„Ee relative Fehlstart“

Zur aktuellen Diskussion über das Luxemburger Hochschulwesen (2)

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Im zweiten Teil unseres Berichts geht es konkreter um die ungelösten Probleme am Centre Universitaire in Luxemburg (CUnLux). Es sei von vornherein klargestellt, dass der Beitrag sich aus der Sicht eines Betroffenen mit der Problematik beschäftigt, da der Autor selbst Lehrbeauftragter am CUnLux ist. Sicher relativiert diese einseitige Sichtweise die Lage, da es an anderen Hochschulinstitutionen möglicherweise besser aussieht¹, doch deswegen sind die angesprochenen Probleme für die betroffenen Studenten und Lehrkräfte nicht weniger real. Richtig ist auch, dass halt mehr über Dinge diskutiert wird, die nicht klappen als über solche, die in Ordnung sind…

Als Ende September 2000 die Studenten wieder den Weg ins ehemalige Priesterseminar auf Limpertsberg fanden, um an der Eröffnung des akademischen Jahres am CUnLux teilzunehmen, erlebten einige wohl ihre ersten Enttäuschungen.

Enttäuschte Studenten

Ein Programmheft mit einer detaillierten Beschreibung der einzelnen Lehrveranstaltungen und Promotionsregeln wurde ihnen keineswegs in allen Départements ausgehändigt. Und dort wo es ein solches gab, war es noch so druckfrisch, dass es eher an eine Notlösung erinnerte. Ein zentrales Vorlesungsverzeichnis, wie es an deutschen Universitäten üblich ist, gibt es nicht am CUnLux. Voriges Jahr erschien das Programmheft der meisten Départements gar erst nach Semesterbeginn. Im Ausland liegt das Vorlesungsverzeichnis mindestens zwei Monate vor Semesterbeginn vor und ist in allen Buchhandlungen des Ortes zu erstehen, damit die Studenten sich schon Gedanken über die Zusammenstellung ihres Stundenplanes machen können. Sie können sich dann schon bei einzelnen Professoren anmelden, um frühzeitig das Thema ihrer Hausarbeit zu erhalten. Damit ist auch gleich gesichert, dass in der ersten oder zweiten Semesterwoche Referate stattfinden können. Der Luxemburger Student muss solche Entscheidungen am ersten Wochenende treffen, sich die angegebenen Bücher im Handumdrehen besorgen, während die Professoren die ersten Referate selbst halten müssen, da sie vernünftigerweise von keinem Studenten erwarten können, dass er sich in zwei Wochen

in ein Thema eingearbeitet hat und schon vor seinen Kommilitonen vortragen kann.

Zum Teil mag diese Verspätung auch an der Überlastung der Verwaltungskräfte liegen: Jedes Departement hat eine(n) Sekretär(in) zur Verfügung. Es fehlt ein Studentensekretariat, das sich, wie an normalen Universitäten üblich, zentral um die Einschreibungen kümmern könnte. Es fehlt am CUnLux auch der Posten eines PR-Beauftragten, ein Posten, der gerade an einer jungen Universität, die noch Studenten anziehen möchte, von höchster Bedeutung sein müsste. Und so kommt es, dass nicht einmal das Erziehungsministerium weiß, welche Möglichkeiten der CUnLux auch für angehende Sekundarlehrer bei der Ausarbeitung ihrer wissenschaftlichen Dissertation bietet (vgl. Magazinnotiz auf Seite 72). Aber auch intern läuft die Kommunikation nicht gerade optimal: Der Unterzeichnete musste im nachhinein der Tagespresse entnehmen, dass die luxemburgische EU-Kommissarin zur ‘rentrée académique’ am DESS in ‘droit contentieux communautaire’ einen Vortrag hielt. Am Département für Rechtswissenschaften war es nicht, denn dort gaben sich die Hochschulministerin und der Präsident der (eher rechtslastigen) Universität Panthéon-Assas Paris II die Ehre; auch das war erst im nachhinein aus der Presse zu erfahren. Den Pressefotos nach zu urteilen, waren die Studenten nicht gerade zahlreich erschienen, wenn sie denn überhaupt eingeladen waren.

Die zweite Enttäuschung der neuen Studenten erfolgte wohl noch am selben Tag. Sich während der (Mittags-)Pause in der Bibliothek des CUnLux

Eine zentrale Veranstaltung zum Semesterbeginn ist nicht vorgesehen, ein Gesamtvorlesungsverzeichnis gibt es nicht, die Bibliothek ist dieses Jahr nur montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet…

Als wissenschaftlich kann die CUnLux-Bibliothek nicht gelten, weil wesentliche Grundlagenwerke wie vollständige Quellensammlungen oder Referenzwerke in allen Fächern fehlen.

umzusehen, von deren undurchsichtigen Bücheraufstellung man gehört hatte, war nicht möglich. Sie war einfach zu Semesterbeginn geschlossen! Angeblich wegen Inventar, de facto aber anscheinend, weil es an Personal mangelt. So wird es auch den Studenten und Lehrbeauftragten nicht möglich sein, etwa vor Veranstaltungsbeginn oder nach deren Ende noch in der Bibliothek zu arbeiten, denn geöffnet ist sie dieses Jahr nur montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr. Im Ausland sind Öffnungszeiten bis 20 oder 21 Uhr sowie am Wochenende durchaus üblich. Für Studenten der Psychologie z. B. fällt damit die Bibliothek praktisch aus, da sie während dreissig Wochenstunden in Lehrveranstaltungen sitzen müssen. Studenten der Geschichte suchen vergebens nach Büchern zur Luxemburger Geschichte, obschon seit 1984 eine diesbezügliche Vorlesung und seit zwei Jahren auch zwei Seminare angeboten werden. Der Rückgriff auf die Nationalbibliothek im Stadtzentrum ist aber nicht nur umständlich, sondern auch für Standardwerke, die von der Ausleihe ausgeschlossen sind, unmöglich. Die CUnLux-Bibliothek tätigt keine Fernleihe. In dieser Bibliothek fehlt auch eine Lehrbuchsammlung, in der Standardwerke in zigfacher Auflage den Studenten zur Ausleihe zur Verfügung stän-

den. Als wissenschaftliche Bibliothek kann sie auch nicht gelten, weil wesentliche Grundlagenwerke wie vollständige Quellensammlungen oder Referenzwerke in allen Fächern fehlen.

Für viel Unruhe unter den Studenten sorgt auch die Unsicherheit, was die Anerkennung des vom CUnLux ausgestellten ‚Diplôme du premier cycle universitaire‘ (DPCU) anbelangt. Wohl wurden von den einzelnen Fächern mit einer Reihe von Universitäten Anerkennungsverträge ausgehandelt, doch anscheinend sind sie von luxemburgischer Seite immer noch nicht unterschrieben und daher auch nicht veröffentlicht, so dass sich manche Studenten nicht sicher sind, dass ihr Studium in Luxemburg als Zwischenprüfung oder Vordiplom anerkannt wird und der Weg ins dritte Jahr an der ausgewählten ausländischen Universität offensteht.

Angesichts dieser Enttäuschungen und Unsicherheiten darf man sich schon wundern, dass trotzdem die Studentenzahl steigend ist, zumindest am Département des Lettres et des Sciences humaines. Bei den Abteilungen für Naturwissenschaften, Recht und Wirtschaft, Gestion und Informatik waren Mitte Oktober noch keine aktuellen Zahlen verfügbar². Bekannt ist aber, dass die Sektionen Mathematik und Physik mangels Studenten nicht mit einem zweiten Studienjahr starten konnten.

Personalfragen

Der Verwaltungsrat des CUnLux scheint sich seinerseits vornehmlich mit Personalfragen auseinandersetzen zu müssen, genauer mit den Titeln, die den einzelnen Lehrkräften am CUnLux zuerkannt werden sollen. Ben Fayot war äußerst höflich, als er sich in seiner Interpellation am 29.6.2000 die Frage stellte, ‚ob et net besser gewischt wär, einfach emol e ‚big bang‘ ze machen a bei Null unzefänken, plutôt wi dee relative Fehlstart, dee mer eis do geleescht hunn‘. Robert Garcia schilderte die Lage bei derselben Gelegenheit blumiger, aber nicht unzutreffend: ‚Am Moment gesät een um CUnLux e relativ faarwege Mix vun akademeschen Überflieger, déi zäitweileg op Lëtzebuerg kommen, a vu Gruftien, déi sech an hirer akademescher Tätegeket am Jorhonnert giert hunn, awer och u ville seriöen a jonken Enseignanten a Chercheuren, déi op eng Extensioun an op eng Regulariséierung vun hiren Taché waarden.‘ Und die Hochschulministerin musste bestätigen: ‚39% vun de jetzege Beschäftegen um Centre Universitaire erfellen déi Konditionnen‘, nämlich dieselbe Qualifikation aufzuweisen, die sie auch zur Hochschullehre an einer ausländischen Universität berechtigen würde. 61% erfüllen die Bedingung also nicht. Wie die Verhältnisse in den einzelnen Fächern

Pub: Home Made

sind, war nicht in Erfahrung zu bringen. Mit solchen Zahlen rückt man wohl nur bei parlamentarischen Anfragen heraus.

In Zukunft sollen nur noch Professoren mit ausgewiesener akademischer Ausbildung höheren Grades (Doktorat und Habilitation oder gleichwertige Veröffentlichungen) eingestellt werden. Doch was mit den verdienstvollen Lehrkräften geschehen soll, die bisher am CUnLux unterrichteten und zumindest in den Départements Sciences naturelles und Lettres et Sciences humaines mehrheitlich aus dem Luxemburger Sekundarunterricht stammen, wird im Gesetz von 1996 nicht präzisiert. Dieser Umstand ist umso bedauerlicher, als klare Übergangskriterien für die bisherigen Lehrkräfte gleichzeitig klare Richtlinien für Neueinstellungen ermöglichen würden!

Der Verwaltungsrat verpasste 1999 die Chance, neue Maßstäbe zu setzen, als er die Ernennungsurkunden aller derzeit beauftragten Lehrkräfte für fünf Jahre erneuerte, ohne nach Diplom und Kompetenz zu schauen. Es gilt immer noch die haarsträubende Praxis, dass freie Lehrstellen zunächst intern ausgeschrieben werden, bevor sie extern, auch in der internationalen Presse veröffentlicht werden, wie das Gesetz vorschreibt. Man muss keine böswilligen Absichten unterstellen, um zu verstehen, dass die Gefahr einer ‚république des copains‘ groß ist, dass also auf neu zu besetzende Posten Kollegen berufen werden, die schon einen Lehrauftrag haben, auch wenn möglicherweise kompetentere Personen bereitstünden. Und dass sie nach fünf Jahren, wenn ihr Mandat erneuert werden muss, wie Frau Hennicot-Schoepges schon 1999 im forum-Interview meinte (vgl. forum Nr. 195, S. 8), abgewählt würden, ist unwahrscheinlich, denn es sind ja die Kollegen und Freunde, die dem Verwaltungsrat die Kandidatur zu empfehlen haben. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern und Juristen hat diese Praxis noch eine andere Folge: Hier sind eine ganze Reihe sicher kompetenter Personen aus dem Luxemburger Wirtschaftsleben bzw. aus Magistratur und Anwaltschaft mit Kursen beauftragt. Sie können alle auf eine erfahrungsreiche Berufspraxis zurückblicken und die Studenten damit unterhalten. Doch im ersten bzw. zweiten Studienjahr wird theoretisches Grundlagenwissen gebraucht, für Praxiswissen ist es da noch viel zu früh, wie Juristen und Ökonomisten von ausländischen Universitäten uns bestätigt haben. Solche kompetente Lehrkräfte sollten auf der Ebene von Forschungsseminaren zum Zuge kommen.

Unbestimmt ist auch weiterhin das Statut der Staatsbeamten am privatisierten CUnLux. Seit Jahren wird gemunkelt, ’nächstes Jahr‘ müssten alle Staatsbeamten (lies Lehrer des Sekun-

Département des Lettres et des Sciences humaines$^{1}$

Einschreibungen am 15. Oktober

| | Total | 1. Jahr | 2. Jahr | |
| — | — | — | — | — |
| 1997-98 | 153 | | | |
| 1998-99 | 178 | | | |
| 1999-00 | 262 | 233 | 29 | |
| 2000-01 | 283 | 223 | 60 | |

Kontinuität der Studenten vom 1. zum 2. Jahr

| Einschreibungen 1. Jahr 1999-2000 | 233 |
| — | — |
| davon 226 in Fächern mit Angebot im 2. Jahr | |
| Examenskandidaten | 149 |
| davon 144 in Fächern mit Angebot im 2. Jahr | |
| Examenserfolg | 111 |
| davon 107 in Fächern mit Angebot im 2. Jahr | |
| Einschreibungen 2. Jahr 2000-01 | 60 |
| in 7 Fächern | |

Nationalität der Studenten

| Luxemburger(innen) | 223 |
| — | — |
| EU-Ausländer(innen) | 52 |
| andere Ausländer(innen) | 8 |

$^{1}$ Aus den anderen Departements waren noch keine Zahlen für das Jahr 2000-2001 verfügbar. Eine Bewertung des Angebots eines zweiten Studienjahres ist dort also noch nicht möglich.

darunterrichts), die einen Lehrauftrag am CUnLux haben, wählen zwischen Staatsbeamtenstatut – also Rückkehr in den Sekundarunterricht – oder Privatbeamtenstatut, wenn sie den (auf fünf Jahre befristeten) Auftrag am CUnLux behalten wollen, mit allen Konsequenzen in Sachen Gehalt und Rentenansprüchen und Arbeitslosigkeit, falls das Mandat nicht verlängert wird. Vor allem den zahlreichen Lehrbeauftragten, die nur eine oder zwei Lehrveranstaltungen zu bestreiten haben, soll dieser Auftrag als Teil ihrer Dienstpflicht als Sekundarschullehrer gestrichen werden, d. h. an der Universität müssten sie in ihrer Freizeit lehren. Josée Hansen (LL, 12.5.2000) will wissen, die Entscheidung sei bei der nächsten Mandatserneuerung, also 2004 fällig. Im Gesetz von 1996 fehlt jede Übergangsregelung. Schon in forum Nr. 195 hatten wir nachgewiesen, dass das in bestimmten Fächern – vor allem in den Sprach- und Geisteswissenschaften, wo kaum Lehrkräfte aus der Privatindustrie kommen – zu unmöglichen Situationen führen wird. Viele Professoren haben nämlich keine volle Lehrverpflichtung (die mit 150 Lehrstunden pro Jahr definiert ist, wobei ein Semesterkurs von 2 Wochenstunden mit 30 Stunden veranschlagt wird), weil in ihrer Spezialität nicht so viele Lehrveranstaltungen vorgesehen sind. An einer Universität ist man ja nicht einfach Geschichtslehrer, sondern Spezialist für alte Geschichte oder für mittelalterliche Geschichte und als Althistoriker ist man eher

Unbestimmt ist auch weiterhin das Statut der Staatsbeamten am privatisierten CUnLux.

Es gilt immer noch die haarsträubende Praxis, dass freie Lehrstellen zunächst intern ausgeschrieben werden, bevor sie extern, auch in der internationalen Presse veröffentlicht werden.

mit griechischer oder mit römischer Geschichte vertraut. Wenn man aber nicht einer Person alle Kurse in alter Geschichte anvertrauen will, damit der Student auch noch eine gewisse Wahl hat bzw. verschiedene Herangehensweisen kennenlernen soll, kann man nicht einen Professor mit allen Kursen in alter Geschichte beauftragen (auch wenn in einzelnen Fächern offenbar solche All-round-Genies unterrichten). Der Druck zur Lösung dieser Frage wächst aber, da im klassischen und technischen Sekundarunterricht bekanntlich Hunderte von Lehrern fehlen und also die Erziehungsministerin ihre theoretisch besten Leute nicht gern der Kollegin vom Hochschulministerium zur Verfügung stellen möchte.

Das Problem scheint mittlerweile auch der Regierung bewußt zu sein. Im Weißbuch der Regierung heißt es nämlich (S. 24), die Gewichtung von Lehre, Forschung, Tutorat, Verwaltungsarbeiten und ’service à la communauté‘ (Konferenzen u. ä.) sei insbesondere von Bedeutung, um Personal des Erziehungsministeriums dem CUnLux zur Verfügung stellen zu können: ‚Même si à terme le CUNLUX aura à sa charge un personnel engagé sur des contrats de droit privé, tel n’est pas le cas à l’heure actuelle où les enseignants venant de l’enseignement secondaire ont des mandats qui viendront à échéance en juin 2004, mandats qui peuvent être reconduits. Il est donc essentiel d’établir la com-

putation de la tâche de l’enseignant du CUnLux et de procéder ainsi à l’affectation du personnel à cet établissement.‘ Die Unguld der Lehrbeauftragten aus dem Sekundarunterricht, ohne deren Einsatz der Lehrbetrieb am CUnLux – zumindest in den geistes- und sprachwissenschaftlichen Fächern – zusammenbrechen würde, wächst von Woche zu Woche.

Ungeklärt ist auch die Frage, welchem Forschungsauftrag CUnLux-Professoren nachkommen müssen. Neben 150 Stunden im Jahr für die Lehre, die ja auch vor- und nachbereitet werden muss, soll ein fest angestellter Professor wie eben erwähnt in der Forschung tätig sein. Wie verhält sich dieser Auftrag zum Gesetz von 1987 über Forschung und Entwicklung? Kann der Verwaltungsrat für diese Forschung Vorschriften machen, Schwerpunktthemen festlegen, oder bleibt das dem einzelnen frei gestellt, so dass er sich nur vor der ‚communauté scientifique‘ im In- und Ausland verantworten muss? Die Frage nach dem Umfang der Forschertätigkeit stellt sich vor allem für Teilzeitarbeitskräfte am CUnLux. Mit einem Lehrdeputat von vier Wochenstunden (120 im Jahr) am CUnLux hat ein Sekundarlehrer den Koeffizienten 12 (von 21) erreicht$^{3}$. Er muss also nur noch etwa 9 Stunden Schule am Lyzeum halten oder sich an Forschungsprojekten zu beteiligen suchen, die ihm nach Kapitel

THAT’S LIFE !

co-fabor .

106 PARK & AREN L 40 L. 2000 4. 24.75.93 1-2-22

I des Gesetzes von 1987 eine gewisse Freistellung von der Lehre einbringen. Beträgt das Lehrdeputat am CUnLux aber eine Stunde mehr, also fünf Wochenstunden, wird er fest vom CUnLux übernommen und braucht nicht einmal mehr Forschungsprojekte einzureichen und genehmigen zu lassen. Oder andersherum gefragt: Ist die Beteiligung an Forschungsprojekten nach Kapitel I in Höhe von 6 oder 8 Wochenstunden nicht soviel wert wie 30 Lehrstunden im Jahr, so dass der Betroffene auch mit 120 Stunden fest am CUnLux eingestellt werden könnte. Solche Ungereimtheiten gibt es leider noch viele am CUnLux und lasten auf dem Arbeitsklima.

Da es am CUnLux weder eine Personaldelegation gibt noch die Professoren im Verwaltungsrat Sitz und Stimme haben – im Gegensatz zu den Studenten! – kann auch auf dieser Ebene nicht eine angemessene Interessenvertretung erwartet werden. Das sieht man schon bei solch vordergründig nebensächlichen Entscheidungen wie dem Jahresbeginn für Forschungsprojekte. Weil das Haushaltsjahr erst am 1. Januar beginnt, glaubt der Verwaltungsrat noch gut Zeit zu haben. Die Lehrverpflichtungen der Lehrer im Schuldienst liegen aber spätestens am 15. September fest. Erhält nun ein (Sekundar-)Lehrer die Chance, an einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten, kann er das nur in seiner Freizeit tun, da kein Schuldirektor vom 15. 9. bis zum 31.12. ihn im teilweisen Leerlauf lassen bzw. ihn ab 1.1. durch einen Kollegen ersetzen kann. Für die wissenschaftliche Forschung ist diese Haltung des Verwaltungsrats, der ja auch vor dem 15. 9. seine Entscheidung über die genehmigten Projekte treffen könnte, katastrophal, da Forschung in der Freizeit bzw. mit Überstundenvergütung einfach nie mit der Seriosität betrieben werden kann, die für Universitäten eigentlich Standard sein sollte. Professionalismus lautet die Devise nämlich nicht nur im Sport.

Wegen der unterschiedlichen Personalstruktur und -statute ist auch sehr zu bezweifeln, ob die von Ben Fayot u. a. befürworteten Synergien mit Universitäten im nahen Ausland machbar sind. Man kann nicht die französische Sektion nach Metz auslagern und Frankreich die Besoldung der Lehrkräfte überlassen, um im Gegenzug die französischen Geschichtsstudenten nach Luxemburg zu holen und deren Ausbilder nach Luxemburger Tarif zu bezahlen. Trotzdem: es besteht international Interesse an einer Luxemburger Begegnungsstätte für frankophone und germanophone, möglichst auch anglophone Forscher. Entsprechende Aufforderungen zur Schaffung eines internationalen historischen Instituts wurden – z. B. – schon von namhaften Historikern an die Luxemburger Regierung gerichtet, bislang ohne Erfolg.

Raumnot u. a.

Die Raumnot am CUnLux ist so groß, dass im Jahr 1999-2000 bestimmte Vorlesungen für mehr als 100 Studenten nach Walferdingen ans ISERP verlegt werden mussten. Da die Woche über während des akademischen Jahres kein Raum frei ist, können wissenschaftliche Tagungen nicht mehr wie üblich während des Semesters stattfinden, müssen also auf die Beteiligung von Studenten, die dort den wissenschaftlichen Betrieb aus eigener Anschauung kennenlernen möchten, verzichten oder sie müssen auf die benachbarten Schulgebäude ausweichen. Professoren steht kein Büro zur Verfügung, kein Raum für Sprechstunden, in dem sie Studenten empfangen könnten, etwa um außerhalb der Lehrveranstaltung Hausarbeiten zu besprechen. Dieses Problem wird in nächster Zukunft noch schlimmer werden, wenn die Politik der fest angestellten Lehrkräfte sich durchsetzt und immer mehr Professoren nur und ganz am CUnLux lehren und forschen sollen, von denen offiziell und zu Recht gefordert wird, dass sie auch Tutorat leisten, d. h. dass sie Studenten beratend begleiten.

Solche Arbeitsräume vor Ort sind um so wichtiger, wenn man einen gewissen Hausgeist entwickeln, das Flair einer richtigen Universität fördern möchte. Dass davon zur Zeit keine Rede sein kann, hängt allerdings nicht nur an der Raumnot. Seit der Präsident nominiert ist, hat er sich noch nie ’seinem‘ Lehrerkorps vorgestellt. Weihnachten 1999 fand die erste Veranstaltung statt, zu der alle Lehrer des Hauses eingeladen waren. Das hatte es bis dahin weder zu Festanlässen noch zu Dienstbesprechungen gegeben. Entsprechend gering war denn leider auch das Echo. Es gibt auch keine zentrale Veranstaltung bei der ‚rentrée académique‘ zu Semesterbeginn. Sogar das Weißbuch der Regierung schreibt solchen Anlässen einen wesentlichen Symbolwert zu (S. 26), den man am CUnLux offenbar verkennt. In vielen Fragen ist auch keine einheitliche Linie am CUnLux zu erkennen, weder in Forschungsfragen (sollen die Projekte, die über den persönlichen, funktionsbedingten Forschungsauftrag hinausgehen, einem gemeinsamen Ziel entsprechen? und wenn ja, welchem?), noch in Personalangelegenheiten, noch in politischer Hinsicht. Die Einmischung des Justizministers in Fragen der Zulassung ausländischer Studenten hat nicht zu einem allgemeinen Aufschrei geführt. Gerade im Hinblick auf die Anziehung ausländischer Studenten hätte man auch verbindliche Kriterien erwartet, etwa dass das Spezifikum eines Studiums am CUnLux der Besuch sowohl französischer als auch deutscher und eventuell englischer Veranstaltungen sein könnte. Das könnte bei der Fortsetzung des Studiums im Ausland ein ‚image de marque‘ des CUnLux-Studenten werden. Zur

Forschung in der Freizeit bzw. mit Überstundenvergütung kann einfach nie mit der Seriosität betrieben werden, die für Universitäten eigentlich Standard sein sollte.

Auf Limpertsberg, keine hundert Meter vom derzeitigen Standort des CUnLux entfernt, steht ein großes Gebäude leer, das durchaus für eine Ausweitung des CUnLux in Frage kommt: das ehemalige Dominikanerinnenkloster in der Pasteurstraße.

Zeit können hingegen Studenten aus Frankreich und Belgien ein Studium an deutschsprachigen Lehrveranstaltungen vorbei absolvieren. Mit solchen Fragen der Eigenart des CUnLux scheint der Verwaltungsrat sich noch nicht beschäftigt zu haben.

Zurück zur Raumnot. Das Problem wurde immerhin schon von der Hochschulministerin, die ja gleichzeitig Bautenministerin ist, erkannt. Im Weißbuch zur Hochschulpolitik heißt es: ‚Le site du CUNLUX est saturé et n’offre plus assez d’espace pour y implanter un campus universitaire capable d’expansion.‘ Und in der parlamentarischen Debatte vom 29.6.2000 meinte Frau Hennicot-Schoepges: ‚En éischten urgente Besoin fir de Centre Universitaire ass eng anstándeg Bibliothéik.‘

Daher hat die Regierung beschlossen, auf dem ARBED-Gelände in Esch-Belval einen Hochschulcampus zu errichten, wo Forschungslaboratorien und Betriebe nebeneinander entstehen sollen. Im Weißbuch liest das sich so: ‚La notion de zone d’activité universitaire … se compose d’un ensemble d’éléments et de fonctions, à savoir: la fonction enseignement, la fonction recherche, la fonction vie étudiante (accueil et logement) et la fonction pépinière d’entreprises‘. Im akademischen Milieu ist anscheinend niemand glücklich über diesen Vorschlag. Für die Sprach- und Geisteswissenschaften ist Esch weit weg von Nationalbibliothek, Archiv, Museum usw. und für Abendveranstaltungen im Sinne einer Volkshochschule oder auch nur für öffentliche Konferenzen wenig geeignet. Für die Naturwissenschaften hingegen, deren Kooperation mit benachbarten ’start-up‘-Unternehmen man sich noch am ehesten in Belval vorstellen könnte, gibt es anscheinend Bedenken, dass die von den nahen Industrieanlagen ausgehenden Vibrationen und Staubemissionen für die Präzisionsinstrumente in den Laboratorien negative Einflüsse haben könnten.

Eine Aufteilung auf mehrere Orte ist auch deshalb nicht wünschenswert, weil dann die sehnlichst erhoffte universitäre Atmosphäre nie zustande kommen wird. Schon heute bedauert man selbst höheren Orts, dass in nächster Umgebung des CUnLux keine Kneipen, keine billigen Restaurants zu finden sind, in denen auch nach Schulschluss noch weiterdiskutiert werden könnte.

Nun steht aber gerade auf Limpertsberg, keine hundert Meter vom derzeitigen Standort des CUnLux entfernt, ein großes Gebäude leer, das durchaus für eine Ausweitung des CUnLux in Frage kommt: das ehemalige Dominikanerinnenkloster in der Pasteurstraße. forum-Informationen zufolge ist der Eigentümer durchaus an einer Veräußerung interessiert. Wenn eine Universität in einem ehemaligen Priesterseminar aufwachsen konnte, dürfte ein Ausbau in einem ehemaligen Kloster ja wohl nicht unmöglich sein. Das Gebäude bietet darüber hinaus den großen Vorteil, dass noch viel Bauland dazu gehört, auf dem in einer späteren Phase modernere Gebäude errichtet werden könnten. Die Hochschul- und Bautenministerin ist gefordert. Der Umbau des Klosters ist sicher schneller zu bewerkstelligen als der Bau eines ganzen Campus in Esch-Belval.

m.p.

Dominikanerinnenkloster in der Av. Pasteur, Zeichnung um die Jahrhundertwende © Photothèque de la V.d.L.

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