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Vom Staat und von der Gesellschaft unterstützt, hat unsere Zeit ein Gesundheitsbewußtsein entwickelt und kultiviert, das sich tatsächlich sehen lassen kann.
Wohl wurde noch nie auf breiter Ebene so viel für das körperliche Wohlbefinden des Menschen getan.
Schon vom Babyalter an, ja sogar schon vor der Geburt, wird alles nur Erdenkliche versucht, damit dem Erdenbürger ein gesundes Leben garantiert ist. Später legt die Schule größten Wert auf eine körperbewußte Erziehung. Und im Erwachsenenleben kann dann alles probiert werden von Sauna, Morgensport, Joggen, Schwimmen, Gymnastik bis zur Schönheitspflege oder dem Leistungssport – denn Gesundheit und Schönheit sind "in"!
Man muß etwas für sich tun! Etwas für sich tun heißt hier immer, etwas für seinen Körper tun, für die körperliche Gesundheit. Wo bleibt die Seele?
Wer auf sich hält, oder wer Karriere machen will im Beruf, egal ob Mann oder Frau, der pept seine Gesundheit und sein Äußeres auf. Der Erfolgsmensch heutzutage muß nämlich vor Gesundheit und Jugend strahlen.
Sportliche Betätigung liegt voll im Trend. Noch nie wurden vom Staat oder von den Gemeinden so viele Gelder für sportliche Einrichtungen ausgegeben. Das bringt Wählerstimmen, und das wird von den meisten Menschen gewünscht, als wäre das der Schlüssel zum Glück.
Selbst kleinste Gemeinden wollen heute eine Sporthalle, ein Fußballfeld, ein Schwimmbad. Für groß und klein wird da gebaut, koste es, was es wolle, dafür werden Millionen locker gemacht.
Es soll gar nicht angezweifelt werden, daß ein gesunder Körper auch die Seele beeinflußt. Aber die Seele, die Gefühle sind eben auch noch da, und nicht alles kann da durch den Körper geregelt werden. Woher kommen sonst all die Alkoholiker, Abhängige von Tabletten oder von Drogen, Verzweifel-
te oder Selbstmörder? Man könnte fragen, ob sie nicht genug Sport gemacht haben. So ein Verlierer muß doch etwas falsch gemacht haben! Oder braucht der Mensch noch etwas anderes als ein Fußballfeld?
Noch wird die Notwendigkeit für ein Umdenken nicht gesehen. Der Glaube an den gesunden Körper allein ist noch zu stark. Solange das Zauberwort Körper, Sport, Jugend, Aktivität heißt, wird nur dort gesucht werden. Heilung und gutes Leben heißt dann immer, noch mehr dafür tun müssen, also noch mehr Sport, noch mehr sportliche Einrichtungen.
Zaghafte Stimmen erinnern an die Einheit von Leib und Seele. Sie versuchen klarzumachen, daß auch für die Seele gesorgt werden muß. Was wird da getan? Wie armselig stehen ein paar kleine Beratungsstellen da, die Menschen mit ihren seelischen Problemen helfen wollen im Vergleich zu bombastischen Sporteinrichtungen!
Bis heute ist die Wichtigkeit solcher nichtsportlichen Einrichtungen nicht erkannt. Wer ruft denn laut nach Hilfe? Die Verzweifelten haben mit ihrer Verzweiflung zu tun und Untergehende sind kraftlos und einflußlos. Ein Verlierer kämpft nicht, weiß sich nicht zu helfen und hat keine Macht, auch keine politische.
Wenn es nicht mehr bergauf geht, oder nie gegangen ist, wenn die Kinder krumme Wege gehen, die Partnerschaft ein trauriges Ende nimmt, wenn sich Krankheit einstellt, wenn die Seele weint, wo geht man da hin? Zum Fußballfeld oder zur Schwimmhalle?
Wenn die körperliche Gesundheit und Fitness so einseitig stark in den Vordergrund gesetzt werden, daß die Seele, die Gefühle und die Ängste vernachlässigt werden, dann ist die Balance von Leib und Seele dahin. Dann kann einer sogar als Sportschönheit durch die Gegend laufen, während seine Seele schreit.
karin jahr
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