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Das vorliegende Dossier mit dem Titel "Die Vierte Welt in Luxemburg" wird Sie vielleicht überraschen. Es geht darin die Rede vom Kampf gegen die Armut bei uns in Luxemburg, einem der reichsten Länder der Welt. Kampf gegen materielle und kulturelle Armut und die soziale Ausschliessung, die gewöhnlich daraus erfolgt.
Wenn man von Armut spricht, denkt jeder sofort an die schrecklichen Zustände in den Ländern der Dritten Welt oder an die Gastarbeiter, die unter uns wohnen.
Hier handelt es sich aber nicht um die Probleme der Gastarbeiter, sondern um Luxemburger Familien, überall im ganzen Land, und die zu der "Vierten Welt" gehören. Wenn man die Leute fragt, ob sie arme Luxemburger Familien kennen, so verneinen sie gewöhnlich. Sprechen wir aber von Kindern, die in der Schule nicht mitkommen, die von ihren Kameraden verstossen werden, weil sie nicht gut gekleidet sind, oder von Familien, die in schlechten Häusern wohnen… dann entdecken die meisten Leute, dass es in ihrem Dorf oder in ihrem Stadtviertel solche "Problemfamilien" gibt : von ihnen soll in diesem Dossier die Rede sein.
Diese Familien werden meistens seit Generationen verachtet und ausgeschlossen. Sie haben keinen Anteil an dem aussergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufschwung, den wir seit dem letzten Krieg erleben. Wird die Krise, die uns bevorsteht, ihre Situation nicht noch verschlimmern?
In diesem Dossier wollen wir berichten von der Vierten Welt und von der Internationalen Bewegung ATD (Aide à Toute Détresse) Vierte Welt. Eine Luxemburger Familienmutter erzählt aus ihrem Leben, ein elfjähriger Junge schreibt von seinen Aengsten und Wünschen. Und wenn Sie sich persönlich von der Existenz der Vierten Welt überzeugen wollen, so besuchen Sie doch die internationale Foto-Ausstellung mit dem Titel: "30 Jahre Geschichte des Kindes der Vierten Welt", im Cercle Municipal in Luxemburg, vom 30. April bis zum 10. Mai 1981.
MOUVEMENT INTERNATIONAL ATD QUART MONDE
107 avenue du Général Leclerc
95 480 Pierrelaye – France
Secrétariat provisoire
pour le Luxembourg:
ATD QUART MONDE
3 rue Kowalsky, Luxembourg
Die Vierte Welt
In allen industrialisierten Ländern verbleibt eine Bevölkerungsschicht zuunterst an der sozialen Leiter. Ihr haben die Mittel gefehlt, um an der Entwicklung des Bauernstandes und der Arbeiterklasse teilnehmen zu können. Seit mehr als einem Jahrhundert ist sie der Verarmung ausgesetzt. Hunderttausende von Familien leben in Gettos und ungenügenden Wohnungen. Sie leiden unter Unterbeschäftigung und zum Teil unter Arbeitslosigkeit, unter Mangel an genügendem Einkommen, an Gesundheit und Bildung. Sie verfügen nicht über die Mittel, ihr Mitspracherecht wahrzunehmen und ihre politische Vertretung zu organisieren. Eine so hohe Erkrankungs- und Sterblichkeitsziffer wie unter ihren Kindern kennt man auch in nahestehenden Arbeiterkreisen schon lange nicht mehr. Ihre Kinder kommen oft aus der Schule, ohne das Lesen und Schreiben zu beherrschen und ohne einen Beruf erlernen zu können.
In den Entwicklungsländern scheint die Geschichte dieselbe tragische Wende zu nehmen. Agrarreformen, die Entwicklung von landwirtschaftlichen Techniken, Industrialisierung und Urbanisation bringen einem Teil der armen Bevölkerung trotz aller Unzulänglichkeiten gewisse Aufstiegsmöglichkeiten: den stärksten, jenen, die eine – wenn auch geringe – Schulbildung haben, jenen, die am besten ausgerüstet sind für eine Veränderung.
Die meistbenachteiligten und vom Elend verbrauchten Menschen aber sind noch ärmer und wehrloser als vorher. Auch hier trennt sich die Geschichte der Armen: Zukunftsaussichten, Selbstbewusstsein, ja sogar Sprache und Weltanschauung werden für die beiden Gruppen nicht länger dieselben sein.
So wird die Vierte Welt zu einer weltweiten Realität. Sie durchzieht die ganze Menschheit. Reiche und arme Demokratien aller Richtungen gleichen sich in diesem Punkt.
Die Bewegung
Die Bewegung ATD-Vierte Welt ist aus dem Zusammenschluss von Menschen des Subproletariates und Bürgern anderer sozialer Herkunft entstanden. Gemeinsam wollen sie den Aufbau einer Gesellschaft fördern, die den meistbenachteiligten und ausgeschlossenen Minderheiten Priorität einräumt.
Diese Bewegung tritt also für ein Konzept der Demokratie ein, in der die Situation der Ausgeschlossenen am Maßstab für Freiheit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe sowie für alle Werte, die von jeder demokratischen Gesellschaft betont werden.
Aus dieser Sicht heraus verfolgt die Bewegung mit ihren verschiedenen Aktionen folgende Ziele :
- die meistbenachteiligten Bevölkerungsschichten bekannt zu machen, indem sie ihre Kenntnis im alltäglichen Zusammenleben und durch wissenschaftliche Forschung ergänzt.
- den Zusammenschluss dieser Bevölkerungsgruppen herbeizuführen, ihnen zu ermöglichen, sich zu den betreffenden Anliegen zu äussern und von der Gesellschaft als gleichwertig anerkannt zu werden.
Der Einsatz der Bewegung muss eine Veränderung der Lage und Lebensbedingungen des Subproletariats herbeiführen und allen, die eine Gesellschaftsreform anstreben, grundlegende Motivierung geben.
Eine Bewegung, die Partei ergreift
Warum der Ausdruck ‚Vierte Welt‘ ?
Auszug aus dem Vortrag von Joseph Wresinski, Generalsekretär der Bewegung ATD-Vierte Welt, im Internationalen Arbeitsamt in Genf, April 1979:
‚Wenn wir die ärmsten Familien ‚Die Familien der Vierten Welt‘ genannt haben, dann nicht, um eine neue Etikette zu schaffen, oder um sie als besondere Kategorie von Bürgern abzustempeln. Wenn die Bewegung es gewagt hat, ihnen den Namen ‚Vierte Welt‘ zu geben, dann deshalb, weil man sie vorher als ‚Problemfamilien‘, ’schwierige Familien‘ oder gar als ‚asoziale Familien‘ bezeichnet hatte.
Oft dachte man, das seien unverbesserliche Familien und alles, was man für sie unternehme, sei vergebliche Mühe. Auf irgendeine Art wurden diese Familien immer klassiert, und immer negativ. Angesichts dieser Tatsache, hatten wir uns entschlossen, alles daranzusetzen, um diese Realität in eine positive, dynamische zu verwandeln, sie zu unserer Sache zu machen. Denn diese Familien, die derart katalogisiert wurden, sie sind immerhin Menschen : Männer, Frauen und Kinder, die sich gern haben und anerkannt werden wollen. Kurz gesagt, sie sind ein Teil der Menschheit.‘
Wir weigern uns
Der Weiterbestand äusserster Armut und der soziale Ausschluss der meistbenachteiligten Bevölkerungskreise rechtfertigen den Einsatz der Bewegung. Folgende drei Punkte sind grundlegend :
* Wir weigern uns, das Elend als unabänderliches Schicksal zu betrachten
Das Elend ist kein Verhängnis, wogegen man nichts unternehmen kann. Es besteht, weil wir es zulassen. Trotz wirtschaftlichem Fortschritt und unter jeder Art von Regierung besteht das Elend weiter, weil sein Verschwinden kein vorrangiges Ziel der Gemeinschaft ist. Es wird nur verschwinden, wenn ein Konsens erreicht wird und wenn der konkrete Wille vorhanden ist, es zu zerstören.
* Wir weigern uns, den Armen selbst die Schuld an ihrem Elend zu geben
Niemand möchte übergangen werden und abseits der andern leben in Verachtung und ohne angehört zu werden. Wenn gegenwärtig eine ganze Schicht der Bevölkerung in extremer Abhängigkeit lebt, dann deshalb, weil sie nicht über die Mittel verfügt, um sich daraus lösen zu können. Ihr fehlt die notwendige Bildung, die es ihr ermöglicht hätte, einen Beruf zu erlernen, sich auszudrücken und die Welt zu verstehen, in der sie lebt.
* Wir weigern uns, die Aermsten als unbrauchbar abzuschreiben
Dieses Volk weiss besser als alle andern, was den Menschen unterdrücken kann; es hat dies selbst erlebt. Es kann uns lehren, welche Forderungen in einer wahren Demokratie enthalten sind, in einer Demokratie, wo jeder Bürger angehört und geachtet wird, weil er ein Mensch ist.
Engagement in der Bewegung
Der Kampf gegen den sozialen Ausschluss ist keine Sache von Spezialisten, sondern die Angelegenheit von Männern und Frauen, die ihn freiwillig zu ihrer Aufgabe gemacht haben.
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Ständige Mitarbeiter, Freiwillige und Praktikanten, die ganz in der Bewegung arbeiten. Die ständigen Mitarbeiter sorgen dafür, dass der Einsatz der Bewegung auch wirklich der Vierten Welt zugute kommt und nicht vom Ziel abweicht.
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Familien der Vierten Welt
Bei den Zusammenkünften der Erwachsenen der Vierten Welt bilden sie sich aus, um selber das Wort ergreifen zu können. Sie wehren sich für ihr Milieu und werden Mitkämpfer in der Bewegung. -
Freunde und Aktiv-Mitglieder setzen sich mit der Bewegung im Rahmen ihres Berufes ein, in ihren Wohnvierteln, in der Schule, in den Vereinen und Gruppen, denen sie angehören, in ihren Pfarreien, usw.
Alle – Mitarbeiter, Familien der Vierten Welt und Aktiv-Mitglieder – bemühen sich um ihre Aus- und Weiterbildung und um eine vertiefte Kenntnis der Vierten Welt. Sie unterstützen die Grundsätze und Ziele der Bewegung.
Die Vierte Welt in Luxemburg
Die Vierte Welt wird in Luxemburg weder von Parteien oder Gewerkschaften, noch von Familienorganisationen vertreten. Sie wird als Anhäufung von Sozialfällen betrachtet, die durch ihre Probleme gekennzeichnet sind: erziehungsschwierige Kinder, Straffällige, ledige Mütter, Väter ohne anerkannte Arbeit, Handlanger, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind, Problemfamilien, die den Sozialämtern seit Jahren bekannt sind.
Die Luxemburger Gesetzgebung über die öffentliche Wohltätigkeit stammt aus dem Jahre 1897. Sie gesteht den armen Familien kein Recht auf Unterstützung zu. Die Sozialämter sind den Gemeinden und den Ministerien unterstellt. Daneben gibt es auch para-staatliche und private Sozialämter.
Gewöhnlich unterstützen die jeweiligen Gemeinden die hilfsbedürftigen Familien. Da diese Hilfe aber nicht gesetzlich verankert ist und vom Gutdünken der Gemeinden abhängen, kommt es vor, daß arme Familien von einer Gemeinde zur andern, von einem Sozialamt zum andern geschoben werden.
Manche Familien, die bei Sozialämtern abgewiesen wurden, ziehen es vor, lieber in Armut und sogar im Elend zu leben als noch einmal eine solche Demütigung zu erleben.
Es besteht keine umfassende luxemburgische Statistik, die die vierte Welt umfaßt. Wohl kennen die Sozialämter viele arme Familien in unserm Land, aber verschiedene Sozialhelfer(innen) versichern, daß es daneben noch andere Familien gibt, die es nicht wagen, um Hilfe zu bitten.
"Unsere ganze Gesellschaft ist heute auf das Wissen aufgebaut. Das Wissen wird heute als ein Kapital angesehen, ein Privileg, als Status-Symbol. Das Unterprole-
tariat sagt uns das Gegenteil: Wissen ist eine Verantwortung, man muss es teilen." A. Modave, Verantwortlicher der Bewegung in Belgien. Aus "Libre Belgique", 24/25. Dezember 1980.
Eine Straßenbibliothek
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Mitten in Stadtteilen und Siedlungen, wo die meistbenachteiligten Bevölkerungsschichten wohnen, werden Strassenbibliotheken durchgeführt. Sie drücken den gemeinsamen Willen der betroffenen Familien und der Mitglieder der Bewegung aus, gegen Armut und Unwissenheit anzukämpfen. Sie rufen dazu auf, sein Wissen mit anderen zu teilen.
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Ein wichtiges Instrument darin ist das Buch – universelles Kommunikationsmittel zwischen den Menschen. Die Strassenbibliothek richtet sich vor allem an Kinder zwischen 5 und 12 Jahren und darüber hinaus durch den Kontakt zu den Eltern an ihr ganzes Milieu.
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Eine solche Bibliothek wird in Pfaffenthal seit 3 Jahren durchgeführt. Dafür ist eine Lehrerin verantwortlich. Ein Team von 7 freiwilligen Helfern haben sich angeschlossen. An zwei schulfreien Nachmittagen treffen sich die Kinder, sobald die "Bücherfrauen" erscheinen. Bei gutem Wetter lassen sie sich draussen auf einem freien Platz nieder, verteilen die Bücher und das Erzählen und Lesen beginnt. Bei kaltem und regnerischem Wetter geschieht dies im Pfarrsaal. Die Kinder sind frei zu kommen und zu gehen, wenn das Lesen sie ermüdet oder wenn ein Spiel sie anzieht. Über den Weg der Bücher, der Geschichten wird mit Hilfe der Erwachsenen (manchmal auch Eltern der Kinder) nicht nur Lesen versucht, gelernt, geübt, sondern auch Erlebtes mitgeteilt und begriffen. Sie reagieren spontan, von eigenen Erfahrungen aus: "Wann ech dat wär, da géif ech…", die eigene Welt (Familie und Viertel) mit den darin gelebten Werten wird entdeckt: "Sowas et och bei mir…", "D’as schéin vum Varenka, dass et d’Leit an säin Haus höllt. Et därf é kén op der Stroz stoe löjen".
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Im Sommer dieses Jahres wird die Straßenbibliothek ausgeweitet zu einem "Pivot culturel". In der rue L.Menager wird ein Haus instandgesetzt, das eine Kontaktstelle für Kinder und Eltern des Viertels werden soll. Dieses Haus wird nach einer Geschichte die die Kinder sehr gern haben benannt, und wird "Atelier Zeralda" heissen.
Darin ist wiederum ein Leseraum vorgesehen, daneben ein Werkraum und eine Druckerei. Es wird eine Küche eingerichtet, wo mehrmals in der Woche gemeinsam gekocht wird und wo mehrere Familien zusammen essen können. Dann ist auch ein Versammlungsraum für Erwachsene vorgesehen, der tagsüber auch Spielraum ist.
Grundlegend für die Schaffung des "Atelier Zeralda" war der Wunsch, ein wirkliches Haus des Wissens für alle aufzubauen.
In Pfaffenthal, einem der ältesten Stadtvierteln Luxemburgs, wohnen Familien sehr verschiedener sozialer Herkunft. Die Hälfte sind Luxemburger, die andern Ausländer, besonders Portugiesen. Die Bibliothek steht allen Kindern offen, doch dient sie vor allem den benachteiligten Kindern. Es wird immer darauf geachtet den schwächsten und ärmsten Kindern den ersten Platz einzuräumen, von ihnen aus die Methoden aufzubauen: Lesen, Erzählen, Gruppengespräche, Malen, Basteln, Feste, usw. Das Motto in der Bibliothek lautet: "Was du weißt, das sag einem andern!"
Die Bibliothek ist meistens gut besucht. Doch fällt es einigen Kindern schwer die Schwelle zur Bibliothek zu übertreten "Ech kommen nèt an d’Bibliothek, dei aner soen, ech dârft net. Sie schloe mech".
Die Vierte Welt, das sind zuerst Menschen, Männer und Frauen. Meistens werden sie nicht mehr als solche angesehen. Man sieht nur ihre Probleme, ihre Schwierigkeiten. Das, wodurch sie sich von den andern unterscheiden. Es sind Männer und Frauen, die ständig kämpfen um den Teufelskreis des Elends zu durchbrechen. Aber ihr Kampf wird nicht anerkannt, wird nicht ernst genommen. Weder von ihrer Umgebung, noch von denjenigen, die gegen das Elend kämpfen ohne es zu kennen.
Information und Öffentlichkeitsarbeit
Seit einiger Zeit wird die Notwendigkeit, ein nationales Sekretariat in Luxemburg zu gründen, immer deutlicher. In der Tat ist die Zahl derer, die an der Arbeit der Bewegung teilnehmen möchten, gross, und zahlreich sind auch die noch in Planung befindlichen Aktionen.
Aber wie kann man das alles in die Wege leiten, wie koordinieren ?
Dieses ist die Aufgabe eines Sekretariats, ohne das sich die Bewegung in Luxemburg nicht entwickeln kann.
Damit aber die Bewegung lebendig und aktionsfähig wird, benötigt sie Informationen :
- Über das Leben der Aermsten : Was wissen wir über das Leben der Vierten Welt in Luxemburg oder in den Nachbarländern ?
- Über die Entwicklung des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens unseres Landes. Nimmt sie Rücksicht auf die Aermsten oder werden diese immer mehr an den Rand gedrückt ?
Diese Informationen und Kenntnisse sollen dazu dienen, einen immer grösseren Personenkreis in Luxemburg anzusprechen (Informationsversammlungen, Mitteilungsblatt, Zeitungsartikel, Stellungnahmen, …) und sich dafür einzusetzen, dass diese, seit Generationen ausgeschlossene Bevölkerung nach und nach wieder ihren Platz in der Gesellschaft erhält.
Lettre ouverte
Aux Communes et Ministères concernés, aux Partis Politiques, aux Syndicats, aux Groupes Parlementaires, aux Journaux
Les personnes soussignées*, toutes professionnelles dans le secteur social, se voient dans l’obligation d’attirer votre attention sur le manque désastreux en logements à coût raisonnable, et ceci le plus particulièrement dans la capitale et le reste du canton de Luxembourg, ainsi que dans diverses communes des cantons de Mersch et de Diekirch.
Ces travailleurs sociaux (assistants sociaux, éducateurs, psychologues, etc.) sont en effet continuellement confrontés à des problèmes de logement pour des personnes ou familles disposant souvent d’un revenu modeste, voire minimal.
Or il s’avère que le manque d’offre en logements face à une demande toujours constante en logements «simples» convenant à ces gens a fait grimper impitoyablement les prix des loyers.
Nombreuses sont déjà les familles pour lesquelles le seul fait de devoir supporter un loyer équivalent à la moitié de leur revenu est à la base d’autres
problèmes. Beaucoup de personnes (et les signataires sont bien placés pour le savoir!) sont ainsi poussées vers la marginalité.
Les signataires demandent instamment que les pouvoirs publics s’engagent réellement dans la création de nouveaux espaces de logement à des prix raisonnables.
- Les originaux des 123 signatures ont été adressés à Monsieur Jean Spautz, Ministre de la Famille, du Logement Social et de la Solidarité Sociale.
le droit au logement
Eine Familienmutter erzählt aus ihrem Leben
Familie X wohnt seit über 10 Jahren in der Stadt. Das Haus gehört der Gemeinde und wird in absehbarer Zeit mit den nötigen sanitären Anlagen versehen. Die Familie hält sich tagsüber in der Stube auf, dem einzig geheizten Raum des Hauses. Herr X, 67 Jahre alt, Analphabet, bezieht eine kleine Rente. Frau X ist 50 Jahre alt. Der Arzt hat ihr verboten, noch eine bezahlte Arbeit anzunehmen. Herr und Frau X haben 8 Kinder. Alle, mit Ausnahme der Jüngsten, verbrachten den grössten Teil ihrer Kindheit und Jugend in einem Heim. Z, die jüngste elfjährige Tochter, ist nach Aussagen kompetenter Personen ein intelligentes und fleissiges Mädchen. Ihre Mutter hat ihr in der Stube beim Fenster eine besondere Ecke eingerichtet: ein Tisch für die Schularbeiten und zum Basteln. Die Ecke ist geschmückt mit farbigen Zeichnungen und Bastelarbeiten des Kindes, Farbbos von der 1. Kommunion. Frau X hat viele Photos von allen ihren Kindern. Sie bedauert jedoch, kein Familienphoto zu haben. Die Gelegenheit wäre gewesen bei der Kommunion der Jüngsten, leider konnten an diesem Tage die Kinder aus dem Heim nicht an der Feier teilnehmen.
Z half einer Schulkameradin, die in der Schule Schwierigkeiten hatte. Dabei sagte sie: ‚Lerne und gib dir Mühe, sonst kannst du später den anderen Leuten den Dreck wegmachen.‘
Frau X erinnert sich, als Z zur Welt kam. ‚Ich hatte den ganzen Tag schwer gearbeitet. Eine Verwandte blieb abends bei uns, weil ich spürte, dass die Geburt nahe bevorstand und mein Mann nicht imstande war telefonieren zu gehen. Zwei Tage nach der Geburt verliess ich die Klinik. Unser
früherer Hausmeister hatte uns versprochen einen Ofen zu geben, wenn das Kind da wäre. Wir richteten den Ofen auf, und am dritten Tag holte ich die Kleine heim. Ich begann sofort mit Waschen. Auch heute besitzen wir noch keine Waschmaschine.‘
Frau X fährt fort: ‚Ich hatte eine harte Kindheit und Jugend. Unser Garten war 18 ar gross. Mit 15, 16 Jahren grub ich ihn allein um und schnitt die grosse Hecke. Vorübergehende sagten oft: das ist keine Arbeit für dich, das muss ein Mann tun. Ich habe gute Erinnerungen an meine Grossmutter, die bei uns lebte. Sie sagte immer zu mir: wenn du bei fremden Leuten arbeitest, rühre nichts an, stehle nichts; wenn du etwas brauchst, frage darum; wenn du etwas gebrochen hast oder sonstwie Schaden angerichtet hast, so sage es.
Meine Mutter hatte nirgends Ruhe. Obschon sie eine kleine Rente hatte, ging sie später betteln. Als mein Mann und ich heirateten, zog meine Mutter mit uns. Wir wohnten und arbeiteten bei einem Bauern. Wir arbeiteten schwer von morgens früh bis abends spät und es gab wenig zu essen. Inzwischen kamen die Kinder zur Welt. Als die Aelteste 2 Jahre alt war, war meine Mutter mit ihr verschwunden. Nach 2 Tagen fanden wir sie in der ‚Alten Avenue‘. Wir lebten ständig in Angst und fürchteten immer, die Polizei käme mit einer schlechten Nachricht von der Mutter und den Kindern. Nach und nach wurden die Kinder in Heime untergebracht. Wir waren gezwungen öfters die Arbeitsstelle zu wechseln. Einmal hatten wir gehört, dass man in der Gegend von W. Arbeitskräfte bräuchte. Wir fuhren mit dem Zug hin und gingen auf die Suche nach Arbeit. Abends fragten wir einen Bauern, ob wir in der Scheune schlafen könnten. Bald war die Polizei zur Stelle. Als sie feststellten, dass wir Geld in der Tasche hatten, liessen sie uns in Ruhe.
Wieder einmal hatten wir keine Wohnung. Ich erwartete ein Kind. Mein Mann und ich schälen Kartoffeln auf der Schobermesse. Wir arbeiteten tagsüber und bis spät in die Nacht hinein. Dann gingen wir spazieren, schliefen auf einer Bank bis wieder am nächsten Tag das Kartoffelschälen begann. Ich hielt 8 Tage und Nächte durch. Dann brach ich zusammen. Wir fanden vorübergehend Aufnahme im Rhamhospiz.
Alles was ich kann habe ich selbst gelernt. Ich halte weiter durch und verliere den Mut nicht. Mein Mann und meine Kinder sind ohne mich verloren. Ich könnte mich allein durchschlagen, aber ich lasse niemanden im Stich. Ich weiss schnell mit wem ich es zu tun habe. Ich kenne die Leute. Ich bin auch manchen guten Menschen begegnet, die verständnisvoll zu mir waren und mir weitergeholfen haben. Ich kämpfe für die Rechte meiner Kinder. Ich will, dass meine Kinder richtig und gerecht behandelt werden. Ich will, dass etwas aus meinen Kindern wird, dass es ihnen ergeht wie den andern, dass sie ihr Leben machen können, wenn ich nicht mehr da bin.‘
Im Internationalen Jahr des Kindes lud die Tapori-Bewegung (Kinderbewegung der ATD) Kinder aller sozialen Schichten und besonders die Kinder der Vierten Welt ein, ihre Freuden und Sorgen in ein Mäppchen zu schreiben mit der Ueberschrift "Die Sonne scheint für alle". Ein Luxemburger Junge, Nico, 11 Jahre alt, schrieb in sein Mäppchen, was ihm am Herzen lag. Er schreibt von Ferien, menschenwürdiger Behandlung, Fest, Ausschliessung, Bedürfnis nach Freundschaft und Liebe.
"Die Kinder sollten auch mal in die Ferien gehen. Nicht nur die Erwachsenen. Darum spreche ich zu den Kindern: Wehrt euch, lasst euch nicht behandeln wie der letzte Dreck. Denn die Welt besteht ja aus Kindern. Ohne Kinder würden die Menschen aussterben. Die meisten Menschen sagen, die Kinder wären nutzlos, aber sagt ihnen, dass sie mal auch Kinder waren. Wir müssen verhindern, dass die Kinder ausgestossen werden. Und darum glaube ich, soll man ein grosses Fest machen, auf dem alle Kinder willkommen sind. Ihr Erwachsenen, fragt mal die Kinder, ob sie Probleme haben. Ganz sicher würden sie sagen, dass sie von den Erwachsenen nicht geliebt werden."
Formation
Formation publique de l’Institut à Pierrelaye, siège du Mouvement International
- COURS PUBLICS:
"Familles du Quart Monde et Droits de l’Homme"
28 février-ler mars
Familles sous-prolétariennes et violation des Droits de l’homme
20-21 juin
Familles du Quart Monde et conquête des droits de l’homme
24-25 octobre
Familles du Quart Monde et nouvelle conception des droits de l’homme
- SESSIONS D’ÉTUDES:
7-8 mars
Familles sous-prolétariennes et école maternelle
7-8 mars
Travail social et avenir des plus pauvres
28-29 mars
Les jeunes du Quart Monde, les ayants droit
30-31 mai
Croire en Quart Monde: Le droit à la spiritualité
17-18 octobre
Santé familiale: comment la maternité est-elle vécue en Quart Monde?
28-29 novembre
Les travailleurs du Quart Monde
Le travail: une destruction, un espoir
- SEMINAIRES INTERNATIONAUX:
6-11 juillet
La Représentation en Quart Monde
15-30 juillet
Introduction à l’analyse scientifique de l’exclusion sociale
3-15 août
Analyse et évaluation d’une action spécifique en Quart Monde
- FORMATION FERMANENTE POUR TRAVAILLEURS SOCIAUX:
Formation pour travailleurs sociaux expérimentés en contact avec des familles très démunies.
3 jours par mois d’octobre 1980 à juin 1981
La formation publique de l’Institut s’adresse à toute personne intéressée comprenant le français. Pour de plus amples renseignements, veuillez contacter notre secrétariat.
Bücher
Kinder unserer Zeit
Weissbuch der Kinder der Vierten Welt
Edition Science et Service, Pierrelaye
"Dieses Weissbuch gehört allen Kindern der ganzen Welt, den Familien der Vierten Welt, die verachtet und ausgestossen werden."
Wir kennen die Kinder kaum, die in diesem Buch zu Wort kommen, und doch leben sie in unserer westlichen Industriewelt. Wir schliessen Millionen von Kindern und ihre Familien von unserem sozialen und ökonomischen Wohlstand aus, wir verdrängen ihre Armut aus unserem Bewusstsein.
Sind diese Menschen nur das Opfer eines unausweichlichen Schicksals?
Zeigen sie uns nicht vielmehr das verborgene Gesicht einer Gesellschaft, die wir mitgestalten, die mit ihrer Lebensform nur die anerkannten Bürger berücksichtigt?
Dieses aussergewöhnliche Buch zwingt uns zum Nachdenken: Hat ein Kind das Recht auf Wohlergehen, weil es lebt oder hat es nur Anspruch auf Leben, wenn bereits im voraus für sein Wohlbefinden gesorgt ist? Wir hören unzählige Stimmen von Kindern aus unseren Industrienationen, die mit grosser Offenheit und Intensität ihre Schwierigkeiten, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen aussprechen.
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Sie erwarten, dass wir sie, ihre Familien und ihr Milieu verstehen und achten.
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Sie sprechen über ihre Angst getrennt zu werden von ihrer Familie, die für sie der letzte Ort der Geborgenheit bleibt.
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Sie fordern Hilfe für ihre Eltern, damit diese sie selbst erziehen können.
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Sie hoffen auf eine Welt in der es keinen Ausschluss mehr gibt.
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Sie berichten, wie sie unter gesundheitsschädlichen Bedingungen arbeiten, damit ihre Familie überleben kann.
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Sie sehnen sich nach Ferien zusammen mit ihren Eltern.
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Sie wollen frei sein von der erdrückenden Angst vor Krankheiten.
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Sie klagen an dass sie von unserer Gesellschaft in Politik, Schule und sozialen Einrichtungen vernachlässigt werden.
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Sie verlangen, dass ihre Lehrer sie ernst nehmen und wünschen sich eine Schule in der es allen Kindern gefällt.
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Sie träumen von gesunden Wohnungen, von mehr Platz mehr Sauberkeit, mehr Schönheit und von der Möglichkeit, Besuch zu empfangen.
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Sie möchten, dass die Kirchen sie annehmen und die Beziehung zu Gott ermöglichen.
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Sie hoffen ihrer unmenschlichen Situation zum Trotz auf eine bessere Zukunft, denn "so darf es nicht bleiben".
Wir lesen in diesem Buch, was die Bewegung "ATD-Quart Monde" seit 20 Jahren erfahren hat und wir nehmen Einsicht in statistisches Material über die Armut das; wenn auch nicht repräsentativ, doch bezeichnend für die Situation des Subproletariats ist. Im letzten Teil erarbeiten die Autoren sieben Richtlinien für politisches, soziales Handeln im Blick auf die kommenden zwanzig Jahre. Sie setzen Prioritäten in den drei Bereichen Familie, Bildung, Vertretung in der Öffentlichkeit.
Jeder von uns wird aufgefordert auf seine Weise und in Solidarität mit anderen beizutragen, damit das Leben für alle da ist. Wie sonst können wir Antwort geben auf die Frage, die uns ein Kind aus der Vierten Welt stellt: "Sag mal, warum scheint die Sonne nicht für alle Kinder?"
Eh toi, le gitan ! Prends ta guitare,
Et fais danser les filles…
Eh toi, le Nord-Africain ! Chante,
Perce la nuit tiède
De ta voix chaude et ensoleillée…
Et vous, tout autour, ne restez pas là sans bouger,
Venez chanter, danser, faites éclater la joie, l’amour.
Prenez-vous par la main et dansez !
Et toi, le Quart Monde ! Lève-toi,
Et marche sans jamais oublier
Que tu peux aussi lever la tête
Pour voir le ciel parsemé d’étoiles
Le ciel aussi est à toi !
Regarde-le, vas-y ! Il a changé,
Il a changé, il est nouveau
Nouveau comme le monde
Qui aujourd’hui, avec toi, se construit peu à peu,
Allez chante, danse…
Nadia
Ce poème est l’un de ceux écrits par des jeunes du Quart Monde, rassemblés dans un très beau livre «DE LA CITÉ, MONTE LA POÉSIE». Un livre à offrir pour les fêtes, à commander aux Éditions Science et Service — 95480 Pierrelaye. 30 F.
Cette brochure existe également en français.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
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