„… dann versuche ich, sie noch komplexer zu machen“

Interview mit Frank Hoffmann

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Interview mit Frank Hoffmann

Frank Hoffmann hatte am 30. April in Bonn Premiere
mit seinem neuesten Stück, der ‚Dreigroschenoper‘
von Brecht und Kurt Weill.

"forum": Wie sieht Ihre Arbeit in Bonn aus, sind Sie
dort als freier Regisseur am Schauspielhaus Bonn?

Hoffmann: Von meinem Status her bin ich überall
freier Regisseur. Das heißt, ich kriege einen Kontrakt
für ein Jahr. Aber ich habe in Bonn einen etwas an-
deren Vertrag, bei dem ich auch in der Theaterleitung
bestimmte Aufgaben erfüllen muß. Ein Mittelding
zwischen festem Regisseur und freiem Regisseur.
Über drei Jahre habe ich zwei Stücke in Bonn pro
Jahr gemacht.

"forum": Arbeiten Sie in Bonn mit dem festen Ensem-
ble des Schauspiels, wenn Sie dort inszenieren?

Hoffmann: Ja, wie alle Regisseure dort. Aber es gibt
in jeder Produktion ein oder zwei Leerstellen, d.h.
Rollen, die man nicht besetzen kann, wo man dann
Schauspieler anderweitig sucht.

"forum": Das erscheint mir doch relativ gering.

Hoffmann: Ja, jetzt bei der Dreigroschenoper sind es
17 Rollen, wobei zwei doppelt besetzt sind, also 19
Schauspieler. Davon wiederum sind nur drei Gäste,
das ist ganz wenig. Es ist allerdings ein relativ großes
Ensemble, 35 bis 40 Leute. Dennoch kommt es vor,
daß man den Schauspieler hat, der die Rolle spielen
könnte, aber man möchte ihn aus den unterschied-
lichsten Gründen nicht. Dann gibt es erst einmal
Streitereien und dann kommen Gastschauspieler.

"forum": Das bedeutet, es ist immer wieder neue
Konfliktbewältigung?

Hoffmann: Ja, es geht immer alles von Neuem los.
Es ist nie ein für alle Mal entschieden. Bei jeder Pro-
duktion gibt es neue Probleme, neue Forderungen.
Und man ändert sich auch selbst, dann möchte man
auch keine Konzessionen mehr machen, oder weni-
ger. Man muß immer Konzessionen machen in der
Besetzung. Aber so wenig wie möglich. Oft ist ja eine
Konzession, die man macht, überhaupt der beste
Trumpf in einer Arbeit, das kann sein. Wenn sich mit
Schauspielern, mit denen man nicht gerne arbeiten
möchte, dennoch eine gute Zusammenarbeit entwik-
kelt, ebenso umgekehrt. Da gibt es auch keine Geset-
ze. Aber ich kenne das Bonner Ensemble inzwischen
sehr gut.

"forum": Sie haben im Laufe der Zeit einen ganz spe-
ziellen Stil entwickelt. ‚Dostoievski‘, um beim letzten
luxemburgischen Stück zu bleiben, kam mir regel-
recht überinszeniert vor. Es war derart kompakt mit
ständig wechselnden Nebenschauplätzen angerei-
chert, daß kein Spielraum für den Zuschauer blieb.
Was mich veranlaßte, Peter Brook herbeizuzitieren
und dessen Theorie von Leere.

Hoffmann: Ich denke es ist unterschiedlich, als ich
den ‚Woyzeck‘ hier in Luxemburg inszeniert habe,
war es eine Arbeit, bei der ich eher zurückhaltend
war, wo ich sehr viele Freiräume gelassen habe, im
Sinne von Brook sicher ein Werk, das viele Leerstel-
len hatte. Wenn ich aber ‚Dostoievski va à la plage‘
inszeniere, ein Werk, das mit der heutigen Wirklich-
keit umgeht, oder das versucht, eine komplexe Wirk-
lichkeit zu beschreiben, dann versuche ich, sie noch
komplexer zu machen. Ich versuche, zu zeigen, daß
alles mit allem zusammenhängt, daß keiner mehr den
Überblick hat, der Zuschauer sowieso nicht mehr.
Ferner zu zeigen, daß das, was passiert, unabhängig
von den handelnden Figuren geschieht. Wenn ich
mich in der Welt bewege, wenn ich die Wirklichkeit
sehe, gewinne ich diesen Eindruck. Ich kann natür-
lich genauso gut diese Wirklichkeit beschreiben, in-
dem ich einige Stellen leer lasse und nicht fülle. Na-
türlich, ich verstehe, was Sie meinen. Aber das hat
viel mit den einzelnen Werken zu tun. Bei dem Stück
hätte ich das nicht richtig gefunden, oder zumindest
nicht für mich adäquat. Das Stück gibt eine Wirklich-
keit vor, die viel mehr ist als die Dialoge, die es trans-
portiert. Wenn das Stück beginnt, ist erst einmal eine
Regieanweisung da über Welt, über Gesellschaft,
über eine Stadt und davon habe ich nur eine Auswahl
getroffen. Ich habe das Bedürfnis, so viel zu zeigen,
weil ich nicht so tun kann als ob nichts wäre. Auch
beim Dostoievski gab es sehr viele Momente des In-
nehaltens und Nicht-mehr-weiter-könnens. Das in-
teressiert mich sehr, dieser Moment der Frage – auch
im Sinne der Leerstelle -, nicht die Antwort, denn
beantworten kann ich immer weniger. Wir wissen
immer weniger, was läuft und wir müssen immer
mehr behaupten, daß es so ist, und im nächsten Mo-
ment müssen wir wieder genau das Gegenteil be-
haupten. Das tue ich gerne, das Eine und das Andere
behaupten, und das ist das Komplexe an den Arbei-
ten.

"forum": Wer hat Ihre Sicht beeinflußt?

Ich versuche,
zu zeigen, daß
alles mit allem
zusammen-
hängt, daß
keiner mehr
den Überblick
hat, der
Zuschauer
sowieso nicht
mehr. Ferner
zu zeigen, daß
das, was
passiert,
unabhängig
von den
handelnden
Figuren
geschieht.

Hoffmann: Die französischen Nachkriegsphilosophen, speziell Foucault – über den ich auch meine Doktorarbeit geschrieben habe -, der diese Widersprüche nicht mehr akzeptiert, der sagt: Das Eine ist das Andere. So verstehen auch oft Schauspieler gar nicht, was ich will. Weil ich ja das Eine und genauso das Gegenteil sage. Das ist das Gleiche, weil unsere Wirklichkeit so ist. Sie ist nur assoziativ erfahrbar und nicht mehr als ein Prozeß, der irgendwann zu einer neuen Lösung führen könnte.

"forum": Wir müssen jetzt etwas springen, da ich mit Ihnen gerne noch über die luxemburgische Theater-situation reden möchte. Mir sind die Einwände bezüglich der Etablierung eines Ensembles in Luxemburg bekannt, sei es die Sprachsituation,…

Hoffmann: In welcher Sprache würden Sie denn dieses Ensemble agieren lassen?

"forum": Ich weiß, daß Sie es nicht für erstrebenswert halten, ein Ensemble hier zu etablieren.

Hoffmann: Ich glaube, ich habe es Ihnen einmal am Telefon gesagt. Ich fürchte einfach, daß sich die Leute so einigeln und sich nicht mehr gefordert fühlen, nach außen zu gehen, daß Sie glauben, Sie hätten das Ei des Kolumbus gefunden. Man kann ja ohne weiteres, mittlerweile glaube ich das, sein Leben mit Theater verbringen, aber ich finde es ganz gefährlich, die Welt besteht nicht nur daraus. Es ist zu klein.

"forum": Jetzt speziell hier in Luxemburg oder prinzipiell?

Hoffmann: Ja, es ist überall zu klein. Es ist auch in Bonn zu klein, wenn man nur dort arbeitet. Man muß vielleicht sogar sagen, wenn man nur in Paris arbeitet und nie etwas anderes gesehen hat, ist es auch zu klein. Ich finde es immer problematisch, wenn die Gesellschaften so hermetisch werden, nicht mehr nach draußen verweisen. Wenn dieses Ensemble eine Struktur aufweist, die ich bisher nicht ahne, vielleicht ist es dann möglich. Wenn man mir die Aufgabe stellen würde, stellen Sie ein deutschsprachiges Ensemble zusammen, würde ich mal überlegen, dann würde ich ein paar Kollegen fragen. Dann sagt mir der eine, ich wohne aber in Berlin und kann nicht fest in das Ensemble kommen. Wer ist denn in diesem Ensemble drin und wer nicht drin ist, hat dann wohl auch keine Chance mehr? Da werden neue Mauern aufgebaut, neue Fronten. Gibt es hier in Luxemburg so viele talentierte Schauspieler, daß man drei Ensembles aufbauen könnte?

"forum": Es müßte natürlich auch eine Erweiterung über das Ausland erfolgen.

Hoffmann: Da haben Sie recht, aber dann müßte auch das Schema verändert werden, unter dem die Theater hier funktionieren. Da müßten Posten geschaffen werden, die für ein paar Jahre vergeben würden.

Stellen Sie sich vor, ich kriege jetzt den Auftrag für fünf Jahre ein Ensemble zu leiten. Was passiert nach den fünf Jahren, wer verlängert mich, oder wer verlängert mich nicht? Wo sind die kompetenten Leute in der Kulturpolitik, die das entscheiden könnten?

»Die Leute geben sich ja Mühe, aber an die alten Meister kommen sie einfach nicht ran!«

Wovon ich träume, aber das ist ein Traum, der nicht so schnell in Erfüllung geht, das wäre, ein Haus zu haben, an dem Theater anders gemacht werden kann. Mit wenigen Leuten, aber ganz ernsthaft. Mit guten Leuten, die nicht in diesen Schemata denken, wie jetzt die städtischen Beamten denken müssen. Wie z.B. das Pariser Théâtre de la Colline, das ist vom Schema her ein wahnsinnig interessantes Theater. Es hat zwar kein Ensemble, aber durch die regelmäßige Beschäftigung von bestimmten Schauspielern entsteht doch ein wenig so ein Gefüge.

"forum": Aber es ist doch so, daß mit dem speziellen luxemburgischen System die Leute hervorragend am Gängelband gehalten werden können. Installiere ich jedoch einen unabhängigen Intendanten auf Zeit, dann schließt dies ein, daß selbiger auch das macht, was er will, ohne daß ihm ein Schöffe oder sonstige Polifunktionäre während des laufenden Vertrags reinreden können.

Hoffmann: Also, wie gesagt, wenn man mir ein schönes großes Haus anbietet, mit wenigen Leuten, würde ich das vielleicht übernehmen, aber die Strukturen für dieses Haus müßte man erst erfinden. Bisher gibt es die nicht.

"forum": Wie schätzen Sie denn Ihre Bereitschaft ein, wenn Sie am Kapuziner inszenieren, dortige Strukturen zu akzeptieren. Fällt Ihnen das im Ausland leichter?

Hoffmann: Speziell in Paris, die Möglichkeiten, die man am Théâtre de la Colline hatte, sind natürlich größer. Wir arbeitet mit Selbstzensur, das heißt, wenn ich ein Bühnenbild für Luxemburg entwerfe, muß ich die Möglichkeiten zur Realisierung überprüfen und die sind nicht so groß wie an einem anderen

Franz Eder
in: Eine Feine Gesellschaft.

Dossier: Kultur 1995

Theater. Es ist ganz einfach auch eine Sache des Geldes, ganz einfach. Wenn mehr Geld da wäre, könnte man mehr in Technik und Leute investieren. Aber es ist auch ein politischer Wille von oben, der das natürlich institutionalisieren müßte. Wie es zur Zeit am Kapuziner läuft, hat es viele Schwachpunkte, aber ist

so schlecht auch wieder nicht. Es ist eine Möglichkeit, wie man relativ unkonventionell handeln kann. Mit großer künstlerischer Freiheit, die ich zu schätzen weiß.

Das Gespräch führte Ina Nottrot am 3. Mai 1995

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