Es war einmal ein Mann, der hatte nur einen Sohn, und die Arbeit auf dem Feld war beschwerlich. Die Nachbarn sorgten sich um ihn. „Lieber Freund, es ist ein Unglück, dass du nur einen Sohn hast“, sagten sie und dachten insgeheim mit Stolz an ihre Nachkommenschaft, die emsig auf den Feldern arbeitete. Er aber antwortete: „Es stimmt, dass ich nur einen Sohn habe, aber ich weiß nicht, ob dies ein Unglück oder ein Glück ist.“ Das einzige Pferd, das die Familie besaß, lief eines Tages davon. Der Vater und der Sohn mussten den Pflug von nun an mit eigener Kraft ziehen. Die Nachbarn beklagten die Familie wegen ihres Unglücks, aber der Mann erwiderte, dass er nicht sagen könne, ob es sich um Glück oder um Unglück handele, sicher sei nur, dass das Tier nicht mehr da sei.

Viele Monate später zog der Sohn durch die Wälder auf der Suche nach Beeren. Da bemerkte er auf einer Lichtung ein Rudel Wildpferde und unter ihnen die verlorene Stute. Er schlich sich vorsichtig gegen den Wind an, streichelte die Stute, die immer noch zutraulich war, und legte ihr ein Halfter um. Als er sie aus der Lichtung herausführte, folgte ein junges Fohlen und danach die ganze Herde, ein Dutzend Tiere. Zuhause angelangt, brachte der Sohn die Pferde in ein Gatter. Die Nachbarn trauten ihren Augen nicht und priesen das unwahrscheinliche Glück, das der Familie zugefallen war. Der Vater jedoch meinte, dass er nicht wüsste, ob es sich um Glück oder Unglück handelte, wahr wäre aber sicherlich, dass sie jetzt reich seien.

Die Wochen und Monate vergingen und der Sohn ritt eines der Wildpferde zu. Da warf es den jungen Reiter ab und dieser verletzte sich so arg, dass er von da an lahmte. Die Nachbarn waren auch diesmal voller Anteilnahme über das unglückliche Schicksal, das dem Sohn widerfahren war, doch der Vater blieb bei seiner seltsamen Antwort, er könne beim besten Willen nicht beurteilen, ob es sich um ein Unglück handeln würde. Die Nachbarn wunderten sich außerordentlich und schalten den Mann herzlos und kalt. Doch im Jahr darauf brach ein Krieg aus. Der König ließ alle jungen, wehrhaften Männer einziehen. Die Nachbarn sahen das Glück des Mannes, der er als einziger seinen Sohn behalten durfte.
Quelle unbekannt
(nacherzählt u.a. von Christian Morgenstern, hier von Jürgen Stoldt)

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