Das Geschäft mit der Angst
Sicherheit im öffentlichen Raum
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Gleich im Anschluss an den Kamikazeanschlag gegen das World Trade Center am 11. September bemühte sich der fliegende Reporter eines Radiosenders im Eindruck der noch rauchenden Ruinen seinen Zuhörern ein Zeugnis der Angstgefühle der Luxemburger Bevölkerung anzubieten. Nach einigen in ihrer Pertinenz stark eingeschränkten Antworten wandte er sich in seiner Not an eine Selbsthilfegruppe von Leuten mit Angst- und Panikstörungen. Die angesprochene Dame musste ihn daraufhin belehren, dass diese Formen von Angst nichts zu tun haben mit dem Gefühl der Unsicherheit, verbunden mit Angstgefühlen, das viele Menschen nach den Anschlägen von New York empfanden.
Diese kleine Anekdote macht deutlich, dass Angst ein Begriff ist, der oft undifferenziert in den unterschiedlichsten Zusammenhängen gebraucht wird. Ich will jedoch hier nicht auf die klinisch-psychologischen Aspekte des Phänomens Angst bei einzelnen Personen eingehen, sondern auf einige der sozialen, politischen, ökonomischen Auswirkungen kollektiver Angst- und Unsicherheitsgefühle. Die Ereignisse vom 11. September machten in noch nie gekanntem Ausmaß deutlich, wie die Gefühle der Menschen von Politikern und skrupellosen Geschäftemachern missbraucht werden können.
Das Ende des Kalten Krieges brachte für einige Jahre Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, auf ein Ende des Wett-rüstens, auf ein Ende des Elends vieler Menschen in dieser Welt. Die wirtschaftliche Entwicklung, die im Keim schon alle Elemente der Globalisierung enthielt, erhielt durch den Fall der Berliner Mauer einen ungeahnten Schub wegen der Öffnung neuer Märkte und die Verlagerung ganzer Produktionsbereiche in Niedriglohnländer. Die hemmungslose Profitgier und die damit verbundene Reduktion der Produktionskosten brachten neues Elend und der Traum von einer sicheren und friedlichen Welt war schnell ausgeträumt. Nicht mehr einzelne Firmen oder Wirtschaftszweige, sondern die ökonomischen Systeme ganzer Nationen gingen bankrott wie wir es in den 90er Jahren in Korea, Japan und jetzt in Argentinien erlebten.
Der vierte Weltkrieg
Der französische Philosoph Jean Baudrillard erklärt die Attentate von New York als einen „Akt des äußersten Wider-
Edvard Munch,
Der Schrei
stands gegen ein System, dessen exzessive Macht selbst zu einer unlösbaren Herausforderung geworden sei: die Globalisierung, die Errichtung einer einheitlichen, die verschiedenen Kulturen nivellierenden Weltordnung¹. Die Globalisierung beruhe, wie früher der Kolonialismus, auf einer ungeheueren Gewalt und schaffe mehr Opfer als Nutznießer. Die angestrebte globale Anerkennung der Menschenrechte sei nur ein Alibi, Werbung für die unkontrollierte Ausdehnung der Marktwirtschaft. Bushs Freund-Feind Schema funktioniere nicht, der Feind sitzt im Herzen der Kultur, die ihn bekämpft. „Das ist, wenn man so will, der vierte Weltkrieg: nicht mehr zwischen Völkern, Staaten, Systemen und Ideologien, sondern der Gattung Mensch mit sich selbst.“
Non olet
Als der erste Turm schon brannte, gelang es noch einigen skrupellosen Geschäftemachern, die Panik auszunutzen um illegale Transaktionen zu machen und damit Geld zu verdienen. Der schwarze Tag war noch nicht zu Ende, da hatten Amerikas Patrioten ihre Beteiligungen an Fluggesellschaften und anderen, durch die Anschläge in Verruf geratenen Branchen zurückgezogen und in andere – profitablere – investiert, z.B. in die Anbieter von Sicherheitssystemen², Versicherungsgesellschaften und Logistik-Unternehmen. In den USA kletterten die Versicherungsprämien nach dem 11. September bis zu 90% und auch in Europa wurden, wo der Wettbewerb es zuließ, Prämienrhöhungen (z.B. Gefahrenzuschläge) erhöht. Für die Unternehmen sind das Kostensteigerungen, die sie natürlich auf die Preise umlegen.³
Des einen Leid, des anderen Freud
Dann kamen die Milzbrandattacken. Einzelnen Berichten zufolge sind die Erreger, die übrigens in amerikanischen
Labors hergestellt wurden – warum wohl? – wahrscheinlich von US-Bürgern verschickt worden. Der FBI verfolgte Spuren, die auf Neonazigruppen hinwiesen, die mit den Taliban sympathisieren. Während im Monat Oktober in den USA die Nervosität zunahm, rieben sich die Aktionäre des Bayern-Konzern in Deutschland die Hände. Das Chemieunternehmen produziert das Antibiotikum Cipro, ein Medikament zur Bekämpfung von Milzbrand⁴. Eine Cipro-Tablette wurde für 1,77 $ verkauft, die Herstellungskosten liegen im „Pfennigbereich“. Die US-Regierung wollte 1 Milliarde Tabletten kaufen. Nach einigem Hin und Her einigten sich die US-Gesundheitsbehörde und der Konzern auf einen Kaufpreis von 0,95 $ / Stück für 300 Millionen Tabletten. Die Amerikaner drohten damit, den Patentschutz für Cipro aufzuheben. Dieselbe US-Regierung hat jedoch Brasilien vor der WTO verklagt, da dieses Land versuchte, billige Medikamente zur Bekämpfung von AIDS herzustellen.
Auch Südafrika wurde von 39 Pharmakonzernen – darunter auch Bayer – in derselben Angelegenheit verklagt. Durch massiven Druck der Öffentlichkeit konnte erreicht werden, dass die Klagen gegen Südafrika zurückgezogen
wurden, Brasilien bleibt jedoch weiterhin angeklagt. Gegen Bayer wird darüber hinaus in den USA ermittelt, da der Verdacht besteht, dass der Konzern dem Unternehmen Barr Laboratories 200 Millionen $ gezahlt hat, um die Produktion einer billigeren Version des Cipro-Antibiotikums zu verhindern.
Aber auch die amerikanischen Biotech-Unternehmen konnten sich freuen. In den Apotheken waren Antibiotika im Nu vergriffen und Firmen wie Nanogen oder Avant Immunotherapeutics konnten Kursgewinne von 49 respektiv 57 Prozent verzeichnen⁵.
Nur Fliegen ist schöner
Der Konkurrenzkampf unter den Fluggesellschaften führte zu einer Kostenreduktion im Sicherheitsbereich. Dieser Umstand wird dafür verantwortlich gemacht, dass die vier Flugzeuge am 11. September so problemlos entführt werden konnten. Die Angst der Menschen vor dem Fliegen wurde dadurch natürlich nicht abgebaut. Mehrere Gesellschaften überlebten den Jahreswechsel nicht. Andere Sektoren profitierten von dieser Entwicklung, so z.B. die Post. Anstatt zu reisen, greifen viele zum Telefon oder versenden e-mails. Telecom-Chef Sommer registrierte in Deutschland eine Belebung des Festnet-
zes nach dem 11. September. Auch die Bahn wird wieder mehr benutzt von Leuten, die nicht mehr in ein Flugzeug steigen möchten.
Paketlösung
Aber auch innerhalb seiner vier Wände fühlt sich der Bürger nicht mehr in Sicherheit. „Die Angst vor Terrorangriffen, Giftgas, Bakterien und radioaktiven Strahlungen beherrscht seit dem 11. September die Bevölkerung⁶“. Die Privathaushalte rüsten auf. Die Nachfrage in Deutschland nach Gasmasken und Jodpillen ist sprunghaft gestiegen. Wo sonst nur gewerbliche Kunden wie Feuerwehr und Bergbaufirmen Bestellungen aufgaben, drängen jetzt Privatleute auf den Markt, so ein Sprecher des größten deutschen Herstellers von Atemschutzgeräten.
Die Berliner Firma Standort GmbH & Co entdeckte eine Marktlücke: Für nur 289 DM bot sie das Anti-Terrorpaket „Ensure 1“ an, enthaltend eine Atemschutzmaske, eine Packung Jodtabletten, einen Arztbrief, auf dem die wichtigsten Antibiotika gegen Milzbrand und Pestinfektion aufgelistet sind, ein Selbstschutzhandbuch und … einen „topqualitativen Reise-Toilettenbeutel zur Aufbewahrung der Komponenten – mit Leerfächer für persönliche Dinge“. Mit dieser Ausrüstung sei man gegen einen Atomangriff sowie gegen einen biologischen und chemischen Anschlag gewappnet, so die Firma. Der Berliner Katastrophenschutz, der Deutsche Apothekenverband und die Stiftung Warentest liefen Sturm gegen das neue Produkt. Teuer und nutzlos, so das Fazit der Stiftung. Ende Oktober 2001 musste man jedoch bereits vier Wochen Lieferzeit in Kauf nehmen; die Firma bot keine Liefergarantie und die 9 Mark Reservierungsgebühr würden in keinem Fall zurückerstattet. Ein schnelles Geschäft mit der Angst?
Die Vollkasko-Mentalität
Der Kauf eines Anti-Terror-Pakets fällt jedoch preislich nicht in die Waagschale im Vergleich zu dem was z.B. die Deutschen für Versicherungen ausgeben: 257,6 Milliarden Mark im Jahr 2000, Tendenz steigend⁷. Von 24,6 Millionen Kfz-Versicherungen sind knapp die Hälfte (11,3 Millionen) Vollkasko-
New York, 11. September 2001
Policen. Dazu kommen noch 3,4 Millionen Teilkasko-Kunden. In einem Interview der Märkischen Zeitung mit dem Stuttgarter Psychologen Dieter Luchmann meint dieser, dass viele Menschen „über das natürliche Bedürfnis nach Verringerung von Unsicherheit hinaus versuchen, in einer Welt, in der es keine absolute Sicherheit gibt, die Sehnsucht nach 100-prozentiger Sicherheit zu befriedigen“. Als Ursache für dieses Streben sieht Luchmann einen partiellen Realitätsverlust: Die Menschen hätten nicht gelernt, Verantwortung zu übernehmen und die Welt realistisch zu betrachten. Wirtschaft, Politik und Religion würden den Wunsch nach absoluter Sicherheit wecken durch Versprechungen, die nicht eingehalten werden können. „Die Ausbeutung der aus dem Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit resultierenden Angst war zu allen Zeiten ein profitables Geschäft“.
Nicht umsonst haben Versicherungsfirmen unter allen Wirtschaftszweigen die höchsten Zuwachsraten. „Es gibt nichts, was Versicherer nicht versichern würden. Und es gibt nichts, was Menschen nicht versichert haben wollen“. Beim Normalverbraucher handelt es sich dabei durchaus noch um überschaubare Anliegen wie Rechtsschutz, Zahnersatz und Sonderkonditionen bei Pflichtversicherungen. Sportler und Künstler lassen ihre Gliedmassen millionenschwer versichern, um nicht in der Gosse zu landen. Die Versicherer ihrerseits lassen sich rückversichern, für den Fall dass…
Die Wach- und Schießgesellschaft
Versicherungen gelten für einigermaßen kalkulierbare Risiken. Wo das Risiko nicht mehr kalkulierbar ist, treten in der Regel Polizei, Justiz und in Extremfällen das Militär in Aktion. Allerdings entstand in den letzten Jahrzehnten eine Grauzone, die Hubert Beste wie folgt umschreibt: „Das vielbeschworene Kriminalitätsproblem, das die Sicherheit in den Metropolen angeblich gefährdet, wird zunehmend durch ein Phänomen überlagert, das in der amerikanischen Devianzforschung mit dem Begriff ‚Disorder‘ bezeichnet wird. Danach sind es vor allem Schmutz, Belästigungen und Störungen diversester Art, die die
Bewohner als konkrete Alltagserfahrungen irritieren – und deren Hauptursache in der Auflösung identitätstiftender Sozialmilieus sowie im Zerfall sozialer Praktiken gesehen wird. Da es für diese Probleme keine spezifischen Beschwerdeinstanzen und kontrollpolitische Instrumentarien gibt, werden neue Kontrollstrategien sichtbar: Während die staatliche Seite eine veränderte Aufgabenbündelung und Prioritätensetzung vornimmt, treten gleichzeitig privatistische Sicherheitsgaranten auf, die partikulare Interessen als öffentliche Sicherheits- und Ordnungsvorstellungen ausgeben. Diese Agenda unterschiedlichster Kontrollinteressen
Die Ausbeutung der aus dem Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit resultierenden Angst war zu allen Zeiten ein profitables Geschäft. Nicht umsonst haben Versicherungsfirmen unter allen Wirtschaftszweigen die höchsten Zuwachsraten.
scheint derzeit von Exklusionsstrategien dominiert zu sein, die wohl mittel- bis langfristig zu einer Verschärfung der urbanen Polarisierungstendenzen führen können.⁷⁸
In einem Diskussionsforum des ZAKK (Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation) in Frankfurt wurde die Problematik der Sicherheit im öffentlichen Raum in den Städten Frankfurt und Düsseldorf diskutiert. Festgestellt wurde, dass im Rahmen des immer enger werdenden Spielraums der Kommunen der öffentliche Raum zurückgedrängt werde und privates Hausrecht eine immer größere Ausdehnung erfahre. Private Sicherheitsdienste treten immer mehr in Erscheinung. Es gibt keine klaren Kompetenzregelungen zwischen ihnen und der Polizei. In Düsseldorf lobten Betroffene, z.B. Obdachlose, das Verhalten der Polizei, die immerhin nach einem festgelegten System von Normen handelt, kritisierten aber die Gewaltbereitschaft privater Sicherheitsdienste. In Frankfurt hingegen verfüge das Ordnungsamt über eine „paramilitärische Eingreiftruppe“, die de facto als Ausländerpolizei fungiere.
Rechte Parteien schüren die Angstgefühle der Bürger, ebenso die Presse durch die Mediatisierung krimineller Straftaten. Sogar die Sicherheitskampagnen selber erzeugen Gefühle von Unsicherheit. Laut einem Bericht des österreichischen Innenministeriums⁹ über das Geschäft mit dem Personenschutz wird bedauert, dass schießwütige Veranstalter Bodyguard-Kurse organisieren, in denen der Gebrauch der Waffe eindeutig im Mittelpunkt steht. Laut Tony Geraghty, der ein Buch über Leibwächter geschrieben hat, besteht deren Aufgabe jedoch in der Prävention und nicht in der Repression. Wollte Ex-Bürgermeisterin Polfer nicht auch private Sicherheitsbeamte für die Überwachung der Stadtparks einstellen?
Bin Laden und die Freiheit
Die Angriffe auf die Twin-Towers haben einen Mythos zerstört: Die Unverwundbarkeit der USA. Niemand hielt es für möglich, dass eine kriegerische Aktion dieses Ausmaßes im Zentrum der Macht stattfinden könnte. Die amerikanische Regierung reagierte hart: Sie benutzte die Gelegenheit, eine langfristig angelegte, die ganze Welt umfassende Kampagne gegen die „Feinde der Freiheit“ einzuleiten. Der Kampf gegen den Terrorismus rechtfertigt alle Maßnahmen, auch das Töten von Unschuldigen. Dabei weiß die US-Regierung, dass sie den Terrorismus mit Bomben nie beseitigen wird. Inzwischen wird aber kräftig an diesem Krieg verdient, wie der Spiegel jüngst zu berichten wußte. Besonders eine Firma fährt Millionengewinne ein: die Carlyle Group, für die frühere Minister diverser US-Regierungen und George Bush Senior in Person arbeiten¹⁰.
Nicht auszudenken ist, was noch alles geschehen wird und schon geschieht: Die Verstärkung der Spionage und Überwachungsaktivitäten der Geheimdienste in allen Ländern, denen natürlich zuerst wieder die Kriegsgegner und andere Querdenker zum Opfer fallen werden. Sogar das Bankgeheimnis sollte zum Entsetzen der Banken in Luxemburg und anderer Standorte gelockert werden. Aber auch in den USA beginnen Bürgerrechtsbewegungen sich gegen eine Beschränkung der bürgerlichen Freiheiten zu wehren.
"Vaincre la peur" par Pessin, in: Le Monde
Massenhysterie?
Angst ist laut dem Psychologen Luchmann „ein wertvolles Gefühl, das uns vor Gefahren schützt, indem es eine Flucht- oder Kampf-Reaktion auslöst. Es gibt eine biologisch vorgegebene Bereitschaft des Körpers, auf gewisse Dinge mit Angst zu reagieren. Ebenso kann sich der Schmerz einer körperlichen oder psychischen Verletzung so tief im Gedächtnis eingraben, dass allein der Gedanke an eine Wiederholung Angst oder Panik auslöst.“ Auf die Frage, wieso Angstzustände ganze Bevölkerungsgruppen erfassen können, die sich daraufhin leicht beeinflussen und manipulieren lassen, gibt eher die Soziologie als die Psychologie eine Antwort.
Der Heidelberger Arzt Karl C. Mayer spricht von massenhaft akut auftretenden psychogenen Erkrankungen – eben von Massenhysterie – die auf politischem Gebiet „katastrophale Folgen“ haben können. Es gibt sie seit dem Mittelalter. Juden, Homosexuelle und Hexen waren oft die Auslöser, und die religiöse Variante, die bis zum Massenselbstmord geht, konnte in den letzten Jahren in Uganda, den USA und der Schweiz beobachtet werden. Die Sensationsmeldungen in Presse und Fernsehen können massenhysterische Erscheinungen verstärken, besonders bei Umweltängsten. Mayer beschreibt im Detail die Merkmale der Massenhysterie¹¹. Erstaunlich ist, dass Betroffene tatsächlich Symptome einer echten Erkrankung aufzeigen, obschon keine Ursache nachweisbar ist.
Die Unsicherheit in der Bevölkerung – und damit die Angstbereitschaft – nimmt zu, wenn sich die Gesellschaft in einer Krise befindet. Auslöser können Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit,
Gefährdung der Gesundheit, Angst vor der Kriminalität, aber auch Perspektivlosigkeit und Sinnkrise sein. Wenn große Teile der Bevölkerung auf dem Höhepunkt der Krise völlig desorientiert sind, treten die Demagogen auf,
Angst ist laut dem Psychologen Luchmann „ein wertvolles Gefühl, das uns vor Gefahren schützt, indem es eine Flucht- oder Kampf-Reaktion auslöst.“
die den Hass predigen. Die Nazizeit ist ein eindrucksvolles Beispiel für diese Prozesse. Die Kritik am Rechtsextremismus ist jedoch beendet. Es gibt dem, was dazu gesagt worden ist, nichts mehr hinzuzufügen. „Heute sind es prominente Politik und herrschende Medien, die Gas geben und jene Plätze und Räume schaffen, die von den realen Personen, die für Rechtsextremismus stehen, nur noch besetzt werden“, so Klaus Richter in der österreichischen Zeitschrift Juridikum¹². Ein Beispiel hierfür ist die Einwanderungsdebatte in Deutschland, wo die CDU/CSU sogar gegen die Meinung der Kirchen und der Unternehmerverbände an einer populistischen Stimmungsmache gegen die Ausländer festhält.
Angst essen Seele auf
Die Geschichte von Emmi und Ali, verfilmt 1973 von Rainer Werner Fassbinder hat sich seither zig-tausendmal wiederholt. Doch die Menschen scheinen aus der Vergangenheit nichts zu lernen. Muss wirklich jede Generation aufs Neue die Erfahrung von Verfolgung, Elend und Krieg machen. Anscheinend sitzt die Angst vor dem Anderen tief in uns drin. Judith Harris zitiert den
Sozialpsychologen Henri Tajfel, der im Anschluss an die Robbers Cave Studie das Verhalten von Jugendlichen untersuchte: „Offensichtlich genügt die bloße Tatsache einer Unterteilung in Gruppen zur Auslösung diskriminierenden Verhaltens“¹³. In der Robbers Cave Studie wurden zwei Gruppen von Jugendlichen in ein Pfadfinderlager gebracht. Sie wussten nichts voneinander. Bereits bei der Wahrnehmung der Existenz einer anderen Gruppe begannen Feindseligkeiten auszubrechen. Als sie bei Wettbewerben gegeneinander antreten mussten, steigerten sich die Feindseligkeiten bis hin zu Handgreiflichkeiten, um am Schluss des Experiments in einen regelrechten Bandenkrieg auszuarten.
Die Geschichte der Menschheit ist voll von Gräueltaten, die von Menschen gegen Menschen verübt wurden und täglich kommen neue hinzu. Hat der vierte Weltkrieg begonnen. Das Geschäft mit der Angst blüht. Von der Impfung über die Versicherung bis zum „Nuclear Defence Shield“ von Präsident Bush: Jedes Risiko kann versichert werden. Über die Kosten-Nutzen-Relation wird nicht diskutiert. Die Menschen, die das Vertrauen verloren haben, können sich jederzeit an eine der zahlreichen Endzeit-Sekten wenden. Zyniker können eine Krawatte mit dem Milzbranderreger als Motiv kaufen, made in USA.
Robert Soisson
¹ Siehe das Interview mit Jean Baudrillard im Spiegel 3/02, S. 178 ff.
² Notiz auf dem Börsenseite von Reuters und Handelsblatt. „Doch mit sicheren Kursgewinnen sollten Anleger nicht rechnen.“
³ Antje Sirleschow und Rita Neubauer: Das Geschäft mit der Angst – Sicherheit geht vor.
⁴ Die folgenden Informationen stammen aus einem Artikel von Boris Kanzleiter: „Bayer-Konzern versucht mit Anthrax-Medikament Extra-Profite zu machen“ in http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/9953/1.html
⁵ Stock World – Börsennews Biotech, Oktober 2001.
⁶ Dagmar Rosenfeld: Das Geschäft mit der Angst.
⁷ Ralf Schüler: Die Versicherungsgesellschaft, Märkische Allgemeine Zeitung, 2.8.2001, S. 33.
⁸ Hubert Beste: Morphologie der Macht: Drogen, Prostitution, urbane Raumkontrolle, Campus-Verlag 2001.
⁹ „Öffentliche Sicherheit“ Nr. 12/1997.
¹⁰ Spiegel Online, 16.1.2002.
¹¹ http://www.neuro24.de/massenhysterie.htm
¹² Nr. 2/95, siehe http://normative.zusammenhaenge.at/beitoege/geschaeft_d_rechten.html
¹³ Judith Harris: Ist Erziehung sinnlos?, Rowohlt 2000, S. 198.
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