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Vielleicht war es nur ein falscher Eindruck, der daher rührte, daß wir in der ‚forum‘-Redaktion vor kurzem ein Dossier über die Behinderten zusammengestellt hatten. Sicher ist, daß den paar ‚forum‘-Redakteuren, die in der Ferienzeit fünf Wochen in den USA verbrachten, die große Anzahl von Behinderten auffiel, denen sie überall begegneten. Statistiken, ob es in den USA tatsächlich mehr Behinderte gibt als in Europa, hatten wir keine zur Verfügung. Doch eigentlich hätte es uns nicht gewundert: die ungesunde Ernährungsweise, die schnurgeraden Straßen, die sehr leicht den Fahrer einschläfern, könnten schon eine Erklärung liefern, daß es drüben prozentual mehr Behinderte gibt.
Allerdings wird auch für sie gesorgt. An jeder Straßenecke ist der Bürgersteig abgeschrägt und somit für Rollstuhlfahrer leicht befahrbar. Bei öffentlichen Gebäuden gibt es fast immer, außer der Treppe, eine längere Auffahrrampe für Rollstuhlfahrer, oder diese werden gebeten, einen Seiteneingang zu benutzen. Und falls keine Rampe gebaut ist, wird – wie bei einem Konzert von Pete Seeger bemerkt – eine mobile hölzerne Rampe über die Treppe gelegt für besondere Veranstaltungen. Auch bei den öffentlichen WC oder Camping-Duschen ist meistens eine für Rollstuhlfahrer ausgebaut: die Tür ist breiter und Griffe an der Wand erlauben dem Behinderten, sich aus seinem Stuhl zu heben. Sonderparkplätze sind eine Selbstverständlichkeit; aber im Gegensatz zu Luxemburg sind sie nicht einfach nur mit dem Versehrtenschild versehen,
eine aufgezeichnete Bodeninsel sorgt zudem dafür, daß die Autos nicht so nahe nebeneinanderstehen wie auf den übrigen Parkplätzen, damit genügend Platz ist, um mit dem Rollstuhl dazwischen zu fahren. Im Nummernschild selbst ist übrigens angegeben, daß der Wagen einem Behinderten gehört. Das Zeichen ist viel diskreter als das blaue Schild bei uns. In vielen touristischen Zentren, z.B. in den vielbesuchten Nationalparks, stehen außerdem Minibusse zur Verfügung, die für Rollstuhlfahrer umgerüstet sind, so daß auch sie die Tour entlang der Sehenswürdigkeiten machen können, ohne das eigene Auto zu benutzen. Auf manchen Campingplätzen, die meistens alle mit Tischen und Grillöfen versehen sind, gibt es reservierte Plätze für Handikapierte, wo die Tische z.B. höher angelegt sind, so
daß man sich im Rollstuhl ansetzen kann. In den Flughäfen stehen Rollstühle zur Verfügung, so daß der private Stuhl schon verpackt und in den Flugzeugbauch verladen werden kann, während der Behinderte noch Zeit zu einem Bummel durch die Flugzeughalle hat.
Sicher haben wir als Nicht-Behinderte noch manche Fazilitäten übersehen. Wenn man sich diese lange Liste aber ansieht, kommt einem aber eine andere Erklärung für die hohe Behindertenzahl in den Sinn: Es gibt
wahrscheinlich in den USA nicht mehr Behinderte als bei uns. Aber der Ausgang wird ihnen durch eine ganze Reihe von Maßnahmen sehr erleichtert, so daß sie eben viel häufiger in die Öffentlichkeit kommen können als bei uns! Und niemand dreht sich mehr um, wenn ein Blinder vorbeigeht, oder ein Behinderter im motorgetriebenen Rollstuhl vorbeifährt. Solche Menschen gehören zum Alltäglichen! Technische Schwierigkeiten halten sie bei uns aus dem öffentlichen Leben heraus.
M.C. / m.p.
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