Kirche im Befreiungsprozess
Aus einem Hirtenbrief der Bischöfe Nicaraguas
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Aus einem Hirtenbrief der Bischöfe Nicaraguas
«Im Bewußtsein, daß viele Christen sich aktiv am Widerstand beteiligt haben und nun am Aufbau dessen, was die Revolution erreicht hat, mitarbeiten» (Vorwort), veröffentlichte am 17. November 1979 die Bischofskonferenz von Nicaragua einen Hirtenbrief über das «christliche Engagement für ein neues Nicaragua». Den entscheidenden Beitrag der Kirche und der Christen sehen die Bischöfe in der unbedingten Option bzw. im Kampf für die Armen. In deren Leiden und deren Versuchen der Befreiung¹ entdecken die Bischöfe eine «Macht der Evangelisierung», welche die Kirche zur Umkehr auffordert. Dieser Hirtenbrief steht in Kontinuität mit dem Engagement der Kirche Nicaraguas für die Armen: seit Beginn der siebziger Jahre haben Mitglieder des Episkopats, allen voran Erzbischof Miguel Obando Bravo von Managua, die Berechtigung des Widerstandes und des Kampfes gegen die Regierung von Anastasio Somoza klar zum Ausdruck gebracht.²
Im folgenden drucken wir den Hirtenbrief auszugsweise ab (die Untertitel stammen z. T. von der Redaktion).
Wir haben erkannt, daß unser Volk in den Jahren des Leids und der sozialen Marginalisation die notwendige Erfahrung gesammelt hat, um sie jetzt in einer umfassenden und tiefgreifend befreienden Aktion einzusetzen.
Unser Volk hat in einem heroischen Kampf sein Recht auf ein Leben mit Würde, in Frieden und Gerechtigkeit verteidigt. Dies ist die eigentliche Bedeutung dieser gelebten Aktion gegen ein Regime, das die menschlichen, personalen und sozialen Rechte verletzte und unterdrückte. Wir haben schon in der Vergangenheit diese Situation als dem Anspruch des Evangeliums zuwider beklagt und möchten heute erneut betonen, daß wir uns die leidenschaftliche Motivation dieses Kampfes für Gerechtigkeit und Leben zu eigen machen.
Wir haben erkannt, daß das Blut derer, die in diesem langwährenden Gefecht ihr Leben gaben, daß der vorbehaltlose Einsatz der Jugend für eine gerechte Gesellschaft und daß die in diesem ganzen Prozeß herausragende Rolle der Frau – sonst gesellschaftlich diskriminiert – neue Kräfte mobilisieren für den Aufbau eines neuen Nicaragua. All dies unterstreicht die Einzigartigkeit der geschichtlichen Erfahrungen, die wir jetzt machen. (…)
¹ Vgl. zum Geschichtsbewußtsein der Sandinistischen Befreiungsfront und zu deren gegenwärtigen Problemen: Le Monde Diplomatique, Sept. 1979, S. 6–9; Jan. 1980, S. 18f.
² Vgl. Informations catholiques internationales (ICI), 15. Juli 1979, S. 14ff.
Wir sehen in der Freude eines armen Volkes, das sich zum ersten Mal nach langer Zeit Herr seines Landes weiß, den Ausdruck einer revolutionären Schaffenskraft, die all denen einen breiten und fruchtbaren Raum eröffnet, die gegen ein unterdrückerisches System kämpfen und einen neuen Menschen schaffen wollen.
Wir achten die Entschiedenheit, mit der vom ersten Tag des Sieges an begonnen worden ist, den revolutionären Prozeß auf der juristischen Basis zu institutionalisieren. Sie zeigt sich z. B. in dem Entschluß, die vor dem Sieg angekündigten Programme aufrechtzuerhalten: Veröffentlichung der Satzung über die Rechte und Garantien der Nicaraguaner; konsequente Wahrung der Freiheit der Information, der parteipolitischen Organisation, des Kultes, der Bewegung; Rückgewinnung der Reichtümer für das Land durch Verstaatlichungen; erste Schritte einer Agrarreform etc. Sie zeigt sich weiter in der initiatorischen Fähigkeit, schon in den ersten Tagen des Prozesses eine nationale Alphabetisierungskampagne zu planen und zu organisieren, die den Geist unseres Volkes belebt und es befähigt, das eigene Geschick sicherer in die Hand zu nehmen und sich mit höherer Verantwortlichkeit und Klarsicht am revolutionären Prozeß zu beteiligen.
Wir beobachten im Land Konflikte zwischen gegensätzlichen Interessen, bedingt durch die Agrarreform, durch die Enteignung der Großgrundbesitze, etc., Konflikte, die durch den Umwandlungsprozeß der ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Strukturen verschärft werden können.
Gefährdeter revolutionärer Prozeß
Wir sehen schließlich die Risiken, die Gefahren und die Irrtümer in diesem revolutionären Prozeß und sind uns dessen bewußt, daß es in der Geschichte Prozesse von absoluter menschlicher Reinheit nicht gibt. In diesem Sinne treten wir ein für die Freiheit der Kritik und der Meinungsäußerung als unverzichtbaren Mitteln, Irrtümer aufzuzeigen und zu korrigieren und die Errungenschaften des revolutionären Prozesses zu verbessern.
Wir glauben, daß der gegenwärtige revolutionäre Augenblick eine günstige Gelegenheit bietet, die kirchliche Option für die Armen wahr zu machen. Andererseits müssen wir eingedenk sein, daß keine geschichtliche revolutionäre Realisierung die
unendlich vielen Möglichkeiten der Gerechtigkeit und der absoluten Solidarität erschöpfen kann, die dem Reich Gottes eigen sind.
Wie jeder menschliche Prozeß ist auch der unsere möglichen Irrtümern und Mißbräuchen ausgesetzt. Nicht wenige Menschen in Nicaragua fühlen in sich gewisse Sorgen und Ängste aufsteigen. Es ist unsere Pflicht als Hirten, die Beunruhigungen des Volkes abzuholen, zu dessen Dienst wir bestellt sind, und ihre objektiven Ursachen festzustellen.(…)
Was ist Sozialismus?
Man kann, manchmal sogar voll Angst, die Befürchtung äußern hören, der gegenwärtige Prozeß in Nicaragua führe zum Sozialismus. Man fragt uns Bischöfe, wie wir darüber denken.
Wenn der Sozialismus – wie einige annehmen – sich dadurch widerlegt, daß er Menschen und Völker ihres Charakters beraubt, freie Gestalter ihrer Geschichte zu sein; wenn er versucht, das Volk blind den Manipulationen und Diktaten derer zu unterwerfen, die willkürlich Macht ausüben, dann könnten wir einen solchen falschen und unechten Sozialismus nicht akzeptieren. Ebensowenig könnten wir einen Sozialismus akzeptieren, der in Überschreitung seiner Kompetenzen dem Menschen das Recht auf die religiösen Motivationen seines Lebens oder das Recht auf öffentlichen Ausdruck dieser Motivationen und seiner Überzeugungen nehmen wollte; und dies gilt für jede Religion.
Genau so unannehmbar wäre es, den Eltern das Recht abzusprechen, ihre Kinder ihren Überzeugungen gemäß zu erziehen, oder andere Grundrechte der Person zu beschneiden.
Wenn dagegen Sozialismus – wie es sein sollte – Vorrang für die Interessen der Mehrheit des nicaraguanischen Volkes bedeutet und das Modell einer solidarischen, zunehmend partizipativen und national geplanten Wirtschaft verwirklicht, dann haben wir nichts einzuwenden. Ein solcher Entwurf einer Gesellschaft, der die gemeinsame Nutzung der Güter und Ressourcen des Landes gewährleistet; der es möglich macht, die menschliche Lebensqualität auf dieser Basis der Befriedigung der Grundbedürfnisse aller zu verbessern, scheint uns gerecht. Wenn Sozialismus den fortschreitenden Abbau der Ungerechtigkeiten und der herkömmlichen Ungleichheit zwischen Stadt und Land, zwischen Entlohnung der geistigen und körperlichen Arbeit impliziert; wenn er die Partizipation des Arbeiters an den Produkten seiner Arbeit und die Überwindung der ökonomischen Entfremdung bedeutet, dann gibt es im Christentum nichts, was diesem Prozeß entgegenstünde. Vielmehr hat Papst Johannes Paul II. noch vor kurzer Zeit in der UNO seine Sorge über die radikale Trennung von Arbeit und Eigentum zum Ausdruck gebracht.
Wenn Sozialismus impliziert, daß die Macht aus der Perspektive der großen Mehrheiten und unter wachsender Beteiligung des organisierten Volkes ausgeübt wird, so daß er zu einer wirklichen Übertragung der Macht auf die Volksklassen führt, wird er wiederum im Glauben nur Unterstützung und Ermutigung finden.
Wenn der Sozialismus zu kulturellen Prozessen führt, die die Würde der Volksmassen zu erwecken vermögen, und er sie ermutigt, ihre Verantwortung zu übernehmen und ihre Rechte einzufordern, dann handelt es sich um eine Vermenschlichung, die mit der in unserem Glauben verkündeten menschlichen Würde übereinstimmt.
Was nun den Klassenkampf angeht, so ist eine Sache die dynamische Wirklichkeit des Klassenkampfes, der zu einer gerechten Veränderung der Strukturen führen soll, und eine andere Sache der Klassenhaß, der sich gegen Personen richtet und radikal dem christlichen Primat der Liebe widerspricht.
Unser Glaube lehrt uns, daß es eine unaufkündbare christliche Pflicht ist, sich die Erde «untertan» zu machen und die Welt sowie die Produktionsressourcen zu verwandeln, um dem Menschen das Leben zu ermöglichen und aus diesem Land Nicaragua ein Land der Gerechtigkeit, Solidarität, des Friedens und der Freiheit zu machen, in dem die christliche Botschaft vom Reich Gottes ihren vollen Sinn erfährt.
Wir haben darüber hinaus das Vertrauen, daß der revolutionäre Prozeß etwas Eigenständiges, Schöpferisches erstellen wird: etwas zutiefst Nationales und nicht Imitatorisches. Denn zusammen mit den Mehrheiten von Nicaragua erstreben wir einen Prozeß, der beständig zu einer besseren, echt nicaraguanischen, nicht kapitalistischen, unabhängigen und nicht totalitären Gesellschaft hinführt.
Motivation vom Evangelium her – Option für die Armen
Verschiedentlich haben wir in der Vergangenheit versucht, die Situation unseres Vaterlandes vom Evangelium her zu beschreiben (vgl. unsere Schreiben vom 8. Januar 1977 und vom 8. Januar 1978). Erst kürzlich, am 2. Juni dieses Jahres, haben wir uns für das Recht des Volkes von Nicaragua zur revolutionären Erhebung ausgesprochen. Bei all dem stützen wir uns auf die Treue zum Evangelium und auf die traditionelle Lehre der Kirche. Es ist auch jetzt in der neuen Situation unsere Pflicht, mit einem Wort des Glaubens und der Hoffnung zum gegenwärtigen revolutionären Prozeß und zur Verwirklichung der Forderungen des Evangeliums in ihm Stellung zu nehmen.
Der Kern der Botschaft Jesu ist die Verkündigung des Reiches Gottes, eines Reiches, das auf der Liebe des Vaters für jedes menschliche Wesen und auf dem bevorzugten Platz der Armen basiert, eines globalen Reiches, dem sich nichts entziehen kann. Das Reich Gottes verkünden heißt den Gott dieses Reiches verkünden und seine Vaterliebe als Grundlage der Brüderlichkeit unter allen Menschen.
Jesus erklärt uns, daß dieses Reich Befreiung und Gerechtigkeit bedeutet (vgl. Lk 4, 16–20), weil es ein Reich des Lebens ist; es aufzurichten ist die notwendige Voraussetzung für die Beteiligung und Mitarbeit am gegenwärtigen Prozeß für ein wirkliches Leben aller Menschen in Nicaragua …
Der erste Beitrag der Kirche besonders in Nicaragua muß die Option für die Armen sein und die Verteidigung aller Maßnahmen und Gesetze, die ihn aus der Marginalität herausholen, seine Rechte zurückerobern und die Organisationen unterstützen, die seine Freiheit garantieren. Wir können und dürfen vor Risiken und möglichen Irrtümern nicht die Augen verschließen, sie gehören zu jedem geschichtlichen Aufbau, im Gegenteil glauben wir, daß sie mit aller Deutlichkeit und allem Freimut herausgestellt werden sollen im Geist des Evangeliums, das zu verkünden wir Aufgabe und Verantwortung haben. Aber wir sind auch überzeugt, daß wir dies in Authentizität nur dann vermögen, wenn wir mit Demut und Bestimmtheit den Ruf vernehmen, der vom Herrn in den Zeichen der Zeit an uns ergeht.
Und wir wollen diese Klarheit und Verpflichtung aufrechterhalten zusammen mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft von Nicaragua, auf deren Ermunterung und Beistand wir hoffen, und vereint mit dem armen Volk, dessen «Evangelisierungspotenz» wir herausgefunden haben. Es ruft unsere ganze Kirche zur Umkehr auf.
Die Herausforderung der gegenwärtigen Stunde
Die Augen Lateinamerikas sehen nach Nicaragua, so auch die Augen der lateinamerikanischen Kirche. Unsere Revolution ereignet sich zu einer Stunde, in der sich die katholische Kirche
durch die Erfahrungen des Vatikanum II, durch Medellin und Puebla zunehmend bewußt geworden ist, daß die Sache der Armen ihre eigene Sache ist. …
Die Revolution fordert von uns zunächst eine tiefe Umkehr der Herzen. Sie verlangt von uns auch Bescheidenheit im Lebensstil. Der Krieg und vor allem die vorausgegangene Sozialordnung haben uns trotz des natürlichen Reichtums unseres Landes einen Wirtschaftsnotstand als Erbschaft hinterlassen. Die Auslandsflucht der Fachleute im Verwaltungswesen und die unvermeidliche Ratlosigkeit am Anfang einer so radikalen Systemveränderung verschlimmern dieses Problem.
Wir müssen bereit sein, den Mangel an Lebensmitteln in Bescheidenheit zu ertragen und zu verhindern, daß die mittellosen Mehrheiten die Folgen dieses Mangels zu tragen haben. …
Gleichzeitig rufen wir dazu auf, die Kapitalflucht ins Ausland zu beenden und das Kapital wieder im Land selbst zu investieren; den internationalen Handel und die Bedingungen, unter denen über die Auslandsverschuldung von Nicaragua verhandelt wird, gerechter zu gestalten. Wir sind überzeugt, daß all dies zur Linderung der Lebensmittelknappheit und zur Vermeidung vieler menschlicher Leiden beitragen würde. …
Die Hoffnung dieser Revolution stützt sich vor allem auf die Jugend Nicaraguas. Sie hat in einem Maße Mut und Einsatzbereitschaft bewiesen, das die ganze Welt in Erstaunen versetzt hat, und sie wird jetzt Hauptträger der neuen «Zivilisation der Liebe» (Puebla), die wir alle aufbauen wollen …
Für die Kirche verlangen wir Bischöfe von Nicaragua kein anderes Privileg als das der Erfüllung ihres Evangelisationsauftrages, der ein in Demut geleisteter, kostbarer Dienst am Volk sein soll. …
Die Kirche muß lernen und lehren, die Ereignisse aus der Perspektive der Armen zu sehen, deren Sache auch die Sache Christi ist. Indem sie die Sache aller Nicaraguaner als ihre eigene Sache aufgreift, möchte die Kirche einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung in Nicaragua leisten.
Möge die Jungfrau des Magnificat, die den Sturz der Mächtigen und die Erhöhung der Kleinen besingt, uns begleiten und helfen, in christlicher Weise unsere Pflicht zu erfüllen inmitten der harten und leidvollen Aufgabe, den Aufbau eines neuen Nicaragua zum guten Ende zu führen – in dieser Stunde, in der die Option für die Armen neue Horizonte der Hoffnung eröffnet.
in: Orientierung (Zürich), 44 (1980), pp. 15-17
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