Bereitschaft zum Wandel
Interview mit Michel Lanners, Erster Regierungsberater im Ministerium für Erziehung und Berufsausbildung
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Interview mit Michel Lanners, Erster Regierungsberater im Ministerium für Erziehung und Berufsausbildung
In der aktuellen Bildungsdebatte scheinen die Feindbilder zurzeit recht festgefahren. Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, im Ministerium säßen nur Theoretiker, die versuchen, den Praktikern im Lehrbetrieb weltfremde Vorschriften zu machen?
Michel Lanners: Die Feindbildmetaphore, die Sie ansprechen, stellt einen komplexen Sachverhalt in ein falsches Licht. Im Ministerium arbeiten auf der Beratungsebene fast ausschließlich ehemalige Lehrer und Professoren. Ich kenne keinen Mitarbeiter, der nicht aus Begeisterung zum Lehren und Lernen Lehrer geworden ist. Diese Überzeugung, etwas Sinn- und Verantwortungsvolles für zukünftige Generationen zu tun, stellt man besonders in letzter Zeit fest, in der es gilt, schwierige Überzeugungsarbeit in den Schulen und Lyzeen zu leisten. Die Steuerung von nationalen Bildungssystemen ist erwiesenermaßen ein komplexes Unterfangen, in dem persönliche Erfahrungen und Überzeugungen sich mit gesicherten Erkenntnissen auseinander setzen müssen. Einfach ist das nicht.
Die Fronten sind zurzeit relativ verhärtet. Wie ist die Stimmung hier in der rue Aldringen?
M. L.: Wenn man kollektiv unter Druck steht, ist eine natürliche Reaktion, dass man zusammenrückt. Ich kann Ihnen versichern, dass innerhalb des Ministeriums insgesamt ein gutes Arbeitsklima herrscht. Noch zufriedener wäre ich jedoch, wenn wir mit den Lehrern ein harmonischeres Verhältnis pflegen könnten. Bildung und Erziehung entstehen im Klassenraum und nicht im Ministerium. Die Verantwortung, den Bildungsrahmen zu setzen, bleibt jedoch im Bereich des Ministeriums.
Fühlen Sie sich wie in einer belagerten Festung?
M. L.: Nein. In den letzten drei Monaten hat sich viel verändert. Wir stellen fest, dass in der Gesell-
schaft oft Verständnis für die generellen Ausrichtungen der geplanten Reform besteht. Der Sachverhalt ist zurzeit jedoch so, dass hauptsächlich Gegner der Reformvorschläge sich als Front vereint und sich eine Stimme in der Öffentlichkeit verschafft haben. Die Ursache besteht sicherlich in einem Kommunikationsdefizit seitens des Ministeriums über die zentralen Ausrichtungen der Reform, obwohl wir seit mehr als zwei Jahren über die geplanten Reformansätze publizieren und informieren. Dieses Defizit sind wir im Begriff aufzuarbeiten und deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass ein differenzierteres Verständnis der Reformausrichtungen zu einem besseren Sachverständnis führen wird.
Für uns stellt es sich eher so dar, dass trotz monatelanger Touren durch die Schulen und Dutzenden Vollversammlungen, auf denen versucht wird, die Reform zu erklären, keine Annäherung stattgefunden hat. Macht diese Öffentlichkeitsarbeit noch Sinn?
M. L.: Das ist sicherlich eine berechtigte Frage. Man stellt fest, dass sich eine Art Antibewegung innerhalb der Schulen konstituiert hat, genauso wie man auch feststellt, dass nicht jeder Lehrer die Reformvorschläge pauschal verweigert. Bei der Stärken- und Schwächenanalyse, die wir 2009 mit den Gewerkschaften und Lehrervertrettern der einzelnen Lyzeen durchgeführt haben, wurde festgestellt, dass die Analyse der Ausgangssituation in vielen Punkten dieselbe ist und die Schlussfolgerung dieser Analyse lautet: Wir brauchen eine Modernisierung der Luxemburger Schulen. Über diese Feststellung herrscht also Konsens. Sie wird übrigens geteilt, weil sie auf gesicherten und erwiesenen Fakten basiert. Über die Vorgehensweise, wie die Schule auf diese Veränderungen
Michel Lanners war zuerst Sportlehrer im Lycée du Nord in Wiltz, dann beigeordneter Direktor im ISERP und schließlich Direktor des SCRIPT. 2009 wurde er zum Ersten Regierungsrat in der Abteilung Coordination générale im Erziehungsministerium ernannt.
Wenn man unter solchen negativen Voraussetzungen eine Reform einleiten muss, ist das sicherlich ein Faktor, der die Umstände eines Gelingens schwieriger machen wird.
eingehen soll, sind wir uns jedoch nicht mehr einig. Eine große Herausforderung an alle Akteure ist sicherlich eine multiple Sichtweise einnehmen zu können; einerseits ist man als Lehrer Akteur des Wechsels, also der Schulreformen, und andererseits muss man sich selbst im Rahmen dieser Reformen in Frage stellen können. Die Aufgaben des Lehrers haben sich in den letzten Jahren verändert und auch die Aus- und Weiterbildung der Lehrer sieht sich in der Notwendigkeit, die veränderten Herausforderungen zu berücksichtigen.
Widerstand gegen die Reform von Seiten der Lehrer war im Vorfeld zu erwarten. Wie wollten sie dem begegnen? Was war eure Strategie?
M. L.: Luxemburg unterscheidet sich von anderen großen Ländern darin, dass die Reform nicht in einem ministeriellen Kämmerlein ausgearbeitet wurde oder an eine Universität ausgelagert wurde. Unsere Vorgehensweise war es, eine Reform mit den Lehrern zu erarbeiten. Deshalb haben wir in den letzten Jahren sehr viele Unterrichtsentlastungen (dächarges) gegeben, um in Arbeitsgruppen mit Lehrern die großen Richtlinien der Reform ausarbeiten zu lassen. Das Zusammenbringen der Ergebnisse dieser Arbeitsgruppen hat zum jetzigen Textvorschlag geführt. Wir haben also versucht, mit den Lehrern zu arbeiten, bottom up wie man so schön sagt. Des Weiteren wurden sie von Experten aus dem Ausland begleitet. Ehemalige Schüler und Universitätsstudenten, Lyzeumsdirektoren, Experten von Universitäten wurden auch konsultiert. Eine nationale Steuerungsgruppe beriet die Ministerin während der Ausarbeitung. Dies ist rückblickend ein riesiger Arbeitsaufwand, der sicherlich nicht als solcher von Außenstehenden verstanden wird. Erst als wir den zusammenhängenden Textvorschlag für ein zukünftiges Gesetz im Dezember herausgaben, wurde klar, dass dessen Umsetzung eine große Herausforderung an die Lehrergemeinschaft darstellen würde. Die Summe der vielen kleinen Schritte stellt in dem gesamten Reformvorschlag einen beachtlichen Sprung dar.
Kann man unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine Reform im Konsens mit allen Beteiligten machen, wenn „alle Beteiligten“, wie Sie selbst vor kurzem im forum-Interview sagten, eigentlich eine Umschreibung für die gesamte Luxemburger Gesellschaft ist?
M. L.: Wenn ein Teil der Lehrer, Eltern oder Schüler sagt, sie seien nicht einverstanden, muss man das zur Kenntnis nehmen. Aber ein demokratischer Prozess besteht nicht im Erreichen hundertprozentiger Übereinstimmung, sondern in einer Entscheidung durch eine politische Majorität. Aufmerksames Zuhören, Dokumentieren der Arbeiten, Ausloten der
Bedingungen des Möglichen während der Konsultationsphasen gehören dazu. Würden die politisch Verantwortlichen keine Entscheidungen treffen, würden sie ihrer Funktion nicht gerecht werden, da ja Konsens besteht über die Notwendigkeit einer Reform.
Wie schätzen Sie den maximalen Pegel an Dissens ein gegen welchen die Politik noch eine Entscheidung treffen kann?
M. L.: Die Unterrichtsqualität wird von Lehrern in den Schulen gemacht. Wenn jetzt eine Mehrheit der Lehrer gegen eine Reform wäre, dann wäre das ein unglücklicher Ausgangspunkt für ihre Umsetzung. Wenn man unter solchen negativen Voraussetzungen eine Reform einleiten muss, ist das sicherlich ein Faktor, der die Umstände eines Gelingens schwieriger machen wird.
Sie haben die wissenschaftlichen Erkenntnisse angesprochen. Wirkt sich die aktive Einbindung von akademischen Bildungsexperten in der öffentlichen Debatte nicht eher kontraproduktiv aus?
M. L.: Diese Frage trifft einen sensiblen Punkt. Ich bedauere, dass vereinzelt Lehrer, die ja eine akademische Ausbildung haben, sich so pauschal von der wissenschaftlichen Argumentationsrethorik verabschiedet haben. Ich verstehe nicht weshalb wir uns gesicherten Erkenntnissen verschließen sollen. Es gibt in anderen Ländern sowieso und auch in Luxemburg viele Schulmodelle, die die Ausrichtungen
Ein demokratischer Prozess besteht nicht im Erreichen hundertprozentiger Übereinstimmung, sondern in einer Entscheidung durch eine politische Majorität.
der Reformvorschläge auch schon heute mit Erfolg umsetzen. It works! Wie soll denn eine Reform der Lyzeen aussehen, ohne Begleitung und Betreuung der Schüler, ohne systematisches Methodentraining und ohne formell definierte Verantwortungsbereiche? Ich habe bis heute noch keine Alternativvorschläge gehört.
Es scheint, als habe es in den Schulen schon länger gebrodelt. Wo kommen die Wutlehrer her? Wie erklären Sie sich die Virulenz der Reaktionen auf die Reform?
M. L.: Es gibt bestimmt verschiedene Ursachen. Die erste könnte das Bewusstsein darstellen, dass die heutige Schulpraxis nicht mehr an die heutigen Schüler angepasst ist. Die vermehrten Hilferufe der Lehrer sind ein Indikator, dass das System nicht mehr so funktioniert wie früher. Lösungen von gestern sind keine Antwort auf Probleme von heute. Lehrer stellen zu Recht fest, dass die Schüler schwieriger sind. Die zweite Ursache kann mit dem Selbstverständnis des Lehrerberufs zu tun haben. Weshalb wird man Lehrer und was bedeutet es, Lehrer zu sein? Früher waren die Antworten auf diese beiden Fragen relativ einfach. Heute ist der Lehrerberuf genauso wie das Leiten einer Schule eine äußerst komplexe und anspruchsvolle Tätigkeit, die einer nie dagewesenen Heterogenität von Schülern gerecht werden muss. Das beinhaltet eine Änderung der Sichtweise, was in der Schule erarbeitet und wie in der Schule gearbeitet werden soll. Diese Prozesse kann man nicht auf Knopfdruck ändern und auch nicht verordnen. Die Aufgabe des Ministeriums ist es, die Rahmenbedingungen zu setzen. Ich sehe die Intensität der
Debatte auch zum Teil als ein positives Zeichen dafür, dass die Lehrer einen guten Job machen wollen und sich mit der Bildung und Erziehung der Jugend identifizieren.
Sie haben die „Hilferufe“ der Lehrer angesprochen. Warum gibt es keine psychologische Betreuung, kein SPOS für Lehrer? Lässt man die Lehrer nicht alleine mit ihren Problemen?
M. L.: Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie von enormer Belastung der Lehrer sprechen. Wir hatten vor etwa 10 Jahren einen Projektvorschlag initiiert, um eine psychologische Anlaufstelle für Lehrer einzurichten. Dies war wahrscheinlich zu früh und das Projekt wurde nicht umgesetzt. Ich glaube, dass die Zeit heute reif ist, ein Angebot in dieser Richtung zu erstellen. Eine solche Beratungsstelle muss selbstverständlich auf Vertraulichkeit beruhen und mit Professionalität geführt werden.
Werden die Lehrer Ihrer Meinung nach während ihrer Ausbildung ausreichend auf den Schulalltag vorbereitet? Wo gibt es Verbesserungsbedarf?
M. L.: Die Programme, die die Schulcurricula darstellen, sind Vehikel um das zentrale Ziel der Schule, die Ausbildung von mündigen Bürgern, die sozialisiert, instruiert und qualifiziert werden sollen, zu erreichen. Ein nationales Lehrerprofil fordert, zusätzlich zu Fachkenntnissen, methodische und didaktische Kompetenzen im Bereich Bildung und Erziehung. Der Zugang zum Lehrerberuf ist sehr vielfältig. Ein Vorteil besteht darin, dass der angehende Lehrer in vielen Ländern sein Universitätsstudium absolvieren kann. Der „Stage pédagogique“ ist ein weiterer Bestandteil der Ausbildung der zukünftigen Professoren, um diplomierten Fachspezialisten Zugang zu Pädagogik, Erziehung und Bildung von Jugendlichen zu ermöglichen. Wichtig ist hier, dass der angehende Lehrer sich der spezifischen beruflichen Herausforderungen bewusst wird. Wird Verbesserungsbedarf festgestellt, so kann das Ministerium die Ausrichtung des „Stage pédagogique“ modifizieren und Schuldirektionen schulinterne Weiterbildungsmaßnahmen vorschlagen. Generell in der heutigen Gesellschaft und besonders im Rahmen der Reformvorschläge im Erziehungswesen ist die Notwendigkeit einer Bereitschaft zum Wandel wichtig, um die neuen Herausforderungen mit Verantwortung und Professionalität anzugehen. Ich bin überzeugt, dass diese Kompetenz bei vielen Lehrern in Luxemburg vorhanden ist.
Vielen Dank für das Gespräch! ♦
(Das Interview fand am 14. Februar 2012 statt. UH/BT)
Wie soll denn eine Reform der Lyzeen […] aussehen? Ich habe bis heute noch keine Alternativvorschläge gehört.
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