Die Anfänge des Luxemburger Rundfunkwesens
Radio zwischen Kultur und Kommerz
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Die Anfänge des Luxemburger Rundfunkwesens
Radio zwischen Kultur und Kommerz
Dieser Artikel erzählt wie und weshalb es zum Kommerzfunk in Luxemburg gekommen ist. Er zeigt, dass es andere Vorstellungen und Möglichkeiten gab und er erinnert an die längst vergessene Luxemburger Radio-Szene der zwanziger Jahre.
Pioniere und Bastler
1919 erschien eine 31-seitige Broschüre, in der A. Robert "Praktische Anweisungen zum Bau eines Funkempfängers gab, und bald schon gründeten sich in der Hauptstadt die Gesellschaft der "Amis de la télégraphie sans fil", die sich regelmäßig im Café Jacoby auf der Place de l’Etoile trafen, um diese Anleitungen in die Praxis umzusetzen. Sie bastelten nicht nur Empfänger, um die ersten Versuchssender zu hören, sie versuchten auch mit Vorträgen und Ausstellungen das neue Medium populär zu machen. Die Faszination, die damals vom Radio ausging, ist heute kaum nachzuempfinden. Mit dem eigenhändig gebauten Apparat konnte ein geschickter Bastler durch den Äther in entfernte Gegenden vordringen, und mit viel Mühe gelang es ihm, zwischen den vielen Störungen einen der wenigen Sender, die gerade erst entstanden, zu empfangen.
Die besonders unternehmerischen Pioniere begnügten sich nicht mit dem Abhören von Sendern, sie wollten selber senden, und so ging im Februar 1925 der erste Rundfunksender Luxemburgs in Betrieb. Die Gebrüder Anen richteten ihn im Dachgeschoss der väterlichen Photohandlung in der Beaumontgasse ein. Doch dieser 100-Watt-Sender war eher eine Spielerei und manchen Leuten ein Ärgernis. So dem Abgeordneten Neu, der 1931 in einer Kammersitzung sich über "diese jungen Menschen aufregte, die den Radio-Empfängern stundenlang in die Geräte hineingreifen".
Anfang der zwanziger Jahre entsteht eine Rundfunkindustrie, die den Bastlern manche Verbesserung verdankt und die sich erst einmal gegen kleine handwerkliche Rundfunkfabrikanten durchsetzen muß (z.B. "Radiolux und Jibelux", zwei Luxemburger Fabrikate). Die auf dem Markt befindlichen Rundfunkgeräte gehören zu zwei großen Gruppen: die Kristalldetektorenempfänger, die praktisch nur aus einem Schwingkreis bestehen und keinen Verstärker haben, d.h. mit ihnen können nur starke Sender empfangen und über einen Kopfhörer gehört werden. Dann die Röhrengeräte, welche Fernsender empfangen und die mit ihrem Lautsprecher das gemeinsame Hören ermöglichen. Der Preisunterschied ist erheblich. Für 1930 gibt A. Robert folgende Zahlen: ein Detektorempfänger kostet 50-100, ein Röhrengerät 1500-8000 Franken. Durch Eigenbau können diese Preise um die Hälfte reduziert werden.
Daß Radio-Hören mit Röhrengeräten ein Luxushobby war, zeigt folgende Gegenüberstellung von zwei Werbungen, welche Anfang der 30er im "Marienkalender" erschienen sind: Für eine "Standard-Kombination von Philips mit außerordentlich weicher und vollkommener Selektivität" mußte man 4487,50 F zahlen, während eine "Schlafzimmereinrichtung in Eiche gewichst" bei "Bonn" 3965 F kostete. Kein
Wunder, daß die Radioclubs aus dem Boden sprossen. Dort traf man nicht nur begeisterte Gleichgesinnte, für einen Jahresbeitrag von 20 Franken erhielt man auch kostenlose Hilfe bei Bau und Reparatur von Empfängern (z.B. konnte man das klubeigene Röhrentestgerät benutzen…).
«Hei Radio Lëtzebuerg»
Die Gebrüder Anen senden nicht nur, sie organisieren auch öffentliche Übertragungen von Rundfunksendungen über Lautsprecher. Ihre Sendungen werden häufiger und ab 1925 werden nach Evy Friedrich jeden Donnerstag Konzerte und jeden Samstag Sportresultate ausgestrahlt. Während die Gebrüder Anen die technische Seite besorgen, bekümmern sich Léon Moulin und August Donnen um den redaktionellen Teil. Ein eigenes "Rundfunkorchester" sorgt für die musikalische Umrahmung.
1927 und 28 erscheint bei Bourg-Bourger die Zeitschrift "Radio-Programme", in der es neben Programminweisen auf die in Luxemburg zu empfangenden Sender auch Bastelanleitungen, Nachrichten und rundfunkpolitische Überlegungen zu lesen gibt. Die wenigen Nummern, die mir zugänglich waren, erlauben eine Momentaufnahme des Luxemburger Programms gegen Ende 1927.
JIBELUX
De Letzeburger Radio
Garantie für tadellosen Empfang, auch auf ultra Kurzen Wellen.
Ein Jahr volle Garantie auf Apparat u. Lampen
Construteur: JEAN BORCK
LUXEMBOURG, 15, Rue Philippe
Téléphone 47-27
Radio-Luxemburg sendet jetzt regelmäßig 2 bis 3 Stunden pro Woche und kann im ganzen Lande mit einem billigen Detektorgerät empfangen werden. Im Oktober und November wird an jedem Dienstag und Donnerstag ab 21 Uhr gesendet, im Dezember nur noch donnerstags. Auf dem Programm steht gehobene Unterhaltungsmusik, meistens Operetten oder Opernpotpourris, gespielt vom hauseigenen kleinen Orchester mit knapp 10 Musikern. Manchmal wirkt auch ein Mandolinenverein mit oder z.B. der Zitherklub Bonneweg. Höhepunkt dieser 3 Monate ist sicher die Live-Übertragung der "Tosca" aus dem Stadttheater und das "Radio-Drama: Dohém", ein Hörspiel von Max Goergen. Hinweise auf Nachrichten finden sich auch im Programm ("Pendant les entractes informations"), ohne daß etwas über deren Umfang und Inhalt ausgesagt wird. Außerdem gab es neben einfacher Funkwerbung, auch schon ganze Abende, die von einer Firma patroniert wurden (z.B. Telefunken-Abend). Glaubt man späteren Selbstdarstellungen, so waren die Übertragungen von Aufführungen des Stadttheaters und von Platzkonzerten auf der Place d’Armes ein regelmäßiger Programmbestandteil. Über die Hörerresonanz unterrichtet ein Liederwettbewerb, der 1929 durchgeführt wurde und an dem, nach Evy Friedrich, 1000 Hörer teilnahmen. (Mit 324 Stimmen wählten sie "Vergüttemeinicht" von Michel Lentz auf Platz 1 der Hit-Parade).
1929 wurde der Sender aus der Beaumont-Straße vor die Stadt auf den Kohlenberg verlegt und hatte dann eine für damalige Verhältnisse stattliche Leistung von 3kW.
Der kurze Traum vom «andern» Radio
Die meisten Nachbarstaaten haben ihr Rundfunkwesen geregelt oder sind zumindest dabei (wie z.B. Frankreich) dies in erbitterten Diskussionen zu tun. 1927 fällt das Stichwort "Radio-Statut" auch in der Luxemburger Kammer. Doch nicht weil die Politiker eine eigene rundfunkpolitische Überlegung anstellen, sondern weil sie angesichts der Aktivitäten der Nachbarn nicht abseits stehen wollen. So konnte man z.B. im Genfer Völkerbund keinen Ansprechpartner für Fachkommissionen anbieten und die International zuerkannte Frequenz mußte un-
An unsere unbemittelten Leser richten wir uns, indem wir ganz speziell darauf hinweisen, daß der Radio-Empfang für jede Klasse zu erreichen ist. Leset aufmerksam "Radio-Programme" und bauet selbst.
(Radio-Programme, Nr 1, 30.9.1927)
benutzt bleiben. Doch die eigentliche Sachkompetenz war in Luxemburg nicht bei den Parteien, sondern bei den Radiofreunden und -bastlern zu suchen, und so wundert es nicht, daß die Zeitschrift "Radio-Programm", als selbsternannte Hörervertretung, Ende 1927 ausführlich zu diesem Thema Stellung nimmt. Nach Ausführungen über Störungen, Antennen und Rundfunkgebühren folgen Überlegungen zur Notwendigkeit eines nationalen Senders:
"Jedes Land … hat heute seinen eigenen Sender … der zum öffentlichen Leben gehört, wie Schulen und Spitäler, nicht etwa wie Telefon und Telegraf. Ein Kulturfaktor, der dem Volke, jedem im Volke, die unvergänglichen Monumente der Kunst und Literatur, die höchsten Errungenschaften der Wissenschaft zugänglich macht, Werte, die bis heute nur ein Privileg der Begüterten gewesen sind" (28.10.27).
Im Gegensatz zu ausländischen Sendern kann ein nationales Programm auf die Luxemburger Eigenarten und Auffassungsfähigkeit eingehen und so den Hörer direkter ansprechen. Eine Leistung von 1 bis 2kW würde ausreichen, um den Empfang dieses Nationalsenders im ganzen Lande mit einem billigen Detektorgerät zu ermöglichen. Das tägliche Programm von mindestens 2 Stunden soll neben Opern, Operetten, Konzerten, Vorträgen und Kursen auch Markt- und Wetterberichte übertragen. Von Nachrichten geht allerdings keine Rede. Am Zustandekommen sollen die Militärkapelle und örtliche Vereine sowie Bildungseinrichtungen wie der katholische Volksverein, "Landwuel" und der Arbeiterbildungs-Verein beteiligt werden.
A. Robert, einer der führenden Radiofreunde, macht einen ähnlichen Vorschlag: neben dem Eigenprogramm soll der Sender, als Relais-Station, auch ausländische Programme übernehmen:
Jahr Année – N° 4
VENDREDI, 21 octobre 1927
Prix frs. 1.25
Journal hebdomadaire publiant tous les Programmes des Stations Européennes de T. S. F. : Administration: Fr. BOURG-BOURGER — Luxembourg — Rue Wedel 15. — Téléphone N° 28.70.
g) Radio.
Bielleicht die beste Ausnützung der Winterabende. Man hört Vorträge über die verschiedensten und interessanten Themen, hat Hauskonzerte zu allen Stunden und schafft für sein Heim eine Quelle bester Geselligkeit. Wer seinen Apparat selbst baut, umbaut, repariert, füllt damit viele Stunden aus und wer auch Kurzhörer ist, dem vergeht vor dem Lautsprecher die Zeit im Fluge.
Es wird für uns notwendig sein, nach dem Beispiel des Auslandes einen Arbeiter-Radio-Bund zu schaffen, und zu versuchen, nach Zubstriebnahme des Ing. Genders Einfluß auf die Programmgestaltung zu gewinnen, so daß periodisch besondere Stunden für Arbeiterhörer eingelegt werden, in denen von unsern proletarischen Rednern Vorträge vor dem Mikrophon gehalten werden, und es, von unsern Gesang- oder Musikgesellschaften Konzerte zur Ausführung gelangen, in denen besonders angepasste Stücke angetragen werden.
Der Rundfunk ist bestes Propaganda-Belehrungs- und Unterhaltungsmittel und wir müssen dies nach Kräften ausnutzen.
in: Lily BECKER, Die Ausnutzung der Freizeit. = Bibliothek der "Gemuse" (Genossenschaft für Mußarbeit und soziale Fürsorge) Bd. VIII, Esch-Alzette 1930
"Es würde unserer geographischen Lage und unserer Doppelkultur absolut entsprechen, wenn die spezifischen luxemburgischen Tagesprogramme mit der Wiedergabe ausländischer Programme … durchsetzt würden" (in: Revue de l’Artisan, Art. 11, 1930).
Diese Vorstellungen, die sich ähnlich beim Lehrerverein, beim Arbeiterbildungsverein, ja selbst im ersten Staatsratgutachten finden, kann man als sozio-kulturelles Radio bezeichnen: der Rundfunk wird als Kulturfaktor verstanden, im Vordergrund steht nicht Unterhaltung sondern Bildung. Diese Demokratisierung des Zugangs zur Kultur soll zu einer Verringerung des Stadt-Landgefälles beitragen.
Dies ist der Traum vom Radio als Kommunikationsmittel, das eine große Gemeinschaft von Radio-Macher und Hörer schafft, von einer radikalen Verbilligung von Kunst und Wissen, die es jedem erlaubt daran teilzuhaben, und auch der Traum von der Beherrschbarkeit der Technik. Denn vergessen wir nicht, daß billige Empfanggeräte viel Eigenarbeit voraussetzen.
Doch während die Freunde des Radios weiterträumen, arbeiten die Realpolitiker hinter den Kulissen am Kommerz-Radio-Statut. Um dessen Zustandekommen zu verstehen, müssen wir unsere Blicke nach Frankreich wenden.
Die Idee der «radios périphériques»
Radiogeräte kann man nur verkaufen, wenn Programme angeboten werden. Dies dachte man auch bei der "Compagnie Générale de Télégraphie sans Fil" (CSF), damals Nummer 4 in der Weltrangliste der Hersteller hinter RCA, Marconi und Telefunken, und
da vom französischen Staat keine Initiative oder Reglementierung zu erwarten war, gründete man 1922 einen eigenen Sender, der denselben Namen wie die firmeneigenen Empfangsgeräte bekam: Radiola.
Doch das Betreiben eines Rundfunksenders ist teuer, so daß das Kapital aufgestockt werden mußte, und es entstand 1929 die "Compagnie française de radiophonie" (CFR), in der die CSF zwar wichtigster Aktionär blieb, an der sich aber andere Kapitalgeber beteiligten, wie z.B. die Nachrichten- und Werbeagentur "Havas" und die "Banque de Paris et des Pays Bas". Der Sender hieß jetzt Radio-Paris und er wurde aus Werbeeinnahmen und aus einer freiwilligen Abgabe der Rundfunkröhrenhersteller finanziert. Die CFR versucht auch Regionalsender aufzubauen, so z.B. Radio-Toulouse, das sich später zum selbständigen Rivalen entwickeln wird.
Doch die Post ist nicht untätig, es entstehen staatliche Sender und die privaten werden schikaniert, wenn es um Standleitungen und Sendeerlaubnisse geht. Schon 1925 sieht eine Gesetzesvorlage die Zentralisierung des Rundfunkwesens und ein Staatsmonopol vor. Als Gegenmaßnahme erwägt die CFR, Sender im benachbarten Ausland zu schaffen (sog. "radios périphériques"). Nach langem Hin und Her wird Ende 1926 ein Gesetz erlassen, das die Verstaatlichung der privaten Sender nach einer Galgenfrist von 5 Jahren vorsieht.
Doch die Position der Privaten ist nicht so aussichtslos, denn in diesen Jahren können französische Regierungen sich jeweils nur wenige Monate halten und schnelle Gesetzesänderungen sind nicht auszuschließen. Deshalb beschließt die CFR, in die Offensive zu gehen. Sie baut einen sehr großen 75-Kilo-Watt-Sender in die Nähe von Paris, und versucht gleichzeitig, das neue Gesetz durch politische Einflußnahme zu hintertreiben. Dazu gehört auch die Strategie des "poste périphérique", mit der man einerseits politischen Druck ausübt und andererseits eine Notlösung vorbereitet, wenn der Druck nichts fruchten sollte.
In den Kreisen der Luxemburger Radiofreunde werden diese Entwicklungen aufmerksam beobachtet, besonders, da auch direkter Kontakt zu französischen Stationen bestand. So hatte François Anen für sein Radio-Luxembourg einen ausrangierten 3-kW-Sender von Radio Toulouse übernommen. Die Zeitschrift "Radio-Programme" beschäftigt sich unter dem Titel "Sensation: Internationaler Gro sender in Luxemburg?" am 23.12.1927 mit dieser Problematik.
Die Zeitung beruft sich auf Gerüchte aus einer französischen Tageszeitung und auf halboffizielle Stellungnahmen: "deux sociétés (radiophoniques), et des plus importantes, projetteraient de construire des postes d’émission à grande puissance à l’étranger, l’une dans la principauté de Monaco, l’autre dans le Grand-Duché de Luxembourg".
Ein Sender sucht ein Land
Die einzige umfassende Luxemburger Arbeit zur Rundfunkberichterstattung wurde 1961 von Gust Graas unter dem Titel "Petite … et grande Histoire de Radio-Télé-Luxembourg" veröffentlicht. Der Frühgeschichte der zwanziger Jahre werden nur einige Sätze gewidmet, und über die Hintergründe der Gründung der CLT-Vorgänger ist wenig zu erfahren. So heißt es zum Beispiel über F. Anen: "Ce pionnier rencontrait d’autres pionniers", und etwas weiter: Sur le berceau de Radio-Luxembourg, des sages s’étaient penchés". Worum es diesen weisen Pionieren ging, soll im Folgenden gezeigt werden. Dabei werden wir uns auf veröffentlichte Quellen und französische Sekundärliteratur stützen; eine sicher aufschlußreiche Aufarbeitung von Staats- und CLT-Archiven muß den Fachhistorikern vorbehalten bleiben.
Die Postverwaltung hat ein Gesetzesprojekt, das vom 22.11.1927 datiert ist, ausgearbeitet. Dieses wird vom Staatsrat am 12.3.1929 begutachtet und mit Änderungsvorschlägen an die Kammer weitergeleitet. Die wichtigste Änderung: das Rundfunkwesen wird dem staatlichen Monopol entzogen, es sollen Privatgesellschaften geschaffen werden, die lediglich einer staatlichen Senderlaubnis bedürfen.
Zur gleichen Zeit verfolgen die französischen Sender, angesichts der für 1932 drohenden Verstaatlichung, die Strategie der "postes périphériques" weiter. Die entscheidende Initiative geht von Henry Etienne, einem Journalisten bei "l’Antenne" aus, der über die belgische Zeitung "La Meuse" gute Kontakte nach Luxemburg hat. Für sein Projekt gewinnt er die CFR und die "Société des Compteurs", deren Vertreter Jean Le Duc er beim Bürgermeister von Luxemburg Gaston Diderich und beim Bischof Nommesch einführt. Diese beiden Persönlichkeiten vermitteln den Kontakt zu Minister Pierre Dupong, der für das Postwesen zuständig ist.
Außerdem gelingt es, F. Anen, der bis dahin mit Radio-Toulouse zusammenarbeitete, für das Projekt zu gewinnen, und so kann am 11.5.1929 die "Société luxembourgeoise d’études radiophoniques" (SLER) gegründet werden. Dann soll im Laufe des Jahres 1927 der Radio-Sender ein gesetzliches Statut bekommen. Der Gesetzestext selber bestand schon vorher und er wird nicht mehr verändert werden. Der entscheidende Satz lautet:
"Die ihnen (den Rundfunksendern) aufzuerlegenden Bedingungen … werden für jeden einzelnen Fall durch ein vom Staatsrat zu begutachtendes Lastenheft festgelegt."
Durch diesen Gummiparographen verliert das Gesetz jegliche Bedeutung, er läßt der Regierung (und dem Staatsrat) freie Hand, durch ein Lastenheft das Rundfunkwesen beliebig zu gestalten.
Der Gesetzestext kommt vor die Kammer und wird dort am 11.12.1929 ohne lange Diskussion verabschiedet. Das Parlament scheint nicht zu wissen, was hinter seinem Rücken gespielt wird, denn die Existenz der SLER wird in der ganzen Debatte nicht erwähnt, und so stellen die Abgeordneten mit dem Rundfunkgesetz, das mit 38 Ja-Stimmen, und 11 Enthaltungen ohne Gegenstimme verabschiedet wird, der Regierung einen Blankoscheck aus.
In der Debatte hatte Dupong ausgeführt: "C’est à dessein que nous nous sommes abstenus d’apporter dans le projet même les détails de l’organisation … des postes émetteurs … Dans cette matière, tout est encore dans le développement."
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Etwas später sagt er jedoch: "la station émettrice", "nous ne voulons en aucune façon profiter du poste émetteur"; "pour le cas où une seule station émettrice sera autorisée …". Handelt es sich bei diesem Singular um einen Lapsus oder ist das im Lastenheft ohne die Befragung des Parlaments eingeführte Monopol bereits beschlossene Sache?
Wie es zur Konzessionsvergabe kam, bleibt angesichts der nicht aufgearbeiteten Archive, im dunkeln. Bekannt sind nur mehrere Versionen, die Dupong selber 1931 vor der Kammer gab, um sich zu rechtfertigen. Fest steht, daß es keine offizielle Ausschreibung gab; Dupong stellt es so dar, daß zur Zeit der Debatten um das Rundfunkgesetz aus allen Teilen der Welt (!) Anfragen gekommen sind, ein andermal spricht er von drei nicht namentlich genannten Bewerbern, dann wiederum von zwei Bewerbern, nämlich SLER und Radio-Toulouse.
Neu, ein Abgeordneter der Arbeiter-Partei, beschreibt den Vorgang 1931 folgendermaßen: Anen und den Luxemburger Radiopionieren wurden "einzelne Brocken (in der SLER) hingeworfen, damit sie an demselben Strange (wie die Franzosen) ziehen sollten, Allerhöchste Protektion besorgte den Rest".
Wie dem auch sei, die Konzession geht an die SLER und Vertrag sowie Lastenheft werden am 20. August 1930 unterschrieben. Anens Radio-Luxemburg stellte nun auf Anordnung der Regierung die Sendungen ein. Das vom Gesetz zwingend vorgeschriebene Staatsratsgutachten wird aber nicht eingeholt, und im Lastenheft, das dem Geist des Gesetztextes nach ein Auflagenkatalog sein sollte, erscheint neben vielen Pflichten ein neues unbezahlbares Zugeständnis an die Privatgesellschaft: sie erhält das Sendemonopol in Luxemburg, d.h. ihre Konkurrenten, wie z.B. Radio-Toulouse, werden ausgeschaltet. Der
entscheidende Artikel lautet: "La société concessionnaire aura le monopole des émissions de radiodiffusion sans préjudice du Gouvernement d’autoriser des stations amateurs … à faible puissance … La société ne pourra transférer la concession à des tiers sans l’autorisation du Gouvernement."
Lient man den letzten Satz genauer, merkt man, daß das Monopol nicht an die SLER gebunden ist. Diese kann es (mit Einwilligung der Regierung) weitergeben. In diesem Passus ist die Handschrift der SFR zu erkennen, die bei ihrer Gründung Schwierigkeiten hatte, die von Radiola erworbenen Rechte zu übernehmen.
Die Abgeordnetenkammer erwacht
Der Inhalt des Lastenheftes bleibt zunächst der Öffentlichkeit vorenthalten. Noch gegen Ende 1930 herrscht in der Presse und in Insiderkreisen Unklarheit darüber. Doch mit dem Beginn der Ausführungsphase erweist sich die Notwendigkeit, die für den Bau der Anlagen notwendigen Grundstücke zu entnügen und dazu bedarf es eines Gesetzes, das am 16. Januar 1931 vor die Kammer kommt. Das Lastenheft, das "nur Eingewichten zugängig war" (so der Abgeordnete Blum), wird jetzt in der Kammer bekannt und die Volksvertreter werden sich jetzt erst bewußt, wozu sie 1929 "en passant" zugestimmt hatten. Bezeichnend die Bemerkung des damaligen Berichterstatters: "Je n’envisageais pas la création d’un poste de cette puissance."
Deshalb nimmt die Opposition, und Teile der Mehrheitsfraktion, die neue Debatte zum Anlaß, endlich prinzipiell über Rundfunkpolitik zu diskutieren. Doch die Regierung, in der Person von Pierre Dupong, hat leichtes Spiel: Sie verweist auf das verabschiedete Gesetz und darauf, daß sie dieses ordnungsgemäß durch die Konzessionsvergabe ausgeführt hat. Mit dem Unterschreiben des Vertrages hat die Rundfunkgesellschaft Rechte erworben, die ihr nicht durch ein neues Gesetz aberkannt werden können.
Die Themen, die in den viertägigen Debatten im Vordergrund stehen (z.B. die Frage nach den Störungen durch Trambahn und Industrie; die Frage, ob der Großsender nicht andere ausländische Sender stören wird, usw.), scheinen heute genauso belanglos, wie der polemische Ton und die andauernden anti-klerikalen bzw. anti-sozialistischen Sticheleien. Doch auch heute ist es noch lehrreich, die Ausführungen von Dupong zur Verfassungsmäßigkeit der Rundfunkzensur zu lesen, die ein bezeichnendes Licht auf das rein formale Demokratieverständnis der Rechtspartei der 30er Jahre werfen.
Die Debatte zeigt aber auch die Hilflosigkeit der Opposition gegenüber dem komplexen Thema. Die Möglichkeit eines anderen Radio-Statuts mit nationalem Schwerpunkt wird nicht erwogen. Nur einmal erwähnt der Sprecher der Arbeiterpartei, Blum, daß es andere Vorschläge gibt, ohne sie aber zu erläutern, ohne darzulegen, wie ein nationaler Sender im Interesse der "édication populaire de la classe ouvrière" aussehen könnte, und an die Regierung richtet er folgende Forderung: "Créez une petite station de relais pour faciliter l’audition des émissions étrangères (avec des postes bon marché) dans notre pays." Doch dies bleibt ein frommer Wunsch auf den niemand in der Diskussion weiter eingeht. Genauso taucht die Vorstellung, die Kammerdebatten zu übertragen, nur als ironischer Einwurf in einer polemischen Auseinandersetzung auf. Die Vorstellungen scheinen angesichts des internationalen Werbesenders, der mit den geplanten
A la Chambre des Députés (3/2/1931)
M. le Président. Nous allons donc voter sur la question préalable.
M. Altwies, rapporteur. Elle se rapporte à tous les amendements à l’exception des deux derniers.
M. Blum. On veut procéder ici à un massacre en masse de mes amendements.
M. Altwies, rapporteur. On veut arrêter un sabotage irréfléchi.
M. Blum. Vous ne voulez donc pas dire que les amendements que nous avons proposés en ce qui concerne la neutralité, soient un sabotage!
M. Thorn. Mais contraires à la convention.
M. Blum. Cette convention n’existe pas encore pour nous et si elle existe, nous dirons franchement que c’est une entreprise cléricale que vous voulez construire.
M. Thorn. Vous lancez de gros mots.
M. Dupong, Dir. gén. des finances. Hier vous disiez que c’était une entreprise de M. Oustric. Les deux affirmations se valent.
M. Blum. Vous mettez donc le cléricalisme sur la même ligne avec Oustric ?
M. Dupong, Dir. gén. des finances. Hier on a dit que c’était M. Oustric qui était derrière cette entreprise, et aujourd’hui on dit que c’est le cléricalisme.
M. Blum. Non, M. le jésuite, cela ne prend pas avec moi. (Oho, oho !)
M. Thorn. En France, vous seriez expulsé de la Chambre.
M. Blum. Il est un jésuite, il appartient à la caste jésuitique. (Oho, oho !)
M. le Président. Vous avez devant vous le Directeur général et rien autre chose.
M. Blum. Mais si on emploie des moyens jésuitiques…
M. le Président. Vous êtes le député Blum et M. Dupong est le Directeur général, c’est tout.
M. Blum. Il existe un terme académique – jésuitique – c’est-à-dire dire quelque chose qui ne réponde pas à la réalité.
M. Altwies, rapporteur. Alors vous en êtes le vrai type. (Interruptions. Coups de sonnette de M. le Président.)
M. Bech, Ministre d’Etat. Et on demande de radiodiffuser nos séances! (Hilarité.)
M. le Président. Il faudrait le faire, ce serait parfois utile et nécessaire.
M. Bech, Ministre d’Etat. Ce serait la faillite de la société.
M. le Président. Et peut-être du Parlement.
loo kw der leistungsstärkste Sender Europas werden soll, vergessen, und auch die Arbeiterpartei will zulassen, daß der Rundfunk zur Einnahmequelle für den Staat wird. Nur daß der Sender ans Ausland "verschachert" wird, damit ist sie nicht einverstanden.
Großkapital und Kleinstaat
Die Industrialisierung Luxemburgs war hauptsächlich durch den Impakt von ausländischem Kapital und Arbeitskräften bestimmt. Die Eisenbahnen, genauso wie das elektrische Netz, wurden von ausländischem Kapital aufgebaut. Doch weshalb kommen diese Firmen nach Luxemburg? Was ist ihr Interesse? Diese Frage beantwortet Staatsminister Bech sehr einfach und ehrlich: "(Leur intérêt) c’est de faire fructifier leurs capitaux." Der Sozialist Blum ist im allgemeinen damit einverstanden, doch in dem besonderen Falle des Rundfunkwesens will er das internationale Kapital nicht zulassen:
"Nous voulons empêcher qu’un groupe capitaliste international, étranger s’accapate d’un domaine (public) national luxembourgeois."
Deshalb verlangt Blum, daß der Staat oder zumindest luxemburgische Groß- und Kleinaktionäre mindestens 50 % der Aktien übernehmen sollen. Doch auch hier hat das Lastenheft schon entschieden. 30 % der Aktien werden während 14 Tage den Luxemburgern zum Kauf angeboten.
Weder Bech noch Blum sagen, daß es in diesem Falle nicht nur um Profite sondern auch um das Unterlaufen der französischen Gesetzgebung geht, daß der Kleinstaat dem Großkapital die Möglichkeit gibt, sich über nationale Gesetze hinwegzusetzen. Die Wirklichkeit ist noch komplizierter. Es gibt zwar die Rundfunkgesellschaften, die sich der Privatisierung entziehen wollen, die aber nicht genug Eigenkapital haben, um einen Großsender aufzubauen, und es gibt das Finanzkapital, das eher an einer hohen Rendite als am Weiterbestehen eines Senders interessiert ist. Deshalb hat die SLER Schwierigkeiten, das nötige Kapital auf dem französischen Markt zu finden. Es bedarf eines Berichtes der französischen Sicherheitspolizei, die herausgefunden haben will, daß deutsches und englisches Kapital ein Auge auf die SLER und ihr papierendes Rundfunkmonopol ohne Sender geworfen haben, damit sich jetzt auch die Pariser Regierung einschaltet. Was zunächst ein Projekt zum Unterlaufen der französischen Rundfunkgesetze war, hat jetzt eine Eigendynamik entwickelt, die es zum internationalen Politikum macht. So kann man im Geheimdienstbericht lesen: "Il est évident qu’il y aurait intérêt à ce que l’influence française ne soit pas éliminée du Luxembourg dans ce cas spécial" (zit. nach Duval). Auf Bemühen von Staatsminister Leval findet sich jetzt das nötige Kapital, und am 30. Mai 1931 wird die "Compagnie luxembourgeoise de radiodiffusion" (CLR) gegründet. Ihr Kapital von 15 Millionen Franken wird auf 30 000 Aktien verteilt. Die SLER erhält 6000 Aktien für ihre Vorarbeit und für die Übertragung des Sendemonopols. 10 000 Aktien sollen entsprechend dem Lastenheft der Luxemburger Öffentlichkeit angeboten werden. Weiter beteiligt ist der Elektrokonzern CSF, die "Banque de Paris et des Pays Bas" und "Havas" (die beide schon bei der Gründung der CFR dabei waren), die "Compagnie des Compteurs" (heute Schlumberger), die schon Hauptaktionär der SLER war, die "Banque Industrielle Belge" (heute Groupe Empain), der Besitzer der Zeitung "La Meuse" sowie einige weitere französische Firmen und "Privatleute". Das Luxemburger Aktiengesetz schrieb ein Minimum von 6 Luxemburger Aktionären und das Lastenheft eine luxemburgische Mehrheit im Verwaltungsrat vor. So gibt es also 6 Luxemburger, die insgesamt 110 Aktien besitzen, und 5 von ihnen werden sofort in den 9-köpfigen Verwaltungsrat gewählt. Präsident wird der Anwalt Emile Reuter, der nicht nur stolzer Besitzer von 20 Aktien, sondern auch Präsident der Abgeordnetenkammer ist. Art. 26 des Gründungsvertrags bestimmt, daß in der Generalversammlung jede Aktie eine Stimme hat, damit wird die luxemburgische Mehrheit im Verwaltungsrat ad absurdum geführt. Die 10 000 für die Luxemburger reservierten Aktien fanden keine Abnehmer. Auch das "Luxemburger Kapital" zeigte kein Interesse. Oder sollte sich etwa die ARBED an einem solch risikoreichen Projekt beteiligen, nur weil man "nationales" Kapital brauchte. Auch Bischof Nommesch wurde angesprochen und winkte ab, denn die innenpolitischen Komplikationen einer Beteiligung wären nicht auszudenken gewesen.
Inzwischen ist Radio-Paris verstaatlicht worden und die Entschädigungsgelder, welche der französische Staat an die CFR zahlen muß, stehen nun zur
Verfügung, um das fehlende Kapital aufzustocken. Von Radio-Paris werden nicht nur das Kapital und einzelne Fachleute übernommen, sondern auch gleich eine sehr populäre Sendung. Denn als nach der Verstaatlichung die religiösen Plaudereien von Pater Lhande abgesetzt wurden, konnte Radio Luxemburg diese übernehmen.
So entsteht der 150-kW-Europa-Sender, der mit französisch-belgischem Kapital von luxemburgischem Boden aus ab 1933 ganz Europa ansprach. In einem Umkreis von 500 km lebten damals 100 Millionen Menschen, die 5 Millionen Rundfunkgeräte besaßen. Die Hauptziele waren Frankreich, Deutschland und England. Besonders das Werbeaufkommen in den beiden letzten Ländern versprach groß zu werden, da es hier bislang praktisch keine Funkwerbung gab. Doch zunächst galt es noch, die Widerstände besonders der englischen Regierung zu überwinden, die in Radio-Luxemburg einen Piratensender sah, die allerdings nie fertigbrachte, die englische Firma Radio-publicity-London am Erwerb von Rundfunkwerbung zu hindern.
Das Programm der einzelnen Abende war jeweils einem Land gewidmet, es gab englische, französische, deutsche, luxemburgische, belgische und holländische Abende. In größeren Abständen räumte man den Italienern, Schweizern, Tschechoslowakei und Holländern einen Abend ein. Nachrichten gab es jedoch hauptsächlich in französischer und deutscher Sprache.
Schon im zweiten Geschäftsjahr ist ein Gewinn von 2,6 Millionen Franken zu verbuchen. Der Ausbau in Luxemburg und Paris, wo es seit 1936 Studios gibt, geht weiter und wird nur vom Kriegsausbruch gestoppt.
Es wäre falsch, in der Konzessionsvergabe nur die Machenschaften eines ausländischen Senders zu sehen. Ein auf ganz Europa ausgerichteter Kommerzsender lag auch im Interesse der einflußreichen politischen Kräfte in Luxemburg, denn ein National-
Pertig montiert: 4.250 frs. auf bar oder 188 frs. den Monat.
A L’ÉTOILÉ BLEUE
sender, der die politischen und gesellschaftlichen Gruppen gleichberechtigt zu Wort kommen ließe, würde auch das politische Bewußtsein der Luxemburger beeinflussen. In der Tat besaß die Rechtspartei mit dem "Luxemburger Wort" eine unangreifbare Stellung in der nationalen Presse, und ein nach innen gewandter Nationalsender hätte dieses Quasi-Monopol in Frage gestellt.
Im LW war man sich dieser Zusammenhänge bewußt und sprach dies auch offen aus. Die Rechtspartei muß sich gegen das "Verpolitisieren des Senders" wehren: "Es wäre also, wir sprechen ganz klar, direkt unverzeihlich, daß eine aus Rechtsparteien bestehende (Rundfunkkontroll-)Kommission den bisherigen Vorsprung (in der Öffentlichkeit durch die sehr starke Verbreitung des LW) opferte, indem sie durch die Sendung politischer Reden dem Gegner die Möglichkeit gäbe, auf derselben Basis seine Ansichten zu vertreten" (LW, 6.2.1931).
Einem nationalen, politischen Rundfunk wird hier also das gleiche Gewicht in der Öffentlichkeit zugesprochen, wie es das LW besitzt, und diese Konkurrenz gilt es zu verhindern. Auch hier erkennt der LW-Schreiber sehr klar, wie dies am sichersten zu gewährleisten ist. Das angesprochene internationale Publikum wird bei "politischen Häkeleien" abschalten, das Unterhaltungsbedürfnis wird die Verpolitisierung verhindern. Im luxemburgischen Programm, das nur eine Feigenblatt-Funktion haben konnte, verhinderte das Neutralitätsgebot des Lastenheftes, das als politisches Abstinenzgebot interpretiert wurde, jegliche politische Wirksamkeit.
Die Radiofreunde und der Großsender
Wie reagieren die Sans-Filisten auf diese Entwicklung? In die Kammerdebatten greift die 1930 gegründete "Fédération Nationale des Associations Radiophiles" mit einem Brief ein, in dem sie ihre Besorgnis darüber äußert, daß der Großsender den Empfang anderer Sender stören könnte. Dieses Schreiben, das von der Arbeiterpartei als Druckmittel eingesetzt wird, sorgt für viel Aufregung, lange Reden und im Ausland eingeholte Gutachten. Auch
sorgt diese Stellungnahme für Wirbel im neugegründeten Verband, da sie in einer Kampfabstimmung gegen die Stimmen des Vorstandes durchgesetzt wurde. Hat man hierin ein Zeichen für verschiedene politische Strömungen und Rundfunkkonzepte innerhalb des Verbandes zu sehen oder ist es lediglich ein Zeichen für die regional verschiedene Parteienstärke? (Es gab 2 Clubs in Luxemburg, weitere in Esch, Bettemburg, Differdingen, Petingen und Eich). Da die ersten Jahrgänge des von 1931 bis 40 erscheinenden Verbandsorganes "Radio-Revue" in der Nationalbibliothek nicht zur Verfügung standen, muß diese Frage unbeantwortet bleiben.
Einen Einblick in die Stimmung geben die Artikel, welche A. Robert, der zu den führenden Kräften dieses Verbandes gehörte, regelmäßig in der "Revue de l’Artisan" veröffentlichte. Noch im November 1930, also 2 Monate nach Unterzeichnung des Monopolvertrages, hegt er den Traum einer nationalen Lösung. Dann wird das Lastenheft in Insider-Kreisen bekannt und in der nächsten Nummer, im Dezember, spricht er vom geplanten "Europa-Sender" als Herausforderung an die Radio-Amateure: "alles (muß) aufgeboten werden, damit die Lokal-Interessen nicht hinter die Europa-Interessen gestellt werden." Die Darbietungen und Leistungen müssen sich an den Wünschen der Amateure orientieren.
Im Mittelpunkt der weiteren Artikel steht jedoch die tägliche Kleinarbeit. Es werden Konferenzen und Radiobastelkurse veranstaltet, Gutachten zum Störungsproblem ausgearbeitet. Angesichts der hohen, schlanken Eisenmaste und "der prächtigen Schalttafelräume", die in Junglinster entstehen und die den Namen Luxemburgs "täglich über ganz Europa, ja über den Norden Afrikas und Vorderasiens hinwegtragen" werden (Zitate Juli 1932), werden bei Robert alle früheren Bedenken hintangestellt. Voller Begeisterung wendet er sich an seine Leser "Und da sollst du (Nicht-Hörer) abseits stehen und an diesem wunderbaren Vorgang nicht teilnehmen! Nationalstolz und Technikfaszination ersticken jede kritische Regung.
Der Traum eines sozio-kulturellen Senders ist ausgeträumt, man wird fast 50 Jahre warten müssen, bis er in Form der freien Radios wiederentdeckt wird.
Fernand Fehlen
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