Der Streit zwischen Stadt und Staat

Ein Gespräch mit Bürgermeisterin Lydie Polfer

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In mehreren Beiträgen des vorliegenden "forum"-Dossiers wird auch die Verantwortung der Stadtverwaltung für das archäologische Erbe der Stadt angesprochen. Stellvertretend für andere Gemeindeoberhäupter sprachen wir mit der Bürgermeisterin der Hauptstadt, deren unterirdischen Archive neben jenen von Echternach wohl am reichhaltigsten sind, ohne daß sie systematisch benutzt werden können.

"forum": Was macht die Stadt Luxemburg, um ihre historische Vergangenheit zu erforschen?

Lydie Polfer: Sehr viel! Wir geben uns sehr große Mühe, um die Geschichte der Stadt aufzuarbeiten und auch einem größeren Publikum verständlich zu machen. Ende 1992 haben wir im Gemeinderat dem Projekt eines Stadtmuseums zugestimmt, das 1,2 Milliarden Franken kosten wird. Wir werden ob dieser Ausgaben oft kritisiert, aber im Gegensatz zu anderen, reden wir nicht nur von der Aufarbeitung der Vergangenheit, wir handeln auch entsprechend. Es genügt nämlich nicht, Gesetze zu machen über die Notwendigkeit archäologischer Untersuchungen, wenn man sich nicht gleichzeitig die Mittel gibt, diese Gesetze auch in die Praxis umzusetzen.

"forum": Hängt es nicht auch an mangelnder Information, wenn die Staatsarchäologen nicht oder zu spät intervenieren?

Lydie Polfer: Gewiß kann man noch manches verbessern. Wir haben damit prinzipiell kein Problem. Ich möchte z.B. darauf hinweisen, daß in allen unseren Lastenheften vorgeschrieben wird, daß der Bauunternehmer, der im Auftrag der Gemeinde Arbeiten verrichtet, diese sofort benachrichtigen muß, wenn er auf interessante Funde stößt. Allerdings stellt sich hier die Frage nach dem archäologischem Spürsinn der Leute, die an der Baustelle beschäftigt sind. Mit etwas mehr gutem Willen auf beiden Seiten wäre sicher eine regelmäßige Konsultierung machbar, um schnell intervenieren zu können. Doch die Archäologie ist nur ein Interesse, das wir berücksichtigen müssen. Den Anschluß an das Erdgasnetz aus ökologischen Gründen, die Verbesserung der

Abwasserkanalisation, die Verlegung neuer Wasserleitungen oder elektrischer Kabel usw. sind Arbeiten, die wir nicht unbegrenzt aufschieben können.

"forum": Müßte denn nicht die Stadt selbst einen Archäologen einstellen, um solche Arbeiten zu begleiten, wenn sie ein echtes Interesse an der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit hat?

Lydie Polfer: Die gesetzliche Lage ist im Moment so, daß der Grabungsdienst des Staatsmuseums ein gesetzlich verbrieftes Monopol für archäologische Arbeiten hat. Eine solche Zentralisierung ist im Sinne einer wirksamen Organisation auch sicher zu verstehen, allerdings muß man diesen Dienststellen die nötigen Mittel geben, um ihre Kompetenzen ausfüllen zu können.

"forum": Unseren Informationen zufolge, wären die Verantwortlichen des Staatsmuseums heute gerne bereit, dieses Monopol aufzugeben und die Stadt an archäologischen Untersuchungen zu beteiligen.

Lydie Polfer: Dieser Sinneswandel hat eine einfache Ursache: Der staatliche Grabungsdienst ist überlastet und hat kaum Zeit, sich um archäologische Grabungen in der Stadt selbst zu bekümmern. Allerdings kann die Stadt den Staat hier nicht von seiner Verantwortung entbinden.

"forum": Aber hat die Stadt denn nicht selbst Interesse daran? Was will die Stadt denn in ihrem Museum zeigen, wenn sie sich nicht selbst um die archäologische Aufarbeitung ihrer Vergangenheit bemüht?

"Die Stadt wird den Staat nicht von seiner archäologischen Verantwortung entbinden."

Ein paar alte Bretter…
oder der Nachweis von
Gerberwerkstätten am Al-
zetteufer im Pfaffenthal
(1990) (Photo: MNHA)

Lydie Polfer: Darüber braucht niemand sich Sorgen
zu machen. Wir haben zahlreiche Personen beauftragt, Dossiers auszuarbeiten, die das Museum mit
einem Inhalt füllen werden. Als in den beiden
Häusern, die zum Stadtmuseum umgebaut werden,
archäologische Reste gefunden wurden, kam das
Staatsmuseum, nahm sie mit und wir haben sie bis
heute noch nicht wieder. Diese Kompetenzschwierigkeiten bedürfen unbedingt der Klärung.

"forum": Das Hauptproblem scheint mir eher in
einer Information der Archäologen schon in der Planungsphase zu liegen. Die Archäologen wollen keineswegs immer alles ausgraben. Ihre Arbeiten
müssen auch Baustellen keineswegs verzögern, wenn
sie rechtzeitig informiert werden. Und das scheint
mir doch einfacher, wenn die Stadt selbst einen Archäologen einstellt, der den einzelnen Gemeindediensten zur Verfügung steht, um zu entscheiden, ob
archäologische Funde zu erwarten sind, ob eine Sondierung nötig ist oder ob gar eine regelrechte
Grabung organisiert werden müßte.

Lydie Polfer: Unser Stadtmuseum muß sicher in
diese Richtung ausgebaut werden. Wenn es seine
Tore 1995 geöffnet hat, muß es sich dran setzen, eine
archäologische Bestandsaufnahme der ganzen Stadt
zu erstellen, die dann den technischen Diensten zur
Verfügung stehen soll.

"forum": Also ein archäologisches Kataster … Das
ist in belgischen Städten gesetzliche Vorschrift!

Lydie Polfer: Ja, genau. Und das muß dann in den
Straßenplan übertragen werden, den die Stadtdienste
derzeit mit Hilfe des "système graphique interactif"
erstellen, um alle unterirdischen Leitungen in einem
einzigen Plan zu erfassen. Dann sind wir auf etwaige
archäologische Überraschungen vorbereitet.

"forum": Dann muß die Stadt also doch einen Archäologen einstellen. Wer soll sonst dieses Kataster
erstellen?

Lydie Polfer: Möglicherweise, aber im Moment
ziehen wir es vor, beim Stadtmuseum mit ad-hoc-Verträgen zu arbeiten. Solche zeitlich befristete und
sachlich genau umgrenzten Verträge wurden schon
mit einer ganzen Reihe Historiker abgeschlossen.

"forum": Es geht ja auch nicht nur um Straßengräben, die von öffentlicher Hand ausgehoben werden.
Auch vor den privaten Bau- und Abreißgenehmigungen müßte eine archäologische Überprüfung stattfinden, etwa in der Art der ökologisch begründeten Verträglichkeitsstudien. (Dann dürften doch Entkernungen wie zur Zeit am "Conrots Eck" nicht mehr
möglich sein.)

Lydie Polfer: Gewiß wäre es interessant, eine genaue
Bestandsaufnahme all dieser Häuser zu haben. Der
neue Bebauungsplan sieht auch für die Altstadt Vorschriften vor. Allerdings stellt sich wieder die Frage:
Wer ist dafür zuständig und wie lange werden die
Restaurierungsarbeiten dadurch hinausgeschoben.
Wir wollen ja, daß die Leute weiterhin auch in der
Altstadt investieren. Übrigens wurde die Baugenehmigung des "Conrots Eck" von der kommunalen
Bautenkommission begutachtet, einer Kommission,
in der der staatliche Denkmalschutz vertreten ist.

"forum": Daher sollte die Stadt selbst zumindest für
die prospektive Arbeit einen Archäologen einstellen.
Städte wie Basel, Douai oder Paderborn besitzen
ihre eigenen archäologischen Dienststellen. In den
Niederlanden haben rund 20 Städte ein archäologisches Amt. Warum nicht die Stadt Luxemburg? Wallonien, dessen Finanzen kaum besser sind als diejenigen Luxemburgs, beschäftigt einen Grabungsdienst von 20 Personen.

Lydie Polfer: Das scheint mir ziemlich viel und vielleicht erklärt das die Finanzlage mancher belgischen
Städte.

"forum": Vielen Dank für Ihre Auskünfte.

Das Gespräch führte für "forum" mp

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