Eine Gesellschaft von Singles
Kinder und Zeit
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Wir leben in einer Gesellschaft von Singles. Für die Singles, ob sie jetzt alleine, in einer freien oder in einer legalisierten Partnerschaft, auch noch Ehe genannt, leben, ist das kein Problem. Die Wörterbuchdefinition von single lautet zwar alleinstehende Person, Mensch, der ohne Partner lebt. Doch die markante Trennungslinie in unserer Gesellschaft verläuft nicht zwischen Alleinstehenden auf der einen Seite und verehelichten oder frei assoziierten Paaren auf der anderen Seite, sondern zwischen Erwachsenen mit Kindern und Erwachsenen ohne Kindern. Die Lebensführung und das Zeitbudget eines Erwachsenen dürfte sich nur unerheblich ändern, wenn er sich mit einem anderen Erwachsenen zusammentut, sie ändert sich aber ganz grundlegend bei der Ankunft von Nachwuchs. Deshalb möchte ich das Wort Single in einer abgewandelten Bedeutung benutzen, nämlich Person ohne Versorgungs-, Pflege- oder Erziehungsverpflichtung gegenüber Dritten. Diese Dritte sind in den meisten Fällen Kinder, es können aber auch pflegebedürftige Partner oder Eltern sein.
Zunächst möchte ich klarstellen, daß ich mich keineswegs an einer dummen Polemik gegenüber kinderlosen Paaren beteiligen möchte. Es geht mir keineswegs darum, Paaren ihre Kinderlosigkeit vorzuwerfen, sei sie frei gewählt oder erzwungen oder, wie in den meisten Fällen wohl, eine undurchsichtige Verquickung beider Momente. Das Problem sind nicht die konkreten kinderlosen Paare sondern die Gesellschaft, die so organisiert ist, als ob alle erwachsenen Menschen kinderlos wären. Das Single-Dasein ist die unausgesprochene Norm, die unser aller Leben in dieser Gesellschaft beherrscht.
Der Bezug zur Zeit und zur kurz- und mittelfristigen Lebensplanung eines Erwachsenen ändert sich schlagartig, wenn er Verantwortung trägt für abhängige Dritte. In einer Beziehung von selbständigen Erwachsenen müssen natürlich auch Absprachen stattfinden über die Zeitplanung und die Organisation des gemeinsamen Haushalts. Daß viele scheinbar gleichberechtigte Singlehaushalte Schlagseite haben, weil die Frau die Versorgerin ist und der Mann der Versorgte, sei hier ausgeklammert… oder doch nicht! Ist nicht der von mir konstruierte Gegensatz Single versus Erwachsener-mit-Kind(er) eine mehr oder weniger geschickte Tarnkappe für die sattsam bekannte Kritik aus der weiblichen Meckerecke an der vorherrschenden Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen? Denn auf der Seite der Singles befindet sich die Mehrzahl der Männer unserer Gesellschaft, inklusive der Verheirateten und der Väter, während auf der Seite der Erwachsenen-mit-Kind(er) fast nur Frauen zu finden sind. Das Problem ist, daß die
meisten Männer nach außen leben als ob sie Singles wären, d.h. sie sind in ihrer Einsatzfähigkeit für außengeleitete Tätigkeiten in Beruf, Politik und Kultur zeitlich, energiemäßig und gedanklich kaum eingeschränkt, weil sie die andere Seite ihrer Existenz, die ihres Unterhalts und ihres Nachwuchses, in die Hände von Mutter und später Freundin bzw. Ehefrau legen.
Diesen Diskussionsansatz wollte ich aus taktischen Gründen vermeiden, weil er bei vielen, Frauen wie Männern, nur bewirkt, daß die Schotten runter gehen, bei vielen Frauen, weil sie resigniert haben oder ein mehr oder weniger zufriedenstellendes Arrangement mit ihrem Partner gefunden haben, bei vielen Männern, weil sie Haushalt und Kinder für Weiberkram halten und das Ansinnen, mit ihnen über eine gerechtere Lösung zu diskutieren, schon als Frontalangiff auf ihre männliche Identität empfinden.
Dennoch möchte ich bei meinem ersten Ansatz bleiben. Nicht daß ich die "neuen Väter" für ein empirisch ins Gewicht fallendes Phänomen halten würde – es handelt sich dabei wohl eher um ein Medienereignis – sondern weil ich die zarten Ansätze zu einem Umdenken bei den Männern und Vätern nicht übergehen möchte und neue Bündnispartner gewinnen möchte im Kampf gegen Bedingungen, die das Leben mit Kindern zur Quadratur des Kreises machen.
Es ist schon erstaunlich, welche Fragen in den Rang einer öffentlich debattierten und von der Allgemein-
in: spielen und lernen
heit zu lösenden Problematik erhoben werden und welche nicht. Probleme beim Abstellen der privaten Blechkiste sind als relevante, von der Allgemeinheit zu lösende anerkannt. Nicht so die Sorge um eine optimale Betreuung des Nachwuchses. Unter welchen Bedingungen wird ein Aspekt des Alltags zum öffentlichen Thema, zur gesellschaftsrelevanten Problematik?
Das ist meine Tagesmutter.
Das Problem ist die Gesellschaft, die so organisiert ist, als ob alle erwachsenen Menschen kinderlos wären. Das Single-Dasein ist die unausgesprochene Norm, die unser aller Leben in dieser Gesellschaft beherrscht.
Die Betroffenen sind zu vereinzelt und zu überlastet, um für eine Verbesserung ihrer Bedingungen aktiv zu werden. In Wahlperioden hört man das mittlerweile ritualisierte Jammern darüber, daß so wenig Frauen auf den Wahllisten zu finden sind. Wie Frau Hennicot-Schoepges in der Broschüre "Frauen zu Lëtzebuerg" richtig vermerkt, kann der männliche Politiker getrost darauf vertrauen, am nächsten Morgen seine Hemden frisch gewaschen und gebügelt im Schrank zu finden. Nicht so die Politikerin. Die Doppel- und Überbelastung der Frauen ist natürlich nicht der einzige Grund für ihr geringe aktive Teilnahme an der Politik, aber es ist ein ganz fundamentaler, handfester Grund, der die anderen, subtileren und komplexeren Gründe, erfolgreich in den Hintergrund drängt.
Mama schläft am Tag.
Die Gewerkschaften könnten etwas erreichen, aber für sie scheinen alle Arbeitnehmer, ob männlich oder weiblich, auch nur Singles zu sein. Ihre scheinbar logische Konzentration auf die Arbeitswelt macht sie blind für die Probleme und eben gerade auch die beruflichen Problem, die für diejenigen ArbeitnehmerInnen entstehen, die zwischen den zwei Arbeitswelten, der häulischen und der beruflichen, pendeln (müssen). Für Berufstätige mit Kindern teilt sich das Leben in zwei Hälften, in zwei Sphären, die nach total unterschiedlichen Logiken und Rythmen funktionieren. Eigentlich ist es spannend und bereichernd zwischen beiden zu pendeln. Leider wird es oft zum Problem, zum Spagat, weil die eine Hälfte, die Sphäre des Berufs und des öffentlichen Lebens sich absolut setzt und die andere total ausblendet, so tut als gäbe es sie nicht.
Wie so oft sind Besserverdienende in der Lage ihre Probleme bei der Vereinbarung von Beruf und Kindern mittels Geld zu lösen, indem sie eine Kinderfrau einstellen oder ihr Kind in einer teuren privaten Tagesstätte unterbringen. Das ist völlig legitim,
aber es darf nicht den Blick verstellen auf diejenigen, die nicht die Mittel für eine solche Problemlösung haben.
Eine logische Forderung ist die nach mehr Tagestätten. Sie ist auch angesichts des eklantanten Defizits hierzulande berechtigt. Andererseits setzt sie als isolierte Forderung beim schwächsten Glied, den Kindern, an. Auch wenn eine hochwertige Fremdbetreuung für Kleinkinder eher positiv als negativ zu bewerten ist, so gibt es doch ein Zeitlimit. Vier bis fünf Stunden am Tag scheinen mir angebracht, acht bis zehn Stunden sind entschieden zuviel. Kinder haben ein Recht auf ihre Eltern.
Nur neue Betreuungseinrichtungen einzuklagen greift zu kurz, es geht auf Kosten der Kinder, von denen erwartet wird, daß sie sich an die Arbeitswelt anpassen statt umgekehrt, es zementiert die falsche Rangordnung zwischen Berufs- und Privatleben, das halbierte Leben wird als einzig denkbare Lebensform festgeschrieben. So wie die Kinder ein Recht auf
Das ist mein Tagesbruder.
Eltern haben, haben die Eltern ein Recht auf ihre Kinder. Es ist an den Eltern ihre Kinder zu erziehen, sagt die Politikerin Anne Brasseur im Interview in dieser Nummer ganz richtig. Dann muß man aber auch den Eltern die Gelegenheit dazu geben. Eine Grundvoraussetzung dazu sind einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt.
Heute wird oft das sogenannte drei-Phasen-Modell propagiert: nach einer Phase der Berufsarbeit kommt eine Phase der Kindererziehung und dann die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt. Dieses Modell ist nur scheinbar geschlechtsneutral, denn in der Praxis, aufgrund der Einkommensstruktur der meisten Haushalte (die Frau verdient in der Regel weniger als der Mann) ist es in den meisten Fällen die Frau, die die zweite Phase übernimmt. Aus- und Einstieg in den
Sie ist nämlich Nachtschwester.
Beruf, das sagt sich so leicht daher, aber nach einer Berufspause von 10 bis 15 Jahren riskiert die Qualifikation an Wert verloren zu haben. Während dieser Zeit basteln die anderen an ihrer Karriere und, wenn die dritte Phase anfängt, sind für die Wiedereinsteigerin alle Posten besetzt, sie steht in Konkurrenz mit den Berufsanfängern. Das drei-Phasenmodell ist höchstens in wenig qualifizierten Berufen anwendbar.
Da für dieses Modell de facto nur die Frauen in Frage kommen, zementiert es die Benachteiligung der Frauen. Vielleicht wird es auch deshalb von konservativen Familienexperten wie Max Wingen favorisiert.
Für ein diskussionswürdiges Konzept halte ich das eines Lebens-Freizeit-Kredits für jedermann, das Frau Peemans-Poullet in dieser Nummer vorstellt. Man muß nicht auf Anhieb mit sämtlichen Einzelheiten dieses Modells übereinstimmen, aber es scheint mir ein richtiger Ansatz für eine breite Diskussion, weil Nutznießer alle Arbeitnehmer sind, Männer und Frauen, Singles und Erwachsene-mit-Kindern.
Sich in Sonntagsreden über Gleichberechtigung und Kinderfreundlichkeit auszulassen, beherrschen unsere PolitikerInnen glänzend. Konkrete, umsetzbare Konzepte, die allein ihrer Rede Glaubwürdigkeit verleihen würden, fehlen. Zudem ist es erschreckend, feststellen zu müssen, daß, wenn man Gelegenheit hat, genauer in ihre Köpfe zu schauen, da ganz andere Ansichten rumspuken. Frau Brasseur beispielsweise meint im vorstehenden Interview, an der traditionellen Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft ließe sich nichts ändern. In ihrem Fall ist das vielleicht Resignation, bei anderen ist es mangelnder Wille. Vielleicht ist es ja auch manchmal nur Mangel an Phantasie … der läßt sich allerdings auf die Sprünge helfen. ds
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