Das Wort zum Demonstrations-Sonntag

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Die drei Bischöfe unser Region haben sich in einem Schreiben zur Kernkraftproblematik geäußert (LW 7.6.1986). Am Tag vor der Demonstration veröffentlichte der Direktor des LW einen Leitartikel unter dem Titel "Christen und Cattenom" (14.6.), der in der Öffentlichkeit als eine Desavouierung der Bischöfe gewertet wurde. Wie sooft ist das LW päpstlicher als der Papst. Im folgenden wollen wir diesen Artikel von Hd. gemeinsam lesen.

Unmißverständlich sei gleich vorweg gesagt: Zu Cattenom, wie zur Entwicklung und Anwendung von Kernenergie überhaupt, können derzeit Christen unterschiedliche, ja diametral entgegengesetzte Meinungen haben, ohne daß deshalb die eine Seite die andere verketzern darf.

Toleranz ist angesagt. Man darf also gespannt sein.

Ebenso ist, angesichts der sich häufenden Manifestationen und Demonstrationen, von Anfang an die für jeden Christen verbindliche Gewissensfrage zu stellen: „Wer steht eigentlich gerade und übernimmt die Verantwortung dafür, wenn im Gefolge solcher Aufmärsche Eigentum zerstört wird und Menschen zu Schaden kommen?“

"Christen und Cattenom" heißt der Leitartikel und Cattenom bzw. die Atomkraft stellt in der Tat jeden Christen vor eine Gewissensfrage. Da mutet es doch seltsam an, daß angesichts der Toten und Verstrahlten sowie der abzusehenden Nachwirkungen, sofort die Rede geht von Ausschreitungen bei Demonstrationen.

Vom Evangelium her, das keine fertigen, einseitigen Aussagen zu Cattenom oder Wackersdorf oder sonst einer Kernkraftanlage zuläßt, ist zu den Ausschreitungen bei Demonstrationen zu vermerken: Wer heute, nach allem, was wir wissen und erlebt haben, zu derartigen Manifestationen aufruft, muß mit dem Ernstfall rechnen und kann gegebenenfalls von seiner Mitverantwortung bei Sach- und Körperschäden nicht freigesprochen werden.

Mit dem Ernstfall rechnen muß in der Tat jener, der für Kernkraft ist. Doch hier heißt der Ernstfall Verstrahlung hunderter, tausender Menschen, genetische Schäden für die nächsten Generationen, Verseuchung ganzer Landstriche, enorme wirtschaftliche Schäden und nicht einige "Sach- und Körperschäden".

Das Christentum zwingt uns keine einseitige, ausschließliche, fertige Meinung zu Cattenom oder der Kernenergie im allgemeinen auf. Aber es verpflichtet uns in jedem Fall, ein klares, festes Nein zu sagen zu allen Aufwieglern und Chaoten, zu Anarchisten und Gewalttätern jeder Art.

Wo gibt es die "Aufwiegler und Chaoten, Anarchisten und Gewalttäter"? Sicher nicht auf der Anti-Cattenom-Demonstration, wie jedermann im nachhinein gesehen hat und wie jedem/r informierten Mann/Frau im vorhinein klar war. Nach der Lektüre dieses Satzes ist zumindest klar, wo die Abwiegler sitzen.

Das Christentum spricht uns von Glaube, Hoffnung und Liebe, von Sünde und Erlösung, von Gebet und Gnade; es lehrt uns, was das Leben, was der Mensch wirklich ist; es verpflichtet uns auf die Grundwerte des Lebens und die Menschenrechte; es redet von Verantwortung und Solidarität, Zusammenarbeit und Gemeinschaft; es gebietet uns, mit Optimismus der Schöpfung zu dienen, ohne die Erde zu zerstören und das Leben zu gefährden.

Radioaktivität zerstört das Leben, dies sagen nicht nur die Gegner, dies ist eine Binsenwahrheit – in Fachkreisen. Befürworter und Technokraten rechnen mit folgender Faustregel: pro 100 mrem zusätzlicher Belastung 10 Tote auf 1 Million Einwohner. (So auch die Weltgesundheitsorganisation in ihrem Bericht vom 6. Mai 1986: Chernobyl Reactor Accident, ICP/CEH 129.) Nach dieser Formel errechnete der Luxemburger Chef-Strahlenschützer im "Hei Elei" 3 bis 6 Tschernobyl-Tote in unserem Großherzogtum, das immerhin 1500 km von dem russischen Unglücksmeiler entfernt ist. Für Kernkraftgegner ist diese Zahl viel zu gering angesetzt. Die Kontroverse ist also nicht ob AKW’s Menschen töten, sondern wieviele Menschen sie töten. Auch im Normalbetrieb.

Beim jetzigen Stand unserer Erkenntnisse kann nur gesagt werden: Möglicherweise ist es richtig, mit der Kernenergie und mit Cattenom zu leben, möglicherweise ist es aber auch falsch:

Wir werden mit Cattenom leben müssen, wenn unser großer Nachbar es so entscheidet, und bislang deutet alles daraufhin. Weshalb soll dies richtig sein? Frankreich hat schon zuviel Energie im Grundlastbereich, auch ohne Cattenom. Die Frage der Entsorgung ist nicht geklärt. Ein Unfall kann nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Ein ernsthafter Unfall wird das Ende des Luxemburger Nationalstaates bedeuten.

Legt man die strengen Maßstäbe, die in der Diskussion um das ungeborene Leben benutzt werden, an die Atomkraftdiskussion an, so kommt, angesichts der

potentiellen Bedrohung, für einen Christen nur ein klares "Nein" in Frage. Ein rein volkswirtschaftlich denkender Mensch wird die zusätzlichen Krebsopfer, die in der allgemeinen Statistik sowieso untergehen, gegen den zu erwartenden wirtschaftlichen Nutzen aufwiegen. Ein Christ wird dies nicht machen können.

Was mit dem heute produzierten Plutonium in 100, 1000 oder 10,000 Jahren geschieht, interessiert nicht in der Perspektive einer kurzfristigen Wirtschaftsplanung. Ein um die Schöpfung besorgter Christ wird nicht umhin kommen, die Frage zu stellen nach dem sicheren Verbleib dieses Stoffes, von dem ein millionstel Gramm genügt, um einen Menschen zu töten.

in dem
einen wie im andern Fall kann nicht das
Christentum bemüht werden, um die jeweilige These zu stützen.

Man braucht die Bibel nicht zu bemühen, um Atomkraftwerke zu verurteilen. Die Luxemburger Synode hat die Atomkraft unter den damaligen sicherheitstechnischen und energiepolitischen Rahmenbedingungen als "ethisch nicht vertretbar" bezeichnet. Dieser und andere Leitsätze wurden am 1. Juli 1980 als "verbindliche Richtlinien für das Handeln der Kirche Luxemburgs und der Luxemburger Katholiken" vom Bischof promulgiert (vgl. Kasten). An den zwei Voraussetzungen hat sich bislang noch nichts geändert. Als kirchentreuer Luxemburger Katholik wird man also gegen Cattenom sein müssen.

Viele Menschen leben in der Sorge um die möglichen Folgen der Atomenergie. Die Entscheidung zur Errichtung von Zentralen zur Erzeugung von Atomenergie ist nach dem Gesagten nicht bloß eine Frage der Machbarkeit, der Erfordernisse der Wirtschaft und der Energieversorgung, sondern im Sinne des Lebensschutzes auch und vor allem eine ethische Frage.

Die Synode stellt fest, daß die Christen aus der Sicht ihrer Weltverantwortung der Energiefrage eine besondere Beachtung schenken müssen.

Die Notwendigkeiten der Gegenwart wie auch der Zukunft verlangen einen sparsameren Umgang mit Energie und die Vermeidung jeder Vergeudung.

Was die Gewinnung von Energie durch Atomkraft anbelangt sowie die Errichtung von Atomkraftwerken in unserm Land oder seiner Umgebung, stellt die Synode fest, daß dies nicht bloß eine Angelegenheit der Technologie und der Wirtschaft, sondern auch der Moral ist.

Die kontroversen Sachdiskussionen über die Sicherheit der Zentralen und die zu erwartenden Folgeprobleme ökologischer, biologischer, genetischer, medizinischer, gesellschaftlicher und politischer Art haben noch zu keiner Klärung über die ethische Erlaubtheit zur Errichtung von Zentralen geführt. Das Sicherheitsrisiko ist nach dem gegenwärtigen Stand der Kenntnisse nicht hinreichend geklärt.

Solange keine größere Sicherheit der Zentralen gegeben ist und solange andere Möglichkeiten der Energiegewinnung gangbar sind, ist eine Errichtung solcher Atomzentralen zur Gewinnung von Atomenergie in unserem kleinen Lande unter den gegebenen Umständen ethisch nicht vertretbar.

Spätere Entwicklungen mögen eine andere Entscheidung ethisch vertretbar machen, wenn diese Entscheidung nach Würdigung aller Sicherheitsfaktoren, nach breiterer Willensbildung und nach Feststellung größtmöglicher Übereinstimmung der Bürger durch die politisch verantwortlichen Gremien getroffen

werden. Synodalbeschluss, Der soziale Auftrag der Kirche und Katholiken Luxemburgs, Kirchlicher Anzeiger Nr. 87/1980

Nur das ist gewiß: Wir können nicht mehr zurück zu Kerze und Windmühle; wir brauchen für die Zukunft des Menschen und der Menschheit auf dieser Erde viel Energie, saubere, umweltfreundliche Energie.

Hier wird ein angeblicher Fortschritt gegen "Kerze und Windmühle" ausgespielt. Dabei brauchen wir keineswegs "viel Energie". Moderne Technik hilft Energie sparen und andere, sauberere, erneuerbare Energiequellen nutzen. Kernkraftwerke sind eine gefährliche, veraltete Technik – die komplizierteste und aufwendigste Art und Weise Wasser zum Kochen zu bringen.

Wenn Sie mich fragen (ohne daß ich jemandem meine Meinung aufzwingen will): Falls katastrophensichere Kernkraftwerke gebaut und betrieben werden könnten, wäre das die schlechteste Lösung nicht! Hd.

Auch Befürworter versprechen keine katastrophensichere AKWs. Der Streit geht nur um die Wahrscheinlichkeit des Unfalls. Nach Harrisburg, nach Tschernobyl muß die errechnete Wahrscheinlichkeit nach unten revidiert werden. Aber die wirklichen Gefahren-Profis, die Versicherungsgesellschaften, wußten schon immer Bescheid: Alles kann man versichern, nur keine AKW’s.

P.S. In Frisange haben auch Christen demonstriert, 3 Geistliche haben einen ökumenischen Gottesdienst abgehalten und versucht ein Kreuz und eine Kerze über die abgesperrte Grenze zu tragen. Die ganze Presse hat darüber berichtet, nur nicht das LW. "Wer steht eigentlich gerade und nimmt Verantwortung dafür", daß diese Informationen unterschlagen werden.

Unmißverständlich sei gleich vorweg gesagt: Zu Cattenom, wie zur Entwicklung und Anwendung von Kernenergie überhaupt, können derzeit Christen unterschiedliche, ja diametral entgegengesetzte Meinungen haben, ohne daß deshalb die eine Seite die andere verketzern darf.

Toleranz und Meinungsvielfalt?? Dieser Artikel wurde dem LW am 25. Juni als Leserbrief zugeschickt. Man darf gespannt sein…

Fernand Fehlen

Leben ohne Angst

Die Zeitbombe tickt. Uns und unseren Kindern droht die radioaktive Verseuchung.

Am 7. Juni erscheint Publik-Forum-Aktuell zum Thema Energiewende:

ATOM

Diese achtseitige Aktionszeitung belegt, daß die Energiewende machbar ist. Und zwar sofort. Kein Reaktor ist sicher. Strom haben wir genug – auch ohne Atom. Gesundheit und Umweltschutz müssen Vorrang haben. Wir stellen die Alternative vor. Dieses Publik-Forum-Aktuell gehört in jeden Briefkasten, muß nach dem Gottesdienst verteilt werden, gehört in den Schulunterricht – ist Begleitmaterial für Aktionen und Informationsstände. Den nächsten GAU darf es nicht geben. Keiner darf sagen, er hätte es nicht gewußt. Herausgeber: Leserinitiative Publik. Öko-Institut Freiburg.

Diese Aktionszeitung ist gegen Einsenden von 20,- in Briefmarken oder durch Ueberweisung auf das CCP 45059-88 des "Centre Chrétien d’Education des Adultes", Luxembourg, erhältlich.

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