Der historische Jesus
(aus Orientierung)
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Die Mauer des Tempels
in Jerusalem
Der historische Jesus
In den nächsten Tagen jährt sich zum 1999. Mal die Geburt des Jesus, den die Christen als Sohn Gottes feiern (sofern man von Fehlern in der Berechnung des Kalenders absieht). forum übernimmt aus der Schweizer Zeitschrift Orientierung (Nr 15/16,1999) Auszüge eines Interviews mit dem Bamberger Theologieprofessor Paul Hoffmann, Fachmann für Exegese des neuen Testaments, in dem nach der historischen Gestalt Jesus von Nazareth gefragt wird und die Wege angedeutet werden, wie man sich ihr ohne Voreingenommenheit nähern kann.
Herr Professor Hoffmann, was läßt sich aus der Sicht der neutestamentlichen Wissenschaft Zuverlässiges über Jesus von Nazareth sagen?
Paul Hoffmann (H): Hier muß ich zunächst mit einer enttäuschenden Antwort beginnen. Seit Albert Schweitzers "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" anfangs dieses Jahrhunderts besteht weithin Konsens, daß aufgrund der Quellenlage eine Biographie Jesu, wie sie den Erwartungen heutiger Geschichtswissenschaft entspräche, nicht geschrieben werden kann. Es fehlen eigene Schriften, Urkunden, Archivunterlagen, Protokolle usw. Die vier Evangelien bieten uns zwar die historische Erinnerung an Jesus, die in den frühen Gemeinden zweifellos weitergegeben wurde – allerdings nur in Verbindung mit der späteren nachösterlichen Christusverkündigung. So kann man von Botschaft und Geschichte sprechen. Historisches ist mit Legendarischem, Authentisches mit späteren Glaubensaussagen vermischt. Das betrifft vor allem die Erzählüberlieferung wie die Kindheitsgeschichten, die Wundererzählungen oder auch die Osterberichte. In der Wortüberlieferung, wie sie vor allem in der sog. Logienquelle erhalten ist, ist noch am ehesten der Originalton Jesu erhalten geblieben, obwohl natürlich auch hier korrigierende Zusätze gemacht oder einzelne Worte aus jüdischer Tradition, Weisheitsworte etwa, Jesus in den Mund gelegt wurden. Ein Beispiel ist Mt 6,34: "Kümmere dich nicht um das Morgen, das Heute hat der Sorge genug."
Die Forschung hat daher eine eigene Methodologie für die Rückfrage nach dem geschicht-
lichen Jesus entwickelt. Der Weg zurück zu Jesus setzt bei den vorliegenden Evangelienschriften ein und sucht zunächst die redaktionellen Interessen von deren Verfassern auszumachen und tastet sich dann nach und nach zu den älteren Schichten der Gemeindeüberlieferung zurück. Die seriöse Exegese ist sehr vorsichtig mit Aussagen über den historischen Jesus. Die älteste Schicht selbst, also Jesus selbst, bleibt ein Annäherungswert. Auf diese Weise wird es jedoch möglich, zumindest das "Profil" Jesu und einige Eckdaten aus seinem Leben zu rekonstruieren. Im Hinblick auf seine Vita besteht Konsens darüber, daß Jesus aus Nazareth stammt. Er lebt zunächst ganz normal in seinem Heimatdorf und übt wie sein Vater Josef den Beruf eines Bauarbeiters aus. Dann bricht er auf einmal aus der eigenen Familie aus, offensichtlich provoziert durch Johannes den Täufer. Er wird dessen Anhänger und läßt sich taufen. Er bleibt aber nicht bei ihm, sondern wendet sich nach einiger Zeit von ihm ab und geht seinen eigenen Weg als Wanderprediger in Galiläa. Mit dieser Wende weg vom Täufer erhält auch sein "Programm" ein eigenes Profil: War für den Täufer die Gerichtsdrohung dominant, so ist es für Jesus die positive Zuwendung Gottes zu den Menschen. Das äußert sich zunächst konkret darin, daß er nicht wie der Täufer in der Einsamkeit der Wüste auf den Gerichtstag wartet, sondern mit den Menschen feiert. Ihm wird das Etikett "Fresser und Säufer, Freund der Zöllner und Sünder" (Lk 7,34) angehängt. Dieses Verhalten ist kein Fauxpas, sondern Programm. Jesus läßt sich dabei von seiner Sicht Gottes bestimmen: Sein Gott ist ein Gott, der sich ohne Vorbehalt
den Menschen zuwendet, gerade denen am
Rande: den Armen, den Kranken, den Kindern,
den Frauen und eben auch den Sündern.
Jesu Tätigkeit dürfte nicht allzu lange gedauert
haben, nach Markus etwa ein knappes Jahr,
nach Johannes zwei bis drei Jahre. In der Regel
folgt man der Markus-Tradition. Bei einem
Besuch in Jerusalem anläßlich des Passa-Festes
- wahrscheinlich im Jahr 30 kommt es zu einem
Konflikt mit der dortigen Priesterschaft. Er ist
offensichtlich durch eine prophetische Zeichen-
handlung ausgelöst, die sich gegen den Tempel-
betrieb richtet, die sogenannte Tempelreini-
gung, und durch Drohworte, in denen er die bal-
dige Zerstörung des Tempels ankündigt. Dieser
Angriff auf das religiöse und damit auch staat-
liche Zentrum des jüdischen Volkes hat zur
Folge, daß man sich seiner bemächtigt und ihn
an Pilatus ausliefert. Er wird messianischer
Umtriebe verdächtigt, und nach römischer Sitte
wird mit ihm kurzer Prozeß gemacht. Er wird,
wie zahlreiche andere Aufständische der Zeit,
gekreuzigt. Mit Max Weber läßt sich Jesus dem
Typ des charismatischen Außenseiters zuord-
nen. Er steht in der Reihe der Propheten Israels,
die sich wie er mit ihrer Gottesbotschaft in
Widerspruch gegen die herrschenden Auffas-
sungen stellten. Wie anstößig sein Verhalten
war, macht eine kleine Notiz deutlich, die Mk
3,21 erhalten ist: Die Familie, seine Mutter und
seine Brüder, suchen ihn gewaltsam nach Hause
zurückzuholen, weil sie ihn für verrückt halten.
Was kann für Jesu Botschaft als charakteris-
tisch gelten?
H: Seine Botschaft bewegt sich um zwei Pole.
Ich möchte nicht einseitig nur die «Ethik» Jesu
nennen. Voraussetzung seiner provozierenden
Ethik ist seine Gottesrede: die Botschaft vom
Anbruch der Herrschaft Gottes. Er steht mit ihr
in der Tradition der jüdisch-apokalyptischen
Bewegung, die als Reaktion auf die Erfahrung
der Unterdrückung des Volkes eine Wende der
gegenwärtigen Unheilsgeschichte allein von
einer endzeitlichen Intervention Gottes erwar-
tete. Auch Johannes der Täufer war von dieser
Erwartung in seiner Gerichtspredigt bestimmt.
Für Jesus ist jedoch charakteristisch, daß er
nicht nur die Nähe dieser Intervention Gottes
ansagt, sondern mit der Gegenwart der Herr-
schaftsmacht Gottes in der Welt schon rechnet,
und zwar als einer heilvollen, den Menschen in
Güte sich zuwendenden Macht. Gott ist für ihn
der gütige Vater seiner Geschöpfe, der «Abba»,
der weiß, was der Mensch in seinem Elend
braucht. Dieser Gott sucht das Verlorene und
freut sich, es zu finden. Er nimmt es an ohne
Wenn und Aber. In der Ambivalenz zwischen
dem gütigen Gott und dem Richtergott setzt
Jesus den Akzent auf den gütigen Gott, obwohl
er durchaus um den Ernst der Entscheidung
weiß, in die der Mensch durch diesen Gott ge-
stellt wird. Das Erste ist aber für ihn Gottes
Zuwendung zum Menschen, die dem Menschen
die Gewißheit vermittelt, daß Gott ihn
annimmt, so wie er ist. Erst aus dieser Zusage
ergibt sich dann der Anspruch an den Einzel-
nen, aus dieser Erfahrung der Zuwendung
Gottes sein Leben und die Beziehungen zum
Mitmenschen zu gestalten. Das gesamte
ethische Programm Jesu will nichts anderes, als
diese Hinwendung Gottes zu jedem Menschen
zur Maxime des jeweils eigenen Handelns zu
machen. Letztlich läuft es auf die Alternative
hinaus: Möchtest du aus der Güte Gottes leben –
oder woraus sonst? Seine Rede von der Herr-
schaft Gottes meint – wie in der Apokalyptik –
eine Zukunftsutopie, Jesus deckt aber mit ihrer
Hilfe eine in dieser Elends- und Unrechtsge-
schichte, in der sich der Mensch befindet, schon
gegebene Alternative auf. Diese Möglichkeit
zum Neuen, zum ganz anderen kann jetzt
gewagt werden. Denn sie ist das geheime
Potential der Geschichte, das es jetzt zu entdec-
ken und wahrzunehmen gilt.
Kommt es Ihrer Meinung nach also gerade
darauf im christlichen Glauben an?
H: Ich meine schon, daß es im Wagnis des
Glaubens darum geht, auf diesen Primat der
Güte Gottes zu setzen – ich sage jetzt nicht
Liebe, weil das zu abgegriffen ist – und daraus
sein Leben zu gestalten. Ich möchte das aber
nicht privatistisch oder fromm verstanden wis-
sen, denn für Jesus ist das ja die notwendige
Reaktion auf den Herrschaftsanbruch Gottes,
d.h. Reaktion auf einen Prozeß, der die ganze
Welt betrifft. Es geht nicht um die Errichtung
eines jesuanischen, später kirchlichen, «Got-
tesstaates», sondern um die aktive Parteinahme
für jeden Menschen, der es braucht, in erster
Linie also für die Armen, die Hungernden, die
um ihr Leben Betrogenen, für die Marginali-
sierten jeder Provenienz – unter den noch anhal-
tenden Unrechtsverhältnissen. Brecht spricht zu
Recht von denen, «die im Dunkeln» sind. Vor
allem die Seligpreisungen bringen das program-
matisch zur Sprache (Lk 6,20f.).
Der Begriff Herrschaft ist für den modernen
Menschen eher abschreckend. Wie verstehen
Sie in diesem Zusammenhang «Herrschaft»?
H: Man kann den Begriff verschieden überset-
zen, z.B. als Königtum Gottes, was aber erst
Es geht nicht um
die Errichtung
eines
jesuanischen,
später
kirchlichen,
«Gottesstaates»,
sondern um
die aktive
Parteinahme für
jeden Menschen,
der es braucht,
in erster Linie
also für
die Armen,
die Hungernden,
die um ihr Leben
Betrogenen,
für die
Marginalisierten
jeder Provenienz.
recht problematisch wäre. Gemeint ist, daß sich Gott selbst mit seinem Schöpfungswillen, mit seiner Lebensordnung, mit einer positiven Option für seine Geschöpfe, in der Welt durchsetzen will. Herrschaft meint dieses «Sichdurchsetzen». Es gibt ein merkwürdiges Wort im Lukasevangelium, das offensichtlich von einer Art visionärem Erlebnis Jesu berichtet – für uns vielleicht ein wenig anstößig: «Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen» (10,18). Das zeitgenössische Judentum sah die Welt von Dämonen durchsetzt, überall lauerten sie: eine Hierarchie des Bösen, der Destruktion, der die Welt und Geschichte gleichsam «strukturell» unterworfen ist. In diesem Zusammenhang besagt die – zugestanden – mythische Chiffre vom «Sturz des Satans»: Diese Herrschaft des Bösen ist nicht endgültig, sie ist bereits gebrochen. Denn Gott hat begonnen, sich in der Welt durchzusetzen, und befreit den Menschen aus den Zwängen des Bösen. Daraus erklärt sich auch der angstfreie Umgang Jesu mit religiösen Tabus, z.B. den rituellen Reinheitsvorschriften. Ein Beispiel für eine solche Abgrenzung vom zeitgenössisch jüdischen Denken wäre Jesu Stellungnahme zur Frage der rituellen Reinheit in Mk 7,15: „Nicht das, was von außen in den Menschen hineinkommt, verunreinigt ihn, sondern das, was von innen aus ihm herauskommt.“ Daraus folgt, daß alle Reinheitsriten obsolet sind. Das Wort signalisiert eine Wende weg vom Ritualismus hin zur ethischen Verantwortung des Menschen.
Die Deutung Jesu als Messias
Zu Jesus gehört Maria, seine Mutter. Was gibt es über Maria an harten Fakten, auch über die Jungfräulichkeit. Wie ist die Jungfräulichkeit zu verstehen, wie läßt sich das heute erklären? Vor allem in der katholischen Marienfrömmigkeit spielt die jungfräuliche Empfängnis Jesu und seine Zeugung durch den Heiligen Geist eine große Rolle. Handelt es sich dabei um einen biologischen Tatbestand? Wie kam es zu dieser Vorstellung? Wie läßt sich heute die Rede von der Jungfräulichkeit Mariens erklären?
Eine Seite aus den Handschriften von Qumran, entstanden zur Zeit Jesu
H: Es ist bekannt, daß die Jungfräulichkeit Marias nur in den Kindheitsgeschichten des Matthäus und Lukas erwähnt wird. Paulus z.B. redet ganz unbefangen: «geboren aus der Frau und unter das Gesetz gestellt» (Gal 4,4). Das Johannesevangelium bekennt: «Das Wort ist Fleisch geworden» (Joh 1,14) und stellt damit gerade die volle Menschlichkeit Jesu heraus, ohne daß der Aspekt einer außerordentlichen pneumatischen Empfängnis in den Blick kommt. Man kann natürlich fragen, wie kommt die Tradition, die hinter den Kindheitsgeschichten steht, zu einer solchen Aussage. Mit der Jungfräulichkeit Marias wird ein Topos aufgegriffen, der offensichtlich in der hellenistischen Welt weit verbreitet war. Mit der Jungfräulichkeit eng verbunden ist die Vorstellung der Zeugung durch göttlichen Geist. Wir finden z.B. in Ägypten die Vorstellung, daß die Pharaonen von Gott gezeugt sind. In der Antike wird von einzelnen bedeutenden Menschen, wie Plato, Pythagoras, Alexander, Augustus usw., erzählt, daß Götter sie gezeugt haben. Das heißt, wir bewegen uns hier im Milieu hellenistischen Denkens. Doch wie kommt man darauf, eine solche Vorstellung auf Jesus zu übertragen? Mt 1,23 wird zur Erklärung der jungfräulichen Empfängnis Jesu Jes 7,14 zitiert: «Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sein Name soll sein „Gott ist mit uns“. Hier können wir fündig werden. Der hebräische Urtext spricht nämlich von einer «jungen Frau», gemeint ist die junge Frau des Königs Achas, erst in der griechischen, in Ägypten entstandenen Übersetzung des Alten Testaments wurde aus ihr eine «Jungfrau». Offensichtlich hat man bereits im hellenistischen Judentum mit Hilfe dieses antiken Topos die göttliche Erwähltheit des messianischen Königskindes herausstellen wollen. Die Kindheitsgeschichten des Matthäus und Lukas nehmen auf diese Tradition Bezug. Für sie ist Jesus dieser Messias.
Sah sich Jesus selbst als Messias?
H: Diese messianische Deutung trifft sicher nicht das Selbstverständnis Jesu. Er hat sich nicht als Messias im Sinn eines solchen nationalen endzeitlichen Herrschers verstanden, der als Sohn Davids ein israelitisches Weltreich aufrichten wird, von dem auch einzelne Führer der jüdischen Aufstandsbewegung gegen Rom geträumt haben mögen. Diese Deutung Jesu als Messias ist sicher eine gemeindliche. Man hat Jesus damit in die Verheißungslinie alttestamentlicher Hoffnungen hineinstellen wollen. In Jesus sind diese Hoffnungen erfüllt. Allerdings rezipiert Matthäus diese Tradition kritisch.
Jesus ist für ihn nicht der Messias des Kriegs,
sondern der Messias des Friedens und Erbar-
mens. Aus dieser Sicht heraus wird es aber
verständlich, daß man Elemente, die vielfach
bereitlagen, zur Deutung der Jesusgeschichte
aufgegriffen hat.
Man muß allerdings deutlich sagen, bei der
jungfräulichen Empfängnis Jesu geht es nicht
um Mariologie, sondern um Christologie. Die
Jungfräulichkeit ist ein theologisches Deuteras-
ter, aber kein biologisches Faktum. Die «Wahr-
heit» dieser Traditionen liegt nicht in der Phy-
siologie, sondern im Bekenntnis, daß Jesus die
messianischen Hoffnungen des Judentums
erfüllt. Aus der Sicht dieser Judenchristen ist
nur er der endzeitliche Heilsbringer.
Die Aufgabe der Theologie
Ein Teil dieser Bekenntnisse wurde später in
Dogmen gefaßt. Entsteht da nicht eine Span-
nung zwischen der Dogmenentwicklung und der
neutestamentlichen Forschung?
H: Ja. Wir stoßen hier auf dasselbe Problem wie
schon im Neuen Testament. Auch das Dogma
greift mythisches Anschauungsmaterial auf, um
seinerseits die Glaubensüberzeugung in theolo-
gischen Glaubensformeln zur Sprache zu brin-
gen. Aber selbst Thomas von Aquin war der
Meinung, daß bei theologischen Aussagen die
«res ipsa credita» entscheidend ist und nicht die
Formulierung. Das kann man hier anwenden
und fragen: Was ist hier der entscheidende
Sachverhalt? Entscheidend ist nicht die Frage
der Jungfräulichkeit vor, während und nach der
Geburt, entscheidend ist das Bekenntnis zum
Handeln Gottes in dem Menschen Jesus von
Nazareth.
Kann also ein Dogma zum Hemmnis werden,
die Wahrheit Jesus zu verstehen?
H: Ich gebe Ihnen teilweise Recht. Ein Dogma
ist für uns wie eine Fremdsprache, die übersetzt
werden muß. Die Theologie hat die Aufgabe, eine
Übersetzung zu leisten, die sich redlich der Frage
stellt: Was ist hier mythisches Bild, kulturbedingte
Chiffre, und was ist die Sache, um die es geht?
Der Glaube an die
Auferweckung Jesu
Die Konflikte im Leben Jesu spitzen sich bis zu
seinem gewaltsamen Tod zu. Kurze Zeit danach
verkünden die Jünger seine Auferstehung von den
Toten. Wie läßt sich das heute noch verstehen?
H: Wir stehen wieder vor der Frage: Was ist bei
dem Bekenntnis zur Auferweckung Jesu aus
dem Tode spätere Ausgestaltung, was ist der
Kern? Die uns vertrauten Ostergeschichten der
Evangelien, in denen Jesus sich von seinen Jün-
gern anpacken läßt, in denen er zur Demonstra-
tion seiner vollen Körperlichkeit Dörrfisch ißt,
entstammen der Spätzeit des Neuen Testaments.
Sie wurden erst in der 2. Hälfte des 1. Jahrhun-
derts niedergeschrieben. Paulus, der einzige
neutestamentliche Zeuge, der über seine Oster-
erfahrung persönlich berichtet, kennt solche
Vorstellungen nicht. Er spricht viel zurückhal-
tender: «Er erschien mir» (1Kor 15,8), «Ich
habe ihn gesehen» (1Kor 9,1) «Gott hat seinen
Sohn mir offenbar gemacht» (Gal 1,16), «Er hat
in unseren Herzen den Glanz der Erkenntnis
göttlicher Herrlichkeit auf dem Angesicht Jesu
Christi aufleuchten lassen» (2Kor 4,6). Es hat
sich bei ihm offensichtlich um ein visionäres
Erlebnis gehandelt. Religionspsychologisch
läßt sich das in die Kategorie der Halluzinatio-
nen einordnen. Daß Menschen Visionen in be-
stimmten kulturellen Kontexten erleben können,
ist nachweisbar. Visionen zu haben, hängt nicht
zuletzt auch von der gesellschaftlichen Akzep-
tanz ab. Unsere Gesellschaft bringt jemanden,
der behauptet, Visionär zu sein, in die nächste
Nervenbeilanstalt. In der Antike, vor allem in
der Welt der jüdischen Apokalyptik, ist der
Visionär akzeptiert als ein Auserwählter Gottes.
Auch die moderne Lebenskrisenforschung hat
nachgewiesen, daß Menschen in elementaren
Lebenskrisen visionäre Erfahrungen machen
können, durch die sie kritische Lebenssituatio-
nen bewältigen. Lukas läßt Jesus in der Stunde
des Abschieds zu Petrus sagen: «Simon ich
habe für dich gebetet, da mit dir der Glaube
nicht ausgehe, stärke deine Brüder, wenn du
dich bekehrt hast» (22,31). In dem Wort ist ein
Schlüssel zur Deutung der Ostervisionen erhal-
ten: Der Glaube, den Jesus in seinen Anhängern
weckte und der angesichts seiner Liquidation
durch die religiösen Autoritäten und den römi-
schen Staat total in Frage gestellt schien,
erweist sich als die stärkere Kraft. Ostern setzt
sich der Glaube an den Gott Jesu durch. Der
älteste Kern der Osterbotschaft läßt sich
umschreiben: Jesus, der – von den religiösen
Autoritäten verurteilt – getötet wurde, ist von
Gott rehabilitiert worden. Mit der Osterbot-
schaft bezeugen die Jünger das Recht der einsti-
gen Gottesverkündigung Jesu und deren blei-
bende Gültigkeit – trotz der Infragestellung
durch sein Scheitern, das für die Öffentlichkeit
durch die Kreuzigung ein für allemal erwiesen
zu sein schien. Die «Sache Jesu» geht weiter.
Der älteste
Kern der
Osterbotschaft
läßt sich
folgendermaßen
umschreiben:
Jesus, der – von
den religiösen
Autoritäten
verurteilt –
getötet wurde,
ist von Gott
rehabilitiert
worden.
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