„Die Kirche hätte durchaus Chancen.“
Prof. Dr. Hans Küng im Gespräch mit Karin Jahr
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Bei Gelegenheit seines Besuches in Luxemburg
nahm Karin Jahr für RTL-Deutsche Welle und "fo-
rum" folgendes Interview auf. Die "forum"-Re-
daktion dankt Karin Jahr für die Mitarbeit, RTL
für die Druckerlaubnis.
K.J. Herr Professor Küng, unsern Lesern werden
Sie hauptsächlich bekannt sein durch Ihre
Kritik an der Kirche und durch Ihre Kritik
am Papst. Ein ganz anderes Thema haben Sie
gewählt für Ihren Vortrag hier in Luxem-
burg: "Woran man sich halten kann – Eine
christliche Orientierung in orientierungs-
armen Zeit". Ich möchte Sie fragen: Woran
kann man sich halten?
H.K. Viele Menschen hören oder lesen immer nur
das, was man mal gesagt hat, in Auszügen,
in Zeitungen, und hören dann nur die Kri-
tik. Ich bin ganz froh, daß es hier in Lu-
xemburg möglich ist, über die positiven
Dinge zu sprechen und nicht umsonst habe
ich nicht einfach ein kritisches Thema
formuliert, sondern "Woran man sich halten
kann". Ich gehe davon aus, daß wir in ei-
ner Zeit leben, wo es für die Menschen zu-
nehmend schwierig geworden ist, sich zu
orientieren. Sie haben zwar eine Menge von
Reglementierungen, vom Straßenverkehr an-
gefangen bis zu allen möglichen Lebensre-
geln, aber sie wissen nicht mehr recht, wo-
ran sie sich halten sollen. Und ich habe
als Untertitel formuliert "Eine christli-
che Orientierung in dieser orientierungs-
armen Zeit", das heißt, ich möchte dafür
sprechen, daß der Mensch wieder ernster
nimmt, was Gottesglaube für ihn bedeutet,
was Christusglaube heute bedeutet.
K.J. Ihr sehr bekanntes Buch "Christ sein" be-
schreibt ja auch den Weg, Christ zu sein und
formuliert Fragen übers Christ sein. Warum
dann nicht einfach Mensch sein?
H.K. Nun, zunächst einmal: Nichts gegen das
Menschsein, denn es gibt ja viele Menschen,
die, glaube ich, Humanität vertreten, ohne
daß sie Christen sein wollen, und es liegt mir daran, daß wir nicht einfach etwas schlecht machen, was Nicht-Christen vorschlagen und u. U. manchmal auch besser vorleben als die Christen. Aber ich meine doch, daß das Menschsein eine sehr gefährdete Sache ist und es soll eigentlich darum gehen, das Christsein gerade in dieser Richtung deutlich zu machen, um besser Mensch zu sein, radikaler Mensch zu sein und dort Tiefen des Menschseins zu erreichen, die sonst nur schwierig zu erreichen sind um so nicht nur das Positive, sondern auch das Negative des Menschenlebens zu bewältigen. Also ich würde eigentlich das Christsein als radikales, bis zu den Wurzeln gehendes Menschsein bezeichnen.
OEKUMENE
K.J. Sie sind ökumenisch sehr engagiert. Was denken Sie, im Moment ökumenisch zu tun? Welche Wege würden Sie vorschlagen?
H.K. Nun, leider muß man sagen, hängt ja eigentlich das meiste an den Kirchenleitungen auf katholischer wie auf evangelischer und orthodoxer Seite. Als Theologe kann man nur vorschlagen, was gemacht werden könnte. Und da käme es eben darauf an, daß wir nach all den vielen Debatten, die wir gehabt haben, Diskussionen, Büchern, Kommissionen, Besuchen, Umarmungen, daß wir endlich mal zu konkreten Taten kommen. Also z.B. wäre es eine große Sache, wenn man im Hinblick auf den Protestantismus endlich von katholischer Seite anerkennen würde, daß auch die
evangelischen Pastoren gültig ordinierte, gültig geweihte – wie wir in katholischer Sprache sagen – "Pfarrer" sind und, daß auch die Abendmahlsfeiern der evangelischen Kirchen gültige Abendmahlsfeiern sind, so daß von dort her eine Grundlage gelegt wäre, daß auch Katholiken, gerade etwa Mischehen, an solchen Abendmahlsfeiern teilnehmen könnten und natürlich dann auch umgekehrt.
K.J. Sie würden sich in einer Kirche wohlfühlen, die tatsächlich ökumenisch ist?
H.K. Ja, ich meine nicht, daß man sofort eine uniforme Kirche machen sollte, es braucht auch niemand Angst zu haben, daß jetzt plötzlich alles in einen Topf geworfen wird. Worauf es mir eigentlich ankäme wäre dies, und das habe ich schon angedeutet, daß man mit der Anerkennung der Aemter und Abendmahlsfeiern der andern, auf lokaler Ebene, also am Ort vorangeht, daß da die Kirchenspaltungen, die Exkommunikationen aufgeho-
ben werden. Es wäre mir viel wichtiger, daß etwa Christen, die am selben Ort wohnen, nun auch zunehmend in die Kirche der anderen gehen können, und umgekehrt, daß vor allem diese Millionen von Menschen, die in konfessionell gemischten Ehen leben, zusammen zur Kirche gehen können, daß nicht wieder wie jetzt gerade in Deutschland, von Seiten der katholischen Bischofskonferenz buchstäblich verhindert wird, daß nun auch Katholiken in evangelische Gottesdienste gehen können, weil man in völlig, wie mir scheint, anachronistischer Art und Weise von ihnen verlangt, daß sie das Sonntagsgebot in der katholischen Kirche erfüllen. Ich glaube, das ist eine große Blindheit gegenüber der heutigen Zeit, wo es doch eher drauf ankäme, daß die Menschen überhaupt noch zur Kirche gehen, und es im Grunde dann zweitrangig wird, ob sie nun, gerade in Mischehen, gemeinsam in eine evangelische oder in eine katholische Kirche gehen.
Für nichtkatholische Christen schieben sich andere Fragen vor diesen Streit. Man möchte wissen, was ein Befund wie «nicht mehr katholisch» — das Urteil über Hans Küng, wie es Kardinal Ratzinger schon vor einiger Zeit formuliert hat — im Zeitalter des Oekumenismus eigentlich aussagt. Man kann sich die Sache leicht machen und davon ausgehen, dass der katholische Theologe sich gleichsam an die Hausordnung seiner Kirche zu halten hat. Das Verdikt «nicht mehr katholisch» wäre dann einfach die Quittung für einen Verstoss gegen die institutionelle Moral. Einer, der Fussball statt Golf spielt, wird des Platzes verwiesen. Die positive Reaktion von konservativer — nicht nur katholischer — Seite scheint sich auf diesen Aspekt zu beschränken.
Der Feststellung «nicht mehr katholisch» folgt aber da und dort das Urteil «protestantisch». Und gemeint ist: In einer anderen Kirche mag das ja angehen. Die negative Reaktion vieler, katholischer und nichtkatholischer Menschen scheint aber das — richtige — Gefühl auszudrücken, man könne denn doch nicht mehr von katholischer Kirche und Protestantismus reden wie von Golfplatz und Fussballplatz. Dafür sei in den letzten 50 Jahren zuviel passiert an gemeinsamer Bedrohung, gemeinsamem Kampf und gemeinsamem Denken. Die Aufforderung an einen «dissidenten» Katholiken, «dann doch gleich protestantisch» zu werden (so wie man, volkstümlich, einem «Linken» eine Fahrkarte «Moskau einfach» empfiehlt), hat etwas Unangemessenes, nicht nur im Sinn ökumenischer Taktlosigkeit, sondern im Sinn eines Defizits an Geschichtsbewusstsein.
Neue Zürcher Zeitung, 1.1.1980
KIRCHE
K.J. "Kirche" und "Christ sein" sind offenbar zwei ganz verschiedene Sachen. Christsein hatten Sie soeben hingestellt als ganz erstrebenswert, als eine für den Menschen ideale Lebensart, wohingegen das, was tatsächlich im Moment Kirche ist, gar nicht so erscheint.
H.K. Nun, persönlich bin ich ja in meiner Kirche, in der katholischen Kirche sehr engagiert, anders würde ich ja wohl gar nicht so vieles schreiben und auch, glaube ich, diesen Vortrag hier nicht halten, ich bin sehr engagiert, aber gerade weil ich sehr engagiert bin, sehe ich auch, daß für viele, viele Menschen heute, und zwar in allen Kirchen, leider Gottes die Kirche oft mehr als ein Hindernis zu Jesus und zu Gott angesehen wird, daß Jesus selber, Gott allgemein gesprochen, Religion heute wieder sehr viel mehr Kredit haben als noch vor einiger Zeit, daß aber nach wie vor die Kirchen nicht mehr Kredit haben, weil man immer den Eindruck hat, daß hier eine Menge von Dingen mitgeschleppt werden, aus früherer Zeit, die eben die echte Menschenfreundlichkeit vermissen lassen. Ich denke nur an die ewigen Fragen, die ich leider immer wiederholen muß, wie etwa die ja neu wieder auch von Rom her urgierte Unmoralität der Geburtenregelung, die für viele Menschen eine große Sorge darstellt. Man sollte hier endlich sich anders einstellen, meine ich, in Bezug auf Geburtenregelung, in Bezug auf die Wiederaufnahme der Geschiedenen, auch sie wieder zulassen zur Kommunion, auch in Bezug auf den Priestermangel, die immer größere Zahl von Gemeinden, die keinen Priester mehr haben, weil
das Zölibatsgesetz nicht aufgehoben wird und freiwillig gemacht wird, das alles sind eben Dinge, die die Kirche für viele Menschen heute unsympathisch und nicht gerade gastfreundlich machen.
K.J. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, könnten Sie sagen, die Kirche macht Fehler.
H.K. Die Kirche macht Fehler und sie verpaßt vor allem sehr viele Chancen. Es geht mir ja um das Positive; ich bin überzeugt, und man sieht das ja auch an dem Echo, das der jetzige Papst hat, die Kirche hätte durchaus Chancen, wenn sie positiverweise die christliche Botschaft heute verkündet, Orientierung bietet, dann würde sie auch gehört und würde auf sehr viel mehr Sympathien stoßen. In der Zeit von Johannes XXIII. waren diese Sympathien weit über die katholische Kirche
und die Christenheit hinaus ungeheuer, und man wäre, glaube ich, auch heute froh, wenn man so etwas wie ein moralisches Gewissen in der Gesellschaft hätte. Das kann aber nur dann wahrgenommen werden, wenn wir einerseits am Zentrum, an den entscheidenden Dingen, an dem, was die Substanz des Christentums ausmacht, festhalten, wenn wir aber zweitens damit eine große Offenheit für die Nöte und Hoffnungen der Menschen heute verbinden. Eine Menschenfreundlichkeit, die eben überhaupt erst die Christlichkeit im Leben bewähren läßt.
THEOLOGENFREIHEIT
K.J. Gäbe es für Sie eine Alternative, wenn Ihre Ueberzeugung gebremst wird, weiterhin gebremst wird oder absolut gebremst wird?
H.K. Nun, das Bremsen kenne ich ja schon seit bald zwanzig Jahren. Seitdem ich Theologie treibe, gab es diese Schwierigkeiten, die habe ich ja auch nicht allein, da gibt es noch viele Theologen, die haben zur Zeit noch größere Schwierigkeiten als ich sie habe. Ich sehe konkret keine Alternative, ich möchte auch gar nicht außerhalb der Kirche Theologie treiben, ich würde selbst bei noch größeren Schwierigkeiten daran festhalten, ich fühle mich eben dieser Glaubensgemeinschaft sehr verpflichtet von Jugend auf, aber auch mit erwachsener Ueberzeugung noch mehr, und ich denke nicht daran, die Kirche als Glaubensgemeinschaft einfach mit Funktionären zu verwechseln. Ich kann ja auch nicht der Demokratie einfach den Rücken kehren, nur deswegen weil in der Demokratie vieles nicht so funktioniert, wie es sein sollte. Ich halte die Auswanderung und das Exil für keine gute Lösung. Ich gedenke mich nach wie vor innerhalb der Kirche, wenn Sie wollen, zu schlagen für das, wofür man sich eben nun mal schlagen muß.
K.J. Aber wenn Ihnen die Möglichkeit zu Arbeit genommen werden würde?
H.K. Nun, das ist ja nicht so einfach. Erstens mal kann einem deutschen Universitätsprofessor der Lehrstuhl nicht einfach weggenommen werden, es kann einem auch niemand verunmöglichen wie in früherer Zeit, zu schreiben und die Scheiterhaufen gibt es nicht mehr, also so einfach ist es nicht. Ich glaube nicht, daß es einfach dazu führen könnte, daß man überhaupt nicht mehr tätig sein sollte. In anderen Ländern ist das etwas schwieriger, ich denke jetzt an Freunde, die an katholischen Universitäten dozieren wie etwa Jacques Pohier, dem jetzt Rom alle Lehrtätigkeit verboten hat, dem man verboten hat zu predigen, dem man sogar verboten hat, der Eucharistiefeier öffent-
"L’Évangile seul est éternel, la théologie n’est que passagère; elle doit toujours traduire de façon nouvelle l’Évangile éternel pour le temps qui change. Nous devons oser sans cesse de nouveau cette chose inouïe que des hommes osent parler de Dieu avec leurs mots humains."
Heinz Zahrnt
lich vorzustehen. Also das ist natürlich eine skandalöse Sache, wenn man denkt, daß man gleichzeitig von Rom aus für die Menschenrechte eintritt, und für Oekumene auch. Ich hoffe auch, daß der Vatikan – das darf man ja hier in Luxemburg, einer europäischen Stadt mit vielen europäischen Institutionen mal sagen – ich hoffe, daß der Vatikan auch möglichst bald nicht nur die Helsinki-Erklärung unterschreibt, die ja vielleicht doch nicht so wichtig ist, wenn man so will, für den Vatikan, aber die Menschenrechtserklärung des Europarats! Wenn diese Erklärung des Europarates vom Vatikan unterzeichnet würde, wären, glaube ich, solche Verfahren von vorneherein nicht mehr möglich, und die Kirche würde nur an Kredit gewinnen, wenn man nicht nur die Fehler gegenüber Galilei vor 350 Jahren zugäbe, sondern auch die, die man ständig noch heute macht.
LEBENDIGE GEMEINDEN
K.J. Das ist ein schwerer Gang für die Kirche, scheint es. Muß Kirche sein, nicht bloß für Sie jetzt, für Ihr Amt, für Ihre Möglichkeiten, sondern, glauben Sie im allgemeinen, muß Kirche sein oder könnten Sie sich für die Menschen, für die Christen unserer Zeit eine andere Möglichkeit vorstellen?
H.K. Nun, ich würde natürlich nicht bestreiten, daß es einzelne Menschen gibt, die auch als Einzelne durchaus als Christen leben können und auch leben – aber aufs Ganze gesehen halte ich es für ausgeschlossen, daß man nun die christliche Sache einfach nur individualistisch dem Einzelnen überlassen könnte und dann noch meinen könnte, daß das alles in der gleichen Weise nun weitergeht. Die christliche Gemeinde war ja von Anfang an eine ‚ecclesia‘, d.h. eine Versammlung, und es ist das immer eine Sache von Gemeinschaft gewesen. Die Kirche sollte eben die Menschen zusammenführen, das ist ihre Aufgabe. Heute trennt sie sie oft in Konfessionen, heute trennt sie sie in vielfacher Hinsicht, aber es
‚Begnügt euch nicht zu leicht mit dem, was in der Vergangenheit nützlich war; habt Mut -wenn auch mit Vorsicht-, neue Wege zu erforschen!‘ Johannes Paul II, am 16.12.79(!) zu Theologiestudenten
wäre im Grunde eine große Chance, wenn nun gerade wieder lebendige Gemeinden nicht nur entstehen, sondern die Gemeinden, die ja bestehen, wieder lebendiger würden. In vielen Ländern, glaube ich, ist dies auch der Fall, man sagt ja nicht umsonst, daß etwa in Lateinamerika diese Basisgemeinden im Grunde oft die einzige Hoffnung darstellen, und alles das, was nun eben von lebendigen Gemeinden aus gemacht wird. Die Frage also nach der Kirche ist im Grunde nur die Frage, ob diese Gemeinden glaubwürdig sind oder nicht. Ich habe auch Vorstadtgemeinden gesehen etwa, die oft das einzige Zentrum bilden, wo überhaupt Menschen zusammenkommen. Es hängt sehr, sehr viel allerdings da vom Pfarrer ab und glücklicher-
weise haben wir ja auch solche Pfarrer, die das nun recht gut verstehen und auch recht gut machen.
PETRUSAMT
K.J. Sie sprechen jetzt sehr viel von Gemeinden – und die Kirche in Rom, ich meine, die Institution, glauben Sie, daß die auch eine Berechtigung hat?
H.K. Man mir ja sehr oft verübelt, daß ich eben auch die römische Kurie und manchmal, wenn es einfach notwendig schien, im Namen vieler auch den Papst kritisiert habe, aber das war ja immer deswegen, weil ich eben ein Petrusamt in der Kirche als eine sehr gute Sache ansehe, das gehört zur katholischen Kirche, diese Tradition, die eben mit Petrus und Paulus und dem römischen Bischofssitz verbunden ist und, was ich mir eben vorstelle, und was sich ja viele Menschen heute vorstellen, ist eben eine Ausübung dieses Amtes wie es gemacht wurde zur Zeit, nicht von Pius XII., der ja auch schon die Massen groß begeisterte, sondern in dieser offenen, menschlichen, ökumenischen, pastoralen Weise von Johannes XXIII. Ich hoffe, daß gerade jetzt die vom jetzigen Papst eingeleiteten Gespräche mit Konstantinopel doch dazu führen, daß man sieht, daß diese triumphalistische Art und Weise der Ausübung des Papsttums eben der Vergangenheit angehören muß, wenn überhaupt eine Verständigung mit den östlichen Kirchen kommen soll, von den Protestanten ganz zu schweigen.
K.J. Aber ich meine heute haben wir Triumphalismus.
H.K. Viele Menschen fragen sich, ob das eine Art von Neo-Triumphalismus darstellt. Ich würde da ein klein wenig vorsichtiger sein mit dem Urteil, man kann da noch nicht alles definitiv sagen nach einem Jahr, diese Reisen waren nun eben ein Neuheitserlebnis für den Papst selber, aber auch für die Leute, die ihn getroffen haben und es ist ja auch verständlich, etwa in Polen, daß eben ein Sohn dieses Landes, das ja nun wahrhaftig nicht in Freiheit existieren kann, zurückkehrt. Das ist also völlig selbstverständlich. Anders liegt die Sache wieder in Irland und in den Vereinigten Staaten, man müßte das wohl im einzelnen sehen, aber ich glaube nicht, daß es sehr gut wäre, wenn nun einfach in diesem Stile fortgefahren würde. Dafür müßte, glaube ich, m.E. nicht nur die ‚Außenpolitik‘, sondern müßte auch ‚Innenpolitik‘ betrieben werden. Da sind eine ganze Reihe von Dingen, die anstehen, und es ist m.E. nicht gut, wenn der Papst eben zu Fragen wie Geburtenregelung, Ehescheidung, auch zu sehr schwierigen Fragen, über die man sicher eingehend reden müßte, wie etwa vorehelicher Geschlechtsverkehr und ähnliches, wenn der Papst hier allzu einfache Auskünfte gibt, die dann eben mit der Zeit doch uns sehr viel mehr Polarisierungen in der Kirche verschaffen als echte Hilfen sind. Darüber müßte m.E. in Rom selber mehr gearbeitet werden, es wäre wichtig, daß man da Kommissionen bildet, das neu studiert. (…)
ZOELIBAT UND FRAUENORDINATION
K.J. … und vielleicht auch nachdenken nicht bloß mit zölibatären Priestern, sondern mit Menschen aus dem Leben, die im Leben stehen …
H.K. Ja vor allem sollte er, glaube ich, auch mal Frauen hinzuziehen für Fragen, die Frauen betreffen. Ich fand es doch äußerst merkwürdig, daß man sogar in den Vereinigten Staaten Frauen davon abgehalten hat, Kommunion auszuteilen, daß man den Schwestern dabei zuredete wie kleinen Kindern, was sie für Kleider tragen sollen, daß man sich gegen die Ordination der Frau ausgesprochen hat. Ich fürchte, daß auf diese Weise eine ganze Reihe von Frauen überhaupt nicht mehr Freude daran haben, in der Kirche mitzumachen, wenn sie den Eindruck haben, daß sie zwar gern gesehen werden, um unsere Kirchen zu füllen, andererseits aber doch gar nicht ernstgenommen werden, daß man nach wie vor eine merkwürdige Angst hat vor der Frau, vor der Sexualität, vor echter Fraulichkeit und nun also einerseits den Frauen die Ordination verbietet und andererseits außerdem den ordinierten Männern die Heirat verbietet …
K.J. Glauben Sie, die gehören zusammen, die zwei Punkte?
H.K. Ich glaube, daß sie faktisch zusammengehören, theoretisch können sie natürlich getrennt werden, aber ich bin überzeugt, daß die Frauenordination nicht eingeführt wird, bevor das Zölibatsgesetz für die Männer abgeschafft wird. Ich würde meinen, daß im Neuen Testament für ein Eheverbot für Männer überhaupt keine Grundlage besteht, daß im Gegenteil Jesus ausdrücklich gesagt hat: ‚Wer es fassen kann, der fasse es‘, aber er hat nicht gesagt, wie man jetzt sagt: ‚Auch wer es nicht fassen kann, der muß es halt fassen‘, und erst recht entspricht so etwas nicht den Menschenrechten. Und ähnlich würde ich auch sagen für die Ordination der Frau; Jesus war selbst sehr avanciert in dieser Hinsicht, daß Frauen doch mit den Jüngern zogen und dafür gesorgt haben, daß sie auch zu essen bekamen und sie haben ja, nach den Evangelien, diese Reisen mitgemacht, waren die einzigen, die noch unter dem Kreuz dableben, als alle männlichen Jünger weggelaufen waren. Ich kann mir nicht denken, daß Jesus in der heutigen Situation
die Frauen vom geistlichen Amt ausschliessen würde, besonders nachdem wir nun in den evangelischen Kirchen schon so viele positive Erfahrungen mit weiblichen Pfarrern gemacht haben.
K.J. Was würden Sie in naher Zukunft für Wege sehen, daß Frauen überhaupt die Möglichkeiten bekommen, hineinzuwachsen in solche Aemter, jetzt egal, was momentan vorgeschrieben wird?
H.K. Also da scheint mir die Bildung der Frau von grundlegender Bedeutung zu sein, Bildung in jeder Hinsicht, ich glaube, daß ja heute allgemein in jedem Land, auch hier in Luxemburg, sehr viel mehr darauf geachtet wird, daß die Mädchen eine ebenso gute Ausbildung bekommen wie die Jungen, daß von vorneherein nicht eine Chancenungleichheit besteht. Es müßte von daher dann auch geschaut werden, daß in unseren Gremien, etwa in Pfarreiräten, in Diözesanräten, überall genügend Frauen da sind, und es müßte natürlich auch die theologische Ausbildung von Frauen gefördert werden. Es ist gar nicht daran zu denken, daß in der Kirche einiges besser wird, wenn nicht auch mehr Frauen etwas von Theologie verstehen. Ich könnte mir denken, daß etwa die ganze Sexual- und Eheethik ganz anders herauskäme, wenn da mal Frauen sich dazu äußern würden …
K.J. … aber halt auch Frauen, die im Leben stehen, und nicht Frauen, die jetzt nur Schwestern sind, und wiederum ehelos leben.
H.K. Nein, eben auch verheiratete Frauen, wobei ich allerdings, das darf ich hinzufügen aus sehr vielen Erfahrungen in Europa und in Amerika, weiß, daß gerade oft Schwestern diesen Anliegen äußerst positiv gegenüberstehen und es war ja in den Vereinigten Staaten die einzige, die es gewagt hat, dem Papst in aller Offenheit zu sagen, daß seine Haltung in diesen Fragen nicht der richtige Weg ist. Aber natürlich, was auch jede vernünftige Klosterfrau heute zugibt, die Frauen, die in der Welt stehen, müssen genau so als Christen ernstgenommen werden. Wir können heute nicht mehr einfach die einen mit den andern der Vollkommenheit nach überordnen, es gibt sehr unvollkommene Klosterfrauen und sehr vollkommene Weltfrauen und umgekehrt, das alles sollte eigentlich heute gemeinsam gemacht werden, ähnlich etwa wie die Zusammenarbeit zwischen Klerus und Laienschaft.
K.J. Wenn ich Sie richtig verstehe, sollten Frauen sich soviel theologische Bildung, soviel Bildung überhaupt aneignen, um dann mitzukämpfen, mitzustreiten und mit dabei zu sein.
H.K. Ja, wobei ich mir nicht vorstelle, daß jetzt die sogenannten Feministinnen in besonders agressiven Formen auftreten müßten, ich glaube sogar, daß mit etwas weiblichem Charme auf allen Gebieten mehr zu erreichen ist, auch in der Kirche, aber die Forderungen müssen auch deutlich angemeldet werden. Und ich glaube, daß gerade die neuesten Äußerungen des Papstes sehr viele Frauen wach gemacht haben, das stelle ich wenigstens weithin fest, und nun plötzlich sich fragen, ja, wie stehen wir eigentlich zur Kirche, und was ist unsere Position da,
werden wir überhaupt ernstgenommen, darf
man so über uns reden. Ich sehe das in dem
Sinn als einen sehr positiven Prozess der
Bewußtseinsbildung an.
K.J. Herr Professor Küng, ich möchte Ihnen recht
herzlich danken, daß Sie bei uns zu Besuch
waren, vielen Dank für das Gespräch.
H.K. Ich danke Ihnen, Frau Jahr.
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