte der geborenen Kinder überlebte das 20. Lebensjahr. Wer einmal 20 oder 40 Jahre alt wurde, hatte auch schon damals die Chance, alt zu werden.

Wenn ich hier von der „Chance, alt zu werden“ spreche, dann muss zugleich auch die Frage gestellt werden: „Was fängt man mit den gewonnenen Jahren an, gewonnen im Verhältnis zu früher? Sind es wirklich gewonnene Jahre?“

In einer Zeit, in der der christliche Glaube noch weit verbreitet war und die Basis der europäischen Gesellschaften bildete, hatten die meisten Menschen eine größere Lebenserwartung als heute. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen an ein Leben nach dem Tod glaubten, und zwar an ein ewiges Leben, dann konnte der Teil des Lebens, den man hier auf Erden verbringt, nur ein Bruchteil dessen sein, was das Leben schließlich insgesamt ausmachte.

Heute endet für die meisten das Leben mit dem Tod, es ist also viel kürzer. Eine der Konsequenzen daraus, die sich erstmalig in der Geschichte der letzten 2000 Jahre ergibt, ist die exklusive Konzentration auf das Diesseits. Dadurch bekommt der Tod, und auch das Leben, einen größeren Stellenwert. Wenn mit dem Tod alles vorbei ist, darf man sein Leben nicht verfehlen. Man lebt ja nur einmal. Ob man dadurch besser mit dem Tode umgehen kann, ist eine andere Sache.

IV. Wo?

Wo stirbt man?

Noch vor zwei Generationen starb man hauptsächlich zu Hause, umgeben von seinen Verwandten und Freunden. Heute stirbt man oft allein im Krankenhaus, im Pflegeheim. Diese Gegenüberstellung stimmt aber nicht immer. Auch in früheren Jahrhunderten konnte es vorkommen, dass man allein starb, z.B. bei Seuchen. Wegen der Ansteckungsgefahr trauten sich die meisten nicht, wie schon erwähnt, mit einem Sterbenden in Verbindung zu kommen.

Aber auch heute sterben nicht alle im Krankenhaus, und das eher noch in der Stadt als auf dem Lande. Vergessen wir nicht den Tod durch Autounfall, durch Selbstmord, durch Drogenabhängigkeit, durch AIDS, natürlich in einem unterschiedlichen Stellenwert je nach Altersgruppe.

Auch wenn die meisten Leute im Krankenhaus sterben, heißt das noch lange nicht, dass sie im Krankenhaus sterben wollen. Und das bedeutet wiederum noch lange nicht, dass die Krankenhäuser, d.h. die Ärzte und das Pflegepersonal, auf diese Rolle vorbereitet sind. Hier bleibt noch manches zu tun, u.a. in der Ausbildung.

Was geschah noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit einem Sterbenden?

Man umgab ihn, man regelte die letzten Dinge, man nahm Abschied. Dem Toten wurden die Augen geschlossen; er wurde zu Hause aufgebahrt. Es wurde Totenwache gehalten, wobei Familie und Nachbarn gemeinsam den Rosenkranz beteten und sich dazwischen mit Speis und Trank stärkten. In einer Prozession begleitete man den Toten zu seiner letzten Ruhestätte, dem Friedhof. Dort nahm man endgültig Abschied. Trauer durfte ausgedrückt werden, eher bei Frauen jedoch als bei Männern.

Heute kann das ganz anders aussehen, eine Illustration des verborgenen Todes. Der Patient stirbt allein im Krankenhaus. Er wird vor den anderen Patienten versteckt, denn die sollen ja nicht sehen, dass man im Krankenhaus auch sterben kann. Den Toten legt man in einen Kasten in der Leichenhalle des Krankenhauses und die nächsten Angehörigen werden telefonisch benachrichtigt. Es wird evtl. auch gefragt, ob man den Toten noch einmal sehen will. Dann übernimmt ein Bestattungsunternehmen den Rest. Heute gibt es in Großstädten schon regelrechte Supermärkte für Bestattungen mit allem „Drum und Dran“.

Wo wird man begraben?

Vor dem späten 18. Jahrhundert war es der Friedhof bei der Kirche; für Privilegierte galt die Bestattung in der Kirche. Dann wurde der Friedhof, eine hygienische Maßnahme, an den Rand des Ortes verlegt. Dort gab es schon im Mittelalter Begräbnisstätten für Selbstmörder, Hingerichtete, Andersgläubige, Ehebrecher und andere Personengruppen, die nicht das Recht hatten, auf dem Kirchhof begraben zu werden. Schon im 16. Jahrhundert hatten Mediziner vor den schädlichen Einflüssen überfüllter Friedhöfe innerhalb von Siedlungen auf die Gesundheit der Menschen hingewiesen.

Aus einem ungeordneten Feld von Gräbern wurde mit der Zeit eine geometrische Anlage, rational geordnet, und in heutiger Zeit immer häufiger eine Parkanlage.

Früher versammelten sich die Leute auf dem Friedhof, pflegten die Gräber, trafen sich zu einem Plausch. Heute werden immer mehr Gräber vernachlässigt, wenn es überhaupt noch Gräber geben

wird in einer Zeit, in der die anonyme Bestattung zunimmt und so eine ganz neue Erinnerungskultur im Entstehen begriffen ist.

Noch bis ins 20. Jahrhundert gab es exklusiv das Begräbnis des Leichnams; heute nimmt die Feuerbestattung zu, besonders in Großstädten.

Wo trauert man?

Früher trauerte man in der Öffentlichkeit und privat. Heute ist das Trauern in der Öffentlichkeit verpönt. Es kann sogar vorkommen, dass bei einem Begräbnis das Kondolieren per Händedruck untersagt ist: ein aufgestelltes Schild bittet, vom Händedruck abzusehen. Zu welchen Konsequenzen diese Einstellung führen kann, wissen alle, die in der Trauerbegleitung tätig sind.

Das Bewusstwerden der Sterblichkeit verschärft oder ermöglicht erst die Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens.

V. Warum?

Warum stirbt man?

Warum trauert man?

Man stirbt, weil man lebt. Leben und Tod sind untrennbar miteinander verbunden, gestern wie heute.

Räumen wir gleich mit einem Mythos auf, der besagt, dass vor dem Tod alle Menschen gleich sind. Dieser Spruch stimmt natürlich, wenn man damit aussagen will, dass jeder, der zur Welt kommt, einmal sterben wird. Pointiert und zynisch könnte man einwerfen, dass, wer einem Kind das Leben schenkt, ihm auch den Tod mitschenkt. Wenn man diesen Gedanken auf die Spitze treibt, würde das zum Aussterben der Menschheit führen.

Der Spruch „Vor dem Tod sind alle Menschen gleich“ stimmt aber nicht, wenn man damit aussagen will, dass jeder dieselbe Wahrscheinlichkeit hat, zu sterben. Ärmere Leute sterben durchweg früher als reiche. Es ist nicht egal, ob man als Kind in Brasilien, im Sudan oder in Luxemburg zur Welt kommt. Lebenschancen und Sterberisiken sind vollkommen anders.

Einige Todesursachen früherer Zeiten findet man in einem Gebet wieder: „Erlöse uns, Herr, vor Pest, Hunger und Krieg!“ Diese drei Ursachen spielen heute in Europa, zumindest im westlichen Teil des Kontinents keine Rolle mehr.

Früher starben viel mehr Mütter im Kindbett, also bei der Geburt eines Kindes. Die Müttersterblichkeit, ebenso wie die Säuglingssterblichkeit, ist drastisch zurückgegangen.

Suizide haben einen hohen Anteil bei der Mortalität der Jugendlichen, aber auch Selbstmorde älterer Menschen nehmen zu: ein weiteres Tabuthema?

VI. Wozu?

Man stirbt, um das Leben zu beenden. Ein ewiges Leben hier auf Erden ist schwer vorstellbar, genauso wie ein ewiges Leben im Jenseits schwer vorstellbar ist, selbst wenn man daran glaubt. Auch gläubige Menschen können nämlich „schwer“ sterben, haben Schwierigkeiten beim Loslassen. Zu diesem Thema ein bekannter Text:

Paul Gerhardt

O Haupt voll Blut und Wunden
(ca. 1650)

Vertont von Johann Sebastian Bach

Wann ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir;
Wann ich den Tod soll leiden,
So tritt du dann herfür;
Wann mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Aengsten
Kraft deiner Angst und Pein!

Erscheine mir zum Schilde,
Zum Trost in meinem Tod,
Und laß mich sehn dein Bilde
In deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
Da will ich glaubensvoll
Dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Für den gläubigen Menschen ermöglicht der Tod den Übergang, den Eingang in die Ewigkeit, wobei diese Ewigkeit Himmel oder Hölle bedeuten kann. Die Vorstellung vom Fegefeuer kam im Mittelalter auf, um der Hölle den Charakter der endgültigen Verdammnis zu nehmen. Es muss also noch nicht alles

verloren sein. Der Glaube an die Hölle hat übrigens in den letzten Jahrhunderten stark nachgelassen.

Wenn man nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, ist der Tod unnütz, eine Passage ins Nichts, ins Aus. Es ist endgültig vorbei. Die Absurdität des Todes führt bei einigen Schriftstellern zum Bewusstsein der Absurdität des Lebens.

Das Bewusstwerden der Sterblichkeit verschärft oder ermöglicht erst die Beschäftigung mit dem Sinn des Lebens.

Doch hier begebe ich mich auf das Terrain der Philosophie und der Theologie. Ich komme deshalb schnell wieder zur Geschichte zurück und erlaube mir einige Schlussfolgerungen aus der historischen Betrachtung.

VII. Schlussbetrachtungen

Was können wir aus der Geschichte des Sterbens, des Todes und der Trauer lernen? Mir fallen zehn Punkte ein.

  1. Der Tod ist eine Tatsache, gestern, heute, morgen. Dem Tod entgeht niemand. Der Tod ist ein Ereignis, das mit absoluter Gewissheit eintritt. Der Tod ist eine der wenigen universalen Erfahrungen der Menschheit. Seine Hauptmerkmale waren, sind und bleiben: die Unvermeidlichkeit, die Ungewissheit des Todeszeitpunktes und die Art des Sterbens.

Reiner Kunze

Das Haus (1982)

Nun vermietet an uns der Tod

Wir wissen nicht, wann er uns kündigen wird und wem zuerst

Wir wissen nur: Alle klagen sind abgewiesen

  1. Der Tod hat im letzten Jahrtausend nur langsam sein Gesicht verändert, ausser in den letzten Jahrzehnten, wo es zu einer kompletten Inversion kam.

  2. Jede Gesellschaft ist bemüht, den Tod zu kontrollieren bzw. als Problem auszuschalten. Abschaffen kann sie ihn nicht. Der Tod wird immer in der Dialektik von Revolte und Resignation zu sehen sein. Die Einstellung zum Tod schwankt auch ständig zwischen Tradition und Moderne.

  3. Da der Tod nicht selbst erfahren werden kann, oder erst dann, wenn keine Kommunikation mehr möglich ist, können wir über den Tod nur in Bildern, Symbolen oder ähnlichem reden.

  4. Der Tod zeigt dem Menschen seine Abhängigkeit von der Natur. Wenn der Mensch sich dieser Abhängigkeit bewusst wird, überkommt ihn Angst.

  5. Mit dieser Angst muss man lernen umzugehen, das heißt sich so früh wie möglich auf den Tod vorbereiten. Dies ist heute schwieriger als gestern. Früher war man im Laufe seines Lebens viel öfter mit dem Tod konfrontiert. Heute kann es vorkommen, dass man erwachsen wird, ohne einen Leichnam gesehen zu haben.

In der individualisierten Konsumgesellschaft wird der individuelle Tod verdrängt. Er entspricht nicht dem Idealbild der heutigen Menschen: gesund, fit, erfolgreich.

  1. In der individualisierten Konsumgesellschaft wird der individuelle Tod verdrängt. Er entspricht nicht dem Idealbild der heutigen Menschen: gesund, fit, erfolgreich. Die Gesellschaft hat den Tod vertrieben, ausser den mediatisierten Tod der Staatsmänner und Prinzessinnen.

  2. Dass der Tod in den Medien omnipräsent ist, daran ist nicht zu zweifeln. Schon in den ersten Lebensjahren werden die Kinder durch Film und Fernsehen jeden Tag mit Dutzenden von Toten konfrontiert. Dabei handelt es sich nicht um alltägliche Sterbefälle, sondern um Morde, Selbstmorde, Autounfälle etc. Man kann sich fragen, welches Bild vom „normalen“ Sterben Kinder und Jugendliche heutzutage haben.

  3. Eine Folge davon ist eine Abstumpfung dem Tod gegenüber. Der fiktive Tod in den Medien wird banalisiert. Diese Banalisierung trägt überhaupt nicht zur Bewältigung des Todes bei, im Gegenteil. Man kann also von einer ambivalenten Haltung sprechen: der Tod ist in den Medien omnipräsent, die Tabuisierung des Todes aber verstärkt sich.

10. Vier Wünsche:

a. Geben wir dem Menschen die Chance, in Würde die letzten Augenblicke seines Lebens zu verbringen. Das heißt unter anderem auch, nicht mehr so stark von Medizinern bestimmt oder sogar bedrängt zu werden, Mediziner, die eigentlich getriebene Menschen sind, getrieben von ihrer Pflicht oder Sucht, immer noch irgendetwas tun zu sollen oder zu müssen, getrieben aber auch von der Angst, wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt zu werden.

b. Bauen wir den Tod ins Bildungsprogramm für Kinder und Jugendliche, und warum nicht auch in das für Erwachsene, mit ein.

c. Bauen wir den Tod ebenfalls mit ein in Bildungs- und Fortbildungsprogramme von Ärzten und Krankenpflegern.

d. Seien wir uns bewusst, dass der Tod uns allen bevorsteht; legen wir deshalb eine gewisse Bescheidenheit und Gelassenheit an den Tag. Ich verweise auf den Titel des Buches von Arthur Imhof: Erfüllt leben – in Gelassenheit sterben: ein ganzer Lebensplan!

Ebenso wie Leben und Tod nicht voneinander getrennt werden können, obschon das in unserer Gesellschaft immer wieder probiert und propagiert wird, sind die Kunst des Lebens und die Kunst des Sterbens eng miteinander verknüpft.

¹ Vgl. ARIES, Philippe: L’homme devant la mort. Paris 1977; ARIES, Philippe: Images de l’homme devant la mort. Paris 1983; VOVELLE, Michel: L’heure du grand passage. Chronique de la mort. Paris 1993; IMHOF, Arthur E.; WEINKNECHT, Rita (Hrsg.): Erfüllt leben – in Gelassenheit sterben. Geschichte und Gegenwart. Berlin 1994; IMHOF, Arthur E.: Die Kunst des Sterbens. Wie unsere Vorfahren sterben lernten. Impulse für heute. Leipzig 1998; MISCHKE, Marianne: Der Umgang mit dem Tod. Vom Wandel in der abendländischen Geschichte. Berlin 1996; FISCHER, Norbert: Vom Gottesacker zum Krematorium. Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland. Köln 1996; JONES, Constance: Die letzte Reise. Eine Kulturgeschichte des Todes. München 1999.

Eine ausführlichere, mit Anmerkungen versehene Fassung dieses Beitrags erscheint in den nächsten Wochen im Sammelband Ségulture, mort et symbolique du pouvoir au moyen âge. Tod, Grabmal und Herrschaftsrepräsentation im Mittelalter, hrsg. v. Michel Margue (P.S.H. CXVIII; Publications du CLUDEM, 18) ISBN 2-919979-14-0 (Bestelladresse: Laboratoire d’histoire, Université du Luxembourg, Campus Limpertsberg, 162A, avenue de la Faiencerie, L-1511 Luxembourg; E-mail: labo.hist@uni.lu).

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code