Das Kind in der luxemburgischen Gesellschaft

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Wie steht es um das Kind? Wer kümmert sich um die Kinder: die öffentlichen Institutionen, die Familie, sprich Mutter und Vater, oder etwa die Großeltern? Welche Institutionen stehen den Eltern zur Auswahl, um ihre Kinder in die Welt unserer institutionalisierten Gesellschaft hineinzuführen? Welche Positionen haben die Eltern in diesen Institutionen? Und last but not least welche Positionen haben die Kinder in diesen Institutionen?

Diese Fragen setzen eigentlich weitreichende soziologische Untersuchungen, ethnologische Beobachtungen, philosophische Überlegungen voraus; weder das eine noch das zweite oder dritte bestehen und ich kann sie hier auch nicht liefern, so dass meine sehr bescheidenen Beobachtungen und statistischen Zahlen allenfalls Ursache zum Widerspruch, Aufforderung zu weiterführenden Untersuchungen und breiter angelegten Diskussionen sein können.

Betreuung der Kinder

Beginnen wir mit den anfänglich gestellten Fragen: wer kümmert sich um die Kinder? Ein historischer Rückblick zeigt eine deutliche Entwicklung weg von der familiären Betreuung zur institutionellen, doch ist diese im europäischen Vergleich noch nicht allzu weit „fortgeschritten“.

Vor ca. 10 Jahren erarbeitete ein europäisches Netzwerk („Garde d’enfants“ geleitet von Peter Moss, UK) interessante vergleichende Zahlen und nicht weniger interessante Erklärungen: für Luxemburg gab es damals in der Altergruppe 0 – 4 Jahre für ca. 2 – 3% der Kinder dieser Altersgruppe Plätze in Institutionen (privat oder öffentlich) – im Vergleich dazu gab es in Dänemark, dem EU-Vorzeigeland der damaligen Zeit, Plätze für 45%; mittlerweile sind die besagten 2 – 3 % auch in Luxemburg auf ca. 8 bis 13 % gestiegen.¹ Eine Studie des CEPS² von 1985

zeigte, dass die Frauen, die arbeiteten, ihre Kinder zu 51% von der Familie, sprich der Großmütter hüten ließen. Der Anteil der betreuenden Großmütter sank bereits 1990 auf ca. 34%, läge heute sicher noch um einiges tiefer und wird mit zunehmender Berufstätigkeit der jetzigen Mütter weiter sinken. Welche Haltungen, welche politischen Gedankengänge konnten so diver-

bringung“ der Kleinkinder war und ist immer noch Sache der Eltern und nicht die des Staates.

„e Kand versuergen“, „Versorgung“, „Unterbringung“: die beiden letzten Begriffe werden lediglich im statistischen Jargon benutzt, „la garde d’enfants“ im Französischen. All diese Ausdrücke implizieren eine wenig erquickliche Position, die das Kind in unserer Gesellschaft hat: es ist Objekt von Maßnahmen, die es über sich ergehen lassen muss! Das Äquivalent im Deutschen heißt „ein Kind hüten“, auch hier entscheidet nicht das Kind, doch sollte es wenigstens vor ungenannten Gefahren geschützt werden…

Woher diese Unterschiede?

Wie erklären sich diese nicht unerheblichen Unterschiede? Peter Moss zog folgenden Schluss: In GB, in Deutschland, Österreich und den Niederlanden, wo psychologisierende und im weitesten Sinne psychoanalytische Gedanken relativ stark vertreten waren/sind, versuchen Eltern während der ersten drei Jahre (der Zeit die das Kleinkind zur Entwicklung seines Ego braucht) die eigene Präsenz so weit wie möglich zu gewähren, um somit eine institutionelle „Versorgung“ zu vermeiden. Hier sind auch die Schulzeiten während der ersten Jahre sehr begrenzt, Deutschland hat immer noch – das soll in diesem Zusammenhang ohne negative Konnotation hier festgestellt werden! – keine Kindergartenpflicht. Der Kindergarten

Arbeitsmarktpolitische Überlegungen sollten sich selbst aus dem Zentrum nehmen und die Sorgen und Bedürfnisse der Kinder im Sinne einer positiven Reproduktion unserer Gesellschaft als zentralen Aspekt beachten.

gierende Gesellschaftsmodelle wie die Luxemburgs und Dänemarks entstehen lassen. Zweifelsohne herrscht in Dänemark die Meinung vor, die öffentliche Hand sei verantwortlich für die „Versorgung“ der Kinder (und die der alten Menschen), während hierzulande eine christdemokratische Vorstellung von Subsidiarität dem Staat „Zurückhaltung“ auferlegte: der Staat intervenierte nur dann, wenn Not am Mann war/ist und nur soweit, wie die Bedürfnisse dringend waren/sind. So verlief der Ausbau des öffentlichen Netzes der foyers de jours, die mittels einer Konvention mit dem Familienministerium funktionieren, nur sehr langsam. Die „Unter-

Photo: Norbert Ketter

ist im Normalfall auf ca. 3 Stunden morgens beschränkt – um dem Kind genug Zeit „in seiner eigenen Höhle“ zu gewähren.

Dem entsprechend lagen auch die Angebote der britischen nurseries damals (Studie P. Moss) für die 0 bis 2-jährigen bei nur 2%. Gedankengänge dieser Art sind in Portugal hingegen kaum verbreitet.

Nun hat man mittlerweile auch in Dänemark die negativen Folgen der massiven institutionellen Erziehung erkannt und versucht bereits seit einigen Jahren, beide Elternteile zur Verantwortung zu ziehen: die Berufstätigkeit beider Elternteile wird nicht in Frage gestellt, auch nicht der gleichwertige Anteil Beider, wohl aber ihr quantitativer Anteil. Während dieser ersten Jahre sollte es zu einer sehr viel stärkeren Beteiligung der Eltern an der Erziehung der Kinder kommen, beide sollten sich auf 6 Std. Arbeit pro Tag beschränken, sich zu Hause ablösen und nur für wenige Stunden am Tag auf die Institutionen zurückgreifen. Um ehrlich zu sein, auch ein älteres Kind möchte sich am Ende eines Schultages seiner Sorgen und Ärgernisse so schnell wie möglich entledigen und braucht einen ihm vertrauten Zuhörer.

Doch was sind die Auswirkungen jener ganztägigen institutionellen Erziehung? Eine Reihe psychologischer Studien stellten einen offensichtlich sehr viel deutlicheren Gebrauch von Sozialdiensten während des ganzen Lebens fest, den man einer nicht ausreichend ausgebildeten Selbstsicherheit zuschreiben kann. Bruno Bettelheims Vergleich zwi-

zwischen der Kibbuzerziehung und dem traditionellen Aufwachsen in der Familie trifft den Vergleich zwischen familiärer und institutioneller Erziehung auch: während die im Kibbuz aufgewachsenen Kinder offensichtlich weniger neurotische Konflikte/Krisen verzeichnen, ist ihre Bindungsfähigkeit auch entscheidend geringer, anders gesagt ihre Beziehungen zu anderen sehr viel oberflächlicher.

Für Luxemburg scheint mir, dass die psychologisierende Erklärung weder für die geringe Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt noch für die geringen Plätze in den Institutionen geltend gemacht werden kann. Hier spielte ohne Zweifel die KKK-Ideologie – Kinder, Küche, Kirche – eine sehr viel größere Rolle. Immer wieder wurde von der Verwaltung das Prinzip der Subsidiarität hochgehalten, ein m.E. durchaus berechtigtes Prinzip aus der Sicht der kindlichen Entwicklung, weniger aus der Sicht der Frauen und damit auch der gleichzeitig betroffenen Kinder.

Verarmung von Kindern und Frauen

Betrachtet man die Resultate eines anderen europäischen Observatoriums („Femme et Emploi“), so ziehen die hier versammelten Experten den Schluss, nur Berufstätigkeit, und genauer gesagt Vollzeitätigkeit stellt eine wahre „Garantie“ gegen Verarmung im Fall einer Trennung dar. Trennungen betreffen ein Drittel der Kinder. Verarmung betrifft mittlerweile 20% der Kinder in Deutschland. Der damit verbundene

Ausschluss aus allgemein gültigen Standards wie z.B. ins Kino gehen, verreisen können etc. bedeutet für die Betroffenen – Kinder und Mütter – eine harte, stigmatisierende, zu Spannungen, Krisen und Depressionen führende Situation, der man zweifelsohne auch als Staat entgegenwirken sollte. Doch wie?

Immer noch liegt der Anteil der berufstätigen Frauen in Luxemburg (2000: 48 %) weit unter dem Dänemarks (1999 : 77%), unter dem europäischen Durchschnitt von 62,2% und im letzten Fünftel der 15 EU Länder zusammen mit Griechenland, Italien und Spanien.

Die Organisation des Berufslebens der Eltern

Die Gratwanderung, die man als Eltern, meist jedoch nur als Mutter unternimmt, um berufliche, eigene Interessen und die des Kindes zu vereinbaren, stellt ein anspruchsvolles Unternehmen dar. Wie schnell stimmen die Parameter, mit denen man begonnen hat, nicht mehr: ein Kind wird ernsthaft krank, psychische oder schulische Probleme zeigen sich, ganz zu schweigen von Trennungen der Eltern, die dann alles durcheinander bringen. Welcher Platz darf/muss/sollte man/frau dem Kind und dem Beruf zugestehen? All diese Fragen werden individuell sehr unterschiedlich beantwortet. Bezeichnend sind hier auch die Anteile an halbtags tätigen Frauen in den verschiedenen Ländern. Doch die Frage, die man neben der persönlich zu entscheidenden Frage des Ausmaßes des einen und

Photo: Michèle Helminger

des anderen zu stellen hat, ist die, wie die Gesellschaft und in dem Fall genau genommen der Staat und die Wirtschaft ihre Bedingungen anbieten.

Seit dem Beginn der europäischen Beschäftigungsstrategie (Luxemburger Gipfel, November 1997) empfiehlt die europäische Kommission, die Strukturen der Arbeitsorganisation zu überdenken: „wie, wo (télétravail z.B.), wieviel“, um flexiblere Angebote zu ermöglichen. Ein Aufbrechen der gegebenen Strukturen fällt Luxemburg mit seinem stark ausgeprägten Schutz des Arbeitnehmers besonders schwer. Seit dem ersten PAN (Plan d’action national) 1998 ist im Rahmen der Tripartite das Aushandeln neuer Organisationsformen der Arbeit ein leidiges Problem.

Als Vorreiter könnte der Staat ein flexibleres Angebot in Sachen Zeit (und Organisation der Arbeit) machen. So gibt es im öffentlichen Dienst derzeit lediglich Voll- und Halbzeitstellen. Die Wirtschaft ist hier sehr viel flexibler: zwischen den offiziellen Anträgen an die Inspection du Travail et des Mines zur Genehmigung neuer Modelle und der Realität liegen offensichtlich Welten. Man einigt sich viel einfacher unter der Hand, und da kann man ja im gegenseitigen Einverständnis alles bzw. fast alles machen. Bezeichnend scheint mir hier ein vor Jahren in der „Zeit“ erschienener Artikel, der einen Betrieb in Schwaben beschrieb: die Betriebschefin engagierte hauptsächlich Frauen und bot ihnen ein „sur mesure“ an, von 10 bis 40 Std./ Woche mit „merkwürdigsten“ Verteilungen der Arbeitszeit. Sie stellte eine extrem geringe Anzahl von Krankmel-

Krankmeldungen fest, eine hohe Motivation und allgemein eine sehr zufriedenstellende Leistung ihres Betriebes. Gleiches wird von anderen Studien bestätigt: „singles“ verzeichnen sehr viel mehr Krankmeldungen als Familienväter und -mütter. Dass die Motivation bei einer für die Familie passenden Arbeitszeitorganisation hoch ist, ist verständlich: beide Bedürfnisse können zufriedenstellend unter einen Hut gebracht werden.

Welche Empfehlungen?

Selbstverständlich gibt es kein einheitliches Modell, das „man“ empfehlen kann. Der Rat zur durchgängigen Vollzeitarbeit der Frauen³ stimmt sicher in Sachen Einkommens-Absicherung der Frauen und der Kinder, doch ob er in Bezug auf die Zufriedenheit der Kinder angebracht ist, wage ich zu bezweifeln. Jedes Elternpaar trifft seine eigene Entscheidung, doch könnte der Staat zumindest die Organisation im öffentlichen Dienst in dieser Hinsicht vorbildlich gestalten. Der dänische Vorschlag zeitlich begrenzter gleicher Beteiligung beider Elternteile scheint mir der zu sein, der sich langfristig durchsetzen wird.

Das hieße, dass das Subsidiaritätsprinzip des Familienministeriums stimmt, auch wenn es ursprünglich aus anderen Überlegungen heraus entstanden ist.

In den beschäftigungspolitischen Überlegungen, insbesondere zur Frage der Aktivierung der Frauen und der neuen Organisationsformen fehlen mir immer zwei Elemente:

Das wichtigste ist die Sorge um das Kind. Ohne Zweifel ist die aktuelle

Situation am Arbeitsmarkt so, dass die Wirtschaft die Frauen massiv einstellen würde – wenn sie die Qualifikationsbedingungen erfüllen; denn die Grenzregionen „liefern“ nicht mehr das nötige Quantum. Es sieht hier im Moment nicht anders aus als in Schweden vor Jahren, als ebenfalls die Wirtschaft – und nicht die feministischen Bewegungen! – die Aktivierung der Frauen provozierte. Doch stimmen hier die Parameter für das Kind noch, vor allem wenn es sich um eine Vollzeit-Aktivität beider Elternteile handelt? Die Gefahr besteht, dass wir in die gleiche Schiene der Vollzeit-Unterbringung der Kinder geraten, die wir dann am Ende eines Generationsabschnittes wieder überdenken und rückgängig machen wollen/müssen.

Die zweite Überlegung gilt der Aktivität beider Elternteile, sowie spezifischer Bedingungen für Einelternfamilien: Auch die Arbeitszeiten für Männer sollten überdacht werden im Sinne einer bestmöglichen Präsenz bei den Kindern.

Um hier ein letztes Missverständnis auszuräumen: das zweite Element scheint mir wichtig! Im Gegensatz zum oben genannten Subsidiaritätsprinzip des Familienministeriums, dem offensichtlich die ständige Präsenz eines Elternteils als Ziel zu Grunde lag (auch hier haben sich die Dinge geändert, denn das Schaffen von Kindergartenplätzen gehört mit zu den Forderungen des PAN 1998!), scheint es mir evident, dass auch die Mütter der ihnen wichtigen beruflichen Aktivität nachgehen sollten, zum einen zur Absiche-

rung ihres eigenen Lebens und der des Kindes, zum anderen aber auch, und das kommt den Kindern zugute, im Sinne einer größeren inneren Zufriedenheit. Ganz offensichtlich ist die teilweise abwesende, da berufstätige Mutter, im Durchschnitt sehr viel deutlicher bemüht, die verbleibende Zeit voll und ganz im Sinne ihrer Kinder zu gestalten. Ergo: arbeitsmarktpolitische Überlegungen sollten sich selbst aus dem Zentrum nehmen und die Sorgen und Bedürfnisse der Kinder im Sinne einer positiven Reproduktion unserer Gesellschaft als zentralen Aspekt beachten. Es ist am Staat, hier den ersten Schritt in Sachen Flexibilisierung zu machen und an den Gewerkschaften, diese heftig zu unterstützen.

Institutionen für Kinder oder Kinder für Institutionen?

Kommen wir nun auf die hier existierenden Institutionen zu sprechen – welche pädagogischen Alternativen bieten sich den Eltern? Ohne Zweifel gibt es mittlerweile mehr Krippen, mehr Plätze in privaten und öffentlichen foyers de jour. Jedoch ist die hiesige Landschaft arm in Sachen unterschiedlicher pädagogischer Ansätze: Einzige allgemein zugängliche Alternative ist der Waldorfkindergarten und die Waldorfschule. In beiden werden die Eltern zu engagierter Mitarbeit herangezogen, so dass das Kind deren Präsenz im alltäglichen Leben in der Schule positiv mitbekommt. Der Aufwand ist so groß, dass sich nur pädagogisch hoch motivierte Eltern zu solchen „Experimenten“ entschließen. Erstaunlich ist, dass diese Schule trotz 17-jährigen Bestehens sich zwar stufenweise aufgebaut hat, sich jedoch nicht so vergrößert hat⁴, dass man daraus eine massive Nachfrage und entsprechende Unterstützung der öffentlichen Hand herauslesen könnte. Offensichtlich ist die Suche der Eltern nach Alternativen nicht so dringend, dass sie sich wie in den Nachbarländern organisieren würden zwecks Gründung eigener Initiativen. (Eine einzige ist mir bekannt, die aber mit dem Herauswachsen der Kinder der Gründer von der Bühne verschwunden ist: der Wibbeldiwapp.)

Daneben gibt es noch das eine oder andere foyer de jour, das bestimmte päd-

pädagogische oder politische Ziele verfolgt: so z.B. die foyers de jour vom Typ „porte ouverte“, die sich einer zusätzlichen Förderung sozial schwacher Kinder verschrieben haben, oder auch der Internationale Kindergarten, der ursprünglich ein sprachlich und pädagogisch vielfältiges Angebot machte (ähnlich dem Modell der Europaschule), jedoch mittlerweile von diesem Anspruch angesichts der Konventionierung zurücktreten musste, sich neue Ziele gesucht hat wie das der Integration behinderter Kinder und die Anwendung bestimmter Elemente italienischer Pädagogik.

Alles in allem werden die Kinder, die aus Gründen der Berufstätigkeit ihrer Mütter in den vorhandenen Institutionen „versorgt“ werden, dort aus praktischen Gründen „untergebracht“, ohne dass die verschiedenen pädagogische Vorgehensweisen zur Diskussion stünden.

Zweifelsohne sind in Luxemburg internationale Schulen proportional stark vertreten, sie sind jedoch den jeweiligen Ausländern vorbehalten, zum Teil schwer zugänglich und „unbezahlbar“. Kann man die massive Präsenz ausländischer Schulen als Indiz für eine Unzufriedenheit der betroffenen Eltern mit dem luxemburgischen System ansehen?

Der Steinerschen Pädagogik ebenso wie den anderen expliziten pädagogischen Konzepten liegt ein Respekt gegenüber dem Kinde zu Grunde, der die Basis jedes Familien- und institutionellen Zusammenlebens sein sollte. Ist dieser Respekt auch im Rahmen der öffentlichen Schule gewährleistet? In welchem Ausmaß wird Wünschen und Anregungen der Kinder Rechnung getragen, werden sie aufgefordert, sich in diesem Sinne zu äußern und bei der Realisierung entscheidend mitzumachen? Wie häufig fällt ein komplettes „Übersehen“ der eigentlichen Hauptfigur in der Schule auf: beim Begrüßen zweier Erwachsener wird nur zu oft das anwesende Kind komplett „vergessen“.

Werfen wir nun einen kurzen Blick auf die luxemburgische Schule, die ja mit der Spill-„schoul“ beginnt, so verweisen wir einerseits auf die zwei kürzlich in forum erschienenen Dossiers (Nr. 204, Dezember 2000 und Nr. 206 März 2001) und unterstreichen hier gleich den Begriff „Schoul“. Bereits die Jahre vor dem Eintritt in die wirkliche Schule verdienen offensichtlich den Begriff „Schoul“: visiert man eine ausschließliche Unterstützung der kognitiven Entwicklung des Kindes? Vergisst man nicht darüber andere gleich bedeutende Teile wie die soziale oder die motorische Entwicklung sowie die Entwicklung kreativer Fähigkeiten?

Alles in allem werden die Kinder, die aus Gründen der Berufstätigkeit der Mütter in den vorhandenen Institutionen „versorgt“ werden, dort aus praktischen Gründen „untergebracht“, ohne dass die verschiedenen pädagogische Vorgehensweisen zur Diskussion stünden.

Vergleicht man darüber hinaus schulische Programme – und mittlerweile besitzt auch die Spillschoul ein Programm – so zeigen sich im Vergleich mit den nördlichen und westlichen Nachbarn deutliche Differenzen: Während die einen einen zeitlich lockeren Stundenplan in den ersten Jahren (2 – 3 Stunden Schule pro Tag) aufstellen, der fast jede berufstätige Mutter zum Unterbrechen zwingt, gibt es hier einen gefüllten Stundenplan, der dem Kind allein physisch viel abverlangt und je höher es steigt, um so weniger Zeit läßt für andere Dinge, insbesondere für freies Spielen.

Was versteht man unter dem in diesen Nachbarländern heiligen freien Spiel? Anläßlich des Besuchs eines foyer de jour vom Typ „porte ouverte“, das sich die Integration ausländischer Kinder zum Ziel setzt, kamen österreichische Besucher entsetzt aus der Phase „freies Spiel“ heraus: Das Angebot bestand darin, aus einer breiten Auswahl von Gesellschaftsspielen sich ein Angebot und den entsprechenden Partner auszusuchen. Der gleiche Begriff bedeutet in unseren Nachbarländern, dass die Kinder sich aus dem im Kindergarten vorhandenen Angebot von Grundmaterialien wie Bausteinen, Steinchen, Ästen, Autos, Männchen etc. etwas aufbauen,

Rollenspiele machen, Dinge erproben, die keiner von den Erwachsenen vorgegebenen Struktur unterworfen sind.

Zitieren wir an dieser Stelle eine „Spillschoul-Joffer“ (während einer Sitzung des Conseil supérieur de l’Education Nationale). Wie erschreckt sei sie gewesen, ihre ehemaligen Kinder nach nur wenigen Primärschuljahren wiederzusehen: aus den spontanen, phantasievollen Kindern sind angepasste Schüler geworden, bei denen man sich die Frage stellt, inwieweit sie später einmal den Mut aufbringen werden, ihre eigene Person zu leben und zu offenbaren.

Die Mitsprache der Eltern in der Schule ist sehr begrenzt; offensichtlich ist bereits der physische Zugang zum Gebäude ein heikles Thema, ganz zu schweigen von Mitarbeit der Eltern in der Schule, auf die insbesondere die jüngeren Schüler immer so stolz sind. Wie häufig könnte man Kompetenzen der Eltern nutzen und in den Unterricht einbauen – seien es berufliche Kompetenzen oder Hobbies. Doch dazu bedarf es regelmäßiger Elternabende und viel Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern, um eine sinnvolle Planung zu machen. Stattdessen wird das Kind in die Schule geschickt, dort „versorgt“, sprich erzogen und angepasst, ohne dass die Eltern mitgestalten können.

Alles in allem scheinen sich die öffentlichen Institutionen nicht so sehr dem Ziel einer kindgerechten breiten Förderung, sondern vielmehr dem einer

hauptsächlich kognitiven Förderung und Anpassung an die gesellschaftlichen Strukturen verschrieben zu haben. Das Kind mit all seinen Facetten, Bedürfnissen, Möglichkeiten und Kompetenzen, seien es nun motorische, kognitive, kreative, psychische Bedürfnisse, steht als Objekt einer hauptsächlich kognitiven „Beschulung“ im Mittelpunkt unserer Schule – steht es wirklich im Mittelpunkt oder ist es dazu da, die „für es“ entwickelten Programme über sich ergehen zu lassen.

Für ein kindgerechtes Umfeld

Und dabei hat man in Luxemburg so auf die Kinder gewartet: In den 60-iger Jahren blieben sie plötzlich aus, Studien wurden in Auftrag gegeben, großzügige finanzielle Zuschüsse des Staates sollten die Geburtenraten steigen lassen. Der Effekt blieb aus. Gott sei Dank haben sich die Eltern damals nicht von jenen Finanzangeboten hinreißen lassen – welches Resultat, welche Art Liebe zum Kind hätte sich sonst dabei entwickelt.

In den 70-iger Jahren holte man dann portugiesische Familien ins Land, um die Situation aufzubrechen, doch auch die portugiesischen Frauen passten sich sehr schnell die hiesigen Familienplanungstendenzen an. Mittlerweile, doch unabhängig von jenen Finanzspritzen sind die Geburtenraten von 1.3 auf 1.7 gestiegen, erstaunlicherweise sind es jetzt die luxemburgischen Mütter die 2

bis 3 Kinder haben und nicht mehr die Portugiesinnen. Man hat europa- und weltweit festgestellt, dass berufstätige Frauen, insbesondere solche mit höherer Ausbildung mehr Kinder haben als nicht aktive und geringer Ausgebildete. Welche Dinge geben hier einen Anreiz? Anders gesagt, welche Strukturen sind nötig, dass es zu der viel zitierten „conciliation de la vie familiale et professionnelle“ kommt? Drei wichtige Bedingungen sollten m.E. erfüllt sein, um den Eltern Familien- und Berufsleben in der für sie gewünschten Form ermöglichen zu können: das urbanistische Umfeld des Kindes sollte angepasst sein⁵; die Organisation der Arbeit der Eltern sollte freien Entscheidungen keinen Stein in den Weg legen; Institutionen für die Kinder müssen so geschaffen sein, dass sie sowohl praktisch⁶ als auch inhaltlich dem Kind gerecht werden und den pädagogischen Vorstellungen der Eltern entsprechen.

Claudia Hartmann-Hirsch

¹ Jeder, der sich mit Erarbeiten von Zahlenmaterial in jenen Jahren und auch noch heute abgegeben hat, weiß, welche Sisyphos-Arbeit und Fehlerquellen dahinterstecken – doch bei aller Einschränkung: Tendenzen geben diese schwer zu harmonisierenden Zahlen immer an.

² Auf Basis des sozio-ökonomischen anels von 1985. (Aubrun, A. / Hausman, P., 1990, Les modes de garde des jeunes enfants, Wallerdange: CEPS.)

³ cf. „Femmes et Emploi“, C. Meulders / O. Plasman, UIB, Bruxelles 1992.

⁴ Eine Klassenstufe nach der anderen kam hinzu, jedoch keine Verdoppelung der Kapazitäten der einzelnen Klassenstufen.

⁵ Den urbanistischen Aspekt haben wir hier vernachlässigt. Sind die Wohnviertel angepasst? Wie schwierig ist es, aus einer nicht allzu befahrenen Strasse eine Wohnstrasse zu machen, wie zögerlich ist dabei die Haltung der Gemeinden? Hier hat man immer den Eindruck, dass die Autolobby sehr viel stärker ist als die der Eltern. Das Auto ist ohne Zweifel die gefährlichste Bremse für die Motorik und Abenteuerlust der Kinder; doch auch die neuen Medien üben eine große, zu große Anziehungskraft aus.

Spielplätze gibt es, doch gibt es genug Ecken, die wild belassen zum eigenständigen Aufbau von „Projekten“ anreizen?

Für die Jugendlichen ist es noch schwieriger. Ihnen den entsprechenden Platz und die für sie freien Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, ist nicht immer einfach: Skatehallen, Discotheken, die erschwinglich sind, Plätze, wo man sich treffen kann. Immer wieder stößt man auf das leidige Problem des Lärms sowie das Unverständnis für diese Altersklasse. Immer wieder sagen Vereine, wie leicht es sei, fundraising für Kleinkinder zu betreiben, wie schwierig jedoch gleiches zu Gunsten von Jugendlichen ist.

Und eine wirklich spürbare Elternlobby ist bisher noch nicht entstanden: die Elternvereinigung tritt öffentlich-politisch leider nie auf.

⁶ Dieser Aspekt, nämlich die Stunden des Samstagvormittags sind ja ausführlich diskutiert worden.

Photo: Norbert Ketter

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code