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Michel Pauly
Vor kurzem wurde den Schülern eines 6. Schuljahrs (altes Grundschulregime) folgende Aufgabe gestellt: „Écrivez les formes du subjonctif pour les verbes suivants: finir + 1re pers. sgl.; chanter + 2e pers. pl.; perdre + 3e pers. sgl.; aller + 1re pers. pl.; obéir + 2e pers. sgl.“ Auf dem mir vorliegenden Prüfungsblatt hatte eine Schülerin „je finisse, vous chantiez, il perde, nous allions, tu obéisses“ geschrieben. Die Lehrerin zog ihr 5 Punkte ab. Begründung: das Konjunktiv müsse stets mit „que“ eingeleitet werden: also 5 mal -1. Wenn das denn tatsächlich ein Fehler ist, bin ich der Meinung, dass höchstens ein Punkt abzuziehen war, denn die Schülerin hatte eigentlich nur
einmal den Fehler gemacht. In einer Benotung nach Kompetenzen hätte man ihr logische Konsequenz bescheinigt. Darüber hinaus kann man die Begründung durchaus in Frage stellen und dann keinen Punkt abziehen, denn das „que“ kann man auch zum Hauptverb rechnen, wie die Prüfungsaufgabe Nr. 2 zeigte. Hier hieß es: „Setze in folgenden Lückentext einen Ausdruck ein, der das Konjunktiv nach sich zieht.“ Dabei musste „il est nécessaire que …, il faut que …“ usw. ergänzt werden, wohlgemerkt „que“ inklusive.
Abgesehen davon stellt sich die Frage, ob der Luxemburger Sprachunterricht nicht ohnehin zu sehr auf die grammatikalische Korrektheit abzielt. In der neuen Grundschule sind in dieser Hinsicht allerdings schon erfreuliche Umorientierungen bei den anvisierten Lernzielen bzw. nuanciertere Sprachkompetenzen zu erkennen. Der Ansatz muss unbedingt bis auf die Gymnasialstufe durchgezogen werden, ansonsten droht den Schülern der neuen Grundschule auf Septima die Katastrophe.
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Es geht aber hier nicht darum, die grammatikalische Korrektheit der oben zitierten Prüfungssätze zu diskutieren, sondern aufzuzeigen, dass die Notengebung
keineswegs eine exakte Wissenschaft ist. Das haben wir vor über 30 Jahren auch im „Stage pédagogique“ gelernt. Selbst in Mathematik bleibt es dem subjektiven Empfinden des Lehrers überlassen, ob er für einen Rechenfehler ein, zwei oder drei Punkte abzieht; ob er einen Fehler zu Beginn einer Lösung, durch den dann alle nachfolgenden Ergebnisse falsch werden, als einen Fehler bewertet oder die gesamte Aufgabe als ungelöst ansieht und keinen Punkt darauf gibt. Das letztgenannte Beispiel führte vor Jahren zu einem heftigen Wortgefecht in einer Prüfungskommission beim technischen Abitur. Bei einer Bewertung nach Kompetenzen hätte man dem Kandidaten wohl eine schwache arithmetische Kompetenz, aber eine ausgezeichnete Problemlösungskompetenz bescheint. Damals wurde er mit einer faulen 30/60 bewertet.
Mit diesem Punktesystem ging dann am Ende des Schuljahres das Gefeilsche los: Wenn ich in dem Fach einen Punkt mehr (geschenkt) bekomme, kann ich kompensieren und werde ins nächste Jahr versetzt. Es ist nicht zu verstehen, dass die Lehrergewerkschaften, die sich gegen die angeblich zu weit gefassten Kompensationsmöglichkeiten wehren, nicht konsequent das Punktesystem in Frage stellen. Im Gegenteil, wie man hört: Der APESS-Präsident (neben anderen) behauptet lauthals, das 60er-Notensystem sei objektiver als ausformulierte Bewertungen. Der Mann hat in seiner pädagogischen Ausbildung wohl nie etwas von „docimologie“ oder wie es heute heißt von „educational assessment“ gehört. Das ist für ihn wohl auch eine Un-Wissenschaft wie alles, was nicht im eigenen Garten gewachsen ist.
Ich bin aus den oben genannten Erfahrungen heraus seit 30 Jahren (und nicht erst seit Mady Delvaux eine seit Jahren geforderte und von vielen Lehrern mit vorbereitete Reform durchsetzen will) der Meinung, dass das nur noch in Luxemburg angewandte 60er-Notensystem die Luxemburger Lehrer in einer falschen Selbstsicherheit wiegt, weil es ihnen eine illusorische Genauigkeit bei ihrer Bewertung vorgaukelt. Sie ziehen für jeden Fehler Punkte ab und das arithmetische Ergebnis ist die Endnote. Sie brauchen sich nicht, wie bei einer 6er-Skala (1 = ausgezeichnet, 6 = null), wie sie in vielen Ländern zur Anwendung kommt, die Frage zu stellen: Was kann der Schüler? Welche Fortschritte hat er gemacht? Beherrscht er die Regeln? Gut? Sehr gut? Die Anwendung eines Schemas ersetzt eigenes Nachdenken über die Kapazitäten und Kompetenzen des Schülers. Die wenigsten Lehrer liefern den Schülern ja einen „Corrigé“, aus dem die genaue Punkteverteilung hervorging. So braucht der Lehrer keine Verantwortung für seine Bewertung zu übernehmen, denn seine Note ist nach arithmetisch korrekten Berechnungen zustande
gekommen. Insofern bin ich auch nicht von der 20-Punkte-Skala überzeugt, die das Hochschulministerium nach französischem Vorbild der Universität Luxemburg vorgeschrieben hat.
Es kam auch immer wieder vor, dass vor allem in Sprachtests Noten unter 0 von 60 herauskamen, weil der Schüler mehr Fehler machte als etwa Wörter im Text standen. Die Folge ist, dass Luxemburger Schüler in der Regel die französische Grammatik besser beherrschen als gleichaltrige Franzosen, es sei denn, sie sind durch den hohen Schwierigkeitsgrad der Grammatikübungen ganz auf der Strecke geblieben, obschon sie sich mündlich eigentlich recht gut in der Sprache ausdrücken können.
Meine Erfahrung als Hochschullehrer sagt allerdings, dass ihre Verständniskompetenz von Texten (in allen Sprachen) eher bescheiden ist. Ich erlebe heute, dass die ehemaligen Absolventen des Luxemburger Sekundarunterrichts nie gelernt haben,
Reaktion 1: „Merci Michel, datt s du […] denge fréiere Kolleginnen a Kolleegen an de Réck gefall bass…“
(Vorbemerkung: Der vorliegende Beitrag war schon Thema einer „Carte blanche“ bei RTL am 30.1.2012. Der Autor erhielt daraufhin zwei Mails, die wir hier und auf der folgenden Seite abdrucken. Sie illustrieren nicht nur die Selbstsicherheit etlicher Lehrer, sondern auch den Hass, der in vielen Schulgebäuden Lehrern entgegenschlägt, die es wagen, sich eine eigene Meinung über die Schulreform zu bilden.)
Merci Michel, datt s du mat dengem „klenge Medderchers“-Beispill op esou eng ondifferenzéiert Manéier denge fréiere Kolleginnen a Kolleegen an de Réck gefall bass. Du bass jo och net méi op deem Terrain. Da fält et méi liicht. Wéi schappeg, wéi „onhistoresch“ begrënnt. Wéi kann ee mat esou 3 klenge Medderchersbeispiller sou generell Réckschless zéien op eng onduerchsichteg Bewertung? E Schüler, deen – soe mer – 20 an der Geschicht krut, 21 am Franséischen – also Punkten, déi jo an dengen Aen net kloer begrënnt sinn, well fir dech eng Punkte-Bewertung net kloer begrënnt an zevill subjektiv ass – huet säi Joer an der Vergaangenheet duerch Compensatioun gepackt. Ech wäert vun elo un e ganz objektive 40-säitegen Evaluatiounsrapport schreiwen. An da kënnt en och duerch. Déi Datzen hate jo tatsächlech kee Wäert. Ech hoffen, datt deng Studenten all gutt schaffen an dass du keng Datz muss ginn. Loss s’einfach duerchkommen. Och wann hir Aarbecht net gutt ass. Ech hoffen och, datt deng Studenten an der Geschicht net mat 3 klenge Fallbeispiller zevill grouss Réckschless zéien. An der Geschicht brauch een net präzis ze sinn. Do kann een och de „que“ ewechloossen, fir mol an dengem ondifferenzéierte Meederchersbeispill ze schwätzen. Loss se duerch a schreif hinnen eng 40-säiteg Evaluatioun. Sief net ze streng mat hinnen, och wann hir Aarbechten net gutt sinn. Dengem Opstieg an denger weiderer Carrière steet näischt am Wee. D’Madame Delvaux brauch sou Leit, déi sou ondifferenzéiert denken. Et gëtt där op der unilu net genuch.
Anmerkung der Redaktion: Die Zuschrift war unterzeichnet. Name der Redaktion bekannt.
selbst zu denken, eigene Hypothesen zur Lösung einer Frage zu entwickeln, weder in Natur- noch in Geisteswissenschaften. (Ich stelle mit Schrecken fest, dass das offenbar auch für viele Lehrer gilt …) Dass sie dennoch orthografische Fehler schreiben, stört mich viel weniger, solange ich verstehe, was sie mit ihrem Satz aussagen wollen.
Meine Maläse mit der von Mady Delvaux seit zwei Jahren (und nicht erst seit dem 5. Dezember 2011) zur Diskussion gestellten Schulreform ist daher eine ganz andere: Ich bin der Meinung, dass die Reformansätze durchaus in die richtige Richtung zielen, aber eigentlich nicht konsequent zu Ende gedacht sind. Das 60er-Notensystem beibehalten, nur um die Lehrer zufrieden zu stellen, macht keinen Sinn, wie der Lehrerprotest ja wohl zur Genüge bewiesen hat.
Viel größer ist allerdings meine Maläse mit den Lehrern, die sich jeder Diskussion verweigern. Die Erklärung für die heftigen, irrationalen Reaktionen, die nicht nur meine „Carte blanche“ vom 30. Januar 2012 auf RTL ausgelöst hat, als ich obige Meinung vertrat, lieferte eine SEW-Aktivistin, die am 6. Januar bei einer Pressekonferenz von APESS und SEW „die einhellige Meinung der Lehrergewerkschaftler“ widergab. Laut Lëtzebuerger Journal vom 8.-9. Januar antwortete sie nämlich auf die Frage, warum die vom Staat besoldeten Lehrer sich gegen eine Evaluation ihrer Leistungen wehren, mit dem Argument, „Ziel der individuellen Leistungsbeurteilung sei es, […] die Leute klein zu halten, damit sie den Mund halten.“ Eine Strategie, die vielen Lehrern aus dem Schulalltag bekannt sein dürfte. ♦
Reaktion 2: „Selten esou dämlech an niveaulos…“
Här Pauly,
Virewech, ech hunn selten esou dämlech an niveaulos Behauptungen gelies ewéi an äerem Kommentar. Ech wëll net op all falsch Behauptungen an och Ënnerstellungen géintiwwer dem Léierpersonal am eenzelnen agoen, mee nëmmen esouvill dozou:
Eng Bewertung kann nie zu 100 Prozent objektiv sinn op se lo op 6 oder 60 Punkte geet, daat spillt absolut keng Roll. Eng Bewertung awer, déi nëmmen op Wuertfloskelen an net op Punkten baséiert kann op kengem Fall objektiv sinn a mecht Spillräim fräi fir datt nach méi gefeilscht ka ginn. Esou eppes wëll kee vernünftege Mensch an der Schoul, ausser vilächt déijéineg, déi hir Aarbecht souwisou net serieux huelen. Eise Schoulsystem leid net um Punktesystem, mee dorunner, datt an deene leschten 20 Joer zevill inkompentent Leit onopgefuerdert um System erëmgedoktert hunn. Fir eng besser a sozial méi gerecht Schoul brauche mer net manner, mee méi Kontrollen (mat Punkten an am beschten a Form vun nationalen Examen)! Nëmmen esou ass garantéiert, datt all Mënsch dee selwechte Bildungskanon mat op de Wee kritt an no deene selwechte Kriterien geprüft gëtt. Allerdings mussen och all d’Schoulen d’Méiglechkeete kréien de Schüler eng Ganzdaagsbetreuung (Nohëllef, Hausaufgabenbetreuung) unzebidden.
Et kann net wierklech äeren Eescht sinn ze behaapten, datt den aktuelle Punktesystem an iergendenger Form a Korrelatioun steet mat de Problemer déi de Schoulsystem huet. D’Ofschaafé vum Punktesystem léist kee Problem, am Géigendeel, et géing nëmmen dozou féieren, datt d’Problemer nach méi grouss an oniwwersichtlech ginn an de Bildungsniveau nach méi séier fällt.
Ofschléissend hoffen ech nëmmen datt, zum Wuel vun eiser Gesellschaft an der Zukunft vun eise Kanner, deen vun der uni.lu mat initiéierte neopädagogische Quatsch an eise Schoulen kee weideren Anzoch hält.
Mat beschte Gréiss,
Anmerkung der Redaktion: Die Zuschrift war unterzeichnet. Name der Redaktion bekannt.
metany@uni.lu mission culture scientifique et technique http://metany.uni.lu
LES JEUDIS DES SCIENCES COLLOQUIUM GENERALE LEÇON 162 SEMESTRE XXII
Alan Turing, un savant aux croisées des changements
Girolamo Ramunni
Conservatoire national des arts et métiers, Paris
15.03.2012 17:30
Auditoire B02 Campus Kirchberg
Alan Turing, né il y a 100 ans et décédé en 1954, est intéressant à plusieurs titres. Mathématicien hors pair, électronicien, ses compétences ont joué un rôle important dans le déchiffrage de codes secrets pendant la Seconde Guerre mondiale. Il a contribué à rompre avec les conceptions héritées du XIXe siècle en science. Turing a vécu à un moment où toute la construction intellectuelle du siècle précédent s’écroulait. Ses découvertes notamment en informatique ont participé à construire notre société actuelle. Dans quelle mesure peut-on dire que ses recherches ont été influencées par ce climat général ? C’est la question qui sera au cœur du séminaire.
AN COLLABORATION AVEC LE CNAM LORRAINE AVEC LE SOUTIEN DU FONDS NATIONAL DE LA RECHERCHE
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