„De Poopst ka nët sangen!“

Ein Papstbesuch ohne inhaltliche Akzente

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Ein Papstbesuch ohne inhaltliche Akzente

Wer die Reden, die der Papst bei seinem Besuch in Luxemburg gehalten hat, inhaltlich analysiert, muss zur Feststellung kommen, dass sie magere Kost sind. Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ kann der Papstbesuch also kaum als Erfolg bezeichnet werden. Das dort vermittelte Kirchenbild hat eher pastorale Hindernisse aufgebaut als abgebaut. Nur die konservativen Kräfte in der Kirche dürften sich von den Allgemeinplätzen des Papstes bestätigt fühlen.

Angesichts meiner musikalischen Ignoranz hatte ich es selbst nicht gemerkt. Doch es soll einhellige Meinung aller Kirchensänger gewesen sein – und deren gab es bei den einzelnen Papstauftritten wahrlich genug: die Weise, wie Johannes-Paul II. auf dem Glacis-Feld das "Gloria" anstimmte, soll so ziemlich die schlimmste Intonation gewesen sein, die selbst ein an gesangsunkundige Pfarrer gewohnter Kirchenchor erwarten darf. Wenn ich behaupte, diese musikalische Enttäuschung über den Papst sei wohl nicht die weittragendste, so will ich damit keineswegs die zeitraubende Vorbereitungsarbeit der Kirchenchöre herabwürdigen. Sogar mir war die Vielfalt und Ausgewogenheit des musikalischen Programms aufgefallen.

Meine wesentlichere Enttäuschung ist eine andere. Als ich mich als "forum"-Journalist für den Papstbesuch akkreditieren liess, wollte ich vor allem der Frage nachgehen, wie dieser Papst es fertig bringt, die Massen in seinen Bann zu ziehen und für die Sache Jesu zu begeistern. So behaupteten es jedenfalls immer wieder Massenmedien und Sonntagsprediger. Die Musik, von der eben die Rede war, hätte neben dem Glockengeläut diesem Zweck übrigens durchaus dienen können.

Der Papst hat nicht begeistert

Nach zwei Tagen Stress muss ich aber zu einer anderen Feststellung kommen: der Papst hat nicht begeistert. Er hat die Massen nicht in seinen Bann gezogen. Wohl gab es in Echternach stürmischen Beifall, aber darauf wird noch zurückzukommen sein. Und die Begeisterung in der Kathedrale fürchte ich, z.T., als Entgeisterung interpretieren zu müssen, denn wenn der Papst Kranken die Hand auflegt und Kinder tätschelt, und Tränen der Rührung provoziert, muss ich eher an Magie (man denke auch an die massive Nostradamus-Verehrung im Vorfeld des Papstbesuches!) denn an einen rational verantworteten Glauben denken. Aber das mag von meiner intellektuellen Verbildung herrühren und daher soll diese Episode hier ausgeklammert werden. In Esch, das gibt jeder zu, waren die Massen gar nicht gekommen und in Luxemburg spendeten sie der päpstlichen Predigt einen knappen Anstandsbeifall. Bei uns ist der Funke also nicht übergesprungen, und dem Journalisten stellt sich eine neue Frage: warum?

Im Vergleich zu Paul VI., dem letzten Papst dessen Bild sich noch einprägen konnte, ist Johannes Paul II. sicher von einer "menschlicheren Natur", von einer "gewinnenden Art", oder wie immer die journalistischen Klischees lauten. Anfangs hat das die

Massen bewegt. Ein Papst, der auf Reisen geht, ein Papst, der Kinder auf den Arm nimmt, ein Papst, der Sport macht, ein Papst zum Anfassen … Nach 26 Reisen ist diese Begeisterung verflogen. Der Fernseher hat diesen Papst sooft in die häusliche Stube gebracht, dass seine leibliche Gegenwart kaum noch einen hinterm Ofen hervorholt. Denn – und das scheint mir der springende Punkt- der Inhalt seiner Botschaft entspricht nicht den Erwartungen, die er mit dem Medienrummel weckt. Im Gegensatz zu den LW-Unterstellungen (21. und 25.5.85) erwartet niemand vom Papst, dass er was anders predigt als das Evangelium, als die befreiende Frohbotschaft. Aber da er es nicht fertigbringt, diese 2000 Jahre alte Botschaft jeweils in die Sprache zu übersetzen, die in dem Land, von den Leuten verstanden wird, die er gerade besucht, wirkt seine Predigt schliesslich eintönig, langweilig: 26mal dieselbe Aussage im Fernsehen zu hören, stumpft ab.

Wer aber in diesem Lande unter den heutigen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Umständen die Botschaft Jesu Christi verkündigen will, der kann sich nicht damit begnügen, wie Johannes Paul II. auf dem Glacis-Feld zu rufen: "Du Mensch, hast deinen Ursprung in Gott, und in Gott liegt auch

dein endgültiges Ziel. In ihm findest Du ewiges Leben." Dieser immer wieder vom Papst wiederholten Kernaussage stimme ich als Christ selbstverständlich zu, aber sogar wenn sie von einem 10 Meter hohen rot drapierten Podest vor den Kameras von angeblich 21 Fernsehstationen der ganzen Welt ausgerufen wird, ist sie für den Durchschnittsbürger, der in einer säkularisierten Umwelt lebt, auch nach 26 Wiederholungen (auf jeder Papstreise) noch nicht verständlich geworden. Es ist doch kein Zufall, dass es nicht ein einziges, theoretisch formuliertes Glaubenstraktat ist, das uns als Bibel dient, sondern gleich 4 Evangelien, die für vier verschiedene Christengemeinden geschrieben wurden und deren Bericht keineswegs widerspruchslos ist. Und das ist doch wohl auch der tiefere Sinn des pfingstlichen Sprachenwunders: die Freunde Jesu konnten nicht plötzlich griechisch, persisch, ägyptisch und römisch sprechen, aber sie verstanden es, ihre Erfahrung in die Sprache und Wirklichkeit der einzelnen Volkgruppen zu übertragen, so dass jede sich betroffen fühlte. Die "Lehre Christi" ist also keineswegs "zeitlos", wie 12 (LW, 21.5.85) meint behaupten zu können, um den Papst vor der Kritik in Schutz zu nehmen, er habe nicht viel Neues in Luxemburg gesagt. Diese Enttäuschung ist aber so verbreitet, dass neben 12 auch noch 18. sich vier Tage später bemässigt fühlt, ihr entgegenzutreten. In der Tat, es wäre interessant zu sehen, wieviel wohl noch kämen, wenn der Papst 1986 schon wieder zu Besuch käme…

Wenn der Papst, wenn die Kirche noch gehört werden will, genügt es nicht, sich der Mittel der Schlager-Sänger zu bedienen (vor denen sie selbst zu Recht warnt). Dann muss sie ganz einfach die Sprache Jesu wiederfinden. Er sagte nicht "Zeitloses", sondern lebte in einer geschichtlichen Situation, und hat in dieser Situation die Wahrheit seines Vaters gelebt und verkündet. Selbst das so einsichtig klingende Gebot der Nächstenliebe hat er an einer konkreten Geschichte exemplifiziert: der Mann aus Samaria war nicht irgendwer, der Priester aus dem Tempel, der Levit waren Gestalten, die jeder Zuhörer kannte, und dass sie im Gleichnis sehr schlecht wegkommen, hat jeder als deutliche Kritik an den gesellschaftlichen Privilegierten verstanden. Diese Konkretisierung der Botschaft Jesu in die Luxemburger Gesellschaft hinein hat der Papst aber leider nicht geleistet. Das kurze Zitat aus den Synodentexten ("Le Luxembourg fait partie d’une société d’opulence avec tous ses avantages, ses ombres et ses excès.") und der kritiklose Hinweis auf die Existenz der Banken und eines Hörfunk- und Fernsehsenders können über diesen Mangel nicht hinwegtäuschen.

Der Papst tat nicht weh

Am ehesten hatte ich mir -zumal nach dem "forum"- Gespräch mit Generalvikar M.Schiltz- in Esch eine konkrete Botschaft des Papstes erwartet, die die Nöte der Menschen von heute ernstähme. Seine Enzyklika "Laborem exercens" mit der leider viel zu wenig zitierten Forderung nach "Arbeit vor Kapital!" stellt ohne Zweifel die schärfste Kritik am Kapitalismus dar, die je ein Papst geäussert hat. Doch auch in Esch wurde ich enttäuscht, und der Generalvikar, der sich gerade hier Impulse für eine Pastoralarbeit erwartet hatte, die offensichtlich bislang misslungen ist, wohl ebenfalls.

Die Predigt des Papstes, in der er das "Vater Unser" mit dem Thema der Arbeit verknüpft hat, war sicher sehr schön, geradezu poetisch. Doch die paar Arbeiter, die sich versammelt hatten, dürften

auf diesem Niveau kaum was verstanden haben. Es ist ein klassischer theologischer Ansatz, die Arbeit des Menschen als Fortsetzung der Schöpfung Gottes darzustellen, doch der Arbeitslose, der vom Unternehmer Ausgebeutete, der zur Auswanderung Gezwungene, … wird kaum Trost, Mut, Hoffnung in solchen Überlegungen finden. Den Willen zum Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten -die Johannes Paul II. einfach nur aufgezählt hat, im Vorprogramm waren sie aber viel deutlicher beim Namen genannt worden-, diesen im Glauben verankerten Willen für den Menschen zu kämpfen, hat der Papst den Anwesenden nicht vermittelt. Präsident E.Tesch und die gesamte ARBED-Prominenz durften beruhigt nach dem Papstbesuch schlafen gehen. Ja, die Bilder mit dem beheimten Papst in der sauberen Schaltzentrale des modernsten ARBED-Hochofens können ihnen noch helfen, die Täuschung weiterzuvermitteln, der Papst habe ihr unchristliches Tun bestätigt. Das hat der selbstverständlich nicht getan, aber seine allgemeinen Wahrheiten trafen die konkrete Realität nicht, zumindest hat er die Verbindung nicht hergestellt, und zur Wiederholung von Allgemeinplätzen hätte es seiner nicht bedurft.

"Que l’oeuvre de l’intelligence humaine et des mains humaines, l’oeuvre de la science et de la technique, ne se retourne pas contre l’homme! Que

de menaces pour l’homme dans ce que produit son travail! Il multiplie les armes dans des proportions effrayantes. Dominant la terre, il la dégrade et la défigure, il en gaspille les ressources. Perfectionnant son savoir-faire et allégeant ses tâches, il diminue le nombre d’emplois.(…)" Der Papst warnt vor der Waffenproduktion, vor der Umweltzerstörung, vor der Arbeitslosigkeit … Das klingt gut. Aber wen nennt er als dafür verantwortlich? DER Mensch, ein abstraktes Wesen? Jeder Zuhörer darf sich als nicht betroffen vorkommen. "Il faut lutter sans cesse pour établir une meilleure justice." Wer muss das tun? Wer darf? Und was geschieht, soll geschehen, wenn es Widerstände gibt? "Dans un enchaînement parfois tragique, le poids de l’injustice sociale a souvent provoqué, au cours des dernières générations notamment, des

réactions violentes, voire révolutionnaires, des luttes entre les groupes sociaux et des conflits entre les nations." Der Papst scheut sich offensichtlich, Subjekte zu nennen. Seine Weltsicht ist völlig ahistorisch, nicht in der historischen Realität verwurzelt. Von oben herab sieht er Konflikte, nennt abstrakte Ursachen, stellt allgemeine Zielwahrheiten auf. Niemand braucht einen Stachel

Vertrauen wagen

Lieber Bruder in Christus, Bischof von Rom.

Wir sind jung und voller Ideale,
wir wollen Vertrauen wagen:
man kann verantwortungsvoll
mit Gottes Schöpfung umgehen,
Glück, Solidarität, Frieden und Freiheit
sind möglich.

Unser Vertrauen baut
auf den Glauben an Christus.
Er hat totale Liebe
und unbegrenzte Barmherzigkeit gelebt,
dies steht über allen Gesetzen und Traditionen.
Er hat uns gezeigt,
dass bei Gott alles möglich ist,
auch wenn rein gar nichts mehr
zu klappen scheint.

Wegen Christus trauen wir uns selber etwas zu.
Wegen Ihm trauen wir unsern Mitmenschen.
Wegen Ihm vertrauen wir
der Gemeinschaft der Christen.
Sie kann uns den Weg zu Gott zeigen
und Beispiele geben für ein Leben mit Gott:
so zeigen uns Willibrord,
ein Franz von Assisi,
eine anonyme Ordensfrau:
die Bergpredigt ist keine Utopie.
Glaubwürdige Laien und Priester
halten durch ihr Engagement
in uns den Traum einer besseren Welt wach.

Oft aber zweifeln wir an uns selbst
und an der Kirche,
weil die Kirche und wir selbst
oft nicht genug von Heiligen Geist geprägt
und Salz der Erde sind.
Manchmal macht die Kirche es uns doch schwer
zu vertrauen.
Ihre Tradition erstickt so manche neue Ideen.
Viele von uns verstehen zum Beispiel nicht,
weshalb Frauen nicht geweiht werden können
und weshalb
das Gesetz der Kirche so hartherzig ist
mit den Geschiedenen und Wiederverheirateten.
Wir bedauern, dass die verschiedenen
christlichen Konfessionen noch immer
getrennt sind.
Oft würden wir uns eher
Unterstützung statt Verbote
wünschen.

Trotz unserer Zweifel und Bedenken
sind wir gerne bereit,
an einer lebendigen Gemeinschaft
von Christen mitzuwirken:
es lohnt sich.

im Fleisch zu spüren, niemand braucht Angst zu bekommen, dass sein Wohlleben morgen in Frage gestellt wird. Einen "unerbittlichen Kritiker" nennt Hd. (LW, 25.5.85) den Papst, deswegen werde er so angefeindet. Ich habe nichts von dieser Kritik gemerkt. Die "vorrangige Option für die Armen", die die lateinamerikanische Kirche formuliert hat, hat dieser Papst sich noch nicht zu eigen gemacht, zumindest nicht, wenn er zu denen spricht, die mitverantwortlich an der Armut anderer sind (1).

Ein zweideutiges Fest

Richtig fröhlich wurde die Atmosphäre erst in Echternach. Was dort stattfand, war ein Fest: lebendig, heiter, jugendlich, schwungvoll, spontan. Für die Organisatoren sogar zu spontan, denn als die Menge das "Happy Birthday, dear Jean-Paul!" anstimmte, musste der Chor schnellstens mit dem vorgesehenen Lied die Menge übertönen. Es war ein Fest, dessen (beschränkte) Ausgelassenheit dazu ermunterte, dem Papst mutig eine Reihe von kritischen Wahrheiten zu sagen. Da in der LW-Berichterstattung diese von Josy Heinricy und Josy Mathieu vorgetragenen Anfragen geflissentlich verschwiegen wurden -obschon die Sprecher keinen Jota vom autorisierten Text abwichen-, sollen nebenstehend ihre Ansprachen abgedruckt werden. Von heftiger Kritik, wie sie in den Niederlanden und in Belgien in verschiedenen Interventionen zum Ausdruck kam, kann hier keine Rede sein, obschon sie im Vorprogramm (Szenenspiel) noch deutlicher anklang als in den nebenstehenden Grussbotschaften. Man müsste im Gegenteil den Autoren den Vorwurf machen, zu brav und allgemein ihre Kritik formuliert zu haben, so dass der Papst die drängende pastorale Not, die dahintersteckt, gar nicht mitbekommen hat.

Dass er nur als "Bruder in Christus" und nicht wie üblich als "Heiliger Vater" angeredet worden ist, scheint den Papst dann doch etwas gewurmt zu haben, denn in seiner Antwort, die vom "Kreis der Brüder" ausging, in dem Petrus sich erhob (Apg. 1, 15), wich er vom vorbereiteten Text ab und meinte, er betrachte nicht nur alle als Brüder und Schwestern, sondern "auch ein bisschen als Söhne und Töchter". Der Applaus war ihm gewiss, daraus eine theologische Zustimmung zu ziehen, scheint mir aber fehl am Platze.

Noch öfters erhielt der Papst während seiner Predigt Beifall, auch dann, wenn er – wie vorauszusehen war – die Kritiken der Jugend zurückwies! wenn

Auf der Suche nach Freiheit

Noch nie haben sich in Europa einer Generation so viele Möglichkeiten geboten wie uns. Dennoch ist uns der Weg in die Zukunft verstellt.

Finden wir eine Beschäftigung, so bedeutet das keineswegs mit Sicherheit, dass es die von uns angestrebte Beschäftigung ist.

Noch nie hat man uns so viele Rezepte für das Glücksstreben an die Hand gegeben. Dennoch verzeichnen wir in Luxemburg einen Selbstmordversuch pro Tag, denn wir waren der Manipulierung und der Unsicherheit noch nie so stark ausgesetzt wie heute.

Viele Jugendliche sehen auch dann, wenn sie nicht mehr zur Kirche gehen, in einem entschieden christlichen Leben noch einen Sinn. In der Kirche, der Gemeinschaft der Gläubigen, zeigt uns Christus den Weg, der uns jetzt schon zur Freiheit führt.

Leider wirken viele erwachsene Christen nicht sonderlich freier als andere Menschen. Zählten zu den Christen wahrhaftigere, glückliche, anpassungsfähigere und entschiedene Menschen, so würde uns die Entscheidung für den Weg mit Christus leichter fallen.

Unsere Hoffnung ist auf eine Kirche gerichtet, die durch die Liebe Jesu Christi und das Vertrauen auf den Heiligen Geist befähigt wird, sich mit den Problemen und Ängsten freier und abgeklärter auseinanderzusetzen.

Wir erstreben mehr Freiheit in den liturgischen Formen und mehr Gleichberechtigung für die Frauen. Uns beschäftigt die Frage: Warum können die Priester nicht zwischen Ehe und Zölibat wählen? Wir würden uns über Gesprächspersonen freuen, die sich anhören, was unsere Auffassung ist.

Das alles wäre für uns Zeichen einer lebendigen Kirche und Bestätigung, dass die Kirche sich für unsere Freiheit und unsere Erlösung einsetzt.

In den Gläubigen und Priestern aller Auffassungen, die sich für eine wahre (das heisst soziale, psychologische und religiöse) Freiheit einsetzen, sehen wir Zeugen eines solchen Einsatzes. Sie sind für uns ein lebendes Bild des Handelns Christi und des Heiligen Geistes.

er "die bleibenden Werte des Evangeliums" und das "Erbe der Vergangenheit" dem Wunsch nach neuen Glaubensformen gegenüberstellte, wenn er Freiheit und Gebot miteinander versöhnte ("La loi de Dieu, quand nous nous laissons modeler par elle, nous

affranchit des chaînes de l’être passionnel, elle révèle en nous l’être de liberté."), wenn er auf das Unbehagen über die kirchliche Haltung gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen mit der Einschätzung des ehelichen Treuegebotes antwortete, …

Gerade am letzten Beispiel lässt sich sehr gut zeigen, wie der Papst die Jugend (und wohl kaum nur sie) gar nicht verstanden hat. Während die Jugend von einer konkreten Praxisbezogenheit ausging, antwortete er mit dogmatischen Formeln: "Vous avez dit", meinte er, aber ich habe solches nicht gehört (vgl. nebenstehende Texte), "que la fidélité conjugale jusqu’à la mort vous pose des problèmes", und dann behandelt er eine Frage, die ihm, aber nicht der Jugend am Herzen liegt. Niemand wird dem Papst widersprechen, wenn er sagt: "C’est parce que l’homme doit réaliser son destin selon l’image d’un Dieu tout-fidèle, et à cause de sa propre fidélité à la parole de son fondateur que l’Eglise doit affirmer l’exigence de l’indissolubilité du mariage (…) n’est-ce pas encore servir l’homme, que de l’encourager à aller jusqu’au bout de sa capacité d’aimer?" Auch hier wurde Johannes Paul II. durch Beifall unterbrochen. In der Tat, eine solche Auffassung ist sehr schön, und junge Verliebte werden ihr am wenigsten widersprechen. Aber eine Antwort auf die praktischen Fragen, auf die pastorale Not, auf den Umgang mit der Wirklichkeit (wiederverheiratete Geschiedene) stellen solche Zielwahrheiten nicht dar.

Und bei allem Applaus muss man sich auch in Echternach wie in Esch fragen, welche Jugendliche denn diese theologische Sprache verstanden haben. Selbst studierte Journalistenkollegen baten hilflos um Aufklärung. "Wenn einer angefangen hat, haben wir halt mitgeklastet", meinte einer der sich langweilenden Jugendlichen; vielleicht müsste man besser sagen: Kinder, denn die meisten waren noch sehr jung. (In Belgien hat der auch hier gut bekannte Weihbischof von Namür, Mgr. Musty, laut "Le Monde", klar "Opus Dei"-Gruppen erkannt, die solche Reaktionen der Menge manipulierten.)

Nur in einem spontanen Zusatz am Schluss seiner Predigt berührte Johannes Paul das zentrale Problem: "Etre chrétien, veut dire croire, mais aussi croître dans la force de cette foi, (…) foi de devenir chrétien". In seine Ansprachen hat er diesem evolutionären Glaubensverständnis nirgends Rechnung getragen.

«Und führe uns nicht in Versuchung»

Ich komme also nicht an der Feststellung vorbei, dass, das was Johannes Paul II. in Luxemburg sagte, magere Kost war. Hätte es keine Verständnisschwierigkeiten wegen der abstrakten theologischen Sprache gegeben, jeder hätte diese Kost verdaut, statt dass man vom Evangelium erwarten darf, erwarten muss, dass es einigen aufstösst! Selbst das kritische Thema Sexualmoral hat der Papst hierzulande kaum angeschnitten! (Einen vorbereiteten Passus über das Zölibat in seiner Ansprache an den Klerus im Stadttheater liess er fallen!) Nicht ganz zu unrecht darf die KP-Zeitung triumphieren und sich bestätigt fühlen: dieser Papst bekräftigt Marx‘ Analyse, dass Religion nur Opium des Volkes ist, dass sie von den "wahren" Befreiungskäufen ablenkt und eine rein private Moral verkündigt, die nur den Interessen der Bourgeoisie dienen kann.

Vor allem im Klerus dürfte die Enttäuschung gross sein. Das Kirchenbild, das der Papst in seinen Reden und durch die Art seines Auftretens vermittelt hat, das Bild eines desinkarnierten Glaubens, einer Religion, die trotz allen Geredes mehr Wert auf Diplomatie denn auf rücksichtslose Wahrheitsliebe legt, einer triumphalistischen Kirche, einer ihr soziologisches Umfeld völlig verkennenden Kirche, eine Sicht der Kirche, als ob Polen überall sei, ein solches lebensfremdes Kirchenbild hat die pastorale Arbeit eher erschwert denn erleichtert. Die überzeugten Papstfanatiker, die sich von gleich welcher Papstaussage begeistern lassen, stellten für Pastoralarbeiter (lies Seelsorger) nie eine eigentliche Problemgruppe dar. Aber jene, die Zweifel an der Kirche haben, jene die ihr entwachsen sind und ihr fernstehen, jene, denen die Botschaft Jesu aber noch nicht völlig fremd ist, um die engagierte Christen und Priester vorrangig "werben", sie werden sich nach dem Papstbesuch in ihrer Skepsis eher bekräftigt fühlen, als dass sie den Weg zurück gefunden hätten. Jene Gruppe von Autoren z.B., die in dem Buch "In Sachen Papst" ihren unaufgearbeiteten Kirchenhass zum Ausdruck brachten, die nach ihrer Schädigung im Religionsunterricht der Kirche angeekelt den Rücken kehrten, nach den Darbietungen Johannes Paul II. werden sie sicher nicht zur Überzeugung kommen, dass sich in der Kirche seit ihrer Kindheit was geändert hat, so dass es sich lohnen

Vill Jugendlech, di gewinnt sin, hire Kaploun am Hien an an der Jeans ze begéine, woren zu Iechternach verwonnert, en an enger komischer Kluft erëmegesin, ouni dass en eng Mass gehalten hätt. Queries soutzen s’och all esou am Theater, mä do as ët manner opgefall, well d’Atmosphär méi feierlech wor a well se uschliessend an d’Mass gaang sin. Am Kader vum deem jugendleche Fest, wu ët ouni vill Imstänn erof gaang as, sin si vill méi aus der Rumm gefall. d’Erklärung d’it beim Poopst sengen Bild vum Geeschtlechen: well Jean-Paul II. gär hätt, dass neess all Geeschtlech de réimesche Col undeet, a well zu Lëtzebuerg nët méi vill Paschtéier esou e Kleedungsstéck am Schaf leien hun, koum am Kletum een op d’Iddi, si sollten all d’Alef undin. Do geséich de Poopst nët, wat se drënner unhun. Wat muss een nët alles man, fir e kierlecht Gesetz z’ëngoen an awer dem Poopst säin Ierger nët ze provozéieren! A wat wär da gewiescht, wann de Poopst gemengt hätt, di Männer wäre Laien amplaz Geeschtlech?

könnte, das Gespräch mit ihr auf einer neuen Basis wiederaufzunehmen.

Einige konservative Kirchenpolitiker werden natürlich alles dran setzen, die Papstreden zu ihren Gunsten zu interpretieren. Bei der oben geschilderten Inhaltslosigkeit fällt das nicht schwer. Sie bringen es fertig, den Misserfolg beim Publikum – den sie ehrlicherweise nicht ganz leugnen könnentrotzdem zum Riesenerfolg umzudeuten (vgl. Iz, 21. 5.1985). Und hier liegen zwei weitere Gefahren, die der Kirche Luxemburgs aus dem Papstbesuch erwachsen: 1. die Selbsttäuschung über den quantitativen und qualitativen "Erfolg" wird der Suche nach neuen Wegen für die pastorale Arbeit den Weg verbauen, da die Selbsttäuschung mittels LW leicht zur Fremdtäuschung führen kann; 2. die Polarisierung in der Kirche von seiten dieser Kräfte wird zunehmen und das Kesseltreiben gegen Andersdenkende (JOC, CPMO, Religionslehrer, … im Vorfeld des Papstbesuches!) wird diese für die Gesamtkirche notwendigen Gruppen weiter an den Rand drängen.

Der Papst kann nicht singen … Vor allem kann er nicht im Chor singen. Nach der Benelux-Reise glaubt "Le Monde" (23.5.85) zwar zu folgender Einschätzung kommen zu können: "Pour la première fois le pape a accepté de bon coeur d’écouter les ré-criminations des uns et des autres. Le climat de la visite au Benelux en a été transformé. On peut y voir l’amorce d’un dialogue." Mir persönlich scheint das ein allzu optimistisches Wunschdenken zu sein. Der Papst und ganze Teile des Kirchen-chors singen nicht nur verschiedene Melodien, sondern z.T. verschiedene Lieder. Sicher wäre es zu einfach, allein dem Papst die Schuld zu geben, doch die obige Auseinandersetzung hat hoffentlich gezeigt, dass wir seinen Liedtext studieren, ob er auch unser Lied mitzusammen bereit ist, auch wenn wir die Melodie vereinfachen müssen, hat er uns leider nicht gezeigt. m.p.

(1) Der einzige theologische Knüller in der Escher Predigt war wohl die Aussage, dass "dans le domaine du travail … le péché a pris une dimension sociale". Doch wer hat das schon gemerkt?

Zum Papstbesuch in Luxemburg gab es eigentlich nur eine einzige öffentliche Meinung; eine papstfreundliche, damit war auch gemeint, rechtgläubig, positiv, katholisch. Jede kritische Stimme war zum Schweigen gebracht worden. Nicht nur die ewigen "Nein-sager", die Hörgier, denen nichts passt, sondern Rufer, die eine eigene Meinung verantworten wollten. Auch sie wurden zum Schweigen verurteilt, denn eine andere Meinung haben, nicht konforme Gedanken äussern, das hiess so etwas wie, zur Revolution anstiften, aufrühren, zum Bösen anstacheln. Undenkbar, dass die Überlegungen von Andersdenkenden ernst genommen werden durften, wo solche "Verräter" sich noch anmassten und sich Christen nannten: Nein, da war kein Pardon, eine andere Meinung zu haben, als die bewilligte, uniforme, abgesegnete, das war höchst gefährlich, das musste untersagt werden. Und wir massen uns an, uns über den Ostblock zu empören, wenn dort Gegner des dortigen Triumphalismus, Andersdenkende, nicht Uniforme, in Schwierigkeiten geraten! Als wären wir anders! Würde nicht so manch einer, auch bei uns, am liebsten, wenn es nur ginge, Andersdenkende in eine psychiatrische Klinik stecken?

karin jahr

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